Nora Sophie Griefahn ist studierte Umweltwissenschaftlerin. Foto: Sonja Müller
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Nora Sophie Griefahn ist studierte Umweltwissenschaftlerin.

Abfall

Cradle to Cradle: Eine Welt ohne Müll

  • Uta-Caecilia Nabert
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Nora Sophie Griefahn leitet eine kleine NGO, die Großes bewirken will. Was jetzt noch als Abfall gilt, soll restlos wiederverwertet werden. Der Zero Waste-Trend dagegen ist für sie „Aktionismus“.

Eines Tages wird sich der Erfolg der Karriere Nora Sophie Griefahns am Ausmaß der Müllberge messen lassen. Je kleiner diese Berge geworden sind, desto größer wird ihr Erfolg gewesen sein. Wenn alles gut läuft. Doch eigentlich wäre es Griefahn wohl am liebsten, wenn der Duden bis dahin das Wort Müll vollkommen gestrichen hat. Denn was Müll ist, ist der Umweltwissenschaftlerin zufolge ohnehin eine Frage der Definition. „Eigentlich sind das alles Nährstoffe.“

Das Umweltbewusstsein scheint der 29-Jährigen in die Wiege gelegt. Die Mutter: SPD-Politikerin, einst Umweltministerin Niedersachsens, und Mitbegründerin von Greenpeace Deutschland. Der Vater: Chemiker und Miterfinder von „Cradle to Cradle“ (C2C), das als die Königsdisziplin der Kreislaufwirtschaft gilt. „Klar war Umwelt immer ein Thema bei uns zu Hause“, sagt die rotblonde Frau, die am Rande von Hamburg aufgewachsen ist. Dort ging sie zur Schule, machte nebenbei Musik. „Ich spiele viele Instrumente, unter anderem Saxofon.“

In der Vergangenheit leitete Griefahn Chöre, heute leitet sie die NGO Cradle to Cradle. Für die Musik bleibt der dreifachen Mutter nur noch wenig Zeit.

Nachhaltigkeit: „Mit den althergebrachten Strategien kommen wir nicht weiter.“

Was ist passiert seit damals? Als kleines Mädchen, erzählt sie, habe sie Polizistin werden wollen. „Da kam wohl schon der Wunsch durch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“ Älter geworden dachte Griefahn über ein Musikstudium nach. „Doch dann verstand ich, dass ich Musik später noch nebenbei machen kann, doch so etwas wie Chemie zu lernen, um die Welt besser zu verstehen, das könnte ich nicht nebenbei machen.“

Dem Gedanken folgte die Tat, nach dem Abitur zog sie von Hamburg nach Lüneburg, um Umweltwissenschaften zu studieren. Fürs Studium ging es weiter nach Wien, Kopenhagen und Berlin. Auslandsaufenthalte führten sie in die USA und nach Frankreich. Und irgendwann in dieser Zeit erkannte Griefahn, was viele Kinder erkennen: Es gibt noch andere Perspektiven als die der Eltern.

In ihrem Fall waren es sogar andere als die, die derzeit in der Gesellschaft herrschen: „Ich habe mich während des Studiums mit unterschiedlichen Nachhaltigkeitsstrategien beschäftigt und gemerkt: Mit den althergebrachten Strategien kommen wir nicht weiter. Wir müssen umdenken. Völlig neu denken.“

Im C2C Lab sanierte die NGO 400 Quadratmeter Plattenbau nach Prinzipien des Cradle to Cradle

Wie, das veranschaulicht Griefahns NGO am Beispiel ihres Berliner Quartiers, dem C2C LAB. Vor dem Einzug ließ die Organisation die angemieteten 400 Quadratmeter in dem Plattenbau sanieren – nach allen Regeln der Cradle to Cradle-Kunst: Die verbauten Materialien entstammen der Kreislaufwirtschaft und leben teils schon ihr zweites Leben. Der Teppich besteht größtenteils aus recycelten Fischernetzen, ins maritime Thema fügt sich auch der Dämmstoff ein: Er ist aus Seegras. Die Bürostühle, so verspricht der Hersteller, wird er eines Tages zurücknehmen und dafür sorgen, dass aus den einzelnen Bestandteilen neue Produkte entstehen. Vielleicht Angelhaken?

