Im neuen Stadtteil Tengah soll der Autoverkehr komplett unter die Erde verlegt werden. Oben sind nur Füße, Fahrräder und die städtische Schnellbahn erlaubt.
+
Im neuen Stadtteil Tengah soll der Autoverkehr komplett unter die Erde verlegt werden. Oben sind nur Füße, Fahrräder und die städtische Schnellbahn erlaubt.

Urbanisierung

Stadtdschungel vom Reißbrett

  • VonFelix Lill
    schließen

Singapur ist ein Ort der Extreme: Nach knallharter Urbanisierung plant der asiatische Stadtstaat die radikale ökologische Wende. Dazu gehören autofreie Zentren, automatische Müllabfuhr und sehr viele neue Bäume.

Wer noch nie in Singapur war, denkt beim Klang des Namens oft an blankgeputzte Straßen, strenge Verzehrverbote in U-Bahnen und drakonische Strafen bei kleinen Regelbrüchen. Vielleicht auch an den riesigen Containerhafen, eine Übermacht an Glas- und Stahlbauten im Stadtbild sowie knappen, teuren Wohnraum. Weniger in den Sinn kommen dürften seltene Vogelarten, Krokodile und Urwald. Dabei besteht knapp die Hälfte der Fläche von Singapur aus Wald. Auch wenn die Natur über die Jahrzehnte zurückgedrängt wurde.

Über die nächsten Jahre aber sollen diese zwei Gegensätze des wohlhabenden Stadtstaats – hochurbanisierter Raum und Dschungel – wieder vereint werden. Im Westen der tropischen Metropole entsteht gerade die Smartcity „Tengah“, die nicht nur städtebauliche Fortschritte wie eine automatisierte Müllabfuhr und ein autofreies Zentrum ankündigt. Zum internationalen Aushängeschild soll die Gegend unter ihrem offiziellen Spitznahmen „Waldstadt“ werden – denn die Stadtplaner versprechen, dass sie so grün werde, wie keine vergleichbare vor ihr.

Das 700 Hektar große Gelände, das einst teilweise als Ziegelsteinfabrik und später als Militärübungsplatz fungierte, wird seit Jahren aufgeforstet. 42 000 Wohnungen entstehen hier im Grünen und sollen bis 2023 bezugsfertig sein. Autos fahren in Tengah nur unter Grund, über der Erde ist dafür ein Fünftel für Grünflächen reserviert. Kinderspielplätze sollen von Regenwaldvegetation umgarnt sein, durchs Zentrum ein 100 Meter langer Regenwaldweg führen.

„Waldstadt“ Tengah: Gigantische Wohnungsbauprojekte sind in Singapur nichts ungewöhnliches

Für Singapurs staatliche Entwicklungsbehörde ist so ein Großbauprojekt an sich nichts Neues. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs ist es schon das 24. Wohnungsbauprojekt. Der Stadtstaat ist dafür bekannt, dass rund 80 Prozent seiner Bevölkerung in Wohnungen staatlicher Bauprojekte leben. Auch der Eigentümeranteil ist mit rund 90 Prozent extrem hoch im Vergleich zu anderen Staaten, auch wenn Privatpersonen hier in der Regel nur die Immobilie gehört, nicht aber der Grund. Dennoch: In Deutschland liegt die Eigentümerquote bei kaum 47 Prozent.

Das Projekt in Tengah soll weitere Wohneigentümer:innen schaffen. Und dies dürfte gelingen. Denn für Staatsbürgerinnen Singapurs ist Wohnraum nicht allzu teuer. Eine 5-Zimmerwohnung, wenn auch mit nach europäischen Standards kleinen Räumen, wird für umgerechnet rund 250 000 Euro angeboten. Erworben werden Wohnungen in der Regel mit Mietkaufmodellen, also in Form von Eigenkapitalhinterlegungen und monatlichen Mietausgaben, die sich schließlich in Eigentum umwandeln. Auf diese Weise können sich auch Menschen mit geringem Verdienst eine Wohnung leisten. Horrende Mieten zahlen eher die vielen Leute aus dem Ausland, die zum Arbeiten kommen.

Weil die Regierung des autoritären Stadtstaats die mit Abstand wichtigste Investorin auf dem Immobilienmarkt ist, kann sie nicht nur die Preise diktieren, sondern auch die Beschaffenheit des Wohnraums. Schon lange fallen Singapurer Wohnungen dadurch auf, dass sie platzsparend, aber nicht unbedingt eng sind. Und je neuer die Bauprojekte hier sind, desto mehr macht sich auch ein Fokus auf Nachhaltigkeit bemerkbar.

Warum Singapur?

Mit dem Projekt „Zukunft hat eine Stimme“ wollen wir neue Ideen und Initiativen vorstellen, die Antworten auf drängende Zukunftsfragen liefern könnten. Dennoch stehen wir den Menschen oder Institutionen hinter diesen Ideen deswegen nicht unkritisch gegenüber.
Wir betonen das an dieser Stelle, da Singapur zwar offiziell eine repräsentative Demokratie ist, faktisch aber als Einparteienstaat gilt, der zumindest teilweise autoritär regiert wird. Mit den Werten der FR stimmt das nicht überein. Gleichzeitig nimmt Singapur in Sachen Stadtentwicklung eine Pionierrolle ein – gerade wenn es um öffentlichen Wohnraum und Nahverkehr geht. Diese Ideen wollen wir abbilden, ohne damit die Regierung zu glorifizieren. FR

In Tengah soll künftig etwa jede Einwohnerin per App laufend über ihren Energieverbrauch informiert sein, was nicht zuletzt durch Vergleichsfunktionen mit den Nachbarn zu Sparsamkeit anregen möge. Hinzu kommt eine Innovation bei der Müllabfuhr: sie soll automatisch durch ein Pressluftsystem funktionieren, das die Abfälle pro Wohnblock in eine zentrale Stelle unter der Erde verlagert. Dort werde dann seltener ein Müllwagen durchfahren, als es sonst nötig wäre. Und da es unter Grund geschieht, ist dies zumindest für die Anwohner:innen außer Sichtweite.

