Die Blockchain ermöglicht es, Geld sicher und schnell zu transferieren.
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Die Blockchain ermöglicht es, Geld sicher und schnell zu transferieren.

Intelligentes Netz

10.000 Überweisungen die Sekunde

  • Paul Siethoff
    vonPaul Siethoff
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Intelligente Stromzähler, E-Autos oder 3-Drucker können mit anderen Geräten zusammenarbeiten. Da macht es nur Sinn, wenn sie sich auch gegenseitig bezahlen können. Das Darmstädter Start-up Perun um Lisa Eckey arbeitet an der Technologie dafür. Große Konzerne wie Bosch sind mit dabei.

Das Leben in Deutschland wird immer „smarter“. Smarte Technologie, das Internet der Dinge, wird im Alltag zunehmend wichtig. Intelligente Stromzähler, Smart Homes oder vernetzte Autos, die selbständig mit dem Hersteller kommunizieren können, sind keine Zukunftsmusik mehr. Auch die Zahl der Elektroautos auf deutschen Straßen nimmt zu: Bis Oktober wurden bereits gut 121 000 E-Autos zugelassen, fast doppelt so viele wie 2019.

Da damit aber auch der Strombedarf in Deutschland steigt, gilt es, die Stromnachfrage klug zu verteilen: Würde jeder zum Feierabend um 18 Uhr sein Elektroauto laden, könnte das zu einer Überlastung des Netzes führen.

W as also tun? An dieser Frage tüftelt ein Team um die Darmstädter Gründerin Lisa Eckey, 30, und ihren Kollegen Hendrik Amler, 30. Sie und drei weitere Mitgründer haben das Start-up Perun in diesem November ins Leben gerufen und damit den Schritt vom Universitätsprojekt zum eigenen Unternehmen getan. Unter Anleitung ihres Doktorvaters Sebastian Faust, Professor an der TU Darmstadt, hat Eckey mit ihrer Forschungsarbeit Essentielles zur Perun-Software beigetragen. Sie hat die Protokolle entwickelt, die dem Programm zugrunde liegen – sozusagen die Informatik-Regeln, nach denen in der Software kommuniziert wird.

Wer sein E-Auto als Stromspeicher zur Verfügung stellt, kann dank Perun dafür bezahlt werden

Um eine Überlastung von Stromnetzen durch E-Autos zu verhindern, gibt es bereits eine Lösung: Intelligente Stromsysteme, Smart Grids genannt. Diese bieten die Möglichkeit, Automobilunternehmen und Energiezulieferer zusammenzubringen. Die Automobilkonzerne könnten damit finanzielle Anreize beim Endkunden schaffen, das Auto nachts zu laden und nicht dann, wenn überall gekocht, ferngesehen oder gesaugt wird.

Aber: Um einem Elektroautobesitzer als Belohnung Kleinstbeträge zu überweisen, braucht es automatisierte Programme. Hier kommt Perun ins Spiel. Das Start-up aus Darmstadt hat eine Software entwickelt, mit der die Transaktion solcher „Micro Payments“ simpel abgewickelt werden kann.

Die Perun-Software basiert auf Blockchain, einer Technologie, der Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum zugrunde liegt und die unter anderem Transaktionen zwischen den Teilnehmern des Blockchain-Netzwerks ermöglicht. E ines der wichtigsten Anwendungsgebiete von Blockchain sind Smart Contracts, automatisierte Verträge. Diese könnten im Beispiel des Elektroautobesitzers dafür sorgen, dass er für jede Minute, die er sein Auto nachts (und nichts abends) auflädt, vom Automobilunternehmen einen Betrag von wenigen Cent gutgeschrieben bekommt.

