Johannes Lackmann, Geschäftsführer von Westfalenwind
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Johannes Lackmann auf seinem neuen Experimentierfeld.

Erneuerbare Energien

Saubere Rechnung - Warum Johannes Lackmann Server in Windräder packt

  • Claudia Isabel Rittel
    vonClaudia Isabel Rittel
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Energie-Rebell ist Johannes Lackmann sein halbes Leben. Jetzt arbeitet er am nächsten Coup: Windräder als Standorte für IT-Systeme. So kommt die Elektrizität für den stromintensiven Betrieb direkt von oben

Stehen andernorts mal eine Handvoll Windräder, so sind es im Paderborner Land unzählige Windriesen, die in den Himmel ragen und das Blickfeld einnehmen. Das hat hier Tradition, schon Ende der 1990er Jahre stand in der Gemeinde Lichtenau der damals größte Binnenland-Windpark Europas. Seit zwei Jahren kommt im Landkreis Paderborn mit 112 Prozent mehr Strom aus der Luft, als vor Ort verbraucht wird.

Einer, der das mit zu verantworten hat, ist Johannes Lackmann, graumelierte Igelfrisur, dunkle Jeans, hellblaues Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Den heute 69-Jährigen beschäftigen erneuerbare Energien seit seiner Schulzeit, dem Teenageralter entwachsen demonstrierte er in Brokdorf und Kalkar mit Tausenden anderen gegen Atomkraft. Als wichtigen Antrieb, selbst produktiv zu werden, nennt er die Auseinandersetzung mit den Atomkraft-Befürwortern. „Damals musste man sich verspotten lassen mit dem Spruch ‚Atomkraftgegner überwintern in Dunkelheit mit kalten Hintern‘“, erzählt er. Heute kann er dabei lächeln, fügt aber hinzu: „Der Stachel sitzt tief.“

Angetrieben von diesem Stachel hat Lackmann Innovationen vorangetrieben, sich viele Gedanken über die Struktur der Energieversorgung gemacht, war Anfang der 1980er in „Solarbastelstätten“ aktiv und hat ab Mitte der 1990er den Windpark Lichtenau mitaufgebaut, den Bundesverband Erneuerbare Energien mitbegründet und als dessen Präsident während der Regierung von Rot-Grün um die Jahrtausendwende das Erneuerbare-Energien-Gesetz mitgeschrieben. Inzwischen hat er seinem ehemaligen Verband den Rücken gekehrt, fordert eine Abkehr von der Subventionspolitik. „Die Technologieentwicklung ist abgeschlossen. Wind- und Solarenergie sind absolut marktreif“, sagt Lackmann. Der Politik wirft er vor, zu sehr „in Förderkategorien zu denken“.

Eine „spinnerte Idee“ seien die Rechenzentren im Windrad zunächst gewesen, sagt Lackmann

Seit 2009 treibt er als Geschäftsführer der Firma Westfalenwind den Ausbau von erneuerbaren Energien vor Ort voran. Dazu gehört, Bürger und Bürgerinnen bei der Energiewende mitzunehmen, indem sie davon profitieren, und Stromverbrauch und -erzeugung näher zueinander zu bringen. „Synergiedinge“ nennt er das und „den Versuch, integrativ tätig zu sein“. So hat er mit seiner Firma ein ausrangiertes Windrad auf einem Firmengelände aufgestellt, statt es zu verschrotten, und eine der großen Firmen der Region über ein zehn Kilometer langes Kabel direkt an den Windpark angeschlossen, um grünen Strom zu garantieren.

Eine Innovation, die ein enormes Zukunftspotenzial haben könnte, hat seit 2018 inmitten des Windparks Asseln Gestalt angenommen. Als erste Firma weltweit hat Westfalenwind hier mit dem Projekt Windcores ein Rechenzentrum in einem Windrad realisiert. Zunächst sei das nur eine „spinnerte Idee“ gewesen, erzählt Lackmann. Doch dann erfuhr er, dass Gunnar Schomaker vom Software Innovation Campus der Uni Paderborn sich wissenschaftlich genau mit dieser Frage beschäftigte. Gemeinsam starteten sie 2016 die Umsetzung.

Betritt man jetzt den Innenraum des Turms, der aus Betonringen zusammengesteckt ist, so sieht man als erstes die vier roten Sicherheitsschränke, in denen die Server-Racks stehen. Erst dann fällt der Blick auf die Standardeinrichtung von Windkraftanlagen: einen schlichten Aufzug, der 149 Meter nach oben führt, einen Umrichter, der den Windstrom auf die richtige Spannung fürs öffentliche Netz bringt, die dicken Kabel, die den Strom aus der Gondel nach unten transportieren.

