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Abholzung in Gambia: Laub-Briketts statt Feuerholz

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Von: Andreas Sieler

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Die Studierenden (v. links) Momodou Samura, Modou Lamin Manneh, Mansata Jabai, Kebutay Sanneh und Sulayman Darboe.
Die Studierenden (v. links) Momodou Samura, Modou Lamin Manneh, Mansata Jabai, Kebutay Sanneh und Sulayman Darboe. © Eric Vazzoler

Viele Haushalte in Gambia kochen notgedrungen mit gerodetem Feuerholz. Eine Gruppe Studierender will das ändern – mithilfe einer Ressource, die sowieso schon auf der Straße liegt.

Banjul – Wer aus der Gruppe den Einfall hatte, weiß niemand mehr so genau. Für ein Uni-Projekt wurden umweltfreundliche Ideen gesucht. „Es war die Idee von uns allen“, sagt Mansata Jabai. „Wir suchten nach einer Alternative zu Kohle und Feuerholz.“ Mit „wir“ meint die 26-jährige Studentin sich und eine Handvoll Kommilitonen der Universität von Gambia. Gemeinsam wollen sie den hohen Verbrauch von Kohle und Feuerholz in dem kleinen westafrikanischen Land reduzieren und somit die weitere Abholzung ihrer Wälder verhindern.

Denn der Bedarf an den Brennstoffen ist offensichtlich: Wer durch die Straßen der größten Stadt Serekunda und der Hauptstadtregion Banjul läuft, nimmt häufig den Geruch von Rauch wahr. Wie hierzulande beim Grillen, den Duft von verbrennender Holzkohle. Viele Menschen bereiten Essen oder Tee auf offener Flamme zu und in den meisten Fällen geschieht das aufgrund mangelnder Alternativen. Gas ist zu teuer. Strom ist auch keine Option, da das Stromnetz dauernd zusammenbricht. Gambia bezieht seinen Strom von zwei Dieselgeneratoren auf einem rostigen Schiff vor der Küste Banjuls.

Das sieht nicht nur abenteuerlich aus, sondern kann auch den Strombedarf des Landes nicht decken. Stromausfälle kommen mehrmals am Tag vor, mal ist dieses Stadtviertel dunkel, mal jenes. Solarkocher wären auch im Interesse des Klimas eine emissionsfreie und die wohl sinnvollste Lösung, auch Sonne gibt es genug, doch sie werden auf den Märkten kaum angeboten, weil Solarkocher für die meisten Menschen ohnehin unerschwinglich sind.

Was auf den Märkten und in den Straßen stattdessen überall feilgeboten wird sind Feuerholz und Holzkohle. Oft in kleinen Mengen, Tagesrationen, die gerade mal zum Zubereiten einer Mahlzeit genügen, da selbst das Anlegen von Kohlevorräten viele Haushalte finanziell überfordert. Auch Nahrungsmittel werden daher oft nur in Portionen für eine Mahlzeit angeboten – Gemüse in kleinen Häufchen.

Initiative gegen Abholzung in Gambia: Laub-Briketts als Alternative

Die kleine Gruppe Studierender trifft sich an einem sonnigen Tag auf einem privaten Grundstück am Stadtrand Serekundas. Es ist etwa ein Hektar groß, Mango- und Cashewbäume, Bananenstauden und Palmen spenden Schatten. Der sandige Boden ist makellos gefegt und geharkt, vereinzelt türmen sich Laubhaufen. Und darum geht es bei der Idee der Gruppe: Brennholz und Holzkohle durch ein Produkt zu ersetzen, für das keine Bäume abgeholzt werden müssen und das kostengünstig verfügbar ist: Laub. Die Studierenden pressen das Laub zu brennbaren Briketts.

Der vielversprechende Rohstoff: verbranntes, feingesiebtes Laub.
Der vielversprechende Rohstoff: verbranntes, feingesiebtes Laub. © Eric Vazzoler

„Das Rohmaterial liegt überall rum“, sagt Modou Lamin Manneh, einer der Studierenden. „Die Briketts rauchen weniger als Kohle“, benennt er einen der Vorteile. „Viele Menschen hier sterben mit 50, 60 Jahren an Krebs. Die Briketts sind besser für die Luft und es müssen keine Bäume dafür gefällt werden.“ Ein Thema in Gambia. „Wir haben viele Savannen, wo einst Wälder waren“, sagt Manneh. „Die Menschen können aber nicht mit dem Abholzen aufhören, sie leben davon. Wenn, dann brauchen sie eine Alternative.“ Natürlich werden Bäume aus vielerlei Gründen abgeholzt. Jüngstes Beispiel: Zuletzt verschwand an der Küste der Hauptstadtregion ein beachtlicher Teil des Bijilo-Nationalparks – Heimat zahlreicher Affen – was zu Protesten führte. Seit 2020 steht im einst nördlichen Teil des Parks stattdessen ein riesiges, von China gefördertes Kongresszentrum.

Statistiken zur Waldrodung in Gambia sind teils widersprüchlich, was auch an verschiedenen Definitionen von „Wald“ liegen mag. Dem Statistischen Bundesamt zufolge ist heute noch knapp ein Viertel der Landfläche bewaldet. Das deckt sich grob mit einer Weltbankerhebung, diese nennt einen Rückgang der Waldfläche von 4147 Quadratkilometern im Jahr 1990 auf nur noch 2427 Quadratkilometer 2020. Gambia ist mit gut 11 000 Quadratkilometern etwa halb so groß wie Hessen. Die Hilfsorganisation SOS Kinderdorf beklagt derweil einen Verlust von 91 Prozent des einstigen Waldbestandes zugunsten von Landwirtschaftsfläche und Brennholzgewinnung.

