Christoph Kunze, Gründer von Worldwatchers
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„Wir sind die Weight Watchers fürs Klima“, sagt Christoph Kunze.

Worldwatchers

CO2-Sparen per App: Die Diät fürs Klima

  • Thomas Stillbauer
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Christoph Kunz hat die Worldwatchers gegründet. Sie helfen uns mit einer cleveren App beim dringend notwendigen CO2-Abspecken.

Die Sache ist ganz einfach. Je weniger CO2 ich verursache, desto besser geht’s dem Klima. Woher weiß ich, wie viel CO2 ich verursache? Entweder ich lese viel darüber, informiere mich, rechne, erstelle Pläne – oder ich habe ein Programm, das genau dies für mich erledigt.

Christoph Kunz hat viel darüber gelesen, sich informiert, gerechnet, Pläne erstellt – und jetzt ist das Programm fertig, das genau dies für uns alle erledigen soll. Besser gesagt: eine App. Sie heißt Klimakompass und gleich lernen wir sie besser kennen.

Zunächst aber lernen wir Christoph Kunz kennen, 54 Jahre alt, aus Heusenstamm, kaufmännische Ausbildung, Triple-Urenkel von Friedrich Stoltze.

Bitte? Von Friedrich Stoltze, dem großen Dichter und Frankfurter Staatsmann, der uns hinterließ, ihm wolle nicht in den Kopf, Pardon, in de Kopp enei, wie ein Mensch nicht aus Frankfurt sein könne? Und sein Urururenkel wohnt in Heusenstamm, Kreis Offenbach? „Wir sind 1969 rausgezogen“, sagt er mit gespielter Verteidigungshaltung und lacht. „Wegen der S-Bahn. Die kam dann knapp 40 Jahre später. Eigentlich ein Skandal.“

Man muss was machen fürs Klima, da war sich Christoph Kunze sicher

Jemand sollte mal ausrechnen, wie viel CO2 eine S-Bahn gespart hätte, die schon 1973 die Zahl der Pendler in Kraftfahrzeugen reduziert hätte. Aber damals machte man sich noch die größten Sorgen darüber, dass das Erdöl irgendwann nicht mehr zum Autofahren reichen könnte. Und da gab es Friedrich Stoltze schon lang nicht mehr. „Er hat nicht nur geredet, sondern auch was getan“, sagt der Nachfahre. „Das ist vielleicht etwas, das uns beide verbindet.“

Man muss was machen – da war sich Christoph Kunz mit seinem Freundeskreis einig, als sich die Schlinge enger ums Weltklima zuzog. Vor gut einem Jahr trommelte er ein fünfköpfiges Gründerteam mit unterschiedlichen Fachgebieten zusammen und stellte die Worldwatchers auf die Beine. Drei Standorte: Frankfurt, Stuttgart, München. Startkapital: 45 000 Euro. „Wo wir jetzt stehen, das ist hauptsächlich innerhalb eines Jahres entstanden“, sagt er. „Mein Einsatz lag bei etwa einem Tag pro Woche, berufsbegleitend. Dafür sind wir doch gut unterwegs.“

Worldwatchers? „Wir sind die Weight Watchers fürs Klima.“ Das US-Unternehmen Weight Watchers, deutsch etwa: Gewichtwächter, hilft Leuten beim Abspecken. „Da hatte jemand die Idee, die ganze Welt der Ernährung in Punkte zu fassen – das brachte Klarheit und Übersichtlichkeit“, sagt Kunz. Die Worldwatchers fassen nun die Welt des Kohlendioxidausstoßes für alle in Tonnen und Klimapunkte: mit der Klimakompass-App.

Aktiv werden

Projekt: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkane und Fortschrittmachern eine Stimme – mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können ab sofort vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft

Was tun: Als Verbraucher: die App „Klimakompass“ nutzen, CO2 sparen. Als Unternehmen: Umwelt-Fußabdruck messen lassen.

Weiterlesen: www.worldwatchers.org

In dem kleinen Programm lassen sich die persönlichen Verhaltensweisen festhalten für die Rubriken Wohnen, Ernährung, Mobilität, Shopping, Freizeit, Urlaub und digitales Leben. Wer etwa angibt, nie kontinentale Flugreisen zu machen, hat schon drei Tonnen CO2 weniger auf dem Konto als jemand, der 20 Stunden pro Jahr in Europa herumfliegt. Wer vegan isst, spart eine weitere Tonne gegenüber dem Vielfleischverzehrer.

