Marco Streng studierte Mathematik.
+
Marco Streng studierte Mathematik.

Bitcoin

Der Krypto-König

  • Daniel Baumann
    vonDaniel Baumann
    schließen
  • Friederike Meier
    Friederike Meier
    schließen

Der Bitcoin löst einen Rausch aus. Mittendrin: Marco Streng. Der 31-jährige Deutsche ist ein Star im Digitalwährungs-Business. Eine irre Geschichte darüber, wie er zum Betreiber der größten Mining-Farmen der Welt wurde.

Es war im Herbst des Jahres 2013 in einem Münchner Studentenwohnheim. Der Mathematikstudent Marco Streng wachte von einem sehr lauten Piepsen seines Computers auf. Zunächst dachte er an einen Fehler. „Ich konnte es nicht glauben“, sagt Streng in einem Vortrag. Denn das Piepsen bedeutete, dass der Wert eines Bitcoin auf über 1000 Dollar gestiegen war. Streng hatte seinen Computer selbst so eingestellt. Er war elektrisiert. „Ich habe sofort meine Partner angerufen und gesagt: Wir sind in einem Goldrausch!“

Der Mathematikstudent an der Ludwig-Maximilians-Universität hatte sich ursprünglich nur theoretisch für die Kryptowährung interessiert. „Ich wollte Muster auf der Blockchain erkennen“, erzählt er in einem Interview. Nachdem er sich im Jahr 2011 mit der damals noch jungen und eher unbekannten Technologie beschäftigt hatte, konzentrierte er sich erst einmal wieder auf sein Studium.

Rechner von Genesis Mining, irgendwo in Island. Halldor KOLBEINS/AFP

Als er ein Jahr später zu dem Thema zurückkehrte, merkte er, wie viel sich in der damals noch kleinen Community verändert hatte. „Das zweite Mal ließ mich das Thema nicht mehr los. Ab 2012 wurden wir in diesen Kaninchenbau gesaugt, und wir sind immer noch drinnen“, erzählt er.

Ihre erste Mining-Farm für Bitcoins bauen sie in Bosnien auf

Nach dem denkwürdigen nächtlichen Erwachen reagierte er schnell. Nachdem der Preis so schnell gestiegen war und sich die Anschaffung seiner Mining-Hardware innerhalb von Tagen amortisiert hatte, war ihm klar, dass er im großen Stil einsteigen wollte. Dafür brach er sogar sein Studium ab, obwohl er eine „vielversprechende Karriere“ vor sich gehabt hätte, wie er selbst sagt.

Gemeinsam mit Marco Krohn, den er aus der Münchner Bitcoin-Community kannte, baute er eine Mining-Farm in Bosnien-Herzegowina auf. Dort gab es große Hangars zu günstigen Mieten und billigen Strom – unerlässlich, um effizient Bitcoins zu minen.

Wie alle Pioniere hat Streng die eine oder andere Anekdote von diesem oder jenem Coup zu erzählen. Denn natürlich waren er und seine Partner nicht die Einzigen, die plötzlich berauscht waren von Kryptowährungen. Es gab weltweit viele mehr. Und was brauchten sie alle? Leistungsfähige Technik, um die komplizierten Rechenoperationen durchzuführen, mit denen Bitcoin-Transaktionen in einem dezentralisierten Netzwerk bestätigt und dokumentiert werden und für die es zur Belohnung neue Bitcoins gibt – was in der Szene in Anlehnung an den Goldrausch als Schürfen (Mining) bezeichnet wird.

Neugierigen erzählen die Genesis-Gründer, sie würden eine Wäscherei betreiben

Und wie zu Goldrauschzeiten, als Schaufeln und Spitzhacken ein knappes Gut waren, wurden im Bitcoin-Rausch die Grafikkarten knapp. Viele Händler waren ausverkauft, andere verkauften nicht mehr, weil es lukrativer war, die Karten zu behalten und Bitcoins selbst zu „minen“. Streng gelang es, einen Händler zu finden, der noch Vorräte hatte und der über Monate hinweg Tausende Karten lieferte. Und sich wunderte, was die jungen Menschen damit anstellten. Die Antwort, die er erhielt: Gesichtserkennung und Bildverarbeitung. Ebenfalls ein Märchen bekam die Bevölkerung in Bosnien zu hören: Sie betrieben eine Wäscherei, erzählten Streng und sein Team, und erklärten damit die enorme Abwärme, die aus dem Gebäude entwich. Das Ziel: Die Operation, mit der so viel Geld verdient wird, so gut wie möglich zu verschleiern.