Das C2C LAB ist ein Leuchtturmprojekt, das Wirtschaft und Politik den Weg zeigen soll. C2C - das heißt: Produkte von der Wiege zur Wiege denken, nicht mehr von der Wiege zur Bahre. Doch ist das Konzept so neu? Stehen nicht heute schon bis zu fünf Mülltonnen vor den Häusern, um den Recycelwillen der Bundesbürger:innen anzukurbeln? Werden alte Marmeladengläser denn nicht jetzt schon zu neuen Fenstern verarbeitet und altes Plastik zu neuen Parkbänken? Bekannt ist aber auch, dass unsere Guinnessbuch-verdächtigen Müllkollektionen am Ende oft doch einfach nur verbrannt werden. „Das ist das Ziel, dass gar nichts mehr verbrannt wird. Und das geht nur, wenn alle Produkte von vornherein so gestaltet sind, dass sie in den Kreislauf zurückgeführt werden können. Ausnahmslos“, sagt Griefahn.

Glaubt die Wissenschaftlerin wirklich, dass wir das schaffen können? Ist es für sie nicht manchmal frustrierend zu sehen, wie sich schon die Eltern reingehängt haben und die Umweltprobleme doch nicht kleiner geworden sind, sondern immer noch neue hinzugekommen? Irreparable Elektrogeräte, Wegwerf-Pullis, Dürre in Deutschland, Waldsterben – um nur ein paar Beispiele zu nennen? „Es hat sich aber auch einiges getan.“ Griefahn hat das Talent, mit ihrer ruhigen Art Zuversicht zu verbreiten. „Als meine Eltern anfingen, wurde der Atommüll noch im Meer verklappt, in vielen Flüssen konnte man nicht schwimmen, die Luft war teils stark kontaminiert.“ Ihre Mutter, erinnert sie sich, habe als Kind Asthma gehabt. „Sie wuchs im Ruhrgebiet auf, da war der Himmel schwarz.“

Die Idee

Die NGO Cradle to Cradle (C2C NGO) vernetzt Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Politik und Zivilgesellschaft. Die Organisation setzt sich für einen veränderten Umgang mit Produkten und Abfall ein. Sie berät unter anderem Kommunen, die sich nach C2C ausrichten wollen, und erstellt Leitfäden. Nora Sophie Griefahn ist geschäftsführende Vorständin und Mitgründerin von Cradle to Cradle NGO.

Private Spenden und Fördergelder der öffentlichen Hand sind die Finanzierungsgrundlage der NGO. Zugleich treten ausgewählte Unternehmen, die C2C bereits selbst in ihre Produktion integrieren, als Sponsoren auf, etwa von Veranstaltungen. Dennoch hält sich die NGO eigenen Angaben zufolge vor, unabhängig zu agieren und zu entscheiden.
www.c2c.ngo

Die Dinge brauchten eben Zeit, meint Griefahn. „Es ist eine schwierige Aufgabe, das streite ich nicht ab, aber ich glaube schon, dass es möglich ist, sonst würde ich es nicht machen.“ Deswegen hat sie 2012, damals noch im Studium, zusammen mit ihrem Kommilitonen Tim Janßen die NGO Cradle to Cradle gegründet, die es sich auf die Fahnen geschrieben hat, C2C bekannter zu machen, dem Konzept eine Bühne zu bieten.

Das mittlerweile 20-köpfige Team vernetzt Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Politik und Zivilgesellschaft miteinander, mit dem Ziel, eine durchgängige und konsequente Kreislaufwirtschaft zu etablieren, die beim Produktdesign beginnt und niemals aufhört, denn es ist ja ein Kreislauf.

