Ein Airbus A321 wird betankt.
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Ein Airbus A321 wird betankt.

Fliegen

E-Kerosin: Luftfahrt will Grün durchstarten

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Die weltweit erste Pilotanlage für Kerosin aus Windstrom soll das Fliegen umweltfreundlich machen. Bislang ist der CO2-neutrale Treibstoff aber noch viel zu teuer.

Werlte – Klimaneutral fliegen – das ist die Vision, mit der die Airlines ihr Geschäftsmodell angesichts der zu erwartenden Restriktionen beim CO2-Ausstoß retten wollen. Nach derzeitigem Stand der Technik ist das bei Passagierjets längerfristig in großem Stil nur mit „E-Kerosin“ möglich, das aus erneuerbarem Strom hergestellt wird. Batterien für einen Elektroantrieb haben eine zu geringe Energiedichte und wären daher zu schwer. In Deutschland ist nun die weltweit erste Pilotanlage zur Produktion von CO2-neutralem Kerosin eingeweiht worden. Der Treibstoff ist jedoch noch viel teurer als fossiles Kerosin – die Erzeugungskosten liegen bei mehr als fünf Euro pro Liter.

Die neue Anlage steht in Werlte im Emsland in Niedersachsen. Produziert wird der Treibstoff aus Wasser mit Ökostrom von Windrädern aus dem Umland, um per Elektrolyse Wasserstoff zu erhalten, sowie mit Kohlendioxid, das aus der Umgebungsluft sowie aus dem Abgas einer Biogasanlage gewonnen wird. Damit gilt das Kerosin als CO2-neutral. Konzipiert wurde das Projekt von dem Berliner Dienstleister Atmosfair, der die CO2-Kompensation von Flügen anbietet. Erster Kunde für den Ökosprit ist Deutschlands größte Airline Lufthansa.

Pilotanlage für Kerosin aus Windkraft – „Jet1A“ soll Luftfahrt ökologisch machen

Den Regelbetrieb der Pilotanlage plant Atmosfair nach eigenen Angaben für das erste Quartal 2022. Pro Tag sollen in Werlte dann acht Fässer mit Rohkerosin produziert werden. Tanklaster bringen das Vorprodukt zu einer Raffinerie in Heide nördlich von Hamburg, die das synthetische Rohöl zum fertigem Treibstoff, genannt „Jet A1“, veredelt und an den Flughafen Hamburg liefert. Die Anlage läuft laut dem Unternehmen derzeit erst in Teilen, das Zusammenspiel aller Komponenten benötige noch Abstimmungen.

„Damit Deutschland bis 2045 Klimaneutralität erreicht, muss auch der Luftverkehr seinen Beitrag leisten“, erklärte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) anlässlich der Eröffnung am Montag. In der Herstellung von CO2-neutralem Kerosin sieht die Umweltministerin auch große wirtschaftliche Chancen für Deutschland. „Wenn wir jetzt zeigen, dass diese Technologie funktioniert, schafft das auch neue Exportchancen für den Anlagenbau“, erklärte Schulze. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich anlässlich der Eröffnung per Videobotschaft. „Um unser Ziel von 200 000 Tonnen grünem Kerosin jährlich bis 2030 zu erreichen, gilt es die Produktionskapazitäten erheblich zu steigern“, sagte Merkel.

Ehrgeiziges Ziel

Die Luftfahrt-Branche will zum Jahr 2050 klimaneutral fliegen. „Das ist zu schaffen“, sagte der Generaldirektor des Airline-Verbandes Iata, Willie Walsh, am Montag. Nötig sei dafür eine Kombination aus nachhaltig produziertem Treibstoff, neuen Flugzeugdesigns, mehr Effizienz sowie der Bindung von Kohlendioxid und dem Ausgleich von Emissionen.

Aus China gab es Widerstand, bevor die Iata bei ihrer Jahrestagung in Boston das Ziel festsetzte. Unter anderem sprach sich eine Airline dafür aus, dass die Branche keine eigene Vorgabe ausgeben solle, sondern dass sich die Fluggesellschaften an die jeweiligen nationalen Ziele halten sollten.

Die Industrie hatte bisher angestrebt, zum Jahr 2050 nur noch halb so viel CO2 auszustoßen wie 2005. Dies würde zwar die Nettoemissionen auf 325 Millionen Tonnen drücken – ist aber „einfach nicht ehrgeizig genug“, sagte Walsh.

