Daten vom Handy in die Wolke. imago images
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Daten vom Handy in die Wolke. imago images

Datenmanagement

Adapter für die Cloud

  • Alicia Lindhoff
    vonAlicia Lindhoff
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Ob Software-Firmen oder Industrie-Konzerne – sie alle bauen auf die Cloud, riesige Rechenzentren, in denen sie ihre Daten ablegen. Meistens sogar auf mehrere Clouds gleichzeitig. Das Problem mangelnder Kompatibilität zwischen den Clouds hat ein Start-up aus Frankfurt gelöst.

Als Christina Kraus, Jörg Gottschlich und Johannes Rudolph 2016 beschlossen, ihr eigenes Unternehmen zu gründen, hatten sie Großes vor. Eine europäische Cloud-Alternative zu den Technologien der marktdominierenden US-Dienstleister wollten sie entwickeln – auf Basis quelloffener Codes und europäischer Rechenzentren. Kennengelernt hatten sich die drei bei Studium und Promotion an der Technischen Universität Darmstadt, wo sie zur Bedeutung von Cloud-Umgebungen für Unternehmen und digitale Innovationen forschten.

Und die ist enorm: Egal ob Software-Firma oder Industrie-Konzern – sie alle operieren heute mit riesigen Datenmengen, die jeden lokalen Speicher sprengen würden. Sie entwickeln eigene digitale Anwendungen und brauchen eine IT-Infrastruktur, auf die viele verschiedene Mitarbeiter von überall aus zugreifen können. Doch so viele Chancen das Auslagern großer Geschäftsbereiche in die Rechnerwolke für Unternehmen auch bietet, stellt es sie auch vor neue logistische Herausforderungen.

Gefangen! Cloud-Anbieter wie Microsoft oder Amazon haben ihre Tücken

Eine Studie des IT-Konzerns Fujitsu hat ergeben, dass Unternehmen im Schnitt mit neun verschiedenen Cloud-Anbietern zusammenarbeiten, die wiederum auf unterschiedlicher Technologie basieren. Solche sogenannten „Multi-Cloud-Umgebungen“ werfen viele neue Fragen auf: Wer hat Zugang zu welcher Cloud und wie finden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schnell die Daten, die sie gerade brauchen? Können Daten transferiert werden? Wie sicher sind die unterschiedlichen Umgebungen?

Besonders bei den letzten beiden Fragen sahen Kraus, Gottschlich und Rudolph großen Nachholbedarf. Denn die US-Player von Amazon bis Microsoft galten als datenschutztechnisch mangelhaft und anfällig für sogenannte Vendor-Lock-Ins, bei denen Kunden durch die Konstruktion der Cloud abhängig von einem bestimmten Anbieter werden. Die perfekte Marktlücke für ein ambitioniertes deutsches Tech-Startup – dachten sie zumindest.

Die Gründer: Jörg Gottschlich, Christina Kraus und Johannes Rudolph (v.l.). Alexandra Repp

Doch bald zeigte sich, dass die Kunden nicht bereit waren, auf die großen amerikanischen Anbieter zu verzichten. „Stabilität ist für viele das wichtigste Kriterium“, sagt Christina Kraus heute. „Sie wollen ihre Daten lieber auf einem Microsoft-Server lagern, der von 3000 Securities beschützt wird, als bei dem mittelständischen, lokalen Rechnerzentrum um die Ecke.“ Auch der Preis spiele eine Rolle: Zudem hätten die großen Player ihre Produkte verbessert: „Stand heute gilt: Wenn ich mich technologisch von einem Provider unabhängig machen will, ist das möglich.“

Schaltzentrale für alle Clouds

Also umsteuern: Meshcloud verlegte sich darauf, den Firmen eine Art Schaltzentrale zu bauen, über die sie die Zugänge zu all ihren Cloud-Umgebungen organisieren können. „Wir bringen die verschiedenen Clouds zusammen wie ein Adapterstecker“, sagt Christina Kraus. Eine Dienstleistung, die offenbar gefragt ist. Abgesehen von einem Stipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWI) musste das Start-up in der Anfangsphase kein externes Investment in Anspruch nehmen – ungewöhnlich. „Wir haben relativ früh große Kunden gewonnen, und seitdem finanzieren wir uns durch Umsätze“, sagt Kraus. Bislang sind es insbesondere deutsche Großunternehmen aus der Automobilbranche, Banken und Energiekonzerne, mit denen das 19-köpfige Team zusammenarbeitet. Langfristig wollen sie aber auch den Mittelstand und das EU-Ausland in den Blick nehmen.

Helfen könnte dabei eine Förderung über eine halbe Million Euro vom Bundesforschungsministerium. In Berlin tut man derzeit einiges, um ein grundlegendes Dilemma vieler Unternehmen zu adressieren: Sie wollen – und müssen – die Cloud als Innovationstreiber nutzen, wollen aber nicht in die starke Abhängigkeit einzelner Provider geraten und dabei die Kontrolle über die eigene Infrastruktur verlieren.

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Erst Anfang Juni hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in Paris mit seinem französischen Amtskollegen das Projekt „Gaia X“ vorgestellt. 22 deutsche und französische Unternehmen arbeiten darin an einer Idee, die nicht weit von dem weg ist, was auch dem Meshcloud Team anfangs vorschwebte: eine europäische Cloud-Plattform, die den Sicherheits- und Datenschutznormen der EU entspricht. Ziel ist es, hiesige Unternehmen unabhängiger von den Tech-Giganten aus dem Silicon Valley zu machen.

Kraus und ihre Mitgründer verfolgen das „Gaia X“-Projekt gespannt, aber mit einer gewissen Skepsis. Wichtig sei, dass die potenziellen Anwender stark in den Entwicklungsprozess involviert würden. Nur, wenn man auf bestehende Standards aufbaue und einen kooperativen, cloud-nativen Ansatz verfolge, könne Gaia-X halten, was es verspricht. Außerdem mahnt Kraus zur Eile, denn: „Vielen europäischen Unternehmen und Europa rennt im internationalen Vergleich in Sachen Digitalisierung die Zeit davon.“