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Phyllobates terribilis, der giftigste Frosch de Welt. Aber deshalb muss man ihn ja nicht gleich aussterben lassen.

Citizen Conservation

Frösche auf Vorrat - Wie Björn Encke das Artensterben aufhalten will

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Björn Encke wuchs im Zoo auf. Weil inzwischen Tiere aussterben, als gäbe es kein morgen, hat er Citizen Conservation ins Leben gerufen. Der Plan ist, dass die Menschen so vielen Tierarten wie möglich Schutz bieten – auch bei sich zu Hause.

Das verflixte 2020, für Björn Encke fing es schon vor Corona schlimm an. „Der Gorillamann Massa und ich waren ein Jahrgang“, sagt er. „Wir kannten uns, seit wir beide vier Jahre alt waren – seit 1975.“ Massa starb, wie mehr als 50 weitere Tiere, Silvester beim Brand des Affenhauses im Krefelder Zoo. Auslöser war ein Feuerwerkskörper.

„Ich ging durch den Wald und hatte regelrecht Atemnot vor Trauer. Ich kannte die ja alle gut.“ Björn Enckes Vater Walter hat das Affenhaus gebaut, er war der Zoodirektor, und seine Kinder wuchsen im Zoo auf. Unnötig zu fragen also, woher das enge Verhältnis zur Tierwelt kommt. Und warum Björn Encke möglichst alle vorm Aussterben retten will.

Mit Lemur-Laubfrosch und Querzahnmolch ging es los

Mit sechs Tierarten hat er schon mal angefangen. Lemur-Laubfrosch, Knochenkopfkröte, Tafelberg-Baumsteiger, Pátzcuaro-Querzahnmolch, Almanzor-Feuersalamander, Vietnamesischer Krokodilmolch: Sie alle haben Leute, die sich um sie kümmern, denn Encke ist nicht allein. Seine 2018 gegründete Initiative Citizen Conservation (CC) wird getragen von einer Basis aus Unterstützern, Zoos und privaten Tierhaltern. Der Gedanke: Wenn wir die Lebensräume draußen zerstören, müssen wir wenigstens dafür sorgen, dass die Arten überleben – durch Nachzucht in menschlicher Obhut.

„Der Mensch bringt den Planeten an den Rand des Zusammenbruchs“, sagt er. Täglich sterben etwa 150 Tier- und Pflanzenarten aus. „Die Fragen, die man uns einst stellen wird, dürften aus einem anderen Zusammenhang bekannt sein“, sagt Encke, „aber sie lauten auch beim Artensterben erstens: Was habt ihr gewusst? Und zweitens: Was habt ihr dagegen gemacht?“

Enckes Vater war Zoodirektor - und brachte Tiere nach Hause

In Björn Enckes Elternhaus geht es in den 60er Jahren turbulent zu. Der Vater betreut die Tiere nicht nur auf dem Zoogelände, er nimmt eine ganze Rasselbande auch mit nach Hause und erforscht etwa, wie man kleine Tamanduas ernährt, eine Ameisenbärenart. „Man wusste nichts über die, gar nichts.“ Eine Traumkindheit habe er gehabt, sagt Encke, eine, die ihn aber auch „ein bisschen versaut“ habe: „Das kommt dann oft wie ein Bumerang zurück.“

Anders als sein Bruder Dag, der damals gleich im Metier bleibt und heute Zoodirektor in Nürnberg ist, zieht es Björn zunächst weg. Er studiert Volkswirtschaft, zweigt bald ab in die Kulturökonomik – und schreibt über Subventionen für Tierparks. „Zoos dienen der Arterhaltung“, sagt er. „Zoos sind Experten für Tierhaltung. Andere Naturschutzorganisationen kämpfen um Lebensraum, Zoos um die Haltung. Das ist wichtig, aber schlecht kommuniziert.“

AKTIV WERDEN

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkane und Fortschrittmachern eine Stimme – mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können ab sofort vorgestellt werden unter www.fr.de/meine-zukunft.

