Tanju und Esra Doganay werben unter Muslimen für mehr Umweltbewusstsein.
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Tanju und Esra Doganay werben unter Muslimen für mehr Umweltbewusstsein.

Nachhaltigkeit im Ramadan

„Dein Iftar zerstört meinen Ozean“: Für ein umweltbewusstes Fastenbrechen

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Mit ihrer Kampagne GreenIftar wollen Esra und Tanju Doganay vom Darmstädter Verein Nour-Energy Muslime zu mehr Umweltbewusstsein im Ramadan und darüber hinaus anregen.

Esra und Tanju Doganay spüren, dass sich gerade ein Wandel in der muslimischen Community vollzieht. „Es ist ein kleiner Hype entstanden“, sagt Tanju Doganay. Er ist Gründungsmitglied von Nour-Energy, einem muslimischen Verein aus Darmstadt, der sich für Nachhaltigkeit und Umweltschutz einsetzt. Seine Frau Esra ist Kampagnenleiterin von GreenIftar.

„Als wir 2010 als Studenten angefangen haben, war es etwas Exotisches“, erzählt der 34-Jährige. An der Kampagne GreenIftar während des Fastenmonats Ramadan sei jedoch erkennbar, wie gut die Themen Naturschutz und Klimawandel gerade bei der jüngeren Generation ankommen, „weil es auch mit ihren religiösen Überzeugungen übereinstimmt“, sagt Doganay.

Im Ramadan, der in diesem Jahr vom 13. April bis zum 12. Mai geht, verzichten Muslime von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang auf Essen, Trinken, Geschlechtsverkehr und Rauchen. Das Fastenbrechen wird Iftar genannt. Der Ramadan wird unter Muslimen als Monat des Wandels und der Selbstreflexion betrachtet. „Mit der Kampagne bringen wir gesellschaftlich relevante Themen in die Community und diskutieren sie“, sagt Esra Doganay. Der Ursprung von GreenIftar liegt in den Beobachtungen von öffentlichen Fastenbrechen auf großen Plätzen oder in Moscheen, wo das Essen oftmals in Plastikschalen verteilt und Einwegbesteck genutzt wird.

Im Ramadan kochen viele Moscheen täglich für mehr als 100 Menschen

„Es ging im ersten Schritt darum, die Muslime zu motivieren, auf Plastik zu verzichten“, berichtet Esra Doganay. 2017 haben zwei Studentinnen von Nour-Energy die Aktion Ramadan-Plastikfasten ins Leben gerufen. „Viele Moscheen haben keine Küche oder keine Industriespülmaschine“, erklärt die 32-Jährige. Alle engagieren sich ehrenamtlich. Für über 100 Gäste müsse die 30 Tage im Ramadan täglich gekocht werden. Da sei Geschirr abwaschen nicht mehr drin. GreenIftar will zeigen, dass es auch anders geht.

Vor zwei Jahren nahm der Arbeitskreis Darmstädter Moscheen an der Kampagne von GreenIftar teil und begrüßte vor dem Staatstheater 1000 Gäste. Voraussetzung war: Jeder bringt sein eigenes Geschirr, Besteck und eigene Hauptspeise mit. Datteln, Suppe und Brot wurden von den Organisator:innen gestellt. „Am Ende hatten wir nur drei Säcke Müll“, erinnert sich Tanju Doganay. Und die Teilnehmer:innen hätten untereinander ihr Essen geteilt und so für eine schöne, familiäre Atmosphäre gesorgt. „Unsere Aufgabe ist, dass wir einen Rahmen schaffen, und dass wir den Iftar-Organisator:innen Werkzeuge und Kommunikationsmittel wie Handbuch, Poster und weitere Infomaterialien zur Verfügung stellen und ihnen beratend zur Seite stehen“, erklärt Esra Doganay.

Provokantes Video für Social Media erinnert an globale Verantwortung

Da aufgrund der Coronavirus-Pandemie seit zwei Jahren keine öffentlichen Fastenbrechen möglich sind, hat GreenIftar seine Kampagne in diesem Jahr ins Internet verlegt. Innerhalb von nur acht Wochen haben sie rund 1700 Follower bekommen. „Wir haben Theolog:innen, Aktivist:innen als Botschafter:innen und andere muslimische Umweltschutzorganisationen wie Green Deen und Hima als Multiplikatoren gewinnen können“, berichtet Esra Doganay.

Als Einstieg in die Social-Media-Arbeit Ende Februar wurde ein bewusst provokantes Video produziert und geteilt. „Dein Iftar verschmutzt meinen Ozean. Dein Iftar zerstört den Regenwald. Dein Iftar zerstört mein Grundwasser“, klagen Menschen aus verschiedenen Ländern den Zuschauenden an. „Dafür haben wir auch viel Kritik bekommen“, berichtet Tanju Doganay. Es sei sehr kontrovers, aber stets positiv diskutiert worden.

GreenIftar: Vor allem die jüngere Generation soll angesprochen werden

„Es ist eine riesige Bildungs- und Sensibilisierungskampagne“, ergänzt Esra Doganay, denn GreenIftar setze auch fünf Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen um. Worauf sie in ihren Vorträgen immer wieder hinweisen, ist, zur richtigen Saison die richtigen Lebensmittel zu kaufen. Es sei für viele Stadtmenschen neu, in Saisons zu denken, da fast alles Obst und Gemüse zu jeder Zeit verfügbar ist. Die Follower auf Instagram werden herausgefordert, ihre drei nachhaltigen Basics zu teilen oder ihren Ramadan-Einkauf zu zeigen. „Das sind banale Sachen, die du in deinem Leben einführst, mit dem du den Stein ins Rollen bringst“, sagt sie.

Damit soll die jüngere Generation empowered werden, um an gesellschaftspolitischen Themen mitzuwirken. Die an Muslime gerichtete Kommunikation sei entscheidend. „Das Vehikel ist eine Vertrauensbasis“, sagt Tanju Doganay. Kürzlich hat Nour-Energy den ImpactX-Award 2021 der Lead-Academy in Berlin gewonnen, „weil wir eine zielgruppenspezifische Ausrichtung – auch mit GreenIftar – und eine herausragende Organisationsentwicklung vorgewiesen haben“, berichtet der 34-Jährige.

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Die Vision ist, die Kampagne ab dem kommenden Jahr weltweit auszurollen. Nach Großbritannien, Kanada, USA, aber auch Indonesien und Malaysia. Auch deshalb ist die Hauptsprache auf dem Instagramkanal Englisch. Klimawandel, Umweltschutz und Nachhaltigkeit „ist eine globale Verantwortung“, sagt Esra Doganay. Sie, ihr Mann und die Vereinsmitglieder von Nour-Energy sind froh, dass sie mit GreenIftar einen kleinen Teil dazu beitragen können.