Fabian Lemke und Manjunath Ramesh (li.).
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Fabian Lemke und Manjunath Ramesh (li.).

Grüne Start-ups

Ihr Tag wird kommen

  • VonMarkus Wanzeck
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Wo sie sind, ist vorne: Grüne Start-ups entwickeln kompostierbares Klebeband oder forschen für ein klimaneutrales Stromnetz. Ihre Ideen und Produkte sollen einmal die Welt verbessern. Bis dahin gilt es, den Widrigkeiten des Marktes zu trotzen.

Die Jablonskistraße 21 im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg wirkt unscheinbar. Unerwartet unscheinbar. Bisschen Graffiti im Hauseingang. 27 Klingelschilder. Keines davon sieht aus, als würde es zu Nuventura, einem der interessantesten Start-ups Deutschlands gehören. Nanu?

Offenbar haben sie hier Erfahrung mit verirrten Erstbesuchern: Eine Minute nach der verabredeten Uhrzeit öffnet sich ein paar Meter die Straße runter die Glastür eines Ladenlokals, offenbar ebenfalls Hausnummer 21. Eine fröhliche junge Frau tritt heraus und weist den Weg in den Firmensitz von Nuventura, ein ebenerdiges, helles Großraumbüro.

Start-ups wie Nuventura lösen Probleme, von denen die meisten Menschen nichts wissen

Die kleine Begebenheit ist bezeichnend für die grünen Start-ups hierzulande, junge Firmen, die Lösungen für Umwelt- und Klimaprobleme entwickeln und mit ihren Innovationen zu einer enkeltauglicheren Wirtschaft beitragen. Ihnen geht es ähnlich wie vielen deutschen Mittelständlern: Sie sind Hidden Champions. Ein bisschen versteckt, leicht zu übersehen. Wo sie sind, ist vorne. Sieht nur kaum jemand.

Das mag auch daran liegen, dass sie Lösungen für Probleme anbieten, von denen die meisten Menschen nicht einmal wissen, dass es sie gibt. Nuventura ist dafür ein Paradebeispiel. Die Firma wurde 2017 gegründet, weil es in der Energieindustrie ein ebenso großes wie unsichtbares Klimaproblem gibt. Eines, an dem auch die komplette Umstellung auf erneuerbare Energien nichts ändern würde. Das schmutzige Geheimnis trägt den Namen Schwefelhexafluorid, kurz SF6. Es ist das stärkste bekannte Treibhausgas. Ein Gramm SF6 ist so klimaschädlich wie 23,5 Kilogramm CO2.

6000 grüne Start-ups gibt es in Deutschland

SF6 ist im Stromnetz allgegenwärtig. Es kommt etwa in Umspannwerken als Isoliergas zum Einsatz, um Kurzschlüsse zu verhindern. 8000 Tonnen des Klimakillers landen jährlich in der Atmosphäre, Treibhausgase, so schädlich wie die Emissionen von 100 Millionen Autos. Nuventura könnte eine wichtige Rolle dabei spielen, das SF6 aus dem Stromnetz verschwinden zu lassen – ähnlich wie einst das FCKW aus den Kühlschränken.

Rund 6000 grüne Start-ups gibt es laut dem „Green Start-up Monitor 2020“ des Borderstep-Instituts für Innovation und Nachhaltigkeit, der umfassendsten Studie zu diesem Thema, in Deutschland. Dazu zählen Firmen wie Solmove aus Berlin, Erfinder von Fotovoltaik-Straßenbelägen, die Strom erzeugen. Bio-Lutions aus Hamburg, ein Hersteller von Verpackungsmaterial aus Pflanzenresten, das Plastikverpackungen für Obst und Gemüse überflüssig macht. Cloud & Heat aus Dresden, deren Rechenzentren weit energieeffizienter sind als die Server von Google und Co.: Sie nutzen die Computerabwärme zum Heizen von Häusern.

Dem „Green Start-up Monitor“ zufolge ist heute etwa jede fünfte Firmengründung in Deutschland im Bereich Klima- und Umweltschutz angesiedelt. Und der Bundesverband Deutsche Start-ups hat festgestellt, dass sich nicht nur immer mehr Start-ups der „Green Economy“ zuordnen, sondern sich in den vergangenen drei Jahren auch die Parteipräferenz der Gründerinnen und Gründer in Deutschland rasant verschoben hat. War ihre Favoritin 2017 noch die FDP gewesen, lagen 2019 erstmals die Grünen vorn, mit 43,6 Prozent (FDP: 27,7 Prozent). Die Stimmenanteile von CDU/CSU und SPD halbierten sich im selben Zeitraum in etwa, auf nur noch 11,7 und 4,9 Prozent.

