Gründer Jan Gerlach (l.) bei der Eröffnung einer von drei Leihstationen in Berlin im Frühjahr 2020.
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Gründer Jan Gerlach (l.) bei der Eröffnung einer von drei Leihstationen in Berlin im Frühjahr 2020.

Toolbot

Chrrwiiiii auf Zeit

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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Werkzeuge werden oft billig produziert und selten intensiv genutzt – das Start-up Toolbot will das mit Leihstationen und Profi-Geräten ändern

Ein junger Mann kommt mit einer Kreissäge aus einem Berliner Kiosk – und legt direkt los. Keine Baustelle, keine Renovierung. Nur ein einzelnes Brett, das er mal schnell auf dem Gehweg zersägt. Das Chrrrwiiiii der Handsäge, der Duft von Sägespänen – was für die einen nach schweißgetränktem Baumarkt-Werbespot klingt und für die anderen nach Ruhestörung, geht auf die Kappe von Jan Gerlach.

Gerlach, der die Anekdote in einem Video-Gespräch mit der Frankfurter Rundschau erzählt, war zwar nicht der Mann mit der Kreissäge. Dafür aber der Mann mit der Idee dahinter: Der 39-Jährige Industriedesigner und sein Team haben ein System entwickelt, mit dem man Profi-Werkzeuge auf Stundenbasis leihen kann – die Kreissäge, die kurz nach dem Einsatz schon wieder zurück in den Kiosk ging, war eines davon.

Seit dem Frühjahr 2020 läuft die Testphase des Start-ups Toolbot mit Stationen in drei Berliner Spätis. Mehr als 2000 Kund:innen haben sich bisher auf der Sharing-Plattform registriert. Am häufigsten leihen sie Akkuschrauber, Bohrhammer und Stichsägen, durchschnittlich für eine Dauer von sechs Stunden. Es ist eine Art Carsharing für Heimwerker mit automatisierten Leihstationen für Do-It-Yourself-Bastlerinnen.

Toolbot-Gründer Gerlach ist zufrieden: Das Projekt trägt sich schon jetzt

Die Rechnung von Toolbot geht so: Teilen sich 100 Menschen ein Profi-Gerät, statt je eines zu kaufen, werden 99 Prozent der Emissionen aus der Produktion eingespart und darüberhinaus noch mehr, weil die Werkzeuge von Fachleuten gewartet und repariert werden und so länger leben.

Simulation einer Leihstation in der Berliner U-Bahn.

Das soll verhindern, dass Menschen zu günstigeren, aber dafür qualitativ minderwertigen Produkten greifen, die schon nach kurzer Zeit nicht mehr funktionieren. Bereits vor Jahren hat etwa Stiftung Warentest Billigwerkzeuge unter die Lupe genommen, die weniger als 50 Euro kosteten. Mit dem Ergebnis: „Den Dauertest überlebte fast kein Gerät.“ Bei Toolbot soll das anders laufen.

Mit dem Probelauf in den drei Spätis wollte Gründer Gerlach zeigen, „dass wir in der Lage sind, das zu beherrschen – und dass die Leute das überhaupt wollen“, erzählt er in der Video-Schalte aus dem Labor in Cottbus. 21 Werkzeugkoffer haben sie in den Spätis deponiert. Sie sind frei zugänglich in einer Station übereinander gelagert. Per App-Aktivierung löst sich die Sicherung. Mit der Auslastung ist Gerlach zufrieden, das Projekt trägt sich schon jetzt.

Das Konzept von Toolbot ist keine bahnbrechende Idee, die Umsetzung aber schon

Das Konzept „Werkzeuge zur Miete“ ist keine bahnbrechende Idee. Viele Baumärkte haben bereits einen integrierten Verleih. Hinzu kommen Unternehmen, die sich ganz darauf spezialisiert haben. Doch bei Ersteren hat man meist eine weite An- und Rückfahrt, lange Schlangen und teils hohe Kosten samt Kaution. Und bei Letzteren stehen weniger Kleinkunden im Fokus als vielmehr schwere Maschinen für das Gewerbe.

Zukunft hat eine Stimme

PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme – mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter: www.fr.de/meinezukunft

WAS TUN: Via pumpipumpe.ch in der Nachbarschaft Geräte teilen – die Sharing-Community entstand 2012 in Bern, inzwischen machen aber schon mehr als 20 000 Haushalte europaweit mit. Kommuniziert wird über Aufkleber an Briefkästen. jjm

Parallel sind Plattformen für private Leihgeschäfte entstanden. Die Webseite „pumpipumpe.ch“ etwa regt an, in der Nachbarschaft Dinge zu verleihen, die man nicht täglich braucht. Angebote sammelt sie auf einer Online-Karte im deutschsprachigen Raum. Die Plattform ist ein Beispiel für die wachsende Sharing-Kultur, die auch in Deutschland immer mehr Anhänger:innen findet. Auf privater Ebene ist dabei jedoch meist unklar, was passiert, wenn Verliehenes Schaden nimmt.

Diese Probleme will Toolbot lösen. Eine Kaution etwa müsse nicht gezahlt werden, sagt Gerlach. Die Versicherung sei in den Leihpreis eingerechnet.

Toolbot will Werkzeugstationen in den halb-öffentlichen Raum bringen

Während des Gesprächs tüfteln in Gerlachs Rücken zwei seiner fünf Mitarbeiter, beide Programmierer. Die meiste Arbeit sei „die Technologie dahinter“. Ein Aufwand, der sich lohnen soll: Die eigentliche Innovation des Unternehmens ist nicht der neuartige Werkzeug-Verleih – die Infrastruktur ist es, von der sich die Macher noch deutlich mehr versprechen.

Die automatisierten Leihstationen, die derzeit noch in Form pragmatischer Prototypen in den Spätis stehen, erzählt Gerlach, habe er 2017 zum ersten Mal mit einer Fotomontage visualisiert. Das Ergebnis war eine mannshohe Wand aus Staufächern ähnlich einer DHL-Packstation, die im fiktiven Szenario in einem Berliner U-Bahnhof steht.

Gerade sei man dabei, die Vision mit eigener Technologie serienreif auszugestalten. Die fertigen Stationen sollen nicht mehr in Kiosks ihren Platz finden, sondern im halb-öffentlichen Raum. Außerdem könnten sie neben Werkzeugen auch Sport- oder technische Geräte, ein Federball-Set für den Parkbesuch etwa oder eine Drohne für Hobby-Fotograf:innen, verleihen.

Gerlach hofft, dass Baumarktketten mit Toolbot kooperieren werden

Am Cottbuser Bahnhof, den die Deutsche Bahn als „Zukunftsbahnhof“ rundumerneuern will, soll im März die erste Station befüllt werden. Danach könnten erste Großstädte folgen.

Doch potentielle Standpunkte sind umkämpft. „Jeder will möglichst nah an den Kunden ran“, sagt Gerlach. Die Deutsche Post DHL Group will ihr Netz mit Packstationen massiv ausbauen. Aktuell gibt es deutschlandweit mehr als 6000 davon. Innerhalb von drei Jahren soll die Zahl verdoppelt werden.

Jan Gerlach schreckt davor nicht zurück. Er hofft darauf, mit Baumarktketten zu kooperieren und die Stationen als deren Kontaktpunkte in den Innenstädten zu vermarkten, man sei bereits im Gespräch. Wer weiß, vielleicht läuft dann doch irgendwann ein Werbespot mit einem jungen Mann, der auf dem Gehweg ein Brett zersägt.