Ältere Menschen mit ihren Smartphones
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Für manche Gewohnheit, für andere Neuland: Smartphones und das Surfen im Internet.

Digitale Teilhabe

Surfen ohne Hindernisse: Wie Ältere ins Netz gehen

  • vonChristina Brummer
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Für viele ältere Menschen ist die digitale Welt voller Hindernisse und Stolperfallen. Das wollen die Darmstädter Felix Beinenz und Vitalij Hilsendeger ändern. Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, mit ihrer Firma Lylu gängige Webseiten und Apps zu vereinheitlichen. Von Christina Brummer.

Video-Calls, E-Health, Online-Banking. Für wen diese Fremdworte in Pandemiezeiten fremd blieben, der war schnell von einem normalen Alltag abgeschnitten. Denn wenn sich das soziale, kulturelle und wirtschaftliche Leben plötzlich von der realen in die digitale Welt verlagert, bleiben diejenigen auf der Strecke, die gemeinhin mit Computern, Tablets oder Smartphones kaum umgehen können.

In Deutschland gibt es laut Digitalindex 2020 der Initiative D21 e.V. etwa neun Millionen „Offliner“, im Schnitt sind sie 71 Jahre alt. Der laut Index am häufigsten angegebene Grund für den Digitalboykott ist mangelndes Interesse. Doch knapp ein Drittel der Offliner sehen auch schlicht keinen Mehrwert darin, sich online zu begeben. Andere gaben an, dass sie das Internet für zu kompliziert halten oder niemanden haben, der ihnen zeigt, wie man surft.

Wo ständig neue Fenster aufploppen, auf jeder Seite nach der bevorzugten Cookie-Nutzung gefragt wird oder der PC schlicht nicht das tut, was man gerne hätte, für die „digital immigrants“, also die digitalen Einwanderer:innen, können solche Probleme schnell zur Hürde werden.

„Warum muss eigentlich jede App anders aussehen?“

Das zumindest ergab eine Umfrage des inzwischen aufgelösten Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) aus dem Jahr 2016. Zwar gibt es zahlreiche Kurse, etwa an Volkshochschulen, bei denen Seniorinnen und Senioren lernen, wie man Tablets und Smartphones bedient. Doch das heißt nicht, dass das Gelernte auch daheim am Küchentisch angewendet wird, so die DIVSI-Umfrage. Zu groß sei die Angst, sich im chaotischen Internetdschungel zu verlaufen.

Das Lylu-Team (v.l.): Felix Beinenz, Vitalij Hilsendeger, Lea Fonteyne und Sebastian Felger.

Doch müssen Senior:innen wirklich lernen, sich im diffusen Netz zurechtzufinden oder muss sich die Internetwelt eher an die Bedürfnisse eines wachsenden alternden Publikums anpassen? Genau damit beschäftigen sich Felix Beinenz und Vitalij Hilsendeger. „Warum muss eigentlich jede App anders aussehen?“, fragten sich die beiden und gründeten in diesem Jahr ihr Unternehmen Lylu. Mit der gleichnamigen App wollen sie gängige Webseiten und Apps vereinheitlichen. Ähnliche Ansätze verfolgen auch Unternehmen wie Nepos oder Media4Care, die browserbasierte Senioren-Anwendungen oder Senioren-Tablets anbieten.

Aktiv Werden

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme - mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft

WAS TUN: Einfach mal im Internet unter www.lylu.de vorbeischauen. Dort stellt sich das Gründungsteam und sein Produkt, das noch in der Entwicklung ist, vor. Interessierte können ihre Mailadresse eintragen, um die App Lylu in der Beta-Version zu testen.

HESSISCHER GRÜNDERPREIS: Die Lylu-Gründer sind Finalisten des Hessischen Gründerpreises 2020 in der Kategorie „Gesellschaftliche Wirkung“. Der Preis zeichnet jährlich die besten Firmen in den Bereichen innovative Geschäftsidee, Gründung aus der Hochschule, zukunftsfähige Nachfolge und gesellschaftliche Wirkung aus. Die Frankfurter Rundschau ist langjährige Partnerin des Gründerpreises. FR

Auf seine Idee kam Lylu-Gründer Hilsendeger, als er einen Facebook-Post sah: Eine Frau hatte eine Anzeige am schwarzen Brett eines Supermarktes fotografiert, auf der ein verwitweter Senior um Gesellschaft zum Weihnachtsfest bat. Im Netz ging der Post viral, im Supermarkt wäre er sonst wohl kaum aufgefallen. „Vitalij stellte sich die Frage, warum der ältere Herr nicht selbst soziale Medien benutzt hat, um andere Leute zu finden“, erzählt Felix Beinenz. Die Antwort liegt in den Zahlen: Nur ca. 2,3 Prozent der deutschen Facebook-Nutzer:innen sind 65 Jahre und älter. Für Beinenz von Lylu muss das aber nicht so bleiben.