Von einer Massenproduktion der Laub-Briketts ist die Gruppe noch sehr weit entfernt, es geht ihnen zunächst darum, für ihr Projekt Aufmerksamkeit zu gewinnen. Dafür führen sie den Herstellungsprozess vor: Das Laub und was die Bäume sonst noch abwerfen wird karbonisiert – in einer Tonne angezündet und mit Wasser abgelöscht. Das Ergebnis wird gesiebt, kleiner und kleiner, zu schwarzen Mini-Partikeln. Dann holt Mansata Jabai ein kleines Tütchen mit weißem Pulver hervor. „Das ist organisch“, sagt sie, gewonnen aus Stärke der Cassava-Pflanzen (Maniok). In einem Kochtopf erhitzen die Studierenden Wasser und geben nach und nach das Pulver hinzu, aufgekocht und verrührt wird es zu einem dickflüssigen Klebstoff. Das karbonisierte Material wird im nächsten Schritt mit dem Klebstoff vermengt, „das hält die Partikel zusammen“, sagt Jabai. Die Masse wird danach mit Kraft in eiserne runde Behälter einer Vorrichtung gepresst. Ist die Masse etwas angetrocknet, wird der bewegliche Boden der Vorrichtung mit einem Hebel nach oben gedrückt, wodurch die fertigen Briketts ans Licht kommen. Fast fertig: Die grauen Briketts müssen jetzt nur noch zwei, drei Tage durchtrocknen.

Maniok-Stärke dient als Kleber.
Maniok-Stärke dient als Kleber. © Eric Vazzoler

„Mit Maschinen könnten wir natürlich viel schneller produzieren“, sagt Sulayman Darboe und gesteht: „Das hier ist etwas primitiv. Aber wir wollen nicht warten, bis wir Maschinen haben, sondern wir produzieren mit dem, was wir haben.“ Jabai fügt hinzu: „Wir haben passende Maschinen im Internet gesehen, aber die können wir uns nicht leisten.“ Derzeit schaffen sie nur eine Handvoll 50-Kilo-Säcke pro Woche, was aber auch daran liege, dass sie noch die meiste Zeit damit zubrächten, für Examen zu lernen.

Gambia: Wie Studierende mit Laub-Briketts die Abholzung der Wälder reduzieren wollen

Dass alle von ihnen Studiengänge verschiedener Fachrichtungen belegen, kommt dem Projekt zugute, sagen sie. Ihr Wissen bringen sie unter anderem aus den Bereichen Physik, Mathematik, Agriculture and Economics, Marketing-Management, Klimaforschung und Hydrologie zusammen.

Laub habe gegenüber Kohle bestimmte Vorteile, sagen die Studierenden. Auf der Hand liegt, dass Abholzung vermieden wird. „Wir haben die physikalischen Eigenschaften verglichen“, erklärt Sulayman Darboe. Die Laubbriketts seien demnach effektiver als selbige aus Kohle, sagen sie. „Es ist umweltfreundlicher und hält länger.“ Ein Problem bleibt natürlich die Karbonisierung. Dabei hat sich die Gruppe Hilfe beim Gambian Technical Training Institute (GTTI) geholt. Heraus kam ein Design für die Tonne, in der die Rohstoffe verbrannt werden. „Durch spezielle Luftzufuhr wird die Rauchentwicklung minimiert“, erklärt Jabai. In Zukunft müssten dafür aber auch Filter zum Einsatz kommen, weiß sie.

Menschen, die die Briketts bislang ausprobierten, hätten positiv reagiert, erzählt Jabai. „Wie ist das möglich – haben sie gefragt. Die Leute kennen nur Holzkohle.“ Viele Menschen seien überrascht, sagt Manneh. „Sie sagen: Wow, das raucht ja weniger als Kohle.“

Per Hand werden die Briketts in Eisenformen gepresst.
Per Hand werden die Briketts in Eisenformen gepresst. © Eric Vazzoler

Und wie geht es weiter? „Aus dem Verkauf wollen wir die weitere Produktion finanzieren und Leuten zeigen, wie es geht“, sagt Manneh. „Wir arbeiten nicht profitorientiert“, sagt Jabai. „Wir wollen ins Geschäft kommen. Wir brauchen zunächst Partner. Irgendwann können wir Maschinen für die Produktion kaufen und vielleicht auch Profit machen. Im Moment wissen die Leute aber nicht einmal, dass es das gibt.“ Manneh pflichtet ihr bei: „Wenn die Öffentlichkeit von uns erfährt, können wir wachsen. Dann können wir Jobs schaffen.“

Preislich könne das Produkt schon jetzt der Kohle den Kampf ansagen, da der Rohstoff kostenlos ist. Mit Blick auf die Produktion besteht aber eine Hürde, die viele Projekte in Gambia nie aus den Kinderschuhen wachsen ließ, weiß Darboe: „Das ist ein Problem in Gambia: Die Menschen haben viele Ideen, aber keiner hat Startkapital.“

Langfristig, da dürfte niemand widersprechen, muss Gambia seinen Holzkohlebedarf – und dabei sind andere Länder in Afrika schon weiter – mittels Solarenergie und Solarkochern reduzieren. Die Idee der Studierenden könnte aber ein deutlicher Fortschritt weg vom Status quo sein und vor allem die Abholzung verringern. Wenn sie es denn schaffen, mit ihrem Projekt aus den Kinderschuhen rauszuwachsen. (Andreas Sieler)

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