Das Team von Kompot: Karl Weiß, Edgar Schmidt-Narischkin, Kilian Holle und Liv Jürgensen
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Kluge Köpfe: Karl Weiß, Edgar Schmidt-Narischkin, Kilian Holle und Liv Jürgensen.

Plastikmüll

Graue Zellen, grüne Daumen

Herkömmliche Blumentöpfe verursachen allein in Deutschland Tausende Tonnen Plastikmüll im Jahr. Also hat sich eine Gruppe Jugendlicher etwas ausgedacht: Ihr „KomPot“ zersetzt sich selbst.

Von Konrad Schröter

Es sind nur zehn Gramm, doch die Menge macht das Gift. Denn wenn dieses kleine Gewicht mit 1,2 Milliarden multipliziert wird, kommt man schnell auf mehrere Tausend Tonnen Plastikmüll, die durch ein unscheinbares Produkt jährlich in Deutschland verursacht werden.

Der Ursprung klingt nahezu träumerisch. Ein kleiner Garten in Berlin, rundherum summende Bienen und duftende Blumen. Der 18-jährige Edgar Schmidt-Narischkin liebt diese Atmosphäre, deshalb bepflanzt er den Garten jedes Jahr neu. Das ist der viel zitierte springende Punkt. Je mehr er pflanzt, desto mehr Blumentöpfe landen hinter ihm. Und die sind – wie viele Produkte mit kurzer Lebensdauer – aus Plastik. „Es hat sich ein riesiger Haufen Müll angesammelt“, sagt der Jugendliche.

„Es tut weh, dass jedes Mal so viel Plastik anfällt“, meint Schmidt-Narischkin. Also hat er nicht lange gezögert, sondern schnell gehandelt. Denn Zeit ist Gold, wenn man bedenkt, dass jede Sekunde über 1000 Kilogramm Plastikmüll in der Umwelt landen, wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH) mitteilt.

Die Erfindung von Edgar Schmidt-Narischkin und seinen Freunden Kilian Holle, Karl Weiss, Liv Jürgensen und Subonn Lee ist ein Blumentopf, der nicht nur nachhaltig sein soll, sondern auch das Gärtnern vereinfacht. Der „KomPot“ besteht aus Holzfasern, Lignin und Stärke und zersetzt sich in der Erde.

Für Hobbygärtnerinnen und -gärtner besonders erfreulich: Er düngt dabei sogar die Pflanze. „Wie bekommt man es hin, dass man den Pflanzenmarkt revolutioniert?“, fragt der Erfinder. Ein Pflanzentopf, der die Pflanze vom ersten Moment an bis hin zur Blüte begleitet, ist hier doch recht naheliegend.

Der Preisunterschied zum „normalen“ Plastiktopf, wie er 1,2 Milliarden Mal jährlich in Deutschland über die Ladentheke geht, beträgt gerade mal 35 Cent. Aber Kundenumfragen hätten ergeben, dass die meisten sich trotzdem den „KomPot“ kaufen würden, „weil es ohne Plastik einfach besser ist“.

Also sind doch alle Hindernisse überwunden auf dem Weg zum marktreifen Produkt, oder? Tja, leider nicht, denn auch bei diesem Projekt der jungen Gründerinnern und Gründer gibt es noch einiges an Arbeit zu leisten. Schließlich ist nicht jeder Boden gleich.

Und wenn es – wie es die Jugendlichen vorhaben – zu einer vollständigen Zersetzung kommen soll, muss der Blumentopf auf alle Umstände vorbereitet sein. Deshalb forschen Schmidt-Narischkin und seine Kolleginnen und Kollegen in verschiedenen Testreihen derzeit nach der bestmöglichen chemischen Zusammensetzung.

Bei warmen und kalten Temperaturen, bei feuchtem und trockenem Boden, bei sandigem und erdigem Untergrund. Auch unterschiedliche Größen spielen bei ihrem kleinen Multitalent eine Rolle. Im Sommer 2021 soll der „KomPot“ eigentlich auf den Markt kommen – wenn da nicht noch die Konkurrenz wäre.

Tatsächlich gibt es ein Produkt namens „HANFi“ vom Unternehmen meinwoody, der ebenfalls kompostierbar ist. Der Topf ist den jungen Gründerinnen und Gründern aus Berlin natürlich nicht unbekannt. „Wir kennen den Hanfi. Er bedient aber ein anderes Spektrum“, sagt Edgar Schmidt-Narischkin. „Es handelt sich um einen Anzuchttopf.“

Während der „KomPot“ ein wirklicher Pflanzentopf ist, ist der „HANFi“ hauptsächlich zur Anzucht von Pflanzen in Gärtnereien oder Baumschulen gedacht, wie das Unternehmen beschreibt. Aber was sagen Expertinnen und Experten zum „KomPot“? Bestehen wirklich Chancen, mit dem kompostierbaren Blumentopf durchzustarten? Die Stimmen dazu sind sehr vielseitig.

„Grundsätzlich ist es zu begrüßen, dass sich junge Menschen für nachhaltige Lösungen einsetzen möchten. Wir kritisieren das große Plastikmüllproblem des Pflanzenhandels. Allein für den Transport von Garten- und Zimmerpflanzen mit Einweg-Wasserpaletten aus Plastik entstehen 21 Millionen Kilogramm Plastikmüll in Deutschland pro Jahr“, sagt eine Pressesprecherin der Deutschen Umwelthilfe.

„Wegwerfprodukte verschwenden bei ihrer Produktion wertvolle Ressourcen und verschmutzen durch unsachgemäße Entsorgung Landschaft und Ozeane“, heißt es weiter. Allerdings sei auch „KomPot“ ein Einwegprodukt, das aufwendig hergestellt werden müsse. Ob er sich wirklich zersetzt, können die Verbraucher letztlich nicht feststellen.

„Man muss hier eine Sache bedenken: Wenn ein Pflanzentopf in der Erde verbleibt und dort bestenfalls rückstandslos abgebaut wird, dann handelt es sich nicht um Recycling“, sagt auch Christoph Epping, Experte für Ressourcenschutz und Kreislaufwirtschaft im Bundesumweltministerium.

Tatsächlich besteht der Topf zwar aus Abfallprodukten, aber er kann nur ein einziges Mal verwendet werden. Logisch, denn dann ist er eben weg. „Wenn der Blumentopf aus gepressten, natürlichen Materialien besteht, kunststofffrei ist und mit eingepflanzt wird, ist alles gut“, so Epping weiter. „Er bringt dann keinen Schaden, aber auch keinen wirklichen Nutzen.“

Die durchschlagende Lösung zur Umsetzung der EU-Plastikstrategie, die bis 2030 einen kompletten Plastikkreislauf vorsieht und über deren Umsetzung derzeit auch in der deutschen Politik debattiert wird, ist also auch der „KomPot“ nicht. Und trotzdem: „Wir haben keine Wissens-, sondern nur eine Handlungslücke“, fügt Epping an. „Es ist ein großartiger Beitrag zum Klimaschutz, wenn junge Menschen selbst aktiv werden und nach Lösungen suchen. Jeder kann etwas tun und selbst wirksam sein“, so der Experte.

von Konrad Schröter