"Hoho Wien" - Hochhaus aus ganz viel Holz
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Viel Holz, viel Glas: das „Hoho Wien“ in der Seestadt.

Nachhaltiges Bauen

Die Holz-Wolkenkratzer kommen

  • Regine Seipel
    VonRegine Seipel
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Chaletgefühl mit Weitblick – wie Hochhäuser aus Baumstämmen in den Himmel wachsen, die Erde schonen und dabei auch noch Erdbeben trotzen.

Noch sind es wenige im Vergleich zu Wolkenkratzern aus Stahl, Glas und Beton, doch Architektinnen und Stadtplaner sagen ihnen eine große Zukunft voraus: Überall auf der Welt werden derzeit Hochhäuser aus Holz hochgezogen, ein neuer Wettbewerb um ihre Höhen beginnt. Das hat seinen Grund. Bis 2050 werden nach Prognosen der Vereinten Nationen zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben, viele davon in Megacitys mit mehr als zehn Millionen Menschen. Am Wohnen und Arbeiten in luftiger Höhe führt angesichts knapper Flächen also kein Weg vorbei.

Doch man muss gar nicht nur nach Tokio, Sydney oder Singapur schauen, auch in Deutschland sind Wohnraum und Grundstücke knapp. Dazu droht der Sand für immer neue Betonklötze irgendwann auszugehen. Holzhochhäuser gelten daher auch hierzulande als ökologisch richtungsweisend und heimsen Nachhaltigkeitspreise ein, wie etwa vergangenes Jahr die „Woodscraper“ in Wolfsburg, zwei Wohnhäuser mit bis zu 20 Geschossen, bei denen Holz und Stroh verbaut und die sogar ohne Kran errichtet werden sollen. Noch steht nur der Entwurf, doch er soll in diesem Jahr umgesetzt werden.

Schon fertig, ebenfalls prämiert und auch schon vermietet ist das „Skaio“, ein 34 Meter hohes zehngeschossiges Wohnhaus in Heilbronn, das vor zwei Jahren noch als das höchste Holzhochhaus in Deutschland galt. Nicht mehr lange. In Pforzheim ist ein höheres geplant, in der Hamburger Hafencity wird derzeit das „Roots“ gebaut, 18 Etagen und 65 Meter hoch, das den neuen Spitzenplatz unter Deutschlands Ökowolkenkratzern anstrebt.

Die Baubranche ist einer der größten CO2-Emittenten der Welt

Die meisten Holzhochhäuser bestehen freilich nicht nur aus Baumstämmen. Verbreitet ist eine Hybrid-Bauweise, das heißt zum Teil werden Beton, Stahl oder Glas verwendet, jedoch weitaus weniger als bei herkömmlichen Gebäuden, was einen der gewichtigen Vorteile der Holztürme ausmacht. Denn die Baubranche ist derzeit eine der größten CO2-Emittenten der Welt, Beton ist ein Klimakiller, auf das Konto seines wichtigsten Bestandteils Zement gehen acht Prozent der globalen Treibhausgas-emmissionen.

Ganz anders dagegen der Rohstoff für Holzhochhäuser, der nur Sonne und Wasser braucht und zudem noch CO2 aus der Atmosphäre einlagert. Eine Rechnung, die die Wochenzeitung „Zeit“ für ein Holzhochhaus in Wien, das HoHo, aufgemacht hat, klingt überzeugend: Demnach wurden für das 84 Meter hohe Gebäude etwa 2700 erntereife Fichten verbaut, die in österreichischen Wäldern in nur einer Stunde und zwölfeinhalb Minuten nachwachsen. Die Ressourcen in europäischen Wäldern, so argumentiert zumindest die Anhängerschaft, reichen problemlos aus, um deutlich mehr als bisher mit Holz zu bauen, zumal, wenn die Wälder extensiv bewirtschaftet und weniger Stämme zum Heizen verfeuert würden.

Die Frau hinter dem Holz: Caroline Palfy hat das Wiener „Hoho“ entwickelt.

Idealerweise stammen die Bauhölzer dann noch aus der Umgebung. So wie beim derzeit noch höchsten Holzhochhaus der Welt, das im norwegischen Brumunddal steht und dank seiner markanten Konstruktion auf dem Dach die Konkurrenz aus Wien knapp überragt.

Doch seine Spitzenposition ist in Gefahr: Weltweit sind weitere Holzgiganten in Planung, wie „NXT A“, eine Plattform für die innovative Bau- und Kreativbranche berichtet. Die Eigentümer der Softwarefirma Atlassian lassen sich derzeit einen neuen repräsentativen hölzernen Firmensitz im Bahnhofsviertel in Sydney bauen, 40 Stockwerke und 180 Meter hoch, neben Holz müssen da auch Beton, Glas und Stahl zum Einsatz kommen. Mit Sonnenkollektoren, selbstbeschattenden Fenstern und Grünanlagen auf den Etagen soll das Hybrid-Bauwerk den Anspruch Sydneys als führendes Technologiezentrum markieren.

Es dürfte bald übertrumpft werden. In Chicago strebt man 228 Meter an, und der größte hölzerne Riese könnte in 20 Jahren in Japan stehen: Der „Plyscraper W350“, 70 Etagen und 350 Meter hoch, soll neuer Firmensitz einer japanischen Holzbaufirma werden, die dann 350 Jahre alt wird: pro Firmenjahr eine Etage. Das macht zwar was her, doch Nachhaltigkeit steht bei diesem Prestigeobjekt wohl nicht im Vordergrund. Um das Gebäude im erdbebengefährdeten Tokio abzusichern, muss das Holz zusätzlich mit einer Stahlkonstruktion gestützt werden.

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Sonst könnte es passieren, dass in den oberen Etagen starker Seegang herrscht. Das Immobilienmagazin „Wohnglück“, das untersucht hat, wie es sich im Holzhochhaus wohnt, sieht in den starken Schwankungen durch Wind eine der größten Herausforderungen dieser Bauweise, da das Naturmaterial deutlich leichter als Stahlbeton ist. Hohe Holztürme bräuchten daher einen Kern aus Beton oder im oberen Gebäudedrittel entsprechende Decken, damit Stürme niemandem den Magen umdrehen. Ansonsten gebe es im Wesentlichen zwei Nachteile durch Holz: Hellhörigkeit, also mehr Lärm von Nachbarschaft und der Straße, sowie höhere Miet- und Kaufpreise. Das sei aber nicht einer teureren Bauweise geschuldet, sondern der derzeitigen Pioniersituation: Es gibt noch keine vorgefertigten Modelle und Teile.

Und die Vorteile? Richtig konstruiert sind Holzhochhäuser nicht nur gut fürs Klima, sondern sollen - anders als zu erwarten - auch bei Erdbeben sicher sein. Zudem verringere der Einsatz moderner Brettsperrhölzer die Brandgefahr, und schließlich ist da noch die Wohlfühlatmosphäre: Holz gleicht den Feuchtigkeitsgehalt in der Raumluft aus, es wirkt angenehm und gemütlich - Chaletgefühl mit Weitblick, was will man mehr.

Grüne Wolkenkratzer.