Christoph Krachten.
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Der Youtuber und Elektromobilitäts-Pionier Christoph Krachten hat die Petition gestartet.

Ladestellen

E-Autos: Freie Fahrt für Stromer

  • Paul Siethoff
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Zu wenig Ladesäulen, zu viele Bezahlsysteme: Die Elektromobilität wird hierzulande noch immer ausgebremst. Das muss sich ändern, sagt Christoph Krachten und will der Politik mit einer Petition Druck machen

Wer von Verkaufsrekorden von Elektroautos im Corona-Jahr 2020 liest, könnte denken: Der Trend zur Elektromobilität ist jetzt auch hierzulande angekommen, Deutschland wird elektrisch! Die tatsächlichen Zahlen geben das aber nicht wieder: Gerade einmal 366.000 rein elektrische Autos sind den Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamts zufolge auf deutschen Straßen unterwegs. Elektrofahrzeuge machen also weniger als ein Prozent der Pkw aus. Und es gibt einen noch viel größeren Haken: der Ausbau des Ladesäulen-Netzes. Laut Daten der Bundesnetzagentur gibt es gerade einmal rund 39.500 öffentlich zugängliche Ladepunkte in Deutschland. Auf neun Elektrofahrzeuge kommt also nur eine Ladesäule – Plug-in-Hybride nicht mitgerechnet.

Der Ausbau der Ladeinfrastruktur in Deutschland hinkt also gewaltig hinterher. Für Christoph Krachten hat die Elektromobilität in Deutschland aber noch deutlich mehr Baustellen, an denen etwas getan werden muss. Der Wissenschaftsjournalist und Youtuber ist selbst passionierter Elektroauto-Fahrer und ärgert sich über den schleppenden Ausbau des Ladenetzes. Krachten kritisiert dabei nicht nur die aktuell noch recht niedrige Anzahl an Ladepunkten; der Tesla-Fan berichtet von eigenen, einschneidend negativen Erfahrungen, die für ihn repräsentativ für die Probleme der Elektromobilität in Deutschland stehen: „Einmal habe ich versucht, mit meinem Tesla von Köln nach Berlin zu fahren und dabei auch Tesla-fremde Ladesäulen zu nutzen. Kurz zusammengefasst: Es war eine Katastrophe“, erzählt Krachten.

Gleich beim ersten Stopp vor der Eon-Hauptzentrale in Essen habe es Probleme mit dem Laden seines Fahrzeugs gegeben: „Die Ladesäule funktionierte nicht“, erzählt Krachten. Ein Anruf bei der auf der Ladesäule angegebenen Notfallnummer habe für nur noch mehr Verwirrung gesorgt. Schließlich habe Krachten die Ladesäule nach 20 Minuten selbst zum Laufen bekommen – durch kontinuierliches Ein- und Ausstecken des Ladekabels in sein Fahrzeug.

Pech, wenn die Ladesäule nicht funktioniert.

Diese Erfahrung von Krachten ist kein Einzelfall – online finden sich zahlreiche Berichte von genervten Elektroauto-Besitzer:innen, die an defekten, nicht freischalt- oder anderweitig unbenutzbaren Ladesäulen scheitern. Krachten, der auf seinem Youtube-Kanal selbst ab und an über das „Chaos um E-Autos“ berichtet, hat sich der Sache angenommen und eine Online-Petition auf der Plattform Change.org gestartet. Sein Ziel: Aufmerksamkeit erregen und die Politik zum Handeln bewegen. Adressiert ist die Petition an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Die Hauptforderungen von Krachten und seinen beiden Mitstreitern, dem Youtuber und Tesla-Fan Felix Bahlinger und Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme an einer Berliner Hochschule: Ein flächendeckender Ausbau des Ladesäulennetzes und ein einheitliches Bezahl- und Abrechnungssystem für das Laden der Elektrofahrzeuge.

