In ihrem Element: Bereits als Fünfjährige hat Lilly Stoephasius mit dem regelmäßigen Skateboarden begonnen.
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Bereits als Fünfjährige hat Lilly Stoephasius mit dem regelmäßigen Skateboarden begonnen.

Junge Sportarten

Skateboarden bei Olympia in Tokio: In der Halfpipe ist Lilly Stoephasius in ihrem Element

  • Daniel Schmitt
    VonDaniel Schmitt
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Die Schülerin Lilly aus Berlin ist Deutschlands Olympiahoffnung im Skateboarden - mit gerade einmal 13 Jahren. So mancher erhofft sich von ihr sogar die „Demokratisierung“ des Sports.

Sie war noch kein Jahr alt, da stand Lilly Stoephasius das erste Mal auf einem Skateboard, nicht alleine, versteht sich. Papa Oliver hielt seiner elf Monate alten Tochter die Händchen, rollte mit ihr unversehrt vor dem Familienheim entlang. Knapp zwölf Jahre später ist Lilly Stoephasius die beste Skateboarderin Deutschlands, nicht nur in ihrer Altersklasse, sondern überhaupt. Dreimal wurde sie bereits Deutsche Meisterin und steht ganz nebenbei mit gerade mal 13 Jahren – im Juni wird sie 14 – vor ihrer Premiere bei Olympischen Spielen. Sie wird im Sommer in Tokio dabei sein, sie wird dann als jüngste Deutsche in der japanischen Hauptstadt antreten.

Lilly Stoephasius ist eine Draufgängerin, das kann ohne jegliche Übertreibung behauptet werden. Wenn die Berlinerin mit ihren wehenden braunen Haaren unter dem Helm durch die Halfpipe rauscht, die riesige Betonschüssel mit den steilen Wänden, dann ist sie in ihrem Element. Dort fühlt sie keine Angst, vielleicht ein bisschen Respekt, aber auch das eigentlich schon lange nicht mehr. Sie liebt diese Momente, am Rand stehend und in die Schüssel blickend, den Adrenalinstoß beim ersten Hinabbrettern in die Tiefe, wenn es bis zu vier Meter nach unten geht. Das ist ihr Leben, ihre Leidenschaft.

Skateboarderin Lilly Stoephasius: Auch international erfolgreich und bald bei Olympia

Bereits im Alter von fünf Jahren begann Lilly regelmäßig zu skaten und zu trainieren, der Papa hatte es ihr gezeigt. Mit acht nahm sie dann an ihrem ersten offiziellen Wettbewerb teil. „Da war ich wohl schon besser als er“, scherzt sie, genau wissend, dass das tatsächlich nah an der Wahrheit ist. Skateboardfahren sei ein unglaublich kreativer Sport, sagt die Teenagerin. „Eigentlich kann jeder fahren, wie er möchte. Niemand kann dir sagen, welche Tricks du machen musst, jeder Skater fährt anders. Das beeindruckt mich“, sagt Lilly Stoephasius.

Die 13-Jährige, deren drei Jahre jüngere Schwester Thora ebenfalls ständig auf dem Skateboard steht, ist nicht nur in Deutschland die Beste ihres Metiers, auch international können sich ihre Erfolge sehen lassen. 2019 holte sie hintereinander WM-Bronze und EM-Silber.

Olympia-Premiere für fünf Sportarten

Jung, hip, aufgeschlossen – so sollen die Olympischen Spiele beim Publikum ankommen. Und da haben sich die (meist ja ziemlich alten) Macher beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) halt gedacht: Machen wir mal was Neues. Bei den diesjährigen Sommerspielen in Tokio wird erstmals auch in den Sportarten Karate, Surfen, Skateboard, Sportklettern und Baseball/Softball um Medaillen gekämpft.

IOC-Präsident Thomas Bach , selbst 67 Jahre alt, sagt: „Wir können nicht mehr erwarten, dass junge Menschen automatisch bei uns sind. Wir müssen zu ihnen kommen.“ So stehen nun satte 33 Sportarten mit insgesamt 339 verschiedenen Wettkämpfen auf dem Tokio-Plan.

