Die Berliner Kryptowährung Iota in einer Visualisierung mit anderen Kryptowährungen
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Digitales Geld visualisiert: Iota ist eine von mehr als tausend Kryptowährungen.

Kryptowährung

Moneten für Maschinen - Warum Dominik Schiener die Kryptowährung Iota entwickelt

  • Peter Riesbeck
    vonPeter Riesbeck
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Wenn Geräte schlauer werden, warum sollen sie nicht auch Geschäfte miteinander machen? Dominik Schiener entwickelt dafür die Kryptowährung Iota. Sie gehört schon jetzt zu den erfolgreichsten der Welt.

Auch Zocken hat seine Vorteile. Dominik Schiener etwa brachte es als Schüler beim Computerspiel „Call of Duty“ bis an die Weltspitze. Auch, weil er damals beim Daddeln gerne mal mit ein paar Tricks ein bisschen nachgeholfen hat.

Daraus entwickelte der smarte Junge aus Südtirol seine erste Geschäftsidee: „Mit 14 habe ich angefangen, Computerspiele zu ‚hacken‘, habe diese Modifications verkauft und für mein Alter und den Aufwand ein recht angemessenes Einkommen erzielt“, gestand Schiener mal. Nur mit dem Überweisen der Tantiemen war das so ein Problem. Schiener war schlicht zu jung für die Welt von Paypal & Co. So begann der Schüler sich für Bitcoin und andere Kryptowährungen im Netz zu interessieren.

Ein knappes Jahrzehnt, eine Handvoll Firmengründungen und ein paar lehrreiche Crashs später schickt Schiener sich zu einem neuen Coup an.

Dominik Schiener, Gründer von Iota, will eine Kryptowährung für das Internet of Things schaffen.

Seine Berliner Gründung, die gemeinnützige Iota-Stiftung, hat vor wenigen Tagen eine neue Version ihrer Kryptowährung angekündigt. Bei Iota 2.0 gehe es um Pollen, Nektar, Honig, teilte die Stiftung mit. Pollen heißt die Testversion, die nun läuft. Bis Jahresende soll dann der erste Nektar abgezapft werden, die Schwarmintelligenz der Nutzer soll auf Schwachstellen im Programmcode hinweisen – gegen Entgelt. Dann schließlich soll Honig fließen, sprich, das Programm an den Start gehen.

„Ich war schon immer von neuen Technologien fasziniert und neugierig, etwas Neues auszuprobieren“, so Schiener. 2015 hat er mit David Sønstebø, Sergey Ivancheglo und Serguei Popov Iota gegründet. Das Neue daran? Schiener und seine Mitstreiter wollen das Feld der Kryptowährungen enthierarchisieren. Mehr als tausend dieser digitalen Währungen sind im Umlauf. Die Bekannteste ist Bitcoin.

„Miner, wie es sie bei Bitcoin gibt, sind ein systemisches Risiko“, sagt Schiener

Bitcoin setzt bei der Blockchain-Technologie auf verkettete Listen von digitalen Datensätzen. Die Information wird dabei in einzelne Blöcke verpackt, die untrennbar miteinander verbunden sind. Iota indes vertraut auf Tangle, einem Wirrwarr an Netzwerken. Flapsig formuliert ähnelt Bitcoin eher einem Baum, an dem man sich auf die Haupttriebe konzentriert, und Iota einem Netz ähnlich der wirren Welt von Flechten. Positiver Nebeneffekt der neuen Lösung: Der Rechenvorgang ist schneller, das spart auch Strom.

Weiterer Vorteil: Anders als bei Bitcoin fallen bei Iota keine Transaktionskosten an. Denn um bei Bitcoin eine einzige Informationseinheit, den sogenannten Block, zu erschaffen, sind komplexe Rechenoperationen nötig. Die übernehmen sogenannte Miner. Auch Schiener war einst als Bitcoin-Miner unterwegs, nun macht sie seine neue Software überflüssig. Und das hat Folgen: Das Netz wird enthierarchisiert. „Miner, wie es sie bei Bitcoin gibt, sind ein systemisches Risiko, denn sie sind Entscheidungsträger. Es handelt sich bei Bitcoin also nicht um ein dezentrales Netzwerk, denn dort dominieren die Miner“, sagte Schiener dem Portal „barfuss“ und fügte hinzu: „Der größte Nachteil von Bitcoin ist, dass es keinen Leader gibt, der die Vision vorgibt. Bei Iota sind wir die Leader. Wir haben die gemeinnützige Iota-Stiftung gegründet, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Technologie so weiterzuentwickeln und zu standardisieren, dass sie wirklich angenommen wird.“

Wenn Autos autonom fahren, können sie mit Iota auch gleich das Parkhaus bezahlen

Und wozu das Ganze? „Wenn man das Potenzial des Internets der Dinge ausschöpfen möchte, muss man ermöglichen, dass sich Maschinen gegenseitig bezahlen“, erläuterte Schiener seine Vision. Von M2M sprechen Experten, also Finanztransaktionen von Maschine zu Maschine.

