Auch eine Frittenbude hat im ehemaligen Hertie-Kaufhaus in Oldenburg Platz gefunden.
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Auch eine Frittenbude hat im ehemaligen Hertie-Kaufhaus in Oldenburg Platz gefunden.

Stadtrevitalisierung

Innenstädte: Neues Leben im alten Kaufhaus

  • Peter Riesbeck
    VonPeter Riesbeck
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Gegen die Verödung der Stadtzentren setzen Kommunen auf innovative Konzepte. Dabei spielen zivilgesellschaftliche Initiativen eine treibende Rolle - wie etwa beim „Core“ in Oldenburg oder dem „Haus der Statistik“ in Berlin“

Ein bisschen wird immer noch gewerkelt im neuen Kreativzentrum Core. Aber sie machen sich auf den Weg in Oldenburg. Dort, wo früher im alten Hertie-Kaufhaus die Rolltreppe nach oben führte, steht jetzt eine mächtige Metalltreppe. Im Parterre grüßen „Kaffee Käthe“, eine Patisserie und in der Food-Meile gibt es eine kulinarische Reise durch die neue Welt des trendigen Essens von Pulled Pork bis Tofu. Gleich gegenüber der Marktstände hängen in einem mit erdtiefen Fenstern abgetrennten Raum ausgewaschene Jeans an den Wänden. „Hier wird nicht nur verkauft. Hier passiert was“, sagt Sibylle Kleinhans. Und das klingt so programmatisch wie entschlossen.

Gerade hat Kleinhans ihr Geschäft eröffnet. „Kumoko“ – kuratierter Modekonsum – heißt der Laden. Die Idee umschreibt die Gründerin so: „Wir haben fast alle eine Jeans im Schrank, an der die Zeit nicht spurlos vorübergegangen ist, und mit einer Geschichte, von der wir uns nicht trennen möchten.“ Kleinhans rettet die Erinnerungen. Sie bessert liebgewonnene, aber zerrissene Jeans aus und macht sie zu Unikaten. „Ich unikiere Kleidung“, sagt sie.

Im Core Oldenburg schaffen sie im Zeitalter monotoner Filialisten Unverwechselbares

Auch in Oldenburg schaffen sie im Zeitalter monotoner Filialisten Unverwechselbares. Core – zu deutsch Kern – heißt das neue Kreativzentrum in einer ehemaligen Hertie-Filiale. Der Konzern hatte sein Haus in Oldenburg schon vor zweieinhalb Jahrzehnten aufgegeben, es war der größte Warenhaus in der Region Weser-Ems. Es folgte eine Spielhalle, aber auch die konnte das riesige Gebäude nicht mit Leben füllen. Dann fand sich eine regionale Investorengruppe, um das Haus am Rande der Fußgängerzone in einen Markt der Möglichkeiten zu verwandeln. Im Erdgeschoss lockt ein Ess- und Naschmarkt die Passanten, auch die lokale Brauerei bietet dort ihre Biersorten an. Im Obergeschoss sind Co-Working-Plätze entstanden. Weit vor der Pandemie geplant, bietet sich hier Raum für das neue Arbeiten in (Post-)Corona-Zeiten.

Sibylle Kleinhans macht im Core Oldenburg alte Jeans zu Unikaten.

Im Stockwerk darunter wirken kreative Einzelhändler:innen wie Sibylle Kleinhans, 46. Sie hat an der Universität der Künste in Berlin in der Klasse von Vivienne Westwood Modedesign studiert, dann eine Zeit lang im Ausland gelebt und in Südafrika ihren Mann kennengelernt. Den zog es irgendwann zurück in seine oldenburgische Heimat. Dort setzt Kleinhans jetzt nicht allein auf kuratierte Mode. Ihr Laden ist auch Showroom für einen Möbeldesigner und andere Kreative aus der Region. Kleinhans kann zunächst sogar mietfrei starten. Denn die Stadt hat die besten Gründerideen prämiert. „Das Pop-Up-Store hab’ ich gewonnen“, sagt die Gründerin stolz. Das alte Warenhaus wird vom passiven Konsumtempel zum aktiven Marktplatz der Ideen.

Die neuen Innenstädte: Kunst, Co-Working oder Seminare in ehemaligen Konsumtempeln

Die stetig gleichen Filialen großer Konzerne, dazwischen die immer selben Fastfood-Ketten. Jahrzehntelang glichen sich Deutschlands Innenstädte an und verödeten dabei mehr und mehr. Nun tut sich was in der City. Nicht nur in Oldenburg. In Hamburg-Altona ziehen ins ehemalige Finanzamt Kunst und Kultur ein, im pfälzischen Landau wird das jahrhundertealte Kaufhaus „Ufer“ zum Kreativort für Co-Worker und Designer:innen, in Siegen verlegt die Universität Seminarräume und Hörsäle vom Rand der Stadt ins Zentrum in eine ehemalige Kaufhausfiliale – die alte Mitte wird neu belebt.

