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Tipp Oil

Die Pfand-Lösung: Wie eine deutsche Idee die Welt erobert

  • Sophie Vorgrimler
    vonSophie Vorgrimler
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In vielen Ländern werden Öl-Kanister nicht richtig entsorgt – zum Schaden der Umwelt. Sebastian Maier will das mit Tipp Oil ändern

Pfand, eine urdeutsche Sache, über die international gerne mal geschmunzelt wird: Der Deutsche, der in seiner klischeehaften Ordnungsliebe eine leere Plastikflasche stundenlang durch die Gegend trägt, um sie anschließend für eine winzige Summe in einen Automaten zu geben. Und internationaler Besuch wird aufgeklärt: „Nein, nein, nicht wegwerfen – da ist Pfand drauf!“

Seit 2018 gibt es auch in Burkina Faso ein Pfandsystem. Und in Angola. Und in Togo. Es heißt „Rebottle“. Etabliert hat es die Firma Tipp Oil aus dem nordrhein-westfälischen Bergkamen. Es geht dabei nicht um Getränkeflaschen, sondern um Kanister für Schmieröle und Frostschutzmittel.

Zunächst hatte sich Geschäftsführer Sebastian Maier mit Tipp Oil für die UN-Bildungs-Organisation Icafe engagiert. Dabei entstand die Idee, auch einen Beitrag zum Umweltschutz zu leisten. Man habe ein globales Netzwerk an Vertriebspartnern, erzählt Maier. Diese habe man für das Projekt gewonnen und in Sachen Pfand gecoacht. Für sie habe das über den Umweltaspekt hinaus einen Vorteil: „Das Kreislaufsystem ist die effektivste Form der Kundenbindung“, sagt Maier. Außerdem sei das Recycling der Behälter teurer als diese in einem Kreislaufsystem wiederzuverwenden.

Naturschutzbund unterstützt Pfandsysteme grundsätzlich

Mittlerweile werden laut Tipp Oil Ölbehälter in 40 Ländern in Geschäften, Werkstätten und Tankstellen verkauft – und dort wieder abgegeben. 50 000 Flaschen konnten demnach von Januar bis April dieses Jahres wiederbefüllt werden. Nun soll das System auch nach Deutschland kommen, in die Heimat des Pfands.

Sebastian Maier (rechts), Geschäftsführer von Tipp Oil, hat das System schon in 40 Länder gebracht.

Pfandsysteme seien sehr begrüßenswert, sagt Michael Jedelhauser, Experte für Kreislaufwirtschaft des Naturschutzbunds NABU. „Sowohl international als auch für den deutschen Markt sollte es ökologisch gesehen viel mehr Pfandsysteme geben.“ Bei Pfandsystemen gebe es einen finanziellen Anreiz, Abfälle nicht irgendwie zu entsorgen. Gerade in Ländern mit wenig ausgebauter Infrastruktur, also auch wenig ausgebautem Müllsystem, sei das vorteilhaft.

Die Öle von Tipp Oil, die in Industrie und Alltag für Maschinen und Motoren eingesetzt werden, sind ein Allerweltsprodukt. Abgefüllt werden sie in Mecklenburg-Vorpommern.Von dort werden die Gebinde mit einem Fassungsvermögen von einem bis zu 20 Liter weltweit verschifft. Überall haben die Kanister einen Pfandwert, zu erkennen am „Rebottle“-Logo.

Leere Kanister werden zurück nach Deutschland verschifft

Ab wann sind Innovationen ökologisch sinnvoll? Die Frage stellt sich auch bei Pfandsystemen. Ein wichtiger Faktor seien die Transportwege zur Spülstation, sagt Jedelhauser. „Je näher der Ort der Rückgabe und der Wiederbefüllung beieinander liegen desto besser.“ Um die Ökologie-Frage zu beantworten, müssten alle Faktoren vom CO2-Ausstoß durch den Transport bis zur Verschmutzung vor Ort berechnet werden.

Tipp Oil verschifft leere Kanister zurück nach Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern werden sie gereinigt und wiederbefüllt. In Burkina Faso sei aber eine weitere Reinigungsanlage geplant, sagt Geschäftsführer Maier. Das Abfüllen wolle man der Qualität wegen nicht ins Ausland verlagern.

Kreislaufwirtschaftsexperte Jedelhauser hält „ein Standardgefäß, das ein Pool von Firmen gemeinsam nutzt“ für die beste Lösung. Mit mehreren Reinigungs- und Abfüllstandorten würden auch die Transportwege kürzer. Dafür müsse sich, wie auch beim Getränkepfand, eine Branche zusammentun, um die Umwelt zu schützen.

Mineralölwirtschaft zeigt sich skeptisch

In Deutschland gibt es bereits ein System zur Entsorgung von Ölgebinden: Die Käufer können ihre leeren Gefäße an der Verkaufsstelle zurückgeben, damit diese umweltgerecht behandelt werden. Vorgeschrieben ist, dass 65 Prozent der Kunststoffe wiederverwendet werden müssen. Der Rest kann zum Beispiel verbrannt werden.

Für die Mineralölwirtschaft kümmert sich seit 1995 die Gebinde-Verwertungsgesellschaft GVÖ um leere Dosen oder Kanister. 180 Firmen gehören dem System an. GVÖ-Geschäftsführer Dirk Koppolow ist sich sicher, dass das Recycling-System der GVÖ die beste Lösung sei, finanziell und ökologisch. Einheitliche Kanister für alle hält er für wenig sinnvoll. „Aus der Getränkeindustrie wissen wir, dass das ein großer logistischer Mehraufwand ist, unter dem die Branche leidet.“

Stattdessen werden im aktuellen Recycling-Verfahren die Öl-Kanister zerkleinert, vom Altöl befreit, gemahlen und von der Kunststoffindustrie zu neuen Produkten verarbeitet. Die gängigen Reinigungs-Methoden arbeiten mit Zentrifugalkraft oder indem das Altöl in Grundölen gelöst wird. Weil dabei immer Reste haften bleiben, bezweifelt Koppolow, dass unzerkleinerte Ölflaschen rückstandslos gereinigt werden können und so die Qualität des wiederbefüllten Öls nicht gemindert wird.

Sebastian Maier sieht das nicht so. Er möchte zwar nicht preisgeben wie genau Tipp Oil die Kanister reinigt, sagt aber: „Wir arbeiten mit einer Firma zusammen, die unsere Gebinde ohne den Einsatz von Chemie vom Altöl befreit. Die Kanister sind nach der Reinigung sauber.“ Und er betont, dass die Behältnisse viele Male verwendet werden könnten, was für die Umwelt gut sei. Mit ein bisschen stolz erzählt er, dass der Ölriese Shell in Guinea angefragt habe, ob er das Rebottle-System mitnutzen könne.