Ein Beispiel macht das deutlich: Wenn Autos künftig autonom fahren, dann können sie auch gleich im Parkhaus die Gebühr abrechnen und nebenbei an Ladestellen Strom tanken und die fällige Rechnung begleichen. Kurzum: Wenn die Maschine der Zukunft denkt, warum soll sie nicht auch selbst bezahlen?

Bei Iota sind auch Bosch und Volkswagen an Bord

Schiener umschreibt seine Idee so: „Wir wollen nicht nur die Maschine automatisieren, sie also schlauer, sondern sie wirklich unabhängig machen.“ Das macht die Idee von Iota auch für Industriefirmen attraktiv.

Der Autozulieferer Bosch ist schon bei der Berliner Organisation eingestiegen, mit Unternehmen wie Volkswagen oder dem dänischen Konzern Energinet bestehen Kooperationen. Bei Investoren ist die Währung ebenfalls beliebt. Nach Marktkapitalisierung zählt Iota zu den erfolgreichsten der Welt.

Damit die Vernetzung mit den Maschinen gelingt, hat sich Iota entschieden, seinen Programmcode offenzulegen. Das ermöglicht es auch, leichter Fehler zu finden. Denn mitunter klemmt’s auch bei Iota. Nach einem Hack musste die Währung im Frühjahr kurzzeitig vom Netz. Auch deshalb wird nun das Update mit Pollen, Nektar und Honig vorangetrieben.

Kryptowährungen: Politiker warnt vor Verlust des staatlichen Geldmonopols

Auch andere bemühen sich, die Blockchain-Technologie neu zu interpretieren. Die Berliner Stiftung Ethereum arbeitet an sogenannten Smart Contracts – über dezentrale Blockstrukturen verifizierte Verträge – und einem größeren Ziel: „Durch Blockchain und ähnliche Technologien wird es möglich, Firmen oder Organisationen aufzubauen, die keinen Besitzer kennen. Dadurch entwickeln sich flache Netzwerke, die nur aus ihren Mitgliedern bestehen. Gewinne werden an die Mitglieder ausgeschüttet“, erläutert Christian Reitwießner von der Ethereum Foundation das Konzept. „Es gibt also keine Marktmacht eines einzelnen Unternehmens.“

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Die Politik bleibt dennoch skeptisch. Geldpolitik gehört schließlich zu den klassischen Hoheitsrechten der Staaten. Nun schöpfen auch Private wie Bitcoin Geld. Das soziale Netzwerk Facebook will die Digitalwährung Libra einführen - und erlebt nicht nur im US-Kongress Gegenwind.

„Staatliche Souveränität bedeutet auch Hoheit über die Währung. Wenn Milliarden Menschen mit dem Apple iPhone an der Supermarktkasse zahlen oder Facebook eine eigene Kunst-Währung schafft, können diese Big-Techs gefährlicher werden als jede Mega-Bank. Die Europäische Zentralbank sollte daher einen staatlich garantierten E-Euro als Alternative zu Konzernwährungen und zur Ergänzung – nicht Abschaffung – des Bargelds entwerfen. Facebooks Libra darf in der EU nicht zugelassen werden“, so der Linken-Politiker Fabio De Masi.

Berlin ist ein gutes Ökosystem für Kryptowährungen wie Iota

Vor fünf Jahren ging Iota in Berlin an den Start. Die Stadt gilt längst als europäische Hauptstadt der Blockchain-Technologie. „Es ist sinnlos, in Südtirol ein Blockchain-Unternehmen zu gründen. Berlin, speziell wegen des ganzen Ökosystems, welches es hier gibt, bietet einfach viel mehr Möglichkeiten, deine Erfolgschancen als Start-up zu erhöhen“, so Schiener über die Möglichkeiten der verkannten Tech-Metropole.

Für einen Veteranen der Blockchain-Bewegung ist Schiener mit Mitte zwanzig immer noch verdammt jung. Für alle Gründer hat er einen einfachen Tipp: „Man sollte nicht dem Hype folgen, sondern erst ein vollständiges Verständnis für die Technologie, das Business und die Probleme entwickeln.“ Dann könne aus Pollen und Nektar auch wirklich Honig fließen.