Schon im Jahr 2000 kauft Krachten sein erstes E-Auto - und bleibt dabei

Um zu verstehen, warum Christoph Krachten es sich auf die Fahne geschrieben hat, aufmerksam auf das Lade-Chaos zu machen, muss man 20 Jahre zurückblicken. Im Jahr 2000, erzählt Krachten, kaufte er sich sein erstes E-Auto: den CityEL, ein dreirädriges Leichtfahrzeug. „Eine Art Messerschmitt Kabinenroller“ nennt der Technik-Fan das Auto. Zum klassischen Verbrenner kehrt Krachten seitdem nicht mehr zurück. Seine nächsten Autos heißen Peugeot 106 Electric und Toyota Prius – der weltweit erste Hybrid-Pkw in Massenproduktion. Heute fährt Krachten ein Tesla Model 3.

Zukunft hat eine Stimme

Das Projekt: Mit „Zukunft hat eine Stimme“ gibt die Frankfurter Rundschau den Menschen eine Stimme, die sich für Fortschritt und eine gerechtere Gesellschaft einsetzen.

Was tun: Christoph Krachten sammelt weiterhin Unterstützerinnen und Unterstützer für seine Petition.

Tesla ist für ihn das Paradebeispiel, wie es anders gehen kann in Sachen Ladeinfrastruktur und Benutzerfreundlichkeit. Der Konzern bietet seinen Kund:innen ein Netz aus Schnellladesäulen, sogenannten „Superchargern“, an denen man für einen festen Preis schnell und unkompliziert laden kann. Genau diese Punkte erfüllt das Ladenetz in Deutschland aber derzeit noch nicht – und bremst damit in den Augen von Krachten die Elektromobilität hierzulande aus.

Wer sein Auto laden will, bekommt es mit einem kompletten Tarifchaos zu tun

Der Tesla-Fan fasst in vier Punkten zusammen, wo es seiner Meinung nach in Deutschland hapert: am schleppendem Ausbau der Ladeinfrastruktur, an der technischen Qualität des Ausbaus, an der Preisstruktur und am Problem mit den Ladekarten.

Tatsächlich geht der Ausbau des Ladesäulenetzes nur langsam voran, betrachtet man das Ziel der Bundesregierung für 2030: Bis dahin sollen eine Million Ladepunkte geschaffen und sieben bis zehn Millionen Elektrofahrzeuge zugelassen sein. Bei rund 40.000 Ladepunkten im Februar 2021 erscheint das mehr als ambitioniert. Das vielleicht größte Problem in Deutschland ist aber derzeit der „Preisdschungel“ und das völlig chaotische Angebot an verschiedenen Bezahlsystemen. „Alles ungeregelt“, sagt Krachten.

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Das belegt eine Studie des Marktforschungsunternehmens EuPD Research aus dem Jahr 2020. Die Forschenden halten fest: Für das Laden von Elektrofahrzeugen gab es 288 Tarife von 194 Anbietern – ein komplettes Tarifchaos. Noch komplizierter wird die Lage für E-Autobesitzer:innen dadurch, dass viele Anbieter auf eigene Bezahlsysteme setzen: Im Schnitt kommt laut dem Magazin „Business Insider“ jeder und jede Elektro-Fahrer:in so auf fünf Ladekarten und sechs Apps. Dazu kommt noch: Die Preise schwanken je nach Anbieter extrem. An den Schnellladesäulen von Ionity, einem Joint Venture von verschiedenen Automobilherstellern, kostet die Kilowattstunde stattliche 79 Cent – kleinere Anbieter verlangen dagegen teilweise nur 15 Cent pro Kilowattstunde.

Dieses Chaos adressiert die Petition von Krachten. Sein Vorschlag: einheitliche Regelungen, einfache Bezahlsysteme und natürlich der flächendeckende Ausbau der Ladesäulen in Deutschland – um zu verhindern, dass Fahrer:innen von Elektroautos mit leerem Akku in Gegenden stranden, die noch ein Loch im Ladenetz darstellen.

Obwohl die Forderungen der Petition nach heutigem Stand noch weit entfernt von der Realität liegen – erste Anzeichen für eine Verbesserung der Situation gibt es: Der Bund gab Anfang Februar bekannt, dass bis 2023 an 1000 Standorten neue Schnellladesäulen entstehen sollen.