Oft wird digitale Technologie eingesetzt, um das Wertesystem des Industriezeitalters zu festigen, sagt Joana Breidenbach.
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Oft wird digitale Technologie eingesetzt, um das Wertesystem des Industriezeitalters zu festigen, sagt Joana Breidenbach.

Betterplace Lab

„Lernen, wie wir ticken“

  • Friederike Meier
    vonFriederike Meier
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Joana Breidenbach hat die Spendenplattform Betterplace mitgegründet. Jetzt erforscht sie das soziale Potenzial der Digitalisierung. Und hofft, auf diese Weise die Arbeitswelt umkrempeln zu können.

Frau Breidenbach, Sie haben 2007 die Spendenplattform Betterplace.org mitgegründet, über die auch kleine Initiativen fast kostenlos Spenden einsammeln können. Mittlerweile gibt es auch noch Betterplace.me und das „Betterplace Lab“. Was machen Sie dort?

Die Idee von Betterplace.org ist es, kleinen Vereinen und Graswurzel-Initiativen die gleiche Sichtbarkeit zu geben wie großen Organisationen. Deshalb haben wir diese Online-Plattform gegründet, auf der sie fast kostenlos Fundraising betreiben können. Mittlerweile gibt es auch betterplace.me für Privatpersonen. Mich hat aber geärgert, dass viele Vereine und NGOs immer nur ans Spendensammeln gedacht haben, wenn es um soziale Medien ging. Sie haben digitale Technologien wie ein Megafon gesehen, um ihre Botschaft noch lauter herauszurufen.

Ihnen ging es aber darum, auch den Austausch zu fördern.

Ja, denn digitale, dezentrale Technologien wie soziale Medien, Plattformen oder Apps können auch Dialog, können auch zuhören. Es geht darum, durchlässiger zu sein für andere Meinungen und Perspektiven. Digitales kann die ganze Wertschöpfungskette von sozialer Arbeit verbessern. Deshalb haben wir beschlossen, uns das digitale Potenzial jenseits vom Fundraising genauer anzuschauen.

Das Motto des Betterplace Lab ist „Menschlichkeit in der Digitalen Welt“. Was ist damit gemeint?

Bisher werden digitale Technologien eingesetzt, um das Wertesystem des Industriezeitalters zu unterstützen, für noch mehr Wettbewerb und Effizienzgewinne. Digitalisierung birgt aber bestimmte Potenziale für das Gemeinwohl, die den nächsten Schritt in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte begleiten können. Digitale Technologien sind dezentral, sie laden zu Kollaboration ein, sie sind sehr anpassungsfähig. Wir wollen zeigen, dass es viele Menschen auf der ganzen Welt gibt, die Digitalplattformen zum Beispiel für besseren Zugang zum Gesundheitssystem oder für gleichwertige Bildung nutzen.

Das Betterplace Lab bezeichnet sich als „Think-and-do-Tank“. Was ist das?

Wir forschen nicht nur, sondern haben zum Beispiel auch Plattformen mit aufgebaut. Und wir entwickeln selbst neue Konzepte für Produkte. Nachdem ich mich als Chefin zurückgezogen habe, haben wir außerdem im Lauf der letzten sechs Jahre eine radikale Selbstorganisation entwickelt. Wir haben uns gefragt: Wie können wir unsere Arbeitsorganisation nach digitalen Prinzipien so umgestalten, dass wir der sich schnell wandelnden Außenwelt gerecht werden?

Und?

Dabei haben wir gemerkt, dass wir in einer Welt, die so viel unsicherer ist als die industrielle Welt, auch eine andere Haltung und andere innere Kompetenzen brauchen. Das, was wir daraus gelernt haben, bieten wir jetzt auch als neuen Themenbereich an – als Workshops, Seminare, Vorträge. Durch Corona haben wir ja jetzt noch einmal demonstriert bekommen, wie unsicher unsere Welt eigentlich ist.

Was haben Sie bisher aus der Corona-Zeit gelernt?

Auf der einen Seite haben wir eine enorme Solidaritätswelle mit Menschen gesehen, die unter den coronabedingten Schließungen gelitten haben. Auf unseren beiden Betterplace-Plattformen hatten wir in den ersten Monaten des Lockdowns zehnmal mehr Spenden als zur gleichen Zeit im Vorjahr. Das war phänomenal. Und im Betterplace Lab war es spannend zu sehen, wie das Team es von null auf 100 geschafft hat, sich im Home Office neu zu organisieren und gleichzeitig sehr kreativ zu werden und neue Formate zu entwickeln. Es sind in hohem Maße Projekte weggebrochen, weil wir auch viel Geld mit Workshops verdienen. Innerhalb von drei Wochen hatten wir das alles wieder ausgeglichen. Für mich eine tolle Bestätigung unserer Theorien.

Warum, glauben Sie, hat das so gut funktioniert?

In vielen herkömmlichen Unternehmen haben Chefs in den letzten Monaten viel kontrolliert. Sie hatten Angst, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Hause nicht mehr arbeiten.

Diese Sorge hatten Sie nicht?

Bei uns war klar, dass alle sich für das Unternehmen verantwortlich fühlen. Dass jeder sein bestes gibt, seine Grenzen kennt und die auch kommuniziert. Es gab Solidarität untereinander und die Offenheit einzugestehen, wenn man etwas nicht schafft, weil gerade die Kinder um einen herumtoben. Die Menschen müssen aber auch konfliktfreudig genug sein, es zu sagen, wenn sie das Gefühl haben, der Kollege, der eine Aufgabe übernimmt, hat nicht die richtige Kompetenz dafür. Wir brauchen eine transparente Kommunikationskultur, die auch manchmal schmerzt. Um damit umgehen zu können, müssen wir aber lernen, wie wir als Menschen ticken, wo wir traumatisiert sind, wo wir also nicht adäquat reagieren können, wie wir miteinander in Beziehung sind – darüber wissen wir sehr wenig. Wir müssen dahin kommen, dass wir in unserem Ausbildungssystem viel mehr Introspektion und Reflexionskompetenzen erwerben.

Aber macht uns das auch glücklicher?

Das ist nicht der Aufruf, sich noch mehr auszubeuten. Wir brauchen zeitgleich einen gesellschaftlichen Umbau unserer Institutionen. Aber ich glaube, dass Menschen, die mehr mit sich in Kontakt sind, wissen, dass Geld ab einem gewissen Einkommen nicht glücklicher macht. Glücklich heißt nicht, dass es mir dann immer gut geht. Ich entdecke natürlich auch viele Traumatisierungen, die ich bisher erfolgreich verdrängt habe, weil ich eine Netflix-Serie nach der anderen geguckt habe. Aber letztendlich ist es eine Form menschlicher Befriedigung, das Menschsein zu erforschen. Wir sind alle dafür gemacht, in das Gewebe des Lebens einzusinken.

Interview: Friederike Meier

Joana Breidenbach (55) ist Mitgründerin der Spendenplattform „Betterplace.org“ und des Think Tanks „Betterplace Lab“. In ihrem Buch „New Work needs inner Work“ schreibt die Anthropologin zusammen mit Bettina Rollow darüber, was für selbstorganisiertes Arbeiten notwendig ist.