Die Corona-Pandemie wird der Luftfahrtbranche nach Verbandsschätzungen Verluste von mehr als 200 Milliarden Dollar einbringen. Für dieses Jahr sei noch mit einem Minus von 52 Milliarden Dollar (44,7 Milliarden Euro) zu rechnen, sagte der Iata-Generaldirektor. dpa

Deutschland: Stromkosten ein Problem für solche E-Kerosin-Anlagen

In Studien wird bisher von einem Kostenniveau für E-Kraftstoffe von rund fünf Euro pro Liter ausgegangen. In der Werlter Pilotanlage liegt es laut Atmosfair „noch weit“ darüber. Der Preis für herkömmliches Kerosin liegt unter 50 Cent pro Liter. „Bei Anlagen dieser Größe, die zudem nicht auf mehrere Jahrzehnte Betrieb ausgelegt sind, sind die Kosten noch sehr hoch,“ erläuterte Geschäftsführer Dietrich Brockhagen. Vor allem die hohen Stromkosten in Deutschland seien ein Problem für diese Anwendung. In südlichen Ländern mit dank Sonneneinstrahlung billiger Solarenergie und mit fortschreitender Technologie seien bereits Erzeugungskosten von unter fünf Euro möglich. „Aber wir wollten den ersten Schritt in Deutschland gehen, um hier die Technologie zu probieren und Erfahrungen zu sammeln“, so der Atmosfair-Chef.

Das E-Kerosin aus dem Regelbetrieb will Atmosfair über seine Website auch anderen Airlines anbieten, die damit die verpflichtende Beimischungsquote von 0,5 Prozent des grünen Treibstoffs zum fossilen Kerosin erfüllen können. Laut dem neuen Klimaschutzgesetz ist diese Beimischung ab 2026 Pflicht. „Wir zeigen, dass wir dafür nicht noch fünf Jahre warten müssen und dass Kunden bereit sind, den Aufpreis zu bezahlen“, so Brockhagen.

Lufthansa Chefin: „Kerosin der Zukunft“ – ermöglicht CO₂ neutralen Luftverkehr

Lufthansa-Vorständin Christina Foerster bezeichnete die synthetischen Kraftstoffe aus Ökostrom als „das Kerosin der Zukunft“. Sie ermöglichten CO2-neutralen Luftverkehr. Die Reisebüro-Kooperationsallianz QTA (Quality Travel Alliance) kündigte an, die Produktion des E-Kerosin in Form von freiwilligen „Klimaschutzpaketen“ zu fördern. Bisher haben die Airlines vor allem auf die Entwicklung von Agrokerosin aus Biomasse gesetzt, das auf Basis hydrierter Pflanzenöle wie Raps-, Palm- oder Jatrophaöl, aus Algen, agrarischen Reststoffen oder Lebensmittelabfällen hergestellt wird. Die ökologische Nachhaltigkeit ist jedoch teilweise umstritten.

Um sicherzustellen, dass das E-Kerosin nachhaltig produziert wird, hat Atmosfair zusammen mit dem Umweltbundesamt (UBA) ein Gütesiegel („Fairfuel“) für den neuen Treibstoff entwickelt. UBA-Experte Harry Lehmann erläuterte: „Wie grün ist der Strom wirklich? Wie nachhaltig ist das CO2, das zum Einsatz kommt? Das sind entscheidende Fragen für die Umweltintegrität und den Klimanutzen von E-Kerosin.“

E-Kerosin: Atmosfair fordert „Klimaintegrität“ bei Herstellung

Das Siegel soll garantieren, dass das synthetische Kerosin nicht über Umwege doch mit fossilen Quellen oder etwa einer CO2-Abscheidung aus dem Abgas von Kohlekraftwerken hergestellt wird. Zudem dürfe der hohe Stromaufwand für die E-Kerosin-Herstellung nicht auf Kosten der Energiewende gehen. Diese „Klimaintegrität“ erzeugt Atmosfair zufolge kaum Mehrkosten, wie die Anlage in Werlte zeige. Bei geplanten Folgeanlagen in Entwicklungsländern will das Unternehmen zudem darauf achten, „dass sie auch der Bevölkerung zugutekommen, etwa durch zusätzlichen Strom zu sozialverträglichen Preisen für das Umland“. (Joachim WIlle)