Die Skateboard-Contests werden in den Disziplinen Park und Straße ausgetragen – bei Frauen und Männern. Während sich im Park die Teilnehmer:innen in die Halfpipe und auf die Rampen wagen (inklusive spektakulärer Flugeinlagen), geht es auf der Straße beispielsweise über Geländer und Stufen. Eine Jury vergibt Punkte für Tricks und eine stimmige Gesamtchoreografie der Athlet:innen. Bei den Skateboard-Wettbewerben gibt es keine Altersklassen. dani

Ohne die coronabedingte Verschiebung der Sommerspiele in Tokio wäre sie gar die jüngste deutsche Olympionikin der Geschichte geworden. Weltweit gehört sie zu den 20 besten Skaterinnen in ihrer Disziplin Park. Eine Altersgrenze gibt es beim Skateboarden nicht.

Skateboarden erstmals bei Olympia: Hoffnung auf Demokratisierung

Manchmal, das klingt durch, kann sie ihren Erfolg selbst kaum fassen. „Auf einmal fahren wir jedes Wochenende ins Ausland, um zu trainieren und auf Contests zu fahren.“ Die Niederlande, Frankreich, Schweiz, Italien, Schweden – alles coronabedingt nicht mehr ganz so einfach zu bereisen, aber doch ab und an umsetzbar, denn, so hebt Lilly Stoephasius hervor, „in Deutschland sind die Trainingsmöglichkeiten nicht so gut“. Ihre Eltern begleiten die Schülerin auf den Trips. Die Gymnasiastin profitiert dabei vom Homeschooling in Pandemie-Zeiten, dafür muss sie nicht immer in Berlin sein. Als ausgebildete Lehrer:innen können Mama und Papa ihre Tochter zudem vernünftig unterstützen.

Skaten ist eine junge Sportart von der Straße, Vereine gibt es nicht sonderliche viele. Deutlich mehr Männer als Frauen probieren sich auf dem Board. In diesem Sommer ist das Skaten erstmals olympisch (siehe Infobox). Dies könne dabei helfen, bestehende Ungleichheiten zu beseitigen, hofft Hans-Jürgen Kuhn, Vorsitzender von Skateboard Deutschland. Die Förderung von Weltklasse-Athletinnen wie Lilly Stoephasius würde zu „einer Demokratisierung im Skatesport“ führen, sagt er. Die zusätzliche finanzielle Unterstützung würde vor allem „Frauen und jungen Mädchen wie Lilly“ zugute kommen.

Skateboarden erstmals bei Olympia: Lilly Stoephasius wartet auf Corona-Impfung

Die 13-Jährige übt vier- bis fünfmal in der Woche - entweder mit ihrem Vater oder mit dem Bundestrainer, der sowohl für die Männer als auch die Frauen zuständig ist. Lilly Stoephasius selbst stellt mit Blick auf die ungleichen Preisgelder und Sponsorenverträge im Bezug auf Männer und Frauen ebenfalls Nachholbedarf fest, freut sich aber zugleich über die wachsende Szene: „Es sind neue Frauen dazugekommen, und das Niveau ist einfach so krass gestiegen. Ich glaube, das wird irgendwann zu einem Ausgleich führen.“ Ihr simpler Wunsch: „Einfach fifty-fifty“. Ausgewogenheit in den Halfpipes dieser Welt. „Wir sind auf einem guten Weg dahin“, findet die Heranwachsende.

Durch die Skateboard-Premiere in Tokio kommt sie mit völlig neuen Abläufen in Berührung, Dopingkontrollen zum Beispiel. „Aber meine Eltern unterstützen mich, deswegen ist alles gut“, sagt sie. Gehört für sie (und alle anderen Topsportler:innen) halt irgendwie dazu. Ein Problem bestehe allerdings noch in Sachen Corona-Impfung. Für Minderjährige ist in Deutschland noch kein Vakzin zugelassen, auch wenn zuletzt mögliche Impfungen für Schüler:innen in den Sommerferien in Aussicht gestellt wurden, es also wohl nur eine Frage der Zeit ist. Zeit, die Lilly Stoephasius mit Blick auf die Sommerspiele nicht hat. „Es wird versucht, dass ich noch geimpft werden kann“, sagt sie: „Aber selbst wenn nicht, wäre es für mich auch nicht schlimm.“

Sportlich geht sie das Mega-Event vollkommen unbekümmert an. Wie für die meisten Skater:innen seien die Olympischen Spiele in Tokio „einfach nur ein Contest, bei dem ich mitfahre, um Spaß zu haben“. Man kauft es ihr ab. (Daniel Schmitt, mit sid)