Am Ufer vermessen die „Plastic Pirates“ den Müll, den sie am Fluss gefunden haben.
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Am Ufer vermessen die „Plastic Pirates“ den Müll, den sie am Fluss gefunden haben.

Bürgerwissenschaft

Dem Plastik auf der Spur

  • Franziska Schubert
    VonFranziska Schubert
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Beim Citizen-Science-Projekt „Plastic Pirates“ untersuchen Jugendliche mit wissenschaftlicher Hilfe, woher der Müll in Europas Flüssen kommt

Idyllische blaue Donau? Von wegen: Müll am Ufer, Mikroplastik im Wasser, aber auch im Sediment des Flussbettes - Europas zweitlängster Strom ist Spitzenreiter, was die Verschmutzung angeht. Bis zu 1500 Tonnen Plastik spült die mehr als 2800 Kilometer lange Donau Schätzungen zufolge Jahr für Jahr ins Schwarze Meer. Doch woher stammt dieser Müllberg? Was sind die Quellen? Gibt es Hotspots, die besonders stark zur Vermüllung beitragen?

Bei dem Citizen-Science-Forschungsprojekt „Plastic Pirates – Go Europe!“ werden Daten von Schülergruppen gesammelt und danach wissenschaftlich ausgewertet, um herauszufinden, wie stark Fließgewässer mit Müll belastet sind. „Viele Studien gibt es bereits zu der Vermüllung der Ozeane. Daten hingegen, die Auskunft geben über den Zustand von Flüssen und Bächen, gibt es in der Wissenschaft noch nicht viele“, sagt Sinja Dittmann von der Kieler Forschungswerkstatt, ein Jugendlabor der Uni Kiel und des dortigen Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik.

Die Umweltgeografin Dittmann wertet Daten, die Schulgruppen an deutschen Flussläufen gesammelt haben, wissenschaftlich aus, nachdem sie diese verifiziert hat. „Da wir die Daten zudem in internationalen Fachzeitschriften veröffentlichen, sind wir bei der Überprüfung streng und stehen in enger Rücksprache mit den Freiwilligen, die die Proben entnehmen“, sagt Dittmann. Die Schulgruppen können bis zu fünf verschiedene Beprobungen durchführen. Dazu gibt es Materialien für Lehrkräfte, ein Anleitungsheft und ein Netz zur ein Probennahme. Die teilnehmenden Zehn- bis 16-Jährigen sind enorm motiviert, weil sie mit der Aktion aktiv zur Wissenschaft beitragen. Das bestätigen Forschende der Ruhr-Universität Bochum. Der Lehrstuhl für Lehr-Lernforschung untersucht begleitend, wie die Aktion wirkt.

Mitmachen

Jugendliche (zehn bis 16 Jahre) sind bis zum 30. Juni aufgerufen bei der Aktion mitzumachen. Kostenfreie Materialien bestellbar: www.plastic-pirates.eu

Die Freiwilligen können direkt am Wohnort loslegen: Nach Müll abgesucht werden etwa Ufer – auch die kleinerer Flüsse – und dann dokumentiert man die Funde entsprechend. Auch von einer Brücke kann eine Probe genommen und auf Mikroplastik untersucht werden, das größer als ein Millimeter und deshalb mit den Augen noch zu erkennen ist. Die Rohdaten zeigen, dass an allen untersuchten Flüssen zwischen 2016 und 2020 rund 15 000 Müllteile auf einer Fläche von 32 000 Quadratmetern gefunden wurden. Schmutziger Spitzenreiter ist der Rhein.

„Tier und Mensch nehmen Mikroplastik mit der Nahrung auf, es kann sich im Gewebe anreichern und den Hormonhaushalt beeinflussen“, erklärt Dittmann die Gefährlichkeit dieser Verschmutzungsart. Auch Keime können sich darauf ansiedeln oder es kann invasiven Arten als Transportmittel dienen.

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Um gegen die Vermüllung anzugehen, ist es wichtig, die Quellen zu kennen: „An gut erschlossenen Park- und Rastplätzen in Ufernähe wurden oft Plastiktüten und Grillzubehör gefunden“, so Dittmann. Auch illegale Müllentsorgung sei eine Ursache, und die Industrie könnte mitverantwortlich sein. „Von diesen Faktoren hängt ab, ob man etwa stärker Aufklärung betreibt oder die Infrastruktur verbessert, indem beispielsweise mehr oder größere Mülleimer aufgestellt werden.“

Geplant ist, dass Freiwillige in der ganzen EU der Verschmutzung auf den Grund gehen. Aktuell wird die internationale „Citizen-Science-Aktion“ von den Bildungs- und Wissenschaftsministerien Deutschlands, Portugals und Sloweniens organisiert. Wegen der Lockdowns treffen allerdings Daten aus dem Ausland nun erst nach und nach ein.