"Wir fokussieren rein auf CO2", sagt Kunze

Christoph Kunz nimmt den Keks in die Hand, den es im Straßencafé zum Kaffee gibt – auf dem Friedrich-Stoltze-Platz in Frankfurt natürlich, so viel Lokalkolorit muss für das Treffen schon sein. „Bei den Weight Watchers schaust du dir den Keks an“, sagt er, „und denkst dir: Oh! Das wären schon zehn Prozent meines Kalorienlimits, wenn ich den esse.“ Transparenz ist das Ziel, auch bei den Worldwatchers. Er greift zur Mineralwasserflasche. „Wie viel mehr CO2 verursacht das verglichen mit Kraninger?“ Gemeint ist: Leitungswasser. „Das Sechshundertfache!“ Die Transportwege machen den großen Unterschied. Ähnliche Schockeffekte lassen sich mit dem Vergleich zwischen Butter und Margarine erzielen, hier wegen der unterschiedlichen Herstellungsweise (tierisch/pflanzlich). So etwas berücksichtigt die Klimakompass-App anschaulich.

„Wir fokussieren rein auf CO2“, sagt Kunz, nicht auf andere Aspekte wie etwa Tierschutz oder Arbeitsplätze. „Es hat keinen Sinn, Dinge zu vermischen“, lernte er bei der intensiven Beschäftigung mit dem Thema, „dabei kommt nichts Vernünftiges raus“.

Was ihn umtreibt: „Wir rasen gerade mit Vollgas gegen eine Mauer. Wenn die umfällt, ist es vorbei.“ Die Mauer hat verschiedene Namen, manche nennen sie 1,5- oder 2-Grad-Ziel, andere sprechen von Kipppunkten. Alle meinen dasselbe: Gerät die Klimaerwärmung auf der Erde außer Kontrolle, fällt die Mauer, die alles halbwegs im Lot hält. Permafrost und Gletscher schmelzen, die Erderwärmung potenziert sich, der Meeresspiegel steigt enorm, Menschen flüchten in größerer Zahl als je zuvor. „Dann brauchen wir uns über soziale oder ökonomische Nachhaltigkeitsfaktoren keine Gedanken mehr zu machen.“

„Das sind die Fakten, jeder muss für sich selbst wissen, was er daraus macht“

Worldwatchers erhebt nicht den Zeigefinger. „Unser Angebot ist wertneutral: Das sind die Fakten – jeder muss für sich selbst wissen, was er daraus macht.“ Und wie er seinen durchschnittlichen Fußabdruck kleiner kriegt. Er liegt bei an die zwölf Tonnen CO2 pro Jahr und Nase. Er sollte laut Weltklimarat bis 2030 bei zweieinhalb Tonnen landen, wenn wir das Steuer herumreißen und die Mauer stehen lassen wollen. Eine Menge Holz. Aber wenn man die etwa neun Tonnen Differenz in jährliche Schritte von 900 Kilo unterteile, rechnet Kunz vor, sehe es schon eher machbar aus. Das lässt sich nicht durch den Verzicht aufs Fliegen allein schaffen. Kunz zeigt auf seine Schuhe: „Ich kaufe gebraucht. Die sind doch noch gut!“ Darauf noch einen Kaffee. „Ich bin nur nachhaltig, wenn ich insgesamt, unterm Strich, nachhaltig bin.“

Im Hauptberuf arbeitet Kunz beim Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik in Eschborn. Der Verband, dessen Mitglieder die industriellen Lieferketten orchestrieren, sei der natürliche Ansprechpartner, wenn es um Nachhaltigkeit in den Unternehmen gehe.

Für Trigema hat Worldwatchers den CO2-Fußabdruck eines T-Shirts errechnet

Das Umweltbundesamt bietet einen CO2-Rechner online an, auch der WWF. Es gibt die Klimahelden-App, die ebenfalls Punkte für klimagerechtes Verhalten addiert. Den Worldwatchers gebührt das Verdienst, alles handlich und schlüssig ins Smartphone zu packen – stark vereinfacht, aber plausibel. Auf die Mobilisierung für das Thema Klimaschutz kommt’s an. Übrigens nicht nur für Verbraucher, auch für Unternehmen.

Für den Textilhersteller Trigema haben die Worldwatchers den CO2-Fußabdruck eines T-Shirts errechnet, für die Kaffeefirma Rezemo die Bilanz einer umweltgerecht abbaubaren Kapsel aus Holz und Pflanzenstärke. Dieses Standbein soll noch stabiler werden, bis hin zur Software, die Firmen und Berater gegen Lizenzgebühr nutzen können.

Das Wichtigste: „Wir wollen den Leuten das Gefühl vermitteln, ich mach‘ was und es bringt was.“ Letztlich sei es absurd, dass auf Produkten immer noch nicht per Gesetz ihr CO2-Verbrauch stehen müsse, wenn der Fortbestand der Zivilisation an eben diesen Zahlen hänge. Wenn ich aber meine Klamotten nur noch aus zweiter Hand kaufe – das vernichtet doch Arbeitsplätze. Oder? „Gegenfrage: Sollen wir deshalb das Klima zerstören?“ Die Grenzen des Wachstums seien erreicht, sagt Christoph Kunz. „Langsam müssten wir’s merken.“