Setzen voll aufs Minusgeschäft: Milan Hänsel (li.) und Andrew Green von „WunderTree“.
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Setzen voll aufs Minusgeschäft: Milan Hänsel (li.) und Andrew Green von „WunderTree“.

Wundertree

Ein zweites Leben für Weihnachtsbäume

  • Boris Halva
    vonBoris Halva
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Wie wäre es, wenn unser Tannenbaum nach dem Fest weiterwachsen könnte? Das Berliner Start-up Wundertree versucht sich am Weihnachtswunder.

Oh Tannenbaum! Millionenfach wirst du in diesen Tagen nach Hause getragen, aufgestellt und mit Lichtern, Schmuck und allerlei Sentimentalitäten behängt. Dann wirst du besungen und bestaunt. Und schließlich wieder abgeschmückt und mit beherztem Griff vor die Tür gesetzt, wenn die stillen Nächte dem Lärm des Aufbruchs weichen müssen. Du und deine 30 Millionen Weihnachstbaum-Brüder und -Schwestern werden dann verbrannt, wandern kleingesägt in die Biotonne oder türmen sich auf Bürgersteigen.

Dieses alte Lied wollen nicht alle jedes Jahr aufs Neue mitsingen. Manche sagen, es geht auch ohne Baum, anderen kommt nur einer mit Wurzelballen ins Haus. Ersteres ist – wenn man sentimental ist – eher trist. Und letzteres ist zwar gut gemeint, aber weil die Bäume oft im Spätherbst ausgegraben und in Töpfe gesetzt werden, überleben nur wenige das weihnachtliche Heimspiel.

Wundertree liefert Weihnachtsbäume aus Baumschulen und pflanzt sie nach dem Fest im Wald

Und genau hier beginnt die Geschichte des Berliner Start-up „Wundertree“. Denn Andrew Green und Milan Hänsel suchten vor zwei Jahren nicht nur nach einem Weg, all jenen Menschen in der Hauptstadt, die sich einen lebenden Weihnachtsbaum in die Stube holen wollen, diesen Wunsch zu erfüllen – ihnen war auch wichtig, dass diese Bäume nach dem Fest wieder in die Erde kommen. Weiterwachsen können. Und irgendwann große Bäume werden.

Da gab es gleich mehrere Hürden, erzählt Milan Hänsel am Telefon. Die erste war: Baumschulen zu finden, die Bäume in Töpfen aufziehen. So würde schonmal das Ausgraben wegfallen, das oftmals zur Folge hat, dass die feinen Wurzeln gekappt werden. Das kostet den Baum viel Kraft – und selbst wenn er gut gewässert wird, kann es sein, dass er vertrocknet, bevor er wieder ausgepflanzt wird. Da wurde das „Wundertree“-Team in Dänemark fündig. Unser Nachbarland ist aufgrund seiner klimatischen Bedingungen das ideale Aufzuchtland vor allem für die Nordmanntanne und laut Hänsel heute eines der Hauptexportländer für diese Nadelbäume.

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Die zweite Hürde: Wohin mit den Bäumen, wenn Weihnachten rum ist? Da fügt sich gut, dass Milan Hänsel als studierter Forstmanager mehrere Waldstücke im Berliner Umland beförstert. Er weiß, wie Wald aufgebaut ist, wenn er nicht bloß Forst sein soll.

Auch Waldpatenschaften bietet Wundertree an

Nach einigen trockenen Sommern und der bekannten Borkenkäferplage gibt es in vielen Wäldern Flächen, die neu aufgeforstet werden müssen. „Und in diese eher monotonen Kiefernwälder ziehen wir jetzt mit unseren Weihnachtsbäumen sozusagen eine zweite Schicht ein“, erklärt Hänsel. Und damit die einstigen Monokulturen so richtig aufgemischt werden, setzen Hänsel und Green dort auch Laubbäume. Dazu gleich mehr.

Die dritte Hürde für das Gründer-Duo war schließlich: Herausfinden, ob es überhaupt einen Markt gibt. Green und Hänsel wagten also voriges Jahr den Probelauf mit 200 Bäumen – dass es funktioniert hat, zeigt sich wohl auch daran, dass sie dieses Jahr auf 1500 Bäume erhöht haben. Und auch die andere stimmt zuversichtlich, sagt Hänsel – wenngleich hier noch Luft nach oben ist: Immerhin haben 50 Prozent der Bäume, die sie nach Weihnachten im Wald ausgesetzt haben, das erste Jahr überlebt.

Die Bäume von Wundertree sollen eine CO2-Minusbilanz haben

Eine andere Quote ist für die Gründer aber noch wichtiger: Es geht um die Minusbilanz, die sie mit ihren Wundertrees kultivieren wollen. Aufzug, Transport und Pflege eingerechnet, hat eine Nordmanntanne laut Hänsel einen CO2-Fußabdruck von drei bis fünf Kilo Kohlenstoffdioxid: „Der Baum selbst speichert ungefähr 15 Kilo. Wird er nicht gefällt, bleibt also eine Minusbilanz, die eigentlich positiv ist.“ Pro Baum zehn Kilo CO2, die nicht freigesetzt, sondern im Wald – gebunden als lebendiger Baum – ausgesetzt werden, um in kommenden Jahrzehnten noch mehr Kohlenstoff zu binden.

Weil die 1500 Bäume so schnell ausverkauft waren, hat das „Wundertree“-Team mit der Leipziger Künstlerin Julia E. Kluge und dem Berliner Künstler Peter Aurisch eine Waldpatenschaft aufgelegt: Die kostet 29 Euro und beinhaltet neben einem Kunstdruck das Versprechen, dass „Wundertree“ drei Laubbäume pflanzt. Und anders als beim CO2 ist das laut Milan Hänsel keine Minusrechnung.