Zudem soll ein Agrikulturbezirk gemeinschaftliche Landwirtschaft fördern. Mitten in der Waldstadt entsteht eine kooperativ zu bewirtende Grünfläche, an der diverse Gemüse und Früchte angebaut werden können. Die erklärte Hoffnung dahinter: Sobald Menschen einer höchst urbanisierten Kultur wieder die Nähe zu ursprünglichen Ressourcen erhalten und diese mit ihren eigenen Händen zu pflegen und nutzen beginnen, werden sie auch ihre Umwelt mit mehr Respekt behandeln.

Seit den 1960er Jahren ist Singapur von zwei auf sechs Millionen Menschen angewachsen

Das ganze Vorhaben ist auch ein Versuch der Rückgewinnung verlorengegangener Natur. Der Gründungslegende zufolge war Singapur einst ein heißes Pflaster der Tiere. Im 14. Jahrhundert soll ein Prinz an den Ort gekommen sein und dort zum ersten Mal im Leben einen Tiger gesehen haben. Die sanskritischen Wörter „simha“ für Löwe und „pura“ für Stadt ergaben Singapur. Noch im 19. Jahrhundert bestand die Halbinsel an der Südgrenze von Malaysia großteils aus Primärwald, ehe in der britischen Kolonialzeit diverse Bereiche abgeholzt wurden. Im 20. Jahrhundert folgte dann Urbanisierung im großen Stil durch die britische Kolonialmacht.

Mit der Unabhängigkeit Singapurs Mitte der 1960er Jahre folgte dann ein schnelles Bevölkerungswachstum, von damals knapp zwei auf heute knapp sechs Millionen Einwohner:innen, was über Jahrzehnte auch das Wirtschaftswachstum antrieb. Singapur entwickelte sich zu einem hochindustrialisierten Handelshub, in dem nicht etwa nur Eliten reich wurden, sondern ein Großteil der Gesellschaft es zu Wohlstand brachte. Nur wurde mit zunehmendem Reichtum auch die Luft verschmutzt und die Natur zurückgedrängt.

Seit Jahrzehnten versucht Singapur, die Schäden der schnellen Urbanisierung zu beheben, wie hier im Bishan-Ang Mo Kio Park, durch den der renaturierte Kallang-Fluss mäandert.

In dem von Ozean umgebenen Küstenland gingen über die letzten knapp 70 Jahre knapp 90 Prozent der Mangroven verloren, die wichtiger Lebensraum für diverse Tierarten sind und zudem CO2 speichern können. An die 300 Vogelarten nutzen sie, außerdem unter anderem Krokodil- und Otterarten, für die die Umwelt strenger geworden ist. Der Verlust von Vegetation an Land hat zudem steigende Temperaturen begünstigt. In Singapurs Waldgebieten ist es um die zehn Grad kühler als in der dichtbebauten Innenstadt, wo Wärme eher aufgestaut wird. Auch über die nächsten 15 Jahre dürften Prognosen zufolge weitere 13 000 gefällt werden, um Platz für Straßen und Häuser zu machen.

Dabei wird seit Jahren gegengesteuert. Im März letzten Jahres beschloss die Regierung, dass bis 2030 sollen im Rahmen der Aufforstung eine Million Bäume gepflanzt worden sein. Im Oktober waren die ersten 50 000 in die Erde gesetzt. Langfristig, so der Plan, werde jeder gefällte Baum durch mindestens einen neuen ersetzt. Auch dadurch soll es künftig von jeder Wohnung im Stadtstaat aus höchstens ein zehnminütiger Fußweg sein, bis eine Parkanlage erreicht wird.

Auch der Energieverbrauch soll in Singapurs neuem Stadtteil Tengah drastisch sinken

In der neuen Siedlung Tengah, die selbst als großer Park angelegt ist, will man zudem Energie einsparen. Bisher sind Singapurs CO2-Emissionen pro Kopf höher als jene in Großbritannien und nur etwas niedriger als jene in Deutschland. Ein Drittel der Ausstöße privater Haushalte entfällt hier auf den heimischen Energieverbrauch vor allem durch Klimaanlagen, was inmitten des Klimawandels noch zunehmen dürfte. Durch die Wohnungen von Tengah soll kühles Wasser durch Rohre gepumpt werden, womit Klimaanlagen unnötig werden und ein Verbrauch, der jenem von 4500 Autos entspricht, wegfallen soll.

Lesen Sie auch: Kurze Wege und Gemeinschaft - in Wien wird die feministische Stadt geplant

Aber nicht nur gute Nachrichten sind aus der gerade entstehenden „Waldstadt“ zu hören. Die Organisation Nature Society Singapore kritisiert, dass für das Riesenprojekt zunächst Bäume gefällt werden müssen. Und währenddessen kommt es zu weiteren Problemen. Im Frühjahr berichtete die Tageszeitung Straits Times, wie eine Stahlkonstruktion zusammenbrach und in eine Containerunterkunft für Bauarbeiter krachte. Niemand sei verletzt worden, hieß es von Behörden sofort. Aber in der versprochenen Harmonie zwischen Mensch und Natur ist man noch nicht angekommen.