WAS TUN: Bedrohten Tierarten ein Zuhause geben – auch in den eigenen vier Wänden. Und Wissen weiterreichen. Die Bundesbürgerinnen und -bürger sind Experten für Kleintierhaltung.

WEITERLESEN: https://citizen-conservation.org

Später arbeitet Encke beim Fernsehen, produziert „Björns Tierleben“ und eine Doku-Reihe über Zoos. Mit 38 holt ihn der Bumerang schließlich ein, er wird Marketingleiter des Zoos in Magdeburg. Und hat Ideen.

Warum eine Organisation, die bedrohte Tierarten züchtet? Es gibt dafür ein Netzwerk, die Europäischen Erhaltungszuchtprogramme, kurz EEP. „Kein Mensch weiß etwas von EEP“, sagt Encke. „Ich habe Führungen im Zoo gemacht und die Leute gefragt: Wem gehört der Tiger?“ – „Ja, uns?“ – „Nee!“ Die Tiere gehören nicht den Zoos, sie werden von Zuchtbuchführern gezielt an die Tiergärten verteilt, in denen sie ihre Gene am besten weitergeben können.

Dennoch: Wozu eine weitere Initiative zur Nachzucht? „Wenn wir uns angucken, wie die Aussterbewelle auf uns zurollt, kommen wir mit 400 EEP nicht weiter“, sagt Encke. Für Amphibien gebe es gerade einmal vier EEP – bei mehr als 2000 bedrohten Amphibienarten.

Björn Encke.

Darum hat Citizen Conservation mit Amphibien angefangen. „Und weil man keinen Löffelhund und keinen Tiger in einer Studentenbude halten kann“, sagt Encke. Die sollten weiterhin in Zoos leben, deren Dachverband ebenso in CC organisiert ist wie die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde – und der Verein Frogs and Friends, Enckes vorangegangene Gründung.

Frösche und ihre Freunde. „Die größte Gefahr des Aussterbens liegt derzeit bei den Amphibien.“ Lurche seien aber keine Zoostars. „Amphibien machen 364 Tage im Jahr nichts und am 365. Tag etwas total Irrsinniges.“ Es gehe darum, Erfahrungen zu sammeln, die sich anschließend auf andere Tierarten anwenden lassen. Eine Million Terrarien gebe es in Deutschland, zwei Millionen Aquarien und – Encke staunte selbst – fünf Millionen Vogelhalter. „Das sind unglaublich viele Leute, die das passioniert machen und ein riesiges Wissen haben.“ Diese Expertise gelte es zu bewahren, am besten aufzuzeichnen. Nicht nur Tierarten sterben aus, auch die Menschen, die über sie Bescheid wissen. „Wir erleben eine gefährliche Entfremdung von der Natur“, sagt Encke.

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Viele Menschen sind dagegen, Tiere einzusperren. Wie geht CC damit um? „Tiere hinter Gittern sind scheiße“, sagt Encke drastisch. „Die Scheiße ist aber leider notwendig.“ Nicht primär, um Tiere später auszuwildern. „Es geht zuerst darum, dass die Arten auch draußen überleben. Wir sind in einer Phase, in der wir uns daran gewöhnen müssen, alles gleichzeitig zu tun.“ Auch das: „Wir produzieren Tiere als Backup.“ Sie könnten helfen, das Verhalten der Artgenossen besser zu verstehen, wie damals bei den Tamanduas im Elternhaus. Und sie wecken, siehe Vögelfüttern, Emotionen für die Natur – den Wunsch, alles für ihr Überleben zu tun. Notfalls im eigenen Wohnzimmer.

„Es gibt Fröschchen, die sitzen im Regenwald und können auf den Tag genau ausrechnen, wie lange es regnet“, schwärmt Encke, „wir wissen bis heute nicht, wie sie das machen.“ Aber, sagt er und lacht, „hätte ich die Wahl, würde ich auch total gern Löffelhunde halten.“