Auf dem Markt ist Lylu noch nicht, doch die Gründer planen, die App noch vor Jahresende anzubieten, damit Seniorinnen und Senioren sie gegen eine monatliche Abo-Gebühr auf dem Tablet nutzen können. „Wir nehmen bestehende Internetseiten und Dienste und bilden sie vereinfacht in unserem Layout ab“, erklärt Beinenz die Idee der App. Anfangs soll es auf der Lylu-Oberfläche nur die gängigsten Funktionen wie etwa einen Messenger oder ein Mail-Programm geben. Später planen Hilsendeger und Beinenz, Unterhaltungsangebote, Video-Telefonie und Online-Shopping zu integrieren. „Wenn man bei uns Youtube öffnet und einen Suchbegriff eingibt, bekommt man die gleichen Ergebnisse wie jeder andere auch“, erklärt Beinenz. Menüführung, Schaltflächen, all das sei jedoch ähnlich zu den anderen Seiten und solle möglichst gleich aussehen.

Dass es nicht nur nützlich, sondern auch nötig ist, sich online auszukennen, wurde vielen Offlinern wohl erst in der Pandemie klar. Wer nicht mehr für jede Besorgung in die Stadt fahren oder gar nicht mehr vor die Tür gehen wollte, dem blieben nur Online-Bestellungen oder hilfsbereite Nachbar:innen. Die Distanzvorgaben zeigten zudem, wie wichtig es ist, dass auch Oma und Opa einen Video-Chat starten können.

Ältere müssen erstmal überzeugt werden, dass ihnen das Netz etwas bringt

Der Branchenverband der Digitalunternehmen Bitkom fand in einer aktuellen Umfrage heraus, dass sich Dank Corona zwar mehr Seniorinnen und Senioren für das Internet interessieren, das heißt jedoch nicht, dass von heute auf morgen auch mehr ältere Menschen im Netz unterwegs gewesen wären. Jeder siebte Offliner gab in der Bitkom-Studie an, keine Möglichkeit zu haben, auf digitale Dienste zuzugreifen. Sei es, weil es niemanden gäbe, der sie erklären könne oder weil die entsprechenden Geräte oder der Internetanschluss fehlten. Volkshochschulen, die den Seniorinnen und Senioren das Netz erklären könnten, waren in Pandemiezeiten geschlossen, ein Senioren-Computerkurs, der per Online-Unterricht laufen soll, erscheint dabei wie die Quadratur des Kreises.

Die größte Schwierigkeit ist es jedoch zunächst, die Älteren zu überzeugen, dass das Netz einen Mehrwert bringt, bestätigt auch Lylu-Gründer Beinenz. „Wir setzen auf die Angehörigen. Vertrauenspersonen können ihre Eltern oder Großeltern am ehesten überzeugen.“ Dass der Zugang der Älteren zum Leben der Online-Gesellschaft mehr ist als ein Extra-Aufwand für die Jüngeren, liegt für Beinenz auf der Hand. „Wir sind von den Vorteilen des Internets überzeugt, aber ein großer Teil unserer Gesellschaft wird von diesen Vorteilen ausgeschlossen. Das schönste Beispiel ist Online-Shopping. Wir machen das aus Bequemlichkeit, aber wenn du immobil bist, ist es etwas, das deinen Alltag extrem vereinfacht.“

„Niemand vermisst einen Nutzen, den er nicht kennt“

Das Virus mag Digitalfragen einen Schub gegeben haben, doch die Diskussion beschränkt sich meist auf die Versorgung von Schulen. Interessensvertreter fordern schon seit Jahren, dass etwa auch Altenheime ans Netz gehen. Doch einfach Tablets zu verteilen, damit sei es auch dort nicht getan. Es brauche Trainer, Systemadministratoren und schlichtweg Wlan. Die Offliner sind zudem eine eher durchmischte Gruppe mit verschiedenen Bedürfnissen, denn nicht nur das Alter hindert Menschen daran, sich online zu bewegen. Auch Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen stoßen im Netz immer wieder auf Barrieren.

Für Felix Beinenz von Lylu ist es kein Argument, dass aus Sicht der Jüngeren das Internet auch ein riesiger Zeitfresser sein kann. Wieso also die Alten damit belästigen, könnte man fragen. „Niemand von uns hat zum Beispiel Youtube vermisst, als es das noch nicht gab“, sagt er. „Ein Senior hat mir in der Testphase gesagt: ‚Jetzt versteh ich auch, warum alle immer am Handy sitzen, da kann man sich so viel ansehen‘. Niemand vermisst einen Nutzen, den er nicht kennt.“