Unausgepackte Kisten mit der Hardware eines neuen Kunden warten darauf, ein weiteres Stück der 120 Quadratmeter des Mühlenerdgeschosses zur Lagerung von Daten einzunehmen. Außerdem gibt es hier eine Kühlinfrastruktur und eine Anlage, die die ununterbrochene Stromversorgung der Server sicherstellt.

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WAS TUN: Streamingdienste wie Netflix, Spotify und Co. verbrauchen jede Menge Strom. Es lohnt sich, über einen bewussten Konsum nachzudenken. FR

Für die Betreiber von Rechenzentren ist ausreichend Strom das Topthema schlechthin. Denn: Erstens funktionieren Streaming-Dienste oder Online-Operationen eben nur, wenn es Strom gibt. Zweitens entsteht durch die ständige Bewegung der Daten auf den Servern Wärme – die Kühlung macht fast die Hälfte des Strombedarfs der großen Rechenzentren aus. Für den Ernstfall haben Datenzentren deshalb eigene Dieselgeneratoren und eine gesicherte Versorgung mit Treibstoff.

Der Strom für die Rechenzentren ist direkt in der Windkraftanlage günstiger

Laut einer Studie des Borderstep-Instituts haben Rechenzentren in Deutschland 2018 doppelt so viel Strom verbraucht wie München. Und der Bedarf wächst. Dabei setzen immer mehr Unternehmen – von ihren Aktionären getrieben – auf mehr Nachhaltigkeit, sagt Staffan Reveman, der Firmen aus energieintensiven Branchen in technologischen und strategischen Fragen berät. In Deutschland aber könne die Versorgung mit grünem Strom vielfach nicht garantiert werden. Zudem sind in keinem anderen EU-Land die Stromkosten so hoch wie hier, schreibt der Branchenverband Bitkom.

„Wir können den Strom in der Windkraftanlage günstiger anbieten“, sagt Lackmann. Alles Notwendige sei zudem schon vorhanden: ein vor Einbrüchen geschützter Ort sowie Anschlüsse an Strom- und Glasfaser-Infrastruktur. Der Standort auf dem Land mache es einfacher, die Komponenten zu kühlen, als in innerstädtischen Rechenzentren. Diese Bedingungen bieten fast alle neueren Windräder.

Die Idee vom Rechenzentrum im Windrad erscheint naheliegend und voller Potenzial. Bringt sie doch mit den Datenzentren und der Windenergie zwei Zukunfts-Akteure zusammen. Reveman nennt sie sogar „hervorragend“. Es brauche viele solcher Initiativen. Denn auch wenn der Ausstieg aus Kohle- und Atomkraft beschlossen sei, so mangele es bislang an Ideen für den vollständigen Umstieg auf erneuerbare Energien, so Reveman.

Der Streaminganbieter Zattoo will die Windräder nutzen

Vorhandener Platz und Infrastruktur sind aber nur eines der Argumente von Lackmann. Hinzu kommt: „Wenn das Stromnetz überlastet ist, geht viel Windenergie verloren“, sagt er. Im Jahr 2019 seien das fast fünf Terawattstunden gewesen. Eine Strommenge, mit der sich laut Lackmann „schon heute ein Drittel aller Data Center in Deutschland ein Jahr lang klimafreundlich betreiben ließen“. Oder alternativ 1,7 Millionen Haushalte.

Dem Stadium des Prototyps ist das Projekt entwachsen, ein Patent ist erfolgreich angemeldet. Nach den ersten kleineren Mietern wird in den nächsten Wochen der Streaming-Anbieter Zattoo seine Hardware dort aufstellen.

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Bislang ist Windcores ein Zuschussgeschäft. Lackmann und sein Team spekulieren darauf, dass neue technologische Entwicklungen wie das geplante 5G-Mobilfunknetz, Industrie 4.0 und autonomes Fahren die Nachfrage nach einer dezentralen Speicherung von Daten, wie sie Windcores ermöglicht, steigern werden.

„Wenn wir eine IT-Welt haben, die sich angebunden fühlt an die Welt der erneuerbaren Energien, dann haben wir sehr viel erreicht“, sagt Lackmann. Zur Ruhe setzen könnte er sich schon jetzt. Aber daran hat er kein Interesse. Einfach zu leben, ohne sich Neues auszudenken – das ginge wahrscheinlich schon, meint er. „Aber es wäre nicht dasselbe.“