Vom Feind zum Freund der Insekten: Hans-Dietrich Reckhaus.
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Hans-Dietrich Reckhaus.

Speakers Corner

Ich habe Milliarden Insekten auf dem Gewissen – jetzt denke ich um

Der Kampf gegen Insekten war sein Job. Dann wurde Hans-Dietrich Reckhaus zum Insektenretter. Ein Plädoyer für ein neues Denken über die kleinen Riesen.

Von Hans-Dietrich Reckhaus

Der Tod war mein Beruf: Sechsbeiner schnell und effektiv killen – dafür war ich Experte. Dass Insekten für uns Menschen wichtig sein könnten, kam mir als Insektenbekämpfungsmittelhersteller jahrzehntelang überhaupt nicht in den Sinn. Damit war ich bestimmt nicht allein: Für das „Viehzeug“ hat sich kaum einer interessiert.

Außer für Forscher und Naturschützer waren Insekten für die meisten Leute einfach lästige oder schädliche Winzlinge. Auch für mich und meine Eltern, die unser Familienunternehmen in den 1950ern gegründet haben. Die Erkenntnis, dass Insekten in Wahrheit kleine Riesen sind, dämmerte mir als promoviertem BWLer erst durch ein Gespräch mit der Kunst. Es sollte mein Leben, mein Unternehmen und den ganzen Markt verändern.

Reckhaus produziert Pestizide seit 60 Jahren

Unser Familienunternehmen Reckhaus produziert seit 60 Jahren Biozide, also Insektenbekämpfungsprodukte für den Innenraum, wie man sie aus dem Drogeriemarkt kennt: Insektensprays, Mottenpapier oder Fliegenfänger. Das machen wir mit Erfolg, doch 2011 kam alles anders, als gedacht. Ich wollte eine neue insektizidfreie Fliegenfalle auf den Markt bringen. „Flippi“ sollte sie heißen und ich war echt begeistert – aber als Mittelständler hatte ich kein großes Werbebudget, um sie bekanntzumachen. Was tun?

Weil ich mich für Kunst interessiere, traf ich die beiden Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin. Sie betreiben in St. Gallen das Atelier für Sonderaufgaben. Die Vermarktung meiner neuartigen Fliegenfalle erschien mir klar als eine solche! Also fragte ich die Zwillinge, ob ihnen nicht eine aufsehenerregende Kunstaktion für das Produkt einfiele. Doch sie lehnten ab: „Hans, das Produkt ist schlecht, es tötet Insekten!“, sagten sie. „Hast Du schon einmal über den Wert einer Fliege nachgedacht?“ Ihre Bedingung für eine Zusammenarbeit: Ich sollte einmal in meinem Leben Insekten retten, statt sie zu töten.

Ein Insektenvernichter, der Insekten schützen will

Retten statt töten? Die Idee erschien mir verrückt: Ein Insektenvernichter, der Insekten schützen sollte! Doch sie ließ mich nicht los. „Ich habe so viele Insekten auf dem Gewissen, da kann ich doch auch einmal retten!“, dachte ich – und sagte zu.

2012 folgte also die gemeinsame Kunstaktion „Fliegen retten in Deppendorf“: Ein Tag, ein ganzes Dorf, das 902 Fliegen rettete, ein Gewinner-Ehepaar, das mit einer Gewinner-Fliege in den Wellness-Urlaub flog, mit Hubschrauber und per Lufthansa mit dem ersten Flugticket der Welt für ein Insekt. Die Fliege Erika und ihre menschlichen Retter residierten nicht in irgendeinem Luxus-Hotel, sondern auf Schloss Elmau in den bayrischen Alpen.

Es war diese radikale Hinterfragung des zwiespältigen Verhältnisses zwischen Mensch und Insekt, die einen großen Stein ins Rollen brachte. Der Nutzen der Insekten für uns Menschen ist vielseitig und unschätzbar groß. Damit habe ich mich inzwischen intensiv beschäftigt.

Insekten sind die artenreichste Tierklasse

Als artenreichste Tierklasse tragen Insekten maßgeblich zur Biodiversität auf unserem Planeten bei. Weil sie den Kreislauf von Ernährung, Verdauung und Verwesung sicherstellen. Weil sie Substanzen abbauen und damit Boden für neues Leben schaffen. Und weil sie bestäuben: Nicht nur die fleißigen Bienen, auch Mücken, Fliegen und viele weitere Insekten tragen durch Bestäubung oder Samentransport zur Vermehrung der Flora bei. Bis zu 75 Prozent unserer Kulturpflanzen und bis zu 90 Prozent aller Wildpflanzen sind auf Insekten angewiesen. Experten schätzen den wirtschaftlichen Nutzen der Bestäubung auf 265 Milliarden Euro pro Jahr.

