Katharina Beitz Gründerin von Resilient Resident
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Will den Blick nach oben lenken: Katharina Beitz.

Speakers Corner

Alle aufs Dach!

Menschen benötigen Platz, doch Städte sind eng - und nicht unbedingt gesundheitsförderlich. Neue Lösungen müssen her. Wie wir die Städte von oben neu denken. Ein Beitrag von Katharina Beitz.

Ich stehe in meiner Wohnung in Kreuzberg und schaue direkt in meinen Flur in eine große LED-Lampe, die sich morgens automatisch erhellt. Davor wachsen 15 Salate – wuchern sollte ich eher sagen. Vor wenigen Wochen habe ich meine erste digitale, vertikale Farm installiert und zwar mitten in meinem Eingangsbereich. Nach nur 24 Stunden sprießten aus diesen vorsichtig eingesetzten Keimen die ersten grünen Sprossen. In meinem Dachgeschoss befindet sich jetzt ein ertragreiches Gartenbeet – an der Wand. Ich ernte wöchentlich neue Salate und Kräuter, stehe summend vor den erdlosen, kleinen Gefäßen und gieße alle zehn Tage mal ein paar Liter Wasser nach. Wenn man es genau nimmt, schaue ich dem Gras beim Wachsen zu.

Kurzer Rückblick: Ich stehe auf einem Hackathon zu Smart Cities und Datensicherheit. Es ist 2017, ich bin Teil eines Forschungsprojekts und um mich herum sind nur andere Akademiker:innen. Unsere Panels sind voller Expert:innen und Ideen, die wir drehen und wenden. Bis in den Abend bin ich so begeistert und treffe mich mit meinen Freund:innen in einer Bar. Ich erzähle drauflos. Ich schaue in ungläubige Gesichter und bin mir gerade so sicher, dass sie genauso inspiriert werden wie ich. Nach fünf Minuten kommt stattdessen die Frage „Was ist denn eine Smart City?“. Alle nicken und schauen mich fragend an. Ich realisiere in diesem Moment und in den kommenden Jahren über mehrere Situationen hinweg: Die Diskussionen über Städte finden statt in spannenden Forschungsprojekten, motivierenden Hackathons und innovativen Konzepten – und sie machen doch oft den gleichen Fehler. Sie gestalten an den Bewohner:innen vorbei. Allein in Berlin gibt es dutzende Modellvorhaben des Städtebaus, die ich aus der Ferne verfolge und ganz großartig finde. Allein, ich bin nicht diejenige, die es noch zu begeistern gilt, wenn wir groß angelegte Veränderungen der Stadt vor Augen haben.

Wenn wir die Stadt von oben sehen, entdecken wir großes Potenzial

Alle, die in einer Großstadt unterwegs sind, kennen das Problem: Die Menschen benötigen Platz und den haben wir nicht. Es ist eng. Städte sind außerdem nicht unbedingt gesundheitsförderlich, sie heizen sich zusehends im Sommer auf und Menschen verlieren (oder erhalten sogar nie) den Kontakt zur Natur. Die Lösung: Wir planen die Stadt von oben neu.

Zur Person

Katharina Beitz ist studierte Philosophin und Ökonomin und Gründerin der „ Initiative Digitale Gerechtigkeit“ . Mit ihrem Engagenment möchte sie digitale Wissenslücken schließen und den Menschen den bestmöglichen Zugang zu Wissen zu verschaffen.

Sie ist als Speakerin unterwegs und spricht über digitale Lücken und Möglichkeiten, gelingende Innovationskultur und Smart Citizenship. Mit ihrem Startup „ Resilient Resident“ digitalisiert sie zudem urbane Dächer. Mehr Infos unter www.katharinabeitz.com.

Als mein jetziger Mitgründer Johannes vor acht Monaten auf mich zukam mit der absolut fantastischen Idee, Dächer zu bebauen, durchforsteten wir Forschungsergebnisse, fanden zehn Jahre alte Machbarkeitsstudien von Universitäten, gefördert vom Bund, und wir schrieben alle beteiligten Wissenschaftler:innen an. Denn wir wollten wissen, wo die Erfahrungen daraus geblieben sind. Antworten erhielten wir nie.

Restaurants, Supermärkte, Pflegeheime - alle können ihr eigenes Gemüse anbauen

Die Websites und Adressen waren alt und wir standen schon früh vor der großen Erkenntnis: Menschen haben zwar bereits die Bedeutung von Dächern in Großstädten erkannt. Aber trotz positiver Berichte wurde es um die Projekte schnell wieder mucksmäuschenstill. Während in Deutschland die Forschungsergebnisse in Schubladen liegen, haben andere Länder sie schon zum Leben erweckt und aus den Ideen gemeinsame Visionen entwickelt. Das Dach wird neu erschaffen und zum Ort der Wertschöpfung. Resilient Resident war geboren. Wir blicken auf 40 Millionen Quadratmeter bebaubare, freie Fläche auf Dächern – alleine in Berlin. Nur, dass wir nie auf sie schauen und sie in unseren Diskussionen zur Stadtentwicklung untergehen. Wir überlassen einen großen Raum unserer Stadt Nischenprojekten oder privaten Investoren. Viel wichtiger: Wir überlassen die Ideen den anderen. Mit Resilient Resident haben wir nur Monate später unsere erste Finanzierung der Designfarm an Land ziehen können und sind nun ein Pilotprojekt, gefördert von EU und Berliner Senat.

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Dächer in der Stadt sind ziemlich undankbar – sie werden heiß und sind instabil. Jedes Dach sieht anders aus und bietet andere oder keine Sicherheitsvorkehrungen – all das macht es unmöglich, schnell Gewächshäuser draufzusetzen. Mit Resilient Resident gehen wir also einen anderen Weg. Wir erschließen Möglichkeiten. Denn es gibt sie, die innovativen Unternehmen, die die grüne, digitale Stadt erschaffen können. Die Unternehmen bauen aktuell die vertikalen Gärten in meinen Flur und sie brauchen genau zwei Dinge, um einen neuen Standard der Smart City zu setzen: mehr Platz und Chancen. Restaurants, Supermärkte, Pflegeheime und Kindergarten – jeder dieser Orte hat das Potenzial, eigenes Gemüse und Pflanzen anzubauen. Nebenbei ersetzen wir globale Lieferketten, die nicht erst seit Corona kritisch zu hinterfragen sind.

Sobald ein Chilibaum aus der Wand wächst, sind die Menschen begeistert

Menschen für Konzepte wie zirkuläre Wertschöpfung zu begeistern, ist viel einfacher, sobald sie beobachten können, wie ein Chilibaum aus der Wand wächst, den sie selbst eingepflanzt haben. Die Zugänglichkeit für die Hausbewohner:innen öffnet auch den Raum für viele weitere Nutzungen: Wie wäre es zum Beispiel, Pakete nicht mehr an der Haustüre annehmen zu müssen, sondern vom Dach abholen zu können? Mit Resilient Resident haben wir die Chance, die Versorgung der Stadt von Grund auf neu zu denken, wenn wir nur nach oben schauen. Und anfangen. Denn die Smart City ist nur so gut wie ihre Smart Citizens.

In der Rubrik „Speakers Corner“ haben Fortschrittmacherinnen und Neu-Gierige selbst das Wort.