Etablierte Konzerne ignorieren die Lösungen der grünen Start-ups vielfach

Klima- und Umweltschutz scheinen in der jungen Gründergeneration mehrheitsfähig zu werden. Das Konzept „Mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben“ gewinnt an Attraktivität. Doch beides zusammenzubringen, grüne Ideen und schwarze Zahlen, erfordert oft noch ein Quäntchen mehr Engagement, Geschick und Glück als beim nicht-grünen Gründen – auch das ist ein Ergebnis des „Green Start-up Monitor“. Ein Grund dafür sei, dass viele nachhaltige Jungfirmen auf Hightech-Innovationen setzen, sagt Yasmin Olteanu vom Borderstep-Institut, Co-Autorin des Monitors: „Sie brauchen Hardware, Maschinen, einen Ort, an dem sie produzieren können. Dadurch steigt im Vergleich zu digitalen Start-ups natürlich der Kapitalbedarf.“

Das Gründerzentrum „Startup Port“ am Harburger Binnenhafen haben sieben Hochschulen im Großraum Hamburg initiiert.

Zum anderen bewegen sich die Firmen mit ihren Produkten oft auf sehr spezifischen, endverbraucherfernen Zielmärkten. „Der Energiesektor beispielsweise ist für junge Start-ups unheimlich schwierig“, erklärt Olteanu. „Damit haben auch Firmen wie Nuventura zu kämpfen, die eigentlich eine geniale Innovation auf den Markt bringen.“ Das Sichtbarkeitsproblem macht ihnen besonders zu schaffen: Für die breite Masse bleiben solche hoch spezialisierten Nischenfirmen unsichtbar. Und von den Platzhirschen der Branche – im Fall von Nuventura Milliardenkonzerne wie Siemens oder ABB –, die sich im Status quo eingerichtet haben, werden sie gerne ignoriert.

Manche kamen persönlich vorbei, um dem Gründer zu sagen, dass die Idee nichts sei

Dass Nuventura heute wahr- und ernstgenommen wird, hat auch mit den Gründerwettbewerben zu tun, den Schaufenstern des Start-up-Ökosystems: 2018, schon ein Jahr nach der Gründung, wurde Nuventura beim „Startgreen Award“ des Borderstep-Instituts ausgezeichnet, dem bedeutendsten deutschen Gründerpreis für Nachhaltigkeitslösungen. Im selben Jahr folgte der Sieg beim internationalen „Cleantech Open“-Wettbewerb in Kalifornien und 2019 eine mit 200 000 Euro dotierte Auszeichnung beim niederländischen „Postcode Lotteries Green Challenge“.

„Eine riesige Sichtbarkeit“ habe das gebracht, sagt Ira Garbuz, die fröhliche junge Frau von Nuventura. „Das war superwichtig.“ Im Großraumbüro in der Jablonskistraße erzählt die Kommunikationsleiterin der Firma, wie alles begann: Damit, dass Manjunath Ramesh, ein indischstämmiger Elektroingenieur, der in Bayern für einen Konzern Schaltanlagen entwickelte, den Glauben an die gängige klimaschädliche Technik verlor. „Manju kündigte seinen Job und zog aus Regensburg nach Berlin“, erzählt Garbuz. „Er dachte halt, das ist der Ort, wo man ein Start-up gründet.“ Zusammen mit zwei Partnern, die kaufmännische Expertise, Kapital und Kontakte einbrachten, gründete er Nuventura. Und begann, einen Prototypen zu entwickeln, der komplett ohne SF6 auskommt – und stattdessen, dank einiger raffinierter, inzwischen patentierter Designänderungen, ganz normale Luft verwendet. Anfangs hielten viele in der Branche die Idee für Unsinn, so Garbuz. „Einige kamen sogar persönlich vorbei, um Manju davon zu überzeugen, dass das niemals funktionieren würde.“

Zukunft hat eine Stimme

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme - mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft

Doch die Idee funktioniert. Nach nur drei Jahren Entwicklungszeit haben Ramesh und sein Team nun ihre erste klimafreundliche Mittelspannungsschaltanlage zur Marktreife gebracht, die genauso kompakt und sicher ist wie eine SF6-basierte. Geholfen haben die Zusammenarbeit mit einem sächsischen Mittelständler und die Geldspritzen einiger Investoren, des Energiekonzerns Eon sowie von IBB Ventures, der Wagniskapital-Beteiligungsgesellschaft der Investitionsbank Berlin, die sich an dem Start-up beteiligten.