Viele Vögel, Süßwasserfische, Reptilien und Amphibien sowie diverse Säugetiere (zum Beispiel Igel) fressen Insekten. Nackt dastehen würden wir ohne die Sechsbeiner auch. Denn Rohstoffe wie Baumwolle und Seide, aber auch Wolle und Leder brauchen ihre Mitwirkung. Vom Wert der kleinen Riesen für Chemie, Industrie, Medizin, Kriminologie und Forschung könnte ich ewig erzählen.

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All diese kostenlosen Dienstleistungen stehen aber auf dem Spiel. Denn durchschnittlich 40 Prozent der Insektenarten in Deutschland gelten als ausgestorben, in ihrem Bestand gefährdet oder sind extrem selten.

Aktiv werden

ZUR PERSON: Hans-Dietrich Reckhaus ist Chef der Reckhaus GmbH & Co. KG in Bielefeld. Mit dem 2012 lancierten Gütezeichen „Insect Respect“ strebt er eine nachhaltige Transformation seiner Branche an. Dafür erhielt er unter anderem 2014 den deutschen Vordenker-Preis und 2015 den Schweizer Ethikpreis. 2020 ist seine Firma nominiert für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis.

WAS TUN: Balkon, Garten oder Firmengelände können Lebensräume für Insekten sein. Tipps dazu gibt es unter anderem auf insect-respect.org.

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Durch die Künstler wurde mir klar: Ich kann so nicht weitermachen. Zusammen mit Wissenschaftlern entwickelte ich ein Modell, um die ökologischen Schäden meiner Produkte zu berechnen, also die Insektenverluste zu beziffern, und um dafür einen Ausgleich zu schaffen.

Neuer Umgang mit Insekten

Wir bauten dafür die erste Insekten-Kompensationsfläche der Welt auf unserem Firmendach in Bielefeld. Stein- und Totholzhaufen sowie Futterpflanzen bieten dort nun einen Lebensraum für Insekten. Ich lancierte Insect Respect als Gütezeichen für einen neuen Umgang mit Insekten. Ohne einen einzigen Kunden für solch innovative Gedanken tauchte ich immer tiefer in die Welt der Arthropoden ein. Insekten haben keine Lobby, stellte ich fest. Aber konnte ich als Biozidhersteller diese Lücke füllen?

Manche Kunden, Wettbewerber und Journalisten verstehen bis heute nicht, wie ich mein Verhalten so ändern konnte. Auf meinen Biozid-Produkten fordere ich: Bekämpfungsprodukte reduzieren, ökologisieren, kompensieren. Auf den Verpackungen leuchtet der von uns freiwillig aufgedruckte Warnhinweis „Produkt tötet wertvolle Insekten“ ganz im Stile von Zigarettenpackungen. Um den Kunden damit nicht allein zu lassen, bekommt er Tipps zur Prävention, wie man sich vor Insekten schützen kann. Für jedes Produkt mit Insect Respect Gütesiegel gibt es einen Ausgleich in Form eines insektenfreundlichen Lebensraums.

Retter von Fruchtfliegen

Fünf Jahre hat es gedauert, bis Hersteller und Handel bereit waren, das neue Gedankengut anzunehmen: Insekten sind nicht nur Schädlinge, sondern auch Nützlinge. Jetzt, 2020, schließt sich der Kreis. Im Sommer haben wir unseren Fruchtfliegen-Retter eingeführt. Das Produkt lockt Fruchtfliegen an und hält sie fest, bis man sie in die Freiheit entlässt. Die Tötungsprodukte der Marke Dr. Reckhaus stampfe ich ein. Schluss. Aus.

„Warum verkaufst Du Deine Firma nicht und gründest mit dem Geld eine Insektenstiftung?“, werde ich immer wieder gefragt. Aber daran glaube ich nicht. Als etabliertes Unternehmen kann ich am besten den Markt transformieren, wenn ich in der Branche bleibe. Sonst werde ich nur ein neuer Konkurrent für Umwelt-NGOs. Und die anderen im Biozid-Markt machen weiter wie bisher. Nein, meine Herausforderung ist es, den nachhaltigen Weg mit neuen Geschäftsmodellen zu gehen. Zum Beispiel beraten wir nun Firmen, wie sie ihr Gelände artenreich begrünen können.

Die Kunst hat mich auf eine persönliche Wahrheitssuche geschickt – und auf ein wirtschaftliches Abenteuer, für das es einen langen Atem braucht. Um wirklich einen Bewusstseinswandel zu schaffen, müssen wir weiterhin viel investieren. Als Firma drehen wir unser Geschäftsmodell: vom Chemieproduzenten hin zum Anbieter ökologischer Dienstleistungen.