Rechenzentren benötigen viel Energie: Cloud & Heat nutzt die Abwärme zum Heizen
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Rechenzentren benötigen viel Energie: Cloud & Heat nutzt die Abwärme zum Heizen

Cloud & Heat

Heizen mit Hardware - Wenn Rechenzentren Wohnungen kuschelig warm machen

  • Paul Siethoff
    vonPaul Siethoff
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Auto fahren, Filme gucken, Essen kaufen: Hinter fast allem stecken inzwischen energiefressende Rechenzentren. Wie werden die nachhaltig? Das Dresdner Start-up Cloud & Heat heizt mit Serverabwärme ganze Gebäude.

200 Milliarden Kilowattstunden. Das ist die Strommenge, die jedes Jahr weltweit für das Streamen von Inhalten von Netflix, Youtube und Co. anfällt. Eine fast unvorstellbar große Menge. Um das Ganze greifbarer zu machen: Mit den 200 Milliarden Kilowattstunden könnte man alle Privathaushalte in Deutschland, Italien und Polen zusammen für ein Jahr mit Strom versorgen. Errechnet hat das der Energieversorger Eon. Mittlerweile gibt es sogar schon ein Wort für den Moment, wenn sich beim Streamen das grüne Gewissen meldet: Klickscham.

Die Server und Rechenzentren, die für unsere moderne, von Informationstechnik abhängige Gesellschaft unabdingbar sind, sind Energiefresser. 2012 entfielen fünf Prozent des globalen Stromverbrauchs auf die IT. „In zehn Jahren sollen es 20 Prozent sein“, sagt Nicolas Röhrs. Er ist Geschäftsführer von Cloud & Heat. Das Dresdner Unternehmen will das Problem der stromhungrigen Rechenzentren lösen – mit wassergekühlten, sparsamen Servern.

Cloud & Heat begann mit einem Heizschrank in einem Keller

Rechenzentren zu betreiben und Server für Institutionen und Konzerne bereitzustellen, ist keine neue Idee. Cloud & Heat macht aber eine Sache grundlegend anders als die Konkurrenz: Ihre Server werden nicht ganz herkömmlich mit Luft gekühlt, sondern mit Wasser. Und: Das Unternehmen nutzt die Abwärme der Server, um damit Privathäuser und Bürokomplexe zu heizen.

 Die Idee dazu entstand bereits 2011: Damals war Christof Fetzer, Informatikprofessor an der TU Dresden, gemeinsam mit dem befreundeten Physiker Jens Struckmeier auf der Suche nach einer innovativen Heizlösung für sein Passivhaus. Heraus kam die Idee eines „Heizschranks“: Fetzer und Struckmeier installierten Server, die zum Rechenzentrum der TU Dresden gehören, im Keller des Informatikers und nutzten deren Abwärme zum Heizen.

Damit war der Grundstein für das Unternehmenskonzept von Cloud & Heat gelegt: energieeffiziente und schnelle Server, nah am Kunden. Der wirtschaftliche Durchbruch kam wenig später mit einer Weiterentwicklung der ursprünglichen Idee: Modulare, individuell anpassbare Serverlösungen, die das Unternehmen als Einzelmodule oder als Container-Rechenzentren anbietet: Zweitere erinnern an die klassischen Container, die man aus der Schifffahrt kennt, und sind witterungsunabhängig.

Die Kunden von Cloud & Heat sparen kräftig Heizkosten

Die eigentliche Innovation ist aber die Idee, die Abwärme der Server nutzbar zu machen: Dafür speist Cloud & Heat 55 Grad warmes Wasser in den Wasserkühlungs-Kreislauf ein. Das Wasser erwärmt sich dann durch die Abwärme der Server-Hardware auf 60 Grad. Das wiederum ist genau die Temperatur, die nötig ist, um Büro- oder Wohngebäude zu heizen – laut dem Unternehmen kann ein Server-Container so bis zu 300 Privathäuser versorgen. Das abgekühlte Wasser kehrt in die Rechenzentren zurück, wird wieder auf 55 Grad gebracht, und der Kreislauf beginnt von vorne.

Das Ganze sei damit nicht nur energie-, sondern auch kosteneffizient, betont CEO Nicolas Röhrs. Mit der Idee hat Cloud & Heat Kunden wie die Commerz Real, eine Commerzbank-Tochter, gewinnen können. Für den Vermögensverwalter, der im Immobiliengeschäft sehr aktiv ist, hat das Unternehmen Server im ehemaligen EZB-Hochhaus „Eurotheum“ in der Frankfurter Innenstadt installiert, die gleichzeitig als Heizung für die dortigen Büros und Hotelzimmer fungieren. Laut Cloud & Heat lassen sich damit jährlich 160 000 Euro an Heizkosten sparen.

Die Zeichen stehen auf Wachstum: Cloud & Heat eröffnet Filiale in den USA

Mittlerweile hat das IT-Startup expandiert, ein Büro in den Vereinigten Staaten eröffnet, neue Kunden aus Japan und Norwegen sind hinzugekommen. Die Zeichen stehen voll auf Wachstum: In den vergangenen 18 Monaten hat die Firma ihre Mitarbeiterzahl fast verdoppelt, über 100 sind es heute weltweit. Der Umsatz hat sich – wenn auch von anfangs niedrigem Niveau - laut Firmenangaben zwischen 2015 und 2018 mehr als verzweihundertfacht.

Geholfen hat dabei auch, dass in der Rechenzentrums-Branche ein Umdenken stattfindet, sagt Geschäftsführer Röhrs. Die Akzeptanz von Produkten wie dem ihren sei gestiegen: „Vor fünf Jahren wäre das am Markt noch als etwas Verrücktes empfunden worden.“ Heute suchten auch Großkonzerne energieeffiziente und nachhaltige Serverlösungen.

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Für die Zukunft hat Röhrs eine klare Devise: „Weiter wachsen.“ Cloud & Heat will dafür enger mit Energieversorgern zusammenarbeiten, spricht aber auch mit Streaming-Anbietern. Der Blick geht dafür Richtung Europa: „Wir wollen das Thema nachhaltige und sichere Cloudlösungen vorantreiben“, sagt Röhrs. Dafür sucht das IT-Unternehmen neue Partner, mit denen es kooperieren kann. Weiter vorausgedacht, hofft Röhrs, mit seinem Unternehmen als Player auf dem globalen Markt mitzuspielen – schließlich wächst der Tech-Sektor rasant, der Energiebedarf von Branchenriesen wie Google und Apple ist schon jetzt gigantisch. „Global findet eine Riesenbewegung in unserer Branche statt. Wir sollten da auch in Zukunft eine große Rolle spielen.“, sagt Röhrs.