Denn das Krypto-Geschäft zieht auch düstere Gestalten an. Industriespionage ist da fast noch das Harmloseste. Hacker, die versuchen Computer zu kapern und Bitcoins und andere Währungen zu stehlen, sind ein permanentes Problem der Szene – das sich verschärft, je wertvoller die Kryptowährungen werden. Auch zu Entführungen kam es schon.

Alles Geld der Welt

Anstieg: Der Bitcoin hat am Freitag seinen Kursanstieg fortgesetzt und war erstmals mehr als 41 000 Dollar (circa 33 400 Euro) je Einheit wert. Damit trieb er auch den Gesamtwert aller Kryptowährungen nach oben. Dieser lag am Freitag bei fast 1,1 Billionen Dollar (circa 900 Milliarden Euro).

Vergleich: Auch wenn diese Summen enorm groß sind, so sind sie im Vergleich zu anderen Vermögenswerten noch klein. Das zeigt eine Übersicht der Website Visualcapitalist vom vergangenen August, die als Vorlage für unsere Grafik gedient hat. Zwar sind die dafür verwendeten Daten jetzt schon ein paar Monate alt (mit Ausnahme des aktuellen Werts der Kryptowährungen), gleichwohl werden die Dimensionen dadurch fassbar. Nicht auf die Seite gepasst haben um ein Vielfaches größere Vermögen wie zum Beispiel der globale Immobilienbestand. FR

Bald waren die deutschen Goldgräber auf der Suche nach weiteren Orten, um ihre Fabriken zu bauen. Die Wahl fiel zunächst auf Island. Denn auch dort ist der Strom aufgrund von Geothermie und Wasserkraft günstig. Außerdem ist das Klima kalt. Das ist wichtig, um die Prozessoren zu kühlen. „Strom spielt in unserem Geschäft eine große Rolle“, sagt Streng. Die Kosten dafür gehen monatlich in die Millionen.

In einem Video führt Streng durch die Anlage in Island. Sie liegt fernab aller Zivilisation, aber direkt bei einem Geothermiekraftwerk. Wer den Ort kennt und zu der Anlage möchte, muss kilometerweit über Schotterpisten fahren und wird mit Kameras und Bewegungssensoren frühzeitig erfasst. In den Hallen stapeln sich die Rechner auf Hunderten Regalmeter. Es herrscht ein ohrenbetäubender Lärm wie an einer Autobahn. Und das Gebäude wird so stark belüftet, dass es Streng beim Rundgang durch die verschiedenen Bereiche eine Tür aus der Hand schlägt.

„Ein Monat in der Kryptowelt ist ein Jahrzehnt in der Stahlindustrie“

Das von Streng und Krohn 2013 gegründete Unternehmen Genesis Mining hat heute zwölf Datencenter in sechs Ländern und gilt als die größte Kryptomining-Firma der Welt. Sie betreibt die Computerinfrastruktur, die zum Schürfen benötigt wird, und stellt sie gegen ein Entgelt jedem und jeder zur Verfügung. Denn es reicht längst nicht mehr, im Studentenwohnheim ein paar Grafikkarten anzuschließen. Während man früher auch mit einem gewöhnlichen Laptop eine erkleckliche Menge an Bitcoins schürfen konnte, sind die dafür nötigen Rechenoperationen seither immer aufwendiger geworden. Das ist so gewollt, um das Schürfen der auf 21 Millionen Stück begrenzten Bitcoins zu erschweren. Mittlerweile hat nur noch eine Chance, wer mit den besten spezialisierten Chips arbeitet. Das Mining-Geschäft sei extrem brutal, und es gebe enorme Konkurrenz, sagt Streng.