Wie das zum Beispiel in der Baubranche gelingen kann, machen Projekte wie das C2C LAB vor. „Im Sektor Bau und Sanierung entstehen rund 40 Prozent der deutschen CO2-Emissionen und knapp 60 Prozent des Müllaufkommens“, sagt Griefahn. Damit sich das ändert, müsse die Politik nicht nur mit Gesetzen Rahmenbedingungen schaffen, sondern auch vorleben, wie es anders geht, Nachfrage schaffen, um das Angebot zu stärken: „Die öffentliche Hand ist der größte Beschaffer, da spielt es eine Rolle, welche Entscheidungen beim Kauf von Büromaterial oder dem Bau neuer Gebäude getroffen werden.“

Kosten für Müllentsorgung und Gesundheitsprobleme trägt die Öffentlichkeit, nicht das Unternehmen

Kostenfaktor? „Teilweise sind C2C-Produkte auf den ersten Blick teurer, aber auch da muss man sich fragen, ob man die Preise bisher richtig berechnet hat.“ Ein Produkt respektive Bauprojekt verursache ja nicht nur Beschaffungskosten. Man sehe sich zum Beispiel das neue Rathaus im niederländischen Venlo an, das komplett nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip gebaut wurde: „Die Verantwortlichen beobachten seitdem weniger Krankheitstage bei den Mitarbeiter:innen.“ Die verwendeten Baustoffe dünsteten keine giftigen Chemikalien aus, seien verträglicher.

In der Vergangenheit, sagt Griefahn, hätten die Unternehmen die Gewinne eingestrichen, entstehende Kosten wie Abfallentsorgung und Gesundheitsprobleme aber habe die Öffentlichkeit getragen. „Das muss sich ändern.“ Und dass sich etwas tut, dass es möglich ist, veranschaulicht sie an zahlreichen Beispielen: Von Stabilo-Markern mit nahezu trinkbarer Tinte erzählt sie, vom kompostierbaren Kunststoff infinito, der auch noch hautfreundlich sei, von der Kläranlage der Zukunft, in der Phosphor aus menschlichen Exkrementen gefiltert und den Ackerböden zugeführt werde. Ein Kreislauf eben.

Bei so viel Disziplin in der Königsdisziplin – worin bestand Griefahns letzte Umweltsünde? „Da ich gerade wenig Zeit habe, bestelle ich manche Dinge im Internet. Außerdem habe ich lange Haare, wären die kurz, könnte ich eine Menge Shampoo sparen.“ Ob das wenigstens C2C-gerecht sei? „Das Shampoo schon, die Flasche nur in der Theorie.“

Nora Sophie Griefahn: „Zero Waste ist Aktionismus.“

Kein festes Shampoo aus dem Unverpacktladen? „Ich empfinde Zero Waste als Aktionismus. Das Konzept ist gut, um auf das Thema aufmerksam zu machen, aber wir können ja jetzt nicht überall Unverpacktläden aufmachen. Wir sollten weniger über „nicht verpackt“ nachdenken und mehr über: „Wie verpacken wir richtig?“

Griefahn schnappt sich also den Jutebeutel, wenn sie einkaufen geht, wie sie sagt. Außerdem beziehe sie wöchentlich eine Gemüsekiste vom Bauern („fast keine Verpackung“) und ziehe die Bahn dem Flugzeug vor. „Doch so richtig etwas bewirken können wir nur, wenn die Dinge komplett anders werden“, meint sie.

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In ihrer Welt der Zukunft schweben emissionsfreie Flugzeuge, Autos sind vielleicht gar nicht mehr in Privatbesitz, sondern Allgemeingut, und Baumärkte gibt es vielleicht nicht mehr, denn unsere Häuser sind das Warenlager.

Ob das alles so oder ähnlich kommt, ist noch unklar, es sind alles Denkansätze. Ideen. Das Ziel: Der Mensch als Nützling und nicht als Schädling. Komplett umdenken eben.