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Um die Vögel zu schützen, müssen viele Windparks Auflagen erfüllen. So sollen etwa während der Brutzeit die Rotoren stillstehen.

Windkraft

Achtung, Rotmilan!

  • Friederike Meier
    VonFriederike Meier
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Markus Pubantz will mit Hilfe des Kamerasystems Birdvision Windräder abschalten, wenn sich ein Vogel nähert. So könnten Energiewende und Tierschutz besser miteinander vereinbart werden.

Die Idee für Birdvision entstand aus der Not heraus, erzählt Markus Pubantz. Der 45-Jährige ist Mitgeschäftsführer des Bürgerwindparks Hohenlohe im baden-württembergischen Niedernhall, der 23 Windenergie-Anlagen betreibt. „Wie es so oft passiert, hat eine Bürgerinitiative gegen unseren Windpark geklagt“, erzählt Pubantz. Nach der Klage musste der Windpark mehrere Anlagen über den Winter abschalten und sie an ein neues Vogelschutzpapier anpassen. „Dann konnten wir sie wieder in Betrieb nehmen, haben aber einen großen Geldbetrag verloren“, sagt Pubantz.

Um zu vermeiden, die Windräder über eine längere Zeit pauschal abschalten zu müssen, suchten die Windparkbetreiber nach technischen Lösungen wie Kameras oder Radar, die Vögel früh erkennen und Windräder abschalten könnten. Um Vögel wie den Rotmilan zu schützen, müssen viele Windparks Auflagen erfüllen, zum Beispiel ihre Windräder während der Brutzeit der Vögel komplett abschalten. „Wir haben uns auf dem Markt umgeschaut und gesehen, dass es so etwas nicht gibt. Wir Betreiber brauchen aber so ein System.“

Die Betreiber des Windparks beschlossen deshalb, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Über eine Ausschreibung suchten sie ein Technologie-Unternehmen, das die Umsetzung in übernehmen würde, und entwickelten Birdvision.

Das System besteht aus mehreren Paaren von Weitwinkel-Kameras, die in acht bis zehn Metern Höhe an den Windrädern angebracht werden. Wenn sich nun ein Vogel dem Windrad nähert, sehen ihn die Kameras und eine künstliche Intelligenz entscheidet, ob das wirklich ein Vogel ist oder ein Insekt, ein Ast oder ein Rotorblatt des Windrades.

„Die KI ist in der Lage, Bewegungen die sie kennt, wie Bäume oder Rotorblätter, auszublenden“, erklärt Pubantz. Dafür wurde sie vorher mit zahlreichen Bildern von Rotmilanen, Bussarden und Falken gefüttert, aber auch mit solchen, auf denen keine Vögel zu sehen waren.

Wenn es einmal im Betrieb ist, kann das System nun Windräder abschalten, wenn sich ein Vogel nähert. Das ist besonders interessant für Windparkbetreiber, die ihre Turbinen unter Auflagen betreiben müssen. Zum Beispiel müssen diese häufig abgeschaltet werden, wenn Landwirte in der Umgebung ihre Wiesen mähen, weil dadurch Rotmilane angelockt werden könnten. Mit Birdvision müssten die Windräder nicht pauschal für einige Tage stillstehen, sondern nur, wenn auch wirklich Vögel kommen. „Wenn pauschal abgeschaltet werden muss, hat sich das System in kürzester Zeit amortisiert“, sagt Pubantz.

