Männer fahren viel häufiger Auto als Frauen. Zur gerechten Infrastruktur gehört deswegen ein gutes Wegenetz - auch für jene, die das Rad schätzen.
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Männer fahren viel häufiger Auto als Frauen. Zur gerechten Infrastruktur gehört deswegen ein gutes Wegenetz - auch für jene, die das Rad schätzen.

Raumplanung

Die feministische Stadt

  • vonStefanie Nickel
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Schon neunjährige Mädchen ziehen sich aus dem öffentlichen Raum zurück. Und auch erwachsene Frauen fühlen sich dort nicht immer wohl. Wie Städte sich verändern müssen und warum das allen helfen würde, erklärt Genderplanerin Eva Kail.

Frau Kail, Sie sind Pionierin auf dem Gebiet der geschlechtergerechten Stadtplanung. Was ist so ungerecht an unseren Städten?

Europäische Städte wurden von Männern für Männer entworfen. Ihre Infrastruktur, ihr Verkehrsfluss und ihre Architektur waren auf den berufstätigen Mann ausgerichtet, der mit dem Auto oder dem öffentlichen Nahverkehr von zu Hause zur Arbeit und wieder zurück fährt. Frauen sind in diesen Planungen lange nicht konsequent mitgedacht worden.

Welche Folgen hat das für Frauen?

Ein junges berufstätiges Paar hat in der Stadt vielleicht noch ähnliche Bedürfnisse, kommen aber Kinder dazu, verändert sich das. Denn es sind bis heute in der Mehrheit die Frauen, die neben der Erwerbsarbeit Kinder zur Kita bringen, ältere Angehörige im Alltag unterstützen und einkaufen gehen. Dafür müssen sie oft zeitintensive Wege auf sich nehmen – und das kann letztlich auch zulasten ihrer Karriere gehen. Wer das Recht der Frauen auf Stadt stärken und zu mehr Gleichberechtigung beitragen will, muss diese Care-Perspektive mitdenken.

Sie sind Stadtplanerin in Wien, haben dort in den vergangenen 30 Jahren Dutzende Projekte realisiert und wissenschaftlich begleitet. Wie lässt sich die Stadt so verändern, dass sie für alle lebenswert ist?

Feministische Planerinnen plädieren seit den 70er Jahren für eine Stadt der kurzen Wege. Das heißt: Je dichter das Angebot und je besser die Infrastruktur ist, desto mehr unterstützt das die Alltagsorganisation und spart Zeit. Die Kita liegt bestenfalls neben dem Supermarkt, neben dem Altenheim und neben den Arztpraxen. Diese Infrastruktur können natürlich auch Männer nutzen und davon profitieren. Wichtig ist auch das Miteinander: Parkanlagen kommen da eine immense Bedeutung zu. Dort spielen Kinder miteinander und lernen Familien sich kennen. Parks schaffen das soziale Kapital einer Stadt. Es sind die Orte, an denen Nachbarschaft entsteht, an denen Familien sich gegenseitig unterstützen.

Eva Kail ist Diplom-Ingenieurin und Expertin für frauengerechtes Planen und Bauen bei der Stadtbaudirektion Wien. Sie hat diesen Bereich schon seit den 1990er Jahren mitgeprägt.

Wie sieht der gendergerechte Park denn aus?

Neue öffentliche Grünflächen zu realisieren oder bestehende zu erweitern, ist wegen hoher Bodenpreise für die oft klammen Städte zum Luxus geworden. Daher konkurrieren in Parks viele Gruppen um Platz. Wir müssen auf dem begrenzten Raum also besonders darauf achten, die verschiedenen Interessen auszusöhnen, damit sich nicht nur der Stärkere durchsetzt. Wir in Wien versuchen immer ein Wegenetz anzubieten, das möglichst einen Rundweg bereithält, der dann auf vielfältigste Weise bespielt werden kann. Hier können Kinder Radfahren lernen, Erwachsene spazieren gehen, tratschen und Hunde spazieren geführt werden. Gerade für migrantische Gruppen spielt das Flanieren eine große Rolle. Die Wege sollten zudem gut ausgeleuchtet und die Beleuchtung auf die Vegetation abgestimmt sein, damit keine Angsträume entstehen.

Was ist das Problem an der gängigen Parkgestaltung?

Wir haben in unseren Untersuchungen festgestellt, dass sich Mädchen ab etwa neun Jahren aus den Parks zurückziehen. Das Angebot ist stark auf Jungen und junge Männer ausgerichtet. In Wien haben wir daher die geschlossenen Ballkäfige, in die Mädchen und kleinere Jungen sich kaum trauen, geöffnet und Platz für andere Sportarten wie Volleyball gemacht. Auch Rückzugsräume sind für Mädchen und junge Frauen wichtig. Wir arbeiten mit Holzpodesten und robusten Hängematten, die zu einem Renner in Wien geworden sind. Babys werden darin geschaukelt, Liebespaare liegen darin und Mädchengruppen tratschen dort.

Im Fachjargon heißt das, was Sie machen, Genderplanning. Könnte man nicht genauso von guter Stadtplanung sprechen? Warum braucht es diesen speziellen Ansatz?

Die meisten Stadtplaner und Architekten sind noch immer Männer. Wir wissen, dass die eigene Alltagserfahrung unsere Arbeit stark prägt: Man muss also aktiv aufgefordert werden, eine andere Perspektive einzunehmen – damit alle Bewohnerinnen und Bewohner ihren Platz in der Stadt finden. Das Genderplanning ist dafür das ideale Werkzeug. Dabei geht es nicht allein um das biologische Geschlecht, sondern darum, die sozialen Rollen in einer Gesellschaft im Stadtbild abzubilden. Wir berücksichtigen auch Lebensalter sowie kulturelle und soziale Hintergründe. Historisch kommt das Genderplanning aber aus der Frauenbewegung und Frauenpolitik, weil Frauen immer einen Großteil der unbezahlten Arbeit geleistet haben – und diese Care-Perspektive jahrzehntelang in den Planungen ignoriert wurde.

