Warum nicht mal im Wintergarten in die Tasten hauen?
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Warum nicht mal im Wintergarten in die Tasten hauen?

Speakers Corner

Lasst uns arbeiten, wie und wo wir wollen!

Das Arbeitsleben in Einklang mit dem Privatleben bringen – dafür braucht es mehr als nur ein Homeoffice. Ein Beitrag von Teresa Hertwig.

Noch heute denke ich gerne an die vielen Sommer meiner Kindheit zurück. Nachdem die Hausaufgaben erledigt waren, fuhr die ganze Familie ins Freibad: Meine Schwester, meine Eltern und ich. Für mich war es damals selbstverständlich den Nachmittag mit beiden Eltern gemeinsam zu verbringen – unter der Woche. Erst als junge Erwachsene wurde mir klar, wie privilegiert das war. Den Preis dafür zahlte allerdings mein Vater, eine Führungskraft in einem Chemie-Konzern. Seinen Antrag auf Telearbeit lehnte die Geschäftsführung ab. Also entschied er sich dagegen, die Karriereleiter weiter hinaufzuklettern, und für eine Teilzeitstelle, die es ihm erlaubte, das zu tun, was sein Herz sich wünschte: seine Kinder aufwachsen zu sehen.

Vielleicht war es dieser mutige Schritt meines Vaters, der mich schon so früh zu einer Verfechterin des mobilen Arbeitens gemacht hat. Als Anfang Zwanzigjährige wollte ich unbedingt aus Bayern ins vibrierende Berlin und fand eine tolle Stelle als Key Account Managerin in einer Agentur. Ich durfte aber auch auf keinen Fall verpassen, wie mein Neffe in Niederbayern aufwuchs. Zum Glück hat die Agenturleitung mir auf Nachfrage ein Hybridmodell und das Pendeln zwischen Berlin und meiner Heimat ermöglicht. Das lief sogar so gut, dass ich später die Leitung übernahm und das ganze Team Stück für Stück auf Remote Work umgestellt habe. Heute ist genau das als Unternehmerin mein Job, der vor kurzem noch eine Nische war und seit letztem Jahr ganz viele Menschen und Firmen betrifft.

Mehr als Homeoffice: Teresa Hertwig spricht lieber von Remote Work.

Schon vor Corona hat sich gezeigt, dass besonders meine und auch die Folgegenerationen den drängenden Wunsch nach einer neuen Arbeitswelt verspüren. An den Grenzen, die unsere Eltern noch erleben mussten, wollen wir nicht mehr scheitern. Ich stelle mir eine Welt vor, in der jeder Mensch sein Herzensthema mit seinem Arbeitsleben in Einklang bringen kann. Sei es das Reisen, mehr Zeit für die Familie, ein zeitintensives Hobby, die Pflege eines Angehörigen oder den Partner in einer anderen Stadt.

Leider sind wir davon heute noch weit entfernt. Die technische Infrastruktur war zwar schnell geschaffen, aber in den meisten Unternehmen fehlen Tools, die den sozialen Austausch erhalten und fördern können. Und wir brauchen Vertrauen aus der Chefetage und Zutrauen auf Seiten der Mitarbeiter, auch nach Corona zu arbeiten, wann und wo auch immer sie wollen.

Zur Person

Teresa Hertwig ist Gründerin und Geschäftsführerin von GetRemote. Die Beratungsagentur begleitet Unternehmen vom Start-up bis zum Konzern auf dem Weg von der Präsenz- hin zur Remote-Work-Kultur.

Seit 2013 wechselt Hertwig auch selbst zwischen Bürophasen in Berlin, Homeoffice bei ihrer Familie im Landkreis Passau und mehr-monatigen Auslandsaufenthalten im Winter als reisende Digitale Nomadin. Ihre Vision skizziert Hertwig in ihrem 2021 im Gabal-Verlag erschienenen Buch „30 Minuten 360° Remote Work“.