Auch in Oldenburg machen sie mobil. Die Stadt hat zwar eine Hochschule, aber die liegt draußen am Stadtrand. Und nach dem Examen zieht es viele Studierende wieder weg aus der niedersächsischen Idylle. Das bekommen auch die Unternehmen in der Region zu spüren. Wer will schon in Oldenburg arbeiten, wenn Berlin oder Barcelona locken? So offen mag das hier niemand sagen, aber Core soll auch junge Menschen an die Stadt binden. In den Co-Working-Räumen im ersten Obergeschoss hat sich auch ein weltbekannter Fahrradhersteller eingemietet. Nebenan sind schon die ersten Kaffeeflecken auf dem frisch verlegten Teppichboden. Hier arbeitet der Softwareentwickler Peak Lab. Während der Pandemie in Homeoffice-Zeiten haben sie bemerkt, dass sie viel weniger Bürofläche brauchen. So sind sie ins Core umgezogen. Positiver Nebeneffekt: Der neue Arbeitsplatz liegt näher am Bahnhof. Viele Mitarbeitende legen den Weg zur Arbeit jetzt mit dem Zug zurück – der letzte Teil der Strecke wird mit dem Klapprad erledigt.

Corona entpuppt sich als Einzelhandels-Killer - auch in Oldenburg

Corona verändert vieles. Nicht nur die Berufs- und Bürowelt. Auch in Oldenburg ist das zu sehen. „Ladenfläche zu vermieten“, heißt es wenige Meter stadteinwärts vom Core-Haus an einem Schaufenster. Die Pandemie hat den Einzelhandel stark getroffen. „Wir rechnen mit dem Verlust von bis zu 120.000 der überwiegend inhabergeführten Geschäfte mit verheerenden Folgen für die Innenstädte und das gesellschaftliche Leben“, teilt der Einzelhandelsverband HDE auf Nachfrage mit. Die Stadt droht zum Donut zu verkommen – eine pralle Hülle mit der City als leerem Zentrum.

Viele Städte begreifen die Krise als Chance – auch Metropolen wie Berlin. „Mitten in der Innenstadt stehen 50.000 Quadratmeter leer, während gleichzeitig soziale, kulturelle, aber auch Bildungsnutzungen aus der Innenstadt verdrängt wurden“, sagt Leona Lynen über das ehemalige Haus der Statistik in Berlin-Mitte. Das Gebäude direkt am Alexanderplatz im alten Zentrum von Ost-Berlin wurde einst errichtet, um Ingenieuren für den Bau des Fernsehturms einen geeigneten Arbeitsplatz zu bieten. Später zog das Statistikamt der DDR ein. Nach der Wende kam der Leerstand. Seit drei Jahren wird eine neue Nutzung des Hauses vorangetrieben. Stadtforscherin Lynen ist Co-Vorständin von Zusammenkunft Berlin, einem der fünf Kooperationspartner in der Entwicklung des Modellprojekts Haus der Statistik.

Haus der Statistik in Berlin: Bezahlbarer Wohnraum, Verwaltung und Kultur

Vom einstigen Gebäude steht nur noch das Betongerippe. Es ist das Grundgerüst einer Vision von einem „vielfältigen Ort des Wohnens, für Verwaltungsnutzungen und bezahlbaren Raum für Kunst, Kultur, Bildung und Soziales“, wie Lynen es beschreibt. Wer ihr zuhört, beginnt zu erahnen, wie das alles hier mal werden soll. „Angesichts der aktuellen Entwicklungen auf dem Berliner Mietmarkt ist es essentiell, dass hier auch bezahlbarer Wohnraum entsteht“, sagt Lynen. Dabei soll der klassische Weg von Miet- oder Eigentumswohnungen verlassen werden. „Wir wollen andere Wege gehen, indem wir nicht nur auf Zwei- oder Dreiraumwohnungen setzen, sondern auch auf andere Wohnformen wie betreutes Wohnen, Wohnen im Alter oder größere Clusterwohnungen, um auf veränderte Familienmodelle einzugehen.“

Lynen, 32, hat in Heidelberg, Delhi und London Südasienstudien, Volkswirtschaft sowie Stadtplanung studiert. Nun baut sie mit an neuen Stadtkonzepten. Nicht nur für Berlin. „Gerade in Corona-Zeiten hat sich gezeigt, dass ein zu einseitiger Fokus auf Filialist:innen die Innenstädte nicht belebt“, sagt sie und beobachtet deutschlandweit einen Trend: „Die Herausforderungen, die wir in vielen Städten erleben, sind so groß geworden, dass kommunale Verwaltungen das allein nicht mehr lösen können. Überall haben sich Initiativen aufgemacht und werden von Stadtkonsument:innen zu Stadtmacher:innen.“

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Die Städte werden wieder mal neu begründet. „Wir bringen hier Leben in die Bude“, sagt Gründerin Sibylle Kleinhans über den Aufbruch im Zentrum von Oldenburg. Leona Lynen in Berlin sieht gar eine neue Ära anbrechen. „Es geht um eine neue Verteilung der Macht und Ressourcen zwischen Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft“, erklärt sie und ergänzt: „Ich bin sehr gespannt, wohin die Reise geht.“