Wir reden von modernen europäischen Großstädten mit aufgeklärten Bürgerinnen und Bürgern. Unterscheiden sich die Wege von Männern und Frauen wirklich so deutlich voneinander?

Ja. Wir haben in den 1990er Jahren in einer Untersuchung herausgefunden, dass zwei Drittel aller Autofahrten von Männern und zwei Drittel aller Fußwege von Frauen zurückgelegt wurden. Weil Mobilitätsplanung lange das Auto priorisierte und für Fußwege nur den Rest vorsah, war das ungerecht. Also starteten wir ein Modellprojekt: In Mariahilf, einem sehr dicht besiedeltem innerstädtischen Bezirk in Wien, verbreiterten wir Gehsteige, installierten Rampen für Kinderwagen und Fahrräder, verbesserten die Beleuchtung und sorgten für sichtbare Übergänge an den Straßen – das erhöhte auch das Sicherheitsgefühl. Heute werden in Wien die Mehrheit aller Wege im Umweltverbund zu Fuß zurückgelegt. Eine bessere Infrastruktur kann also auch dafür sorgen, dass Männer ihr Verhalten ändern.

Aktiv Werden

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme – mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft

WEITERLESEN: Die Stadt Wien stellt rund um das Thema alltags- und frauengerechter Wohnbau weiterführende Informationen bereit. Auch das Projekt der „Frauen-Werk-Stadt“ können Sie sich dort genauer ansehen.

Die „Frauen-Werk-Stadt“, ein Wohnkomplex mit 357 Einheiten, wurde in den 1990er Jahren ausschließlich von Architektinnen geplant. Was ist das Besondere?

Der Lebensalltag von Frauen stand bei sämtlichen Planungen im Mittelpunkt. Es ging viel darum, sozialen Austausch zu ermöglichen. In der „Frauen-Werk-Stadt“ sind viele unterschiedliche Freiräume entstanden: ein Platz, ein Anger, Gartenhöfe und eine Spielwiese. Die ganze Anlage ist autofrei. Kinder können also gefahrlos spielen, Nachbarinnen und Nachbarn sich kennenlernen und Bande knüpfen, um sich dann auch gegenseitig im Alltag zu unterstützen. Kein Haus hat mehr als vier oder sechs Geschosse. Die Innenhöfe bleiben also gut einsehbar. In den Häusern wurden Gemeinschafts- und Nebenräume konsequent mitgedacht, es gibt genügend Stauraum für Kinderwagen, Roller und Fahrräder. Die Waschküchen befinden sich auf dem Dach mit vorgelagerten Gemeinschaftsterrassen. Die Eingänge sind großzügig und einladend gestaltet, Treppenhäuser natürlich beleuchtet, um Angsträume zu vermeiden.

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Städte wachsen und werden verdichtet, Boden- und Wohnungspreise steigen. In Wien entsteht mit Aspern ein Stadtteil für rund 20 000 Menschen, es ist eines der größten Entwicklungsprojekte in Europa. Dringen Sie in diesem Spannungsfeld mit Ihren Ideen durch?

Die Hälfte der Fläche in Aspern ist öffentlicher Raum. Das hat sich die Stadt einiges kosten lassen. Aber es lohnt sich: Das Viertel liegt an einem künstlichen See – es gibt viele Grünflächen für Begegnungen. Kindergärten, Schulen, Geschäfte, Arztpraxen und Apotheken sind vor Ort. Es braucht also keine komplizierten und zeitintensiven Wege. Natürlich gibt es auch Konflikte: Viele Wohnkomplexe haben, anders als von uns gefordert, sieben bis acht Geschosse. Vier bis fünf wären ideal, damit Eltern ihre Kinder auf den Rasenflächen im Blick behalten können und die Gebäude nicht in der Anonymität verschwinden. Dafür sind die Wohnungen günstiger. Ich mag die symbolische Geste, dass die Straßen nach Frauen benannt sind. Ich denke, dass es etwas mit Schülerinnen macht, wenn sie sagen können: Ich wohne am Hannah-Arendt-Platz oder in der Janis-Joplin-Promenade.

Durch die unbezahlte Mehrarbeit, die Frauen durch ungleich verteilte, schlecht organisierte Care-Arbeit und durch unnötige Wege dafür leisten müssen, erleben sie im Karriereverlauf Nachteile. Diese „Leaky Pipeline“ verursacht immense volkswirtschaftliche Schäden. Ist das ihr letztes, stärkstes Argument im kritischen Austausch?

Erschwerte weibliche Erwerbsbiografien sind ein wichtiges Argument. Ein Blick durch die „Genderbrille“ hilft Städten und Kommunen, ihre meist knappen Mittel effizient und zielgruppengerecht einzusetzen. Auch von internationalen Organisationen wie der Weltbank erleben wir ein großes Interesse am Thema gendersensible Stadtentwicklung. Es setzt sich mehr und mehr die Einsicht durch, dass wir die zur Verfügung stehenden Mittel am besten, am wirtschaftlich sinnvollsten einsetzen können, wenn wir uns in der Stadtplanung alle sozialen Gruppen anschauen. So können wir mit unserer Arbeit eine Stadt erschaffen, die zum einen den Frauen mehr Raum gibt – letztlich aber allen Menschen ein besseres Miteinander ermöglicht und die Lebensqualität in Städten erhöht.

Interview: Stefanie Nickel