Lukas Wiesmeier, Karl Schulz und Bilal Tariq (v.l.).
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Lukas Wiesmeier, Karl Schulz und Bilal Tariq (v.l.) mit ihrem .

Technologie

Der Roboter, der Kippen und Kronkorken frisst

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    VonThomas Magenheim-Hörmann
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Kleiner Müll auf großen Wiesen macht viel Arbeit. Den Dreck können bald Roboter aufsammeln. Trainiert werden ihre Sensoren mit Fotos.

Die Idee ist eigentlich naheliegend, aber vor den drei Studenten aus München hatte sie noch niemand. „Wir schaffen ein Produkt, das es noch nicht gibt“, sagt Lukas Wiesmeier. Der 25-jährige ist Mitgründer des Start-ups Angsa Robotics aus Garching bei München. Das will mit Putzkolonnen aus autonom fahrenden Müllsammelrobotern öffentliche Parks, Liegewiesen und Festivalgelände von kleinteiligem Abfall wie Zigarettenstummeln oder Kronkorken reinigen. Das könnte Zukunft haben. Kleiner Müll ist ein großes Problem. Allein die Entsorgung umweltschädlicher Zigarettenkippen kostet in Deutschland jährlich 225 Millionen Euro, hat der Verband kommunaler Unternehmen in einer Studie ermittelt. Solchen Unrat sammeln Angsa-Roboter zuverlässig ein.

„Er kann alles erkennen, worauf man ihn trainiert“, erklärt Wiesmeier. Momentan sind das neben Zigarettenkippen noch Kornkorken und Plastikschnipsel. Demnächst sollen auch Kanülen gezielt entsorgt werden. Für Kommunen ist das Problemmüll. „Wir stehen mit potenziellen Kunden in engem Kontakt und hören uns an, was sie brauchen“, sagt der Angsa-Gründer.

Trainiert wird der Algorithmus des Roboters durch Fotos. „Hundert bis tausend Bilder reichen, bis er Kanülen erkennt“, erklärt der Ex-Student. Binnen weniger Tage könne man Roboter so auf beliebige Müllsorten programmieren. Für kommunale Parkreiniger sind Kanülen wegen damit verbundener Infektionsgefahr und Zigarettenkippen, weil jede einzelne 40 Liter Grundwasser verunreinigen kann, besonders wichtig. Zudem sterben viele Tiere an Kleinmüll, den sie mit Futter verwechseln.

Viel komplexer als ein Rasenmähroboter

Auf ihre Idee gekommen sind Wiesmeier, Bilal Tariq und Karl Schulz 2019 bei einem Studienprojekt der Technischen Universität München. Aufgabe war, binnen zwei Wochen den Prototypen zur Lösung eines realen Problems zu bauen. Das Resultat: Ein Gefährt mit langem Gelenkarm, das die Studierenden – unter ihnen ein Indonesier – von der Form her an einen Schwan erinnert hatte. Schwan heißt auf Indonesisch Angsa. Das gab den Namen. Heute tüfteln das Erfindertrio und neun Mitarbeiter am vierten Prototypen.

„Unser Ziel ist es, große Rasen- und Kiesflächen mit dem Roboter um etwa 30 Prozent schneller zu säubern, als das herkömmlich mit Handarbeit möglich ist“, sagt Wiesmeier. 300 Quadratmeter pro Stunde soll er schaffen, was vor allem an drei Stellen innovativen Erfindergeist erfordert. „Das sind neben der sicheren Müllerkennung eine spezielle Saugtechnik und das autonome Fahren“, zählt der 25-jährige auf. Optisch ähnelt der Müllsammler, den Angsa in der vierten Protoypengeneration Doris nennt, auf den ersten Blick einem Rasenmähroboter. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied.

Rasenmähroboter kennen ihren Arbeitsbereich nur, wenn eine Drahtschleife im jeweiligen Garten verlegt wird. Diese dient als Grenzmarkierung. „Wir müssen ohne Schleife fahren“, stellt Wiesmeier klar. Doris dürfe schließlich nicht auf Straßen abbiegen oder in Parkteiche steuern. Dafür sorgt Sensortechnik, GPS-Satellitensteuerung und künstliche Intelligenz.

Der Roboter

30 Liter kleinteiligen Müll kann ein Angsa-Roboter aufsaugen, bevor er geleert werden muss. Er wird elektrisch angetrieben und fährt auf drei Rädern. Innovatives Herz ist die Müllerkennung mittels Kamera und Algorithmus, aber auch die Saugtechnik. Die ist so zielgenau, dass selbst auf Kiesflächen einzelne Kronkorken oder Zigarettenstummel, aber kaum Kies aufgesaugt wird. Etwa drei Jahre nach Gründung Mitte 2019 ist für 2022 der Marktstart geplant.

Noch ist Angsa komplett im Besitz seiner drei Gründer. Finanziert wurde die Entwicklung bisher über Förderprogramme und durch das Exist-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsminsteriums. Geplant ist, die Müllsammelroboter in Auftrag fertigen zu lassen. Dazu besteht bereits Kontakt zu einem potenziellen Auftragsfertiger in Deutschland. Das Geschäftsmodell von Angsa beruht auf zwei Säulen, dem Verkauf und dem Vermieten der wetterfesten Müllsammelroboter. tmh

„Angsa testet schon mit Städten, spricht mit Kunden und ist auf einem vielversprechenden Weg“, findet Martin Giese. Er ist Direktor des Inkubators Xpreneurs der TU München, der die Garchinger unterstützt. Wer hierzulande durch vermüllte Parks schlendere, könne sehen, wie nutzbringend die Erfindung sei. „Ich bin zuversichtlich, dass Angsa auf das Interesse von Investoren stoßen wird mit der geplanten Finanzierungsrunde im Herbst“, schätzt der Start-up-Experte.

Das Jungunternehmen schielt auch auf die Festival-Wirtschaft als Kunde, sobald die Pandemie deren Wiederbelebung erlaubt. Festivalveranstalter:innen hätten oft mit immensen Hinterlassenschaften zu kämpfen und der Not, Wiesen schnell zu säubern, wissen die Angsa-Gründer. Dafür sei eine Roboterflotte prädestiniert. Die Müllsammelroboter sind mit Scheinwerfern bestückt und können so auch nachts Kleinmüll erkennen.

Interessant für Kommunen und Festival-Wirtschaft

„Derzeit fokussieren wir uns auf kommunale Kunden in Deutschland und der EU“, sagt Wiesmeier. Theoretisch könne man Städte ab 100 000 Einwohnern weltweit ansprechen. Das Geld der ersten Finanzierungsrunde soll den Bau einer Roboter-Vorserie finanzieren. 2022 werde dann zum Marktstart geblasen.

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Erste Tests vorigen Sommer in deutschen Großstädten haben Mut gemacht. Gesaugt hat die damals noch dritte Prototypen-Generation namens Clive unter anderem im Englischen Garten von München. Die dafür zuständige Bayerische Schlösserverwaltung war angetan. „Ich finde das Projekt hat Zukunft, die Erfinder sind auf einem guten Weg“, attestiert Thomas Köster als Vorstand der Verwaltung des Englischen Gartens. „Das Modell des Müllsammelroboters sehe ich eher für kleinere Gartenanlagen bis zu einer Größe von 5000 Quadratmetern“, schränkt er ein. Für Grünflächen wie den Englischen Garten mit fast vier Quadratkilometern müsste das Gerät ein größeres Volumen haben. Das ist in Arbeit. An mehr Reinigungsleistung tüftelt das Angsa-Team gerade.