Leif-Nissen Lundbæk. xayn
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Leif-Nissen Lundbæk, Gründer von Xayn.

Xayn

Wie Google, nur ohne Überwachung

  • Paul Siethoff
    vonPaul Siethoff
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Es ist die Quadratur des Kreises: Bei der Suchmaschine Xayn soll privat bleiben, was privat ist. Trotzdem versprechen die Macher individualisierte Ergebnisse. Möglich machen soll es das Tinder-Prinzip.

Liebe Leserinnen und Leser, ein Vorschlag: Googlen sie mal „Zukunft hat eine Stimme“. Die Ergebnisse, die sie jetzt bekommen, werden sich von meinen eigenen unterscheiden. Warum? Weil Google die Suche personalisiert – die Antworten, die der Algorithmus ausspuckt, hängen von vielen Faktoren ab: Beispielsweise dem Ort der Suche, der Suchhistorie und dem Gerät, mit dem gesucht wird. Drastischer deutlich werden diese Unterschiede bei der Werbung, die Google anzeigt. Hier erstellt der Konzern ein ganzes Persönlichkeitsprofil, Eigenschaften und Interessen bestimmen, welche Anzeigen man zu sehen bekommt. Wir geben Google also viel über uns preis, aber andererseits: Die Nutzung der Suchmaschine ist bequem und einfach.

Was bleibt, ist ein Dilemma: Wer präzise Suchergebnisse haben will, muss Kompromisse beim Datenschutz eingehen. Ändern will das Xayn. Die App verspricht hohen Datenschutz und gleichzeitig personalisierte Suchergebnisse. Möglich wird das durch die Mithilfe der Nutzerinnen und Nutzer. Diese sollen durch das sogenannte Tinder-Prinzip beim Suchen via App selbst aktiv werden und die Suchergebnisse bewerten.

Eine Wischgeste nach rechts signalisiert der App, dass ein Suchergebnis als irrelevant eingestuft wird. Mit einem Wisch nach links zeigt man dagegen, dass ein Ergebnis interessant ist. Auf diese Weise trainiert man die Suchmaschine lokal auf seinem eigenen Gerät.

Anders als bei Google fließen bei Xayn die Nuterdaten nicht auf zentrale Server

Warum bei Xayn die Daten bei den Nutzerinnen und Nutzern bleiben, erläutert Gründer Leif-Nissen Lundbæk: Das Berliner Start-up setzt auf föderiertes Lernen. Das bedeutet, dass Informationen, die die App über individuelle Interessen und Vorlieben sammelt, nur verschlüsselt auf dem Gerät gespeichert werden und nicht wie bei Google und Co. auf den Servern der Unternehmen landen. Bei Xayn fließen einzig Informationen aus der lokal trainierten künstlichen Intelligenz (KI) anonym in ein globales KI-Modell.

Lundbæk und seine Mitgründer kommen alle aus dem Kryptographie- und Verschlüsselungsbereich. Der 28-Jährige hat in Heidelberg einen Master in angewandter Mathematik gemacht, zusätzlich einen Informatik-Abschluss in Oxford erworben und sich dann mit einer Promotion am Imperial College in London auf Datensicherheit und Kryptographie spezialisiert. Aus dieser Forschungsarbeit heraus entstand das Start-up Xayn, das er – damals noch unter dem Namen Xain – mit seinem Doktorvater Michael Huth und Felix Hahmann gründete. Anfangs konzentriere sich das Unternehmen vor allem auf Blockchain-Verschlüsselung: Im Rahmen eines Pilot-Projekts entwickelte das Team um Lundbæk 2017 eine Blockchain-basierte App für Porsche, die als digitaler Ersatz für den Autoschlüssel fungiert.

Bei der Blockchain handelt es sich um eine Methode, mit der sich Vorgänge dezentral und fälschungssicher dokumentieren lassen. Die Kryptowährung Bitcoin basiert zum Beispiel darauf.

Xayn will Datenschutz für den „normalen, unerfahrenen Nutzer“ möglich machen

Der Fokus der Gründer änderte sich später. Hinter dem Start-up und der datensensiblen Suchmaschine von Xayn steht auch eine persönliche Motivation Lundbæks: Es gebe viele Produkte, die Datenschutz böten, sagt er. Aber: „Ich sehe es sehr häufig, dass die Produkte nicht nutzbar sind für den normalen, unerfahrenen Nutzer.“ Die Produkte seien schlicht nicht für gewöhnliche Menschen konzeptioniert. Sein Ziel: „Privatsphäre Mainstream machen.“

Bisher ist Xayn kostenlos. Das Start-up plant aber, eine Premium-Version der App zu entwickeln. Denkbar sei, dass die Nutzerinnen und Nutzer hier weitere Quellen zur Suchmaschine hinzufügen könnten und so die individuell trainierte KI auch nutzen könnten, um zum Beispiel in der Cloud gespeicherte Daten zu durchsuchen.

Finanzieren will sich Xayn außerdem durch Dienstleistungen für große Firmen. Auch hier tritt das Start-up als Problemlöser auf. Lundbæk erklärt, warum: „Unternehmen haben ein wahnsinniges Problem. Es gibt Studien dazu, dass ungefähr 20 Prozent der globalen Arbeitszeit dafür draufgehen, Dokumente in Unternehmen zu finden.“ Bei einer deutschen Großstadt, ein Testkunde von Xayn, seien es sogar 37 Prozent der Arbeitszeit. Das Start-up plant, seine KI-basierte Suchsoftware auch für unternehmens- oder behördeninterne Suchen anzubieten.

Lundbæk will mit Xayn nicht DuckDuckGo oder Qwant Konkurrenz machen, sondern Google

Allein auf dem Markt der Suchmaschinen, die die Daten der Menschen schützen wollen, ist Xayn aber nicht. Unternehmen wie DuckDuckGo aus den Vereinigten Staaten oder Qwant aus Frankreich bieten ebenfalls datensensible Suchmaschinen ohne Tracking an. Auch wenn der Grundgedanke derselbe ist, unterscheidet sich Xayn laut Lundbæk in zwei Aspekten von den Konkurrenten. Zum einen bekämen die Menschen mit Xayn personalisierte und damit etwas präzisere Ergebnisse – das sei bei Anbietern wie DuckDuckGo schon technisch nicht möglich. Zum anderen fokussiere sich Xayn aber auch stärker als die Konkurrenz auf die Anwenderfreundlichkeit der Suchmaschine. Grundsätzlich sieht Lundbæk aber weniger die Privacy-Anbieter als eher die großen Tech-Konzerne als Konkurrenz. „Wir wollen eher Google-Nutzer abwerben als DuckDuckGo-Nutzer“, sagt er.

Was die Zukunft angeht, will Xayn einen eigenen Browser auf den Markt bringen und sich stärker in die Richtung „Zero-Click-Search“ entwickeln. Also auf Suchergebnisse konzentrieren, die – wie teilweise heute schon bei Google – aus den entsprechenden Seiten extrahiert werden und den Nutzerinnen und Nutzern damit den Klick auf die Seite ersparen. Das Ziel ist, den Menschen die relevanteste und personalisierte Antwort auf ihre Suche zu geben, sagt Lundbæk. Mit Blick auf die kommenden Jahre hat der Gründer einen klaren Wunsch: „In Europa zu den größten Suchmaschinen gehören.“