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Weiterlesen: Mehr zur Funktionsweise von Birdvision gibt es unter birdvision.org Die Studie des Bundeswirtschaftsministeriums ist unter diesem Link zu finden: bioconsult-sh.de/site/assets/files/1561/1561-1.pdf Eine Analyse zur Gefährdung des Rotmilans findet sich hier: www.nabu.de/news/2019/10/27093.html

Das Projekt soll aber nicht nur Windräder wirtschaftlicher machen, Birdvision nutzt die Kameras auch, um Daten zu sammeln. „Wir wollen damit auch die Vogelthematik versachlichen.“ Bisher hat Birdvision das System zwei Jahre lang an acht Standorten getestet – 10 000 Mal haben die Kameras Vögel aufgezeichnet. „Wir haben aber bisher kein einziges Ereignis gesehen, wo ein Vogel in Gefahr war“, sagt Pubantz. „Wir sehen, dass sie außenrum fliegen.“

Er bezweifelt deshalb, dass die Gefahr für die Rotmilane so groß ist wie oft behauptet: „Schlagopfer sind ein extrem seltenes Ereignis.“ Sie würden häufig von Personen vorgeschoben, die aus anderen Gründen gegen die Windkraft sind. „Nur weil viel darüber geschrieben und gesprochen wird, tritt jedoch keine Gefährdung ein, wie die Statistiken zeigen.“

Tatsächlich sind die Auswirkungen von Windrädern auf Vogelbestände laut dem Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende noch nicht umfassend untersucht. Bisherige Methoden, wie die Suche der verunfallten Vögel, seien aufwendig und ungenau. Außerdem kollidierten Vögel auch im Straßenverkehr und an Gebäuden, auch die Land- und Forstwirtschaft wirke sich negativ aus. Eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums aus dem Jahr 2016 kam jedoch zu dem Ergebnis, dass der damalige Stand des Windkraftausbaus wahrscheinlich negative Auswirkungen auf den Mäusebussard habe, für den Rotmilan sei dies bei weiterem Ausbau ebenfalls wahrscheinlich.

Markus Pubantz (45) (Zweiter von links) ist Mit-Geschäftsführer eines Bürgerwindparks in Baden-Württemberg.

Lars Lachmann, Experte für Ornithologie und Vogelschutz beim Nabu, findet Kamerasysteme an Windrädern sinnvoll. „Grundsätzlich versprechen wir uns von diesem Ansatz viel und erwarten für die Zukunft dank solcher technischer Systeme eine deutliche Entspannung des Konflikts zwischen Vogelschutz und Windenergieanlagen“, sagt Lachmann. Da noch keines der in der Entwicklung befindlichen Systeme marktreif sei, könne man sie leider noch nicht bei der Genehmigung neuer Windräder voraussetzen.

Weltweit sind neben Birdvision mehrere andere Systeme in der Entwicklung. Lachmann favorisiert aber nicht Birdvision, sondern „Identiflight“, das in den USA für große Greifvögel entwickelt wurde und das zusätzlich zu sechs Weitwinkelkameras eine schwenkbare Stereokamera hat. „Dadurch kann Identiflight potenziell relevante Vögel bereits ab tausend Metern und nicht erst ab 300 Metern identifizieren“, sagt Lachmann.

In welcher Entfernung der Vogel erkannt werden muss, komme auf die Vogelart an. „In Deutschland geht es meistens um den Rotmilan. Der Vogel muss erkannt und bestimmt werden, bevor das Abschaltsignal an die Anlage gesendet werden kann“, erklärt Lachmann. Wenn der Vogel 300 Meter entfernt ist, müsse die Anlage schon gestoppt werden, daher reiche Birdvision für Rotmilane nicht aus.

Markus Pubantz hingegen hält 300 Meter für Rotmilane vollkommen ausreichend, um die Anlagen abzuschalten. Alle Vögel, die weiter entfernt seien, hätten keinen Bezug mehr zum Windrad. Im Rahmen einer Förderung durch das Bundeswirtschaftsministerium würden auch Systeme mit größerer Reichweite getestet, sagte Pubantz. „Damit lassen sich mehr Daten generieren, welche für ein Monitoring relevant sein können.“

Auch Lars Lachmann ist sicher: „Solche Systeme lösen nicht alle Probleme, aber sehr viele. Wenn ein Rotmilan im Abschaltbereich brütet, geht es nicht“, sagt er. Es gebe aber viele Grenzfälle, an denen durch solche Systeme Windräder entstehen können. „Es ist eine Win-win-Situation, wenn es funktioniert.“