Das Gründerquartett von „Poacher“: Noel Below (oben), Yannik Jaeschke (unten), Oliver Ioannou (links) und Marcel Andrijanic.
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Die Gründer: Noel Below (oben), Yannik Jaeschke (unten), Oliver Ioannou (links) und Marcel Andrijanic.

„Ist wie Facebook für den Fußball“

Start-Up „Poacher“: Mercato für Kreisliga-Ronaldos

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Die Transferplattform „Poacher“ soll Amateurkicker:innen helfen, einfacher einen Verein zu finden

Der FC Gießen ist dabei, immerhin Fußballviertligist bei den Männern, auch der Frankfurter Stadtteilklub SV Zeilsheim, oder die Vereine vor den Toren der Mainmetropole, der FV Stierstadt aus Oberursel und die Spvgg. 03 Neu-Isenburg. Sie alle sind Teil der seit Anfang des Jahres im Internet auffindbaren Plattform „Poacher“, die Spieler:innen und Klubs abseits der millionenschweren Profikickerei dabei helfen soll, einfacher zueinander zu finden. So jedenfalls die Idee der vier Macher.

Marcel Andrijanic, 28 Jahre, Yannik Jaeschke, 27, Oliver Ioannou, 32, und Noel Below, 27 – allesamt selbst Fußballer im niedrigen Profi- oder hohen Amateurbereich, spricht zwischen vierter und fünfter Liga, haben einen digitalen Transfermarkt für die Tausenden Kreisliga-Ronaldos der Republik geschaffen. „Gerade in den unteren Ligen stellen wir immer wieder fest, dass es unheimlich schwer ist, Spieler für das eigene Team zu gewinnen. Oft scheitert das Vorhaben bereits am fehlenden Netzwerk“, sagt Noel Below, geboren in Hamburg, aufgewachsen im Rhein-Main-Gebiet, von dem die Grundidee für „Poacher“ stammt.

Poacher: Ein Start-Up für den Amateurfußball

Vor einigen Jahren schon habe ihm selbst, damals in Anschluss an ein Engagement bei Regionalligist Victoria Hamburg und parallel zu einem Studium in der Hansestadt, schlicht eine Anlaufstelle gefehlt, um einen neuen Klub im hohen Norden zu finden. Er kannte sich dort nicht aus, ebenso wenig kannten die meisten Vereine den Defensivspieler. „Und dann wird’s halt irgendwie schwierig“, so Below.

Der Gedanke hinter „Poacher“, dem in Bonn ansässigen Start-Up, ist recht simpel. Fußballer:innen legen sich ein Profil an, laden Bilder und Videos hoch, listen ihre Stärken und bisherigen Klubs auf. Vereine können dann gezielt nach bestimmten Positionen und Fähigkeiten suchen. Aktuell läuft die Recherche noch städtebezogen, alsbald wollen die vier Gründer und ihre sechs Mitarbeiter eine Umkreissuche implementieren – ähnlich wie es solche auf dem Immobilien- oder Automarkt gibt. Haupteinnahmequelle für die Gründer ist die auf ihrer Website platzierte Werbung.

Poacher funktioniert ein bisschen wie Facebook

„Es soll ein bisschen so funktionieren, wie man es von Social Media kennt“, sagte Yannik Jaeschke unlängst der Deutschen Presseagentur (dpa): „Beispielsweise wie Facebook nur auf Fußball gemünzt.“ Below beschreibt die Plattform im Gespräch mit der FR als „LinkedIn für Fußballer“. Was beide meinen: Neben dem Transfermarkt beinhaltet das Angebot auch ein zweiten wesentlichen Bereich, den des gegenseitigen Austauschs. Videos von fußballerischen Kunststückstücken, von Traumtoren, von Höhepunkten können hochgeladen, verbreitet und der Masse zugänglich gemacht werden. „Es soll eine große Community werden. Es gibt viele Spieler, die fühlen sich nicht entdeckt. Keiner kommt vorbei, um sie zu scouten. Das wollen wir ändern“, sagt Below. Aktuell in amateurfußballfreien Corona-Zeiten fehle natürlich die Mundpropaganda in den Kabinen, „aber das kommt ja hoffentlich bald wieder“.

Ganz neu ist die Idee des Quartetts freilich nicht, das in Hamburg ansässige Start-Up „Transferiva“ bietet ähnliche Funktionen an, auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) betreibt eine Vereinsbörse. Insgesamt aber, so ist Below überzeugt, besetzten er und seine Kollegen eine „Marktnische“.

Gründer von Poacher arbeiten Vollzeit

Die Gründer, die in verschiedenen Konstellationen miteinander Fußball spielten und sich über diesen Weg kennenlernten, arbeiten mittlerweile hauptberuflich für ihr Start-Up. Der Business- und Finanzplan habe zwar schon vorher gestanden, aber klar, Corona sei schon „ein Befeuerer“ gewesen, wie Below erklärt. Die fußballfreie Zeit musste schließlich genutzt werden. Mindestens 40 Stunden pro Woche, eher mehr, mit viel Herzblut, arbeitet das Quartett, meistens im Homeoffice, nur ab und an im Büro in Bonn. „Es gibt bei uns keinen Stillstand“, sagt Below.

Rund 1000 Fußballer:innen sowie 300 Vereine haben sich binnen der letzten Monate angemeldet. Darunter symbolisch auch ein Profikicker: Hendrik Weydandt von Hannover 96. „Ich finde, dass es mit Poacher deutlich erleichtert wird, Kontakt aufzunehmen und vielleicht auch Situationen zu schaffen, die sonst nie zustande gekommen wären“, sagt der Zweitligastürmer, der einst im Alter von 19 Jahren selbst noch in der Kreisliga knipste, ehe er erst mit 23 den Sprung zu den Profis von Sechsundneunzig packte.

DFB äußert sich zu Poacher

Der DFB hält den Ansatz für spannend, äußerte aber auf dpa-Anfrage auch Kritik an „Poacher“, was übersetzt „Wilderer“ heißt. „Sehr kritisch sehen wir die Namensgebung“, äußert der Dachverband also: „Wilderer und Wildern entsprechen nicht der Auffassung des DFB und seiner Mitgliedsverbände vom Amateurfußball, ganz im Gegenteil. Sollte es bedeuten, dass die Plattform in erster Linie den Marktwert von Amateurfußballerinnen und Amateurfußballern steigern soll, wäre dies für den Amateurfußball weder förderlich noch zielführend.“ Soll es natürlich nicht, sagt zumindest Noel Below. Der Name beziehe sich schlichtweg auf die fußballspezifische Übersetzung des Begriffs „Poacher“: den des Abstaubers ins gegnerische Tor.