Jeden Tag wird derzeit eine feste Menge von 900 Bitcoins zum Minen freigegeben. Wenn sich die Bitcoins anschließend teuer verkaufen lassen, lohnt sich das Geschäft für viele im Markt. Bei niedrigen Preisen wie nach dem Absturz 2018 überleben nur die Besten mit den tiefsten Kosten, sie bekommen dann mehr von den täglichen 900 Bitcoins.

Wer erfolgreich sein will, braucht neben günstigen Mieten, niedrigen Strompreisen und effizienter Technik auch eine gewisse Größe. Außerdem müsse man schnell sein. „Ein Monat in der Kryptowelt ist ein Jahrzehnt in der Stahlindustrie“, so Streng, der auch schon einmal Jumbojets mietete, um die neue Hardware zügig zu bekommen.

Das Bitcoin-Netzwerk verbraucht gewaltige Mengen Strom

Wenn Streng die Bedeutung von Bitcoin erklärt, nutzt er sparsame Gesten, die trotzdem energisch wirken und läuft beim Erzählen auf und ab. Die Begeisterung ist ihm anzumerken: Immer wenn er von der Brutalität des Geschäfts erzählt, von den verrückten Zeiten früher und den verrückten Zeiten jetzt, muss er grinsen. Der 31-Jährige wirkt dabei, als sei er selbst immer noch von seiner Geschichte überrascht.

Er ist überzeugt davon, dass Kryptowährungen und der Bitcoin eine große Zukunft haben. „Die Blockchain-Technologie ist fast magisch“, findet Streng. Sie schaffe ein Netzwerk, das ohne Mittelsmänner auskomme und das Sicherheit durch die Logik der Mathematik schaffe. Auf dieser Basis könne Geld transferiert, aber zum Beispiel auch Verträge dokumentiert werden.

Vor diesem Hintergrund verteidigt er auch den hohen Energieverbrauch der Kryptowährungen. Dieser entspricht in etwa dem Jahresstromverbrauch Belgiens. „Diese Industrie verbraucht keine Energie, um Status-Updates zu veröffentlichen und Memes zu verschicken“, spielt er zum Beispiel auf Facebook an, „sondern um die Welt des Geldes und des Wertaustauschs zu revolutionieren.“ Die Unternehmen der Szene hätten ein Interesse daran, Stromkosten und -verbrauch niedrig zu halten. Sie setzten deshalb auf effizientere Technologien und würden dort hinziehen, wo erneuerbare Energien im Überfluss vorhanden seien.

Für den Jungstar gibt es aktuell allerdings auch ordentlich Gegenwind im Netz. Eine nicht unerkleckliche Zahl an Menschen beschwert sich zum Beispiel auf dem Portal Trustpilot darüber, dass das Unternehmen vorhandene Krypto-Guthaben nicht, nur scheibchenweise oder erst nach langem Hin und Her auszahle, dass sich das Geschäft finanziell nicht lohne oder Verträge plötzlich gekündigt würden. Manche werfen Genesis Mining deshalb Betrug vor. Streng hält dagegen, dass der Kundenansturm das Unternehmen zeitweise überfordert habe und deshalb Probleme auftreten würden. Also nur Wachstumsschmerzen, wie man sie auch bei anderen Start-ups schon gesehen hat?

Strengs Optimismus jedenfalls bleibt groß. „Jetzt sind so viele Menschen in diesem Bereich engagiert, es ist so viel Geld investiert, und Bitcoin hat so viel Widerstandsfähigkeit gezeigt. Ich denke, dass wir spannende Zeiten vor uns haben“, sagt Streng. Jungen Menschen empfiehlt er mit Blick auf seine Biografie: „Wenn du etwas willst und wirklich dahinterstehst, kannst Du in der heutigen Welt alles erreichen.“

Ergänzung: Wir haben dem Text nachträglich eine Passage bezüglich der Kritik im Netz hinzugefügt.