Informationen über Hertwig und ihre Agentur gibt es auf getremote.de. FR

Wie viel Erleichterung brächte es, wenn es viel mehr mobile Arbeitsplätze gäbe. Die Jobs, in denen das möglich wäre, werden immer mehr, unsere Gesellschaft immer älter. Viele möchten zumindest die Chance haben, sich selbst um ihre Eltern oder Großeltern zu kümmern. Aber auch so scheinbar banale Probleme wie der Wunsch nach bezahlbarem Wohnraum, der in Ballungszentren und Großstädten heute kaum noch zu finden ist, betreffen uns alle – ebenso wie so genannte Zivilisationskrankheiten unserer Leistungsgesellschaft wie Depressionen und Burn-out. Das alles ließe sich eindämmen, wenn wir schlauere und vor allem ergebnisorientierte Arbeitskonzepte entwickeln.

Vor ein paar Jahren habe ich mich zu reinen Recherchezwecken in zahlreichen Firmen beworben und bereits in der Bewerbung angegeben, dass ich einen Teil meiner Arbeitszeit mobil ausüben möchte. Nicht nur einmal wurde ich nach einem „validen Grund“ gefragt. Als kinderlose junge Frau in einer Führungsposition wurde mir das Recht auf mobiles Arbeiten als fast unverschämte Forderung ausgelegt. Ist es nicht viel absurder, dass wir gezwungen werden, täglich in Staus zu stehen oder uns in vollgestopfte öffentliche Verkehrsmittel zu quetschen, um in Büros zu fahren, in denen wir einem extremen Lärmpegel der anderen Kollegen im Großraum ausgesetzt sind, obwohl es in den meisten Berufen faktisch nicht notwendig ist, sie genau an diesem Ort auszuführen?

Homeoffice-Skepsis: Manager haben gelernt, über Kontrolle zu führen

Weil Manager über Jahrzehnte gelernt haben, über Anwesenheit und der Kontrolle von Zeit zu führen, ist es vollkommen klar, dass das Führungspersonal nicht von heute auf morgen genau diese Prinzipien komplett loslassen kann. Dieser Wandel benötigt Zeit und die Befähigung für eine neue Art des Führens und Arbeitens auf der Basis von Vertrauen und Verantwortung in beide Richtungen. Außerdem, es wird uns wenig überraschen, hinken Exekutive und Judikative unserer Arbeitsrealität weit hinterher. Wenn ein Unternehmen flexibles Arbeiten ermöglichen möchte, steht es bereits mit einem Bein in der Illegalität. Ein Beispiel: Das Arbeitszeitgesetz verankert elf Stunden Ruhezeit. Jeder, der Kinder hat, weiß, dass das völlig unrealistisch ist und ganz oft nach einem gemeinsamen Nachmittag mit der Familie die Abendstunden noch für die Arbeit genutzt werden. Außerdem brauchen wir dringend Regelungen, um legal über Landesgrenzen hinweg arbeiten zu können – innerhalb und außerhalb Europas.

Hinzu kommen zahlreiche ethische Grundsätze, die für eine global agierende Wirtschaft viel bedeuten. Ist die Ausübung der Arbeit nicht länger an einen Ort gebunden, könnten sich noch mehr Firmen überlegen, ob sie Aufgaben in Niedriglohnländern erledigen lassen. Dem müssen wir mit einer verantwortlichen Wirtschaftsdenke, Forderungen nach gerechten Löhnen und einer Ökonomie auf Basis ethischer Grundsätze entgegenwirken.

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Corona hat uns gezeigt, was möglich ist. Viele Firmen, die Homeoffice vor dem Lockdown kategorisch abgelehnt haben, sind nun eines Besseren belehrt worden. Aber Vorsicht: Homeoffice unter Pandemiebedingungen ist noch lange nicht Remote Work. Zu einer funktionierenden mobilen Arbeitskultur gehört weit mehr, als den Mitarbeiter mit dem Laptop nach Hause zu schicken und die Gewohnheiten einer Präsenzkultur einfach mit in die häusliche Umgebung zu nehmen. Deshalb hole ich Unternehmen an ihrem aktuellen Status ab und übersetze die agile Startup-Welt in den deutschen Mittelstand. Ich möchte Denkmuster aufbrechen und damit ungeahnte Möglichkeiten aufzeigen. So etablieren wir Schritt für Schritt neue Handlungsmuster für Führungskräfte und Mitarbeiter, sodass es zukünftig heißen kann: Arbeiten Sie doch wann und wo Sie wollen.

In der Rubrik „Speakers Corner“ haben Fortschrittmacherinnen und Neugierige selbst das Wort.