„Die Blockchain-Systeme sind sehr langsam und träge“, sagt Perun-Mitgründer Amler

Die Blockchain-Technologie, inklusive Smart Contracts, gibt es bereits. Bisherige Lösungen wie die Kryptowährung Bitcoin bringen aber Probleme mit sich, erklärt Mitgründer Amler: „Die Blockchain-Systeme sind sehr langsam und träge. Wenn ganz viel neue Nutzer so auf einmal so ein System nutzen wollen, wird es noch viel langsamer.“

Ändern will das Perun. Ihre Software hat diese Einschränkungen nicht. Laut Amler ist die Software schneller und günstiger als bisherige Blockchain-Lösungen. Warum, erklärt Mitgründerin Lisa Eckey mit einem sprachlichen Bild: Normalerweise hat die Blockchain die Funktion eines Gerichts, das prüft, ob eine Transaktion korrekt abgelaufen ist. Dieses „vor Gericht ziehen“ ist in der Blockchain, wie im echten Leben, teuer und sehr zeitaufwändig. Daher werden Transaktionen zwischen zwei Personen in der Perun-Software ohne das „Gericht“, die Blockchain, abgewickelt. Gibt es aber Unstimmigkeiten zwischen Person A und B, greift die Perun-Software automatisch auf den Prüfmechanismus der Blockchain zurück.

Außerdem sei die Perun-Lösung skalierbar, sagt Amler: Öffentliche Blockchains wie Ethereum könnten weltweit nur zehn Transaktionen pro Sekunde verarbeiten. Perun könnte mit seiner Software 10 000 Transaktionen pro Sekunde ermöglichen – und das nur zwischen zwei Personen, global gesehen ließe sich die Software um ein Vielfaches skalieren.

Gemeinsam mit Bosch arbeitet Perun an der Fabrik der Zukunft

Der Ansatz von Perun hat bereits das Interesse einiger großer Unternehmen erregt, das Start-up arbeitet unter anderem mit der Telekom und dem Automobilzulieferer Bosch zusammen. Gemeinsam mit Bosch und vier anderen Unternehmen entwirft Perun zurzeit einen Prototypen der „Fabrik der Zukunft“: Dort sollen mehrere Unternehmen gemeinsam eine hochmoderne, komplexe Fertigungsstrecke nutzen können. Die Perun-Software kann in dieser „Fabrik der Zukunft“ beispielsweise sicherstellen, dass ein Unternehmen, das den 3D-Drucker eines anderen Unternehmens nutzt, mithilfe intelligenter Verträge für die Miete des Druckers zahlt.

Zurück zu Mitgründerin Eckey. Die heutige Produktmanagerin bei Perun hat Informatik studiert. Dass sie bei Perun eine der Führungspersonen ist, ist ungewöhnlich: Sowohl in der IT-Branche (17 Prozent) als auch unter Start-up-Gründer:innen (knapp 16 Prozent) ist der Frauenanteil niedrig.

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Eckey sagt, für sie spiele es keine große Rolle, dass sie früher im Studium und heute im Unternehmen in der Minderheit sei. Aber: „Ich versuche andere Mädchen und Frauen zu motivieren“, sagt sie. „Wenn man Lust hat, an Technologie zu arbeiten, ist völlig egal, welche Noten man hat oder ob man gut in Mathe ist – man schafft das dann schon.“ Gründen lehrt sie auch in der Praxis. Gemeinsam mit Amler gibt sie an der TU Darmstadt einen Kurs für Informatik-Studierende über die Gründung von Start-ups.

Für die Zukunft ihres eigenen Unternehmens haben Amler und Eckey ambitionierte Ziele: „Decentralized finance ist ein Zehn-Milliarden-Dollar-Markt, der sich innerhalb weniger Monate aufgetan hat“, sagt Amler. Perun sei eine der wenigen Firmen aus Europa, die die dafür benötigte Technologie liefern könnten und hätte damit gute Chancen, ein wichtiger Player in der IT-Kryptographie-Branche zu werden. Die Ziele für die nahe Zukunft sind aber erstmal bodenständig: Aktuell ist das Start-up noch nicht rentabel und finanziert sich durch Fördergelder. Spätestens ab Mitte 2022 will Perun Gewinne erzielen.