Fliesen aus Bauschutt vom Startup Shards
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Fliesen aus Bauschutt

Shards

Ein Start-up hält der Baubranche die Fliesen vor

Der Bau ist Ressourcenkiller Nummer 1 in Deutschland. Die Deponien quellen über. Doch wo andere Müll sehen, sieht Lea Schücking vom Startup Shards Rohstoffe, aus denen Fliesen werden. Damit leistet das Unternehmen Pionierarbeit.

„Fliesen aus Bauschutt“ nennt das Kasseler Start-up „Shards“ sein Produkt. „Wir haben den Namen ganz bewusst so gewählt“, sagt Lea Schücking. Auch wenn es manche potenziellen Kunden abschrecken mag. Menschen, die sich nicht vorstellen können, Küche oder Bad mit einem Produkt auszustatten, das von einer Mülldeponie oder einem Recyclinghof stammt. Doch Schücking, eine gelernte Tischlerin und Diplom-Designerin, und ihr inzwischen vierköpfiges Team sehen genau darin ihre Mission: eine echte Kreