Julian Schmelzle auf einem Hügel über der Stadt Homberg (Efze)
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Das halbe Jahr in Homberg soll kein Urlaub sein, sagt Julian Schmelzle. Er will auch etwas beitragen.

Ländlicher Raum

Homberg statt Berlin: Schluss mit Großstadt

  • Jakob Maurer
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Beim „Summer of Pioneers“ im nordhessischen Homberg testen 20 Stadtmenschen das Leben auf dem Land – und auch die Alteingesessenen sollen etwas davon haben. Kann das funktionieren?

Julian Schmelzle lehnt an einer Bank ein paar Schritte außerhalb von Homberg (Efze) und blickt auf Nordhessen. Vor ihm leuchtet der Raps gelb, die Hügel des Knüllgebirges schwingen in ruhigen Wellen den Horizont entlang, Kühe weiden: „Total Bilderbuch“, nennt er das. „Ich kenne keine Stelle in Frankfurt, zu der man zu Fuß nur ein paar Minuten braucht und dann so eine Aussicht hat.“ Seit wenigen Tagen ist Homberg sein neuer Erstwohnsitz.

Frankfurt war einmal. Die Wohnung ist gekündigt. Bis Ende April wohnten er und seine Frau dort. Der 33-Jährige arbeitete freiberuflich beim Rundfunk und schob lange Schichten, zwölf bis 14 Stunden im Dunkel des Sendewagens. „Da hockst du dann drin und wirst trauriger von Stunde zu Stunde.“ Und am Wochenende „läufst du gefühlt mit 300 anderen wie die Lemminge im Kreis“. Deswegen jetzt der „Ausbruch aus dem Hamsterrad“.

Raus aus der engen, teuren Großstadt: Die Neuen kommen aus Berlin, Wien, Jena und Rhein-Main

Schmelzle und seine Frau sind nicht die einzigen Neuankömmlinge in der Kreisstadt des Schwalm-Eder-Kreises gut 30 Kilometer südlich von Kassel. Unter die paar Tausend Hombergerinnen und Homberger mischen sich seit Anfang Mai 20 Menschen zwischen 30 und 61 aus Großstädten und Metropolregionen, aus Berlin, Wien, Jena und der Rhein-Main-Region. Nicht jede:r hat direkt die Wohnung gekündigt, die meisten machen auch ihren Job weiter. Aber alle wollten sie ´raus – und ein Experiment antreten. Sie probieren das aus, was vielen Städter:innen nach einem Jahr Pandemie mit all ihren Einschränkungen gerade durch den Kopf geistern dürfte: Warum nicht weg aus der engen und teuren Großstadt, wenn sich Teile der Arbeitswelt gerade vom Ort unabhängig machen? Mitten im von Leerstand heimgesuchten Fachwerk-Kern von Homberg beziehen sie für ein halbes Jahr ihr neues Quartier. Die Kleinstadt, die viele Ortsfremde vermutlich nur als Ausfahrt der A7 auf dem Weg an die Nordsee oder in den Skiurlaub kennen, richtete für sie Unterkünfte hauptsächlich in stadteigenem Leerstand her oder funktionierte Räumlichkeiten um. Bis November zahlen die Teilnehmenden eine verringerte Miete. Nach dem halben Jahr sollen die Wohnungen regulär oder als Ferienwohnungen vermietet werden, erklärt Organisator Jonathan Linker, der selbst aus der Gegend kommt.

Das schöne Fachwerk täuscht. Wie viele Kleinstädte hat Homberg mit Leerstand zu kämpfen. Werden die Neuankömmlinge dem Marktplatz neues Leben einhauchen?

Das Landleben auf Zeit macht Linkers Projekt „Summer of Pioneers“ möglich. Aufgrund der Pandemie ist es im Mai ein Jahr später als geplant gestartet. In Kooperation mit den Kommunen bietet die Initiative den Teilnehmenden, die größtenteils aus digitalen Kreativbranchen kommen, einen Ort für neue Inspiration und neben den Unterkünften einen zentralen Coworkingspace, der gerade in einem Haus am Marktplatz entsteht. Im Gegenzug wird auf Impulse für die Stadtentwicklung gehofft. Zwei weitere „Summer of Pioneers“-Projekte laufen parallel in Tengen bei Konstanz und Altena im Sauerland an. Im brandenburgischen Wittenberge endete vor einem Jahr die erste Auflage: Von 27 Teilnehmenden blieben mehr als die Hälfte in der Region.

Die Bank, an der Julian Schmelzle lehnt, ist ein erstes kleines Projekt. Neben dem Fernsehjob hat er eine Leidenschaft für Holzprojekte entwickelt und da fiel ihm auf: Die Bank hat zwar die schönste Aussicht, aber keine Sitzfläche. Er zeigt auf helle Stellen auf den Seitensteinen, wo drei Latten mal das Wetter fernhielten. Dafür will er Holz besorgen, zuschneiden, abschleifen, lackieren, festschrauben: machen, tun – das halbe Jahr in Homberg soll kein Urlaub sein, sagt er, sondern die Gruppe wolle gemeinsam mit den Menschen von hier zweierlei ´rausarbeiten: Was hier toll ist, und was strukturell fehlt. Was nutzt schließlich die schönste Aussicht ohne Sitzgelegenheit?

Summer of Pioneers in Homberg: Die Lösung für den Leerstand in der historischen Altstadt?

Für Hombergs Bürgermeister Nico Ritz steht über allem die Frage: „Wie funktionieren Innenstädte in der Zukunft?“ Zum Leerstand sagt er am Telefon: „Gefühlt ist es mehr als tatsächlich.“ Vor allem Erdgeschosse, in denen früher Geschäfte betrieben wurden, blieben als Problem. Abgesehen davon sei der Bevölkerungsschwund im Zentrum gestoppt. „Der Einzelhandel“, so jedoch seine Prognose, „wird niemals all diese Flächen jemals wieder benötigen“. Mit dem „Summer of Pioneers“ will er deshalb testen: „Kann so eine historische Altstadt wie Homberg zum Wohn- und Lebensraum für digital arbeitende Menschen werden?“

Im Zentrum trägt Sarah Ackermann ihre letzte Umzugskiste schnell die Treppe hinauf in ihr neues WG-Häuschen. Es beginnt zu regnen, als sie in eine der elf bereitgestellten Wohnungen einzieht. Für das Projekt hatte sich die 35-Jährige ganz spontan erst im April beworben und kurz darauf die Zusage erhalten. Sie überlegt, vor Ort ein digitales Netzwerk aufzubauen, das dabei helfen soll, Fachleute für bestimmte Themengebiete zu finden, „praktisch wie ein Gelbe Seiten 2.0“, wie sie sagt.

Sarah Ackermann arbeitet bei einer Agentur im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Summer of Pioneers: Die Corona-Krise hat die Sehnsucht nach dem Leben auf dem Land verstärkt

Mehr als hundert Menschen hätten sich mit Konzepten und Ideen beworben, erzählt Organisator Linker, der bei Ackermanns Einzug mit anpackt. Nach der Verschiebung auf 2021 blieben sieben der Teilnehmenden aus dem Vorjahr dabei. Für den Rest war der Ersatz schnell gefunden. Mit der Corona-Krise, mutmaßt Linker, sei „das Thema nochmal viel haptischer geworden“. Das Projekt soll eine Lücke schließen: „Die Sehnsucht nach einem Leben auf dem Land ist groß, Angebote gibt es aber eigentlich gar nicht.“

Drinnen in Ackermanns neuem Zuhause wirkt es noch improvisiert: Ein Schreibtisch ist zu viel, ein Bettgestell zu wenig. PVC-Boden und Akustikdecke lassen erahnen, dass hier gegenüber vom Rathaus noch bis vor einigen Wochen das Standesamt saß.

Zukunft hat eine Stimme

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme - mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft

WEITERLESEN: Das Berlin Institut hat vor kurzem die Studie „Digital aufs Land. Wie kreative Menschen das Leben in Dörfern und Kleinstädten neu gestalten“ herausgebracht. Sie untersucht 56 Projekte, Netzwerke und Initiativen mit ähnlicher Zielsetzung wie der „Summer of Pioneers“.

Hat sie alles Wichtige dabei? Die gute Matratze für den Rücken wird ausgerollt, der zweite Monitor lugt aus einer Umzugskiste und „der Laptop natürlich, dann bin eigentlich happy“, sagt Ackermann. Sie ist Angestellte einer Frankfurter Werbeagentur, die im Bahnhofsviertel ansässig ist. Das komplette vergangene Jahr arbeitete sie aber aus ihrer Wohnung in der Vorstadt Dreieich.

Nun eben von Homberg aus. Wie es jedoch im Detail mit Home-Office und Präsenzarbeit weitergeht, wenn sich die Lage im Sommer entspannen sollte, sei mit dem Arbeitgeber noch nicht final geklärt. Trotz mehr als einem Jahr Arbeit aus der Ferne sieht Ackermann nicht nur beim eigenen Unternehmen, sondern allgemein bei kleinen Firmen in dieser Frage noch Nachholbedarf. Nicht alle seien so überzeugt wie sie: „Wenn Arbeiten vom Wohnzimmer in Dreieich aus geht, dann geht es doch auch von hier aus.“

Von der Stadt aufs Land: Remote Work macht es möglich

Tobias Reitz hat seinen Arbeitslaptop bereits aufgeklappt. Er sitzt mit Cordhemd und hipper Kappe wenige Schritte Richtung Marktplatz an der schweren Holztheke der ehemaligen Tourist-Info. Rundherum dicke Balken, alte Steinmauern: „Das würde man sonst auf Airbnb buchen“, sagt er und lacht. Seit einigen Tagen wohnt er hier auf drei kleinen Stockwerken mit seiner Frau und den zwei jungen Söhnen. Wanderrouten und Stadtpläne gehen nun in einem neuen Fremdenverkehrsbüro auf der anderen Seite des Homberger Marktplatzes über den Tisch.

Tobias Reitz neuer Arbeitsplatz ist die Holztheke der früheren Touristen-Info.

Mit seiner Darmstädter Agentur hat Reitz im vergangenen Jahr rund 200 Workshops zum Thema „Remote-Arbeit“ gegeben. Wenn er dabei die These vertritt, „Arbeiten ist ortsunabhängig durchführbar“, kann er nun die Webcam einmal nach rechts schwenken und durch die Fensterfront der alten Touristen-Info der Videokonferenz die Homberger Altstadt zeigen – als lebender Beweis sozusagen.

Summer of Pioneers in Homberg: „Gastronomisch ein Downgrade“

„Ich weiß nicht, ob es ein Lebensmodell auf Dauer ist“, sagt der 34-Jährige, „aber es ist schön, es auszuprobieren.“ Gastronomisch sei es durchaus ein „Downgrade“, sagt er mit einem Augenzwinkern, er könne nicht eben mal vor die Tür und sich ein Falafel-Sandwich holen. Und beim Gang durch die Gassen sei ihm aufgefallen: „Es ist tatsächlich ein wenig ausgestorben hier.“

Ein Fischbrötchen würde Reitz eine Tür weiter aber immerhin bekommen. Die verkauft Jürgen Dillenberger in seinem Imbiss seit gut 20 Jahren. Gerade hat er seinen Laden abgeschlossen und macht sich auf den Heimweg. Beim Blick auf den Marktplatz beschönigt auch er die Lage nicht: „Es ist schon dramatisch.“ Ein Geschäft nach dem anderen mache im historischen Ortskern zu. „Ich überlege auch, ob ich das lange weiter machen kann.“ Von der Lokalpolitik hätte er sich früher einen runden Tisch mit allen Beteiligten gewünscht. Den „Summer of Pioneers“ findet er gut: „Vielleicht kommt dadurch ein bisschen mehr Schwung rein.“

Die Alteingesessenen in Homberg hoffen auf neue Ideen und frischen Schwung

Bekim Rushiti, der am Platz seit 25 Jahren ein Eiscafé betreibt, sagt zum Projekt: „Warum nicht? Das sind junge Leute, und von denen kommen neue Ideen.“ Auch er bedauert aber, dass es seit dem Hessentag, für den sich Homberg 2008 ´rausputzte, in der Altstadt bergab ging.

Kathrin Hitziggrad vermittelt mit ihrer „Agentur für Zwischennutzung“ Leerstand übergangsweise an Kreative.

Mit Kathrin Hitziggrad geht es bergauf. Gizmo, der Labrador der Pionierin, wuselt beim Feierabend-Spaziergang auf den Burgberg umher. Wenn das Frauchen stehen bleibt, um einen Gedanken auszuführen, winselt er ungeduldig und zieht bald wieder mit voller Wucht an der Leine. „Ein gewisser Leerstand ist gesund“, sagt sie zur Situation im Ortskern. Als Immobilienfachwirtin und Stadtgestalterin hat sie einen Blick für Räume. Hitziggrad ist aus Jena zum Projekt dazugestoßen. Dort hat sie unter anderem die „Agentur für Zwischennutzung“ gegründet. Mit ihr vermittelt sie Leerstand übergangsweise an Kreative: beispielsweise eine Galerie für ein halbes in ein leeres Geschäft.

Dieses Konzept will sie auch in Homberg anwenden. Die Häuser und Gassen seien sehr einladend. Umso bitterer finde sie es, „dass viele Räume ungenutzt und nicht vermietet sind.“ Ginge es nach ihr, sollten sich die leeren und dunklen Schaufenster möglichst bald mit lokalen Kreativköpfen und deren Projekten füllen – so die Idee nach den ersten Wochen vor Ort.

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Oben angekommen schweift ihr Blick über die Burgmauer auf die Ortsteile Hombergs: den Fachwerk-Kern, die Neubaugebiete, das Einkaufszentrum: „Das hat man nicht alle Tage, dass man einen Ort und seine Leute so gut kennenlernen kann“, sagt sie. Sobald es Corona zulässt, soll ein Austausch in größerer Runde stattfinden.

Für den Anfang haben sich die Neuankömmlinge ersatzweise eine Hausaufgabe aufgegeben: mit drei Einheimischen ins Gespräch zu kommen.