„Der Energiebranche einen großen Tritt verpasst“

Das Geld ermöglichte wichtige Wachstumsschritte. „Als ich vor zwei Jahren zu Nuventura stieß, war ich Mitarbeiterin Nummer sechs“, erzählt Ira Garbuz. „Heute sind wir schon 15.“ Darunter sind auch einige Maschinenbauer, die von großen Firmen zu Nuventura gewechselt sind. „Weil sie an unsere Idee glauben. Und weil sie bei uns Teil einer großen Veränderung sein können.“

Schon jetzt habe das kleine Start-up „der Energiebranche einen großen Tritt verpasst“, ist Ira Garbuz überzeugt. Auch, weil die Konkurrenz sehe, dass die Schaltanlagen des Start-ups nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche Vorteile bieten: Sie sind in der Wartung kostengünstiger als SF6-basierte Systeme und können obendrein mit internen Sensoren ausgestattet werden, die sie fit für die internetbasierte „Industrie 4.0“ machen.

Ein weiterer, noch größerer Tritt könnte in absehbarer Zeit aus Richtung der EU-Kommission folgen. Schon seit Längerem plant sie mit Blick auf die Klimaziele, die Verwendung von SF6 in Schaltanlagen stärker zu regulieren. Auch ein Verbot ist mittelfristig denkbar – wenn sich praktikable Alternativen auf dem Markt bewährt haben.

Das Tal des Todes ist für grüne Start-ups noch gefährlicher als für andere

Nuventura möchte die Revolution, die es im Energiesektor heraufziehen sieht, nicht im Alleingang bewältigen, sondern Lizenzen für seine patentierte Erfindung an mittelständische Anlagenhersteller vergeben. Damit sehen sich die Gründer in einer guten Position, um das „Tal des Todes“ zu überstehen. So nennen sie in der Start-up-Szene jene Phase, die auf die ersten erfolgreichen Schritte folgt und in der die junge Firma einen strammen Wachstumsschub hinlegen muss, um ihr Geschäftsmodell profitabel zu machen und sich am Markt etablieren zu können. Wem keine Lizenzgeschäfte oder Kooperationen möglich sind, der braucht dafür oft ein Investment in Millionenhöhe.

Dieses Tal des Todes ist für grüne Start-ups noch gefährlicher als für andere. „Da die Entwicklungszyklen bei ihren typischerweise technischen Innovationen häufig länger sind als bei rein digitalen Geschäftsmodellen, benötigen Investoren auch einen längeren Anlagehorizont“, erklärt Natalie Gips, Projektmanagerin Nachhaltigkeit beim Bundesverband Deutsche Start-ups. Es ist also eine Extraportion Geduld gefragt.

Yasmin Olteanu.

Zudem, sagt Gips, leiden grüne Start-ups unter einem Imageproblem: „Noch immer herrscht bei Investoren das Vorurteil, dass nachhaltige Investments mit Renditeverzicht einhergehen.“ Manche Start-ups würden aus diesem Grund sogar „Greenhushing“ betreiben, ergänzt Yasmin Olteanu vom Borderstep-Institut. „So nennen wir es, wenn sie den ökologisch-sozialen Wirkungsaspekt ihres Geschäftsmodells gegenüber Investoren herunterspielen. Sie wollen damit gar nicht erst den Eindruck entstehen lassen, dass ihnen die klassischen ökonomischen Zielgrößen nicht wichtig genug seien.“

„Letztlich bezahlen einem die Kunden nicht die Nachhaltigkeit“

Dass Nachhaltigkeit von manchen mit Nicht-Wirtschaftlichkeit gleichgesetzt wird, ist ein Problem für die grünen Gründer. Aber auch für die Investoren, die sich um Renditechancen bringen, glaubt Olteanu: „Grüne Start-ups sind ebenso wachstums- und profitorientiert wie andere – wollen aber zusätzlich noch eine positive ökologische oder gesellschaftliche Wirkung erzielen.“

Jan-Philipp Mai kennt die Vorbehalte, die grünen Start-ups von Investoren entgegengebracht werden, nur zu gut. Er sagt: „Man muss abwägen zwischen dem, was an Nachhaltigkeit möglich wäre, und dem, was ich heute auch im Markt platzieren kann.“ Mai ist Gründer von JPM Silicon, eines Verbundes aus mittlerweile drei Firmen in Braunschweig und Hongkong, der sich zum Ziel gesetzt hat, Solarenergie nachhaltiger zu machen – durch die CO2-neutrale Produktion des Solarzellenrohstoffs Silizium.

Möglich machen soll das zum einen innovatives Recycling von Solarmodulen, zum anderen Silizium aus nachwachsenden Rohstoffen wie Zucker und Asche von Getreidespreu. 2016 wurde JPM Silicon beim Startgreen Award ausgezeichnet. Mai sagt: „Letztlich bezahlen einem die Kunden, insbesondere im Business-to-Business-Bereich, nicht die Nachhaltigkeit, sondern sie bezahlen einen Kosten- oder Leistungsvorteil.“ Er ist zuversichtlich, dass er mit seinem umweltfreundlichen Silizium, wegen der wesentlich kürzeren Lieferketten und des niedrigeren Energieverbrauchs bei der Herstellung, auch in dieser Hinsicht punkten wird.

JPM Silicon hat seine Pilotanlage nach China verlegt

Ein weiterer Punkt, der es Start-ups in Deutschland schwer macht, ist die konservative Risikokultur sowohl bei Gründern als auch bei Geldgebern, findet Mai. „Bei uns ist die erste Frage: Wie begrenze ich mein Risiko? Und nicht: Welche Chancen habe ich eigentlich?“ Diese Sichtweise unterscheide sich klar von China, wo Risiko und Rückschläge, Versuch und Irrtum, eher in Kauf genommen würden.

Natalie Gips.

China ist heute der weltgrößte Solarmarkt. Deshalb hat JPM Silicon die, wie Mai es nennt, „anwendungsnahen Sachen“ nach Hongkong verlegt. Die Pilotanlagen sollen im Kernmarkt China stehen. Forschung und Entwicklung aber bleiben in Braunschweig. Was ihn hier halte, erklärt Mai, sei „ein exzellentes Netzwerk in der Region, was Forschungseinrichtungen und Industriepartner angeht – vor allem unter den kleinen und mittleren Unternehmen“.

Von solchen Kompetenznetzwerken können junge grüne Hightech-Firmen in vielen Regionen Deutschlands profitieren. Ein weiterer Vorzug sind die staatlichen Förderprogramme auf Bundes- und Landesebene, die mit Zuschüssen von bis zu 150 000 Euro auf die Frühphase einer Firmengründung zugeschnitten sind. „Bei diesen Programmen“, sagt Yasmin Olteanu vom Borderstep-Institut, „ist Deutschland im internationalen Vergleich gut aufgestellt.“ Wobei leider viele von ihnen Nachhaltigkeit bislang nur auf dem Papier als Förderkriterium ausgeben würden.

Berlin wird für seine guten Rahmenbedingungen für grüne Start-ups gelohnt

Das laut Green Start-up Monitor mit Abstand beliebteste Bundesland unter grünen Gründern und aufgrund seiner hohen Gründungsaktivität der „Green Start-up Hub Deutschlands“ ist Berlin. Offenbar denken viele so wie Manjunath Ramesh von Nuventura: Das ist der Ort, wo man ein Start-up gründet. Kein Wunder, erklärt Olteanu: „Hier findet man alles – Investoren, Kooperationspartner, Netzwerkveranstaltungen, unterschiedlichste Förderakteure.“ Dazu kommen Inkubatoren an den Hochschulen, also geschützte Räume, in denen sich die Firmengründer ausprobieren können. „Das ist ein wirklich guter Nährboden.“

Auch Björn Kaminski, Projektleiter Grüne Start-ups und Nachhaltigkeit beim Bundesverband Deutsche Start-ups, attestiert der Hauptstadt „gute Rahmenbedingungen, die sich immer mehr auch an explizit grüne, nachhaltige Start-ups richten“. Als Beispiele nennt er den Euref-Campus in Schöneberg, auf dem sich nachhaltige Start-ups einquartiert haben, und das „Berliner Start-up-Stipendium“, das technologiebasierte Gründungen mit sozial-ökologischem Fokus fördert.

Lignopure stellt Kunststoffe aus Pflanzen statt Erdöl her

Zu den nationalen Schlusslichtern, was grüne Gründerkultur angeht, zählt dem Green Start-up Monitor zufolge Hamburg. Nirgendwo sonst ist der Anteil nachhaltiger Start-ups niedriger als hier. Und in keinem anderen Bundesland sind grüne Gründer mit den Rahmenbedingungen unzufriedener.

Aber auch hier gibt es glückliche grüne Gründer, bei denen alles ineinandergreift: eine innovative Idee, Unterstützung von der Hochschule, Industriekontakte, ein florierendes Start-up-Ökosystem. Wie Daniela Arango, geboren in Kolumbien, Wahl-Hamburgerin, Doppelabschluss in Biotechnik und Wirtschaft. Sie gehört zum Gründungsteam von Lignopure, einem Start-up, das Kunststoffe auf Pflanzen- statt Erdölbasis entwickelt, 2019 als Spin-off der Technischen Universität Hamburg von drei Ingenieurinnen und einem Ingenieur gegründet, noch im selben Jahr beim Startgreen Award ausgezeichnet.

Jan-Philipp Mai.

Lignopure hat seinen Sitz in einem Gründerzentrum aus Glas und Beton am Harburger Binnenhafen. „Startup Port“ prangt in Großbuchstaben über dessen Eingang – es ist der Name einer Existenzgründungsinitiative, initiiert von sieben Hochschulen der Metropolregion Hamburg, mit 3,5 Millionen Euro vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert, im August 2020 offiziell gestartet.

Im zweiten Stock des Betonbaus, mit Blick auf einen nieselregengrauen Nachmittagshimmel, kramt Daniela Arango in einem Kistchen und legt einige Gegenstände auf den Tisch, die nicht sind, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen: Lederlappen, Kunststoffplatten, eine Klebebandrolle. Weder liegt vor uns Leder, noch enthalten die Platten synthetischen Kunststoff. Alles basiert auf Lignin, einem der Hauptbestandteile von Hölzern und Gräsern, von dem allein bei der Papierherstellung Millionen Tonnen pro Jahr als Abfallprodukt anfallen – und zumeist verbrannt werden.

Tesa zeigt Interesse, doch das Start-up muss große Mengen liefern können

„Das wollen wir ändern“, sagt Arango. „Wir wollen Anwendungen für Lignin entwickeln und so einen Markt für dieses Biopolymer schaffen.“ Mit entsprechendem Know-how weiterverarbeitet, lässt sich der Rohstoff als eine Art Pflanzenplastik nutzen. Für Isolierplatten etwa, die biologisch abbaubar sind. Für Kunstleder, das nicht nur vegan, sondern auch umweltfreundlich ist, weil es kein synthetisches Plastik enthält. Oder für erdölfreie Klebebänder.

Die hellbraune Rolle, die Arango auf den Tisch gelegt hat, entstammt einer Zusammenarbeit zwischen Tesa und der TU Hamburg. „Der allererste Prototyp“, sagt Arango mit Blick auf die etwas unförmige, faserige Anmutung des ligninbasierten Tesa-Films. Dieses Pilotprojekt war ein wichtiger Anstoß für die Gründung von Lignopure. Zeigte es doch, was mit Lignin alles möglich ist. Und: dass es dafür auch einen Markt gibt. Denn Tesa signalisierte Interesse an einer Zusammenarbeit – unter der Bedingung, dass hochwertiges Lignin in einer größeren Menge zur Verfügung stünde, als es die kleine Bioraffinerie der TU herzustellen vermochte: etwa 50 Kilogramm. Im Monat.

Braun ist die Farbe der Nachhaltigkeit

Der weitere Lignopure-Wachstumsfahrplan sah im Herbst ein „Seed Funding“ vor, eine Anschubfinanzierung, die den Gründern Planungssicherheit für die kommenden zwei Jahre geben sollte. Doping für das Tal des Todes. Schon im Februar soll der erste große Wachstumsschub abgeschlossen sein: die Verdreifachung von vier auf zwölf Mitarbeiter. Als einer der nächsten Schritte soll dann Lignin im Industriemaßstab für den Einsatz in höherwertigen Produkten aufbereitet werden.

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„Unser Plan ist, um die 30 Tonnen maßgeschneiderte Lignin-Rohstoffe pro Jahr zu produzieren“, sagt Arango. Zunächst einmal nicht für Klebebänder, sondern für Mikropartikel, die in der Kosmetikindustrie Anwendung finden. „Damit können wir erdölbasierte Zutaten überflüssig machen. Und auch solche auf Basis von Palmöl, für das Regenwälder gerodet und verheerende Monokulturen angelegt werden.“

Ein kleines Hindernis könnte die Farbe sein. „Mit Lignin haben wir nichts als Schattierungen von Braun“, so Arango. Sie blickt auf die Produktproben auf dem Tisch: Die Palette reicht von hellem Beige bis zu fast schwärzlichem Dunkelbraun. „Andererseits, wenn man heutzutage einen Bio-Supermarkt betritt – da ist ja auch alles braun. Die Menschen verbinden mit der Farbe inzwischen etwas, das nachhaltiger ist.“ Arangos Blick hellt sich auf. „Das eröffnet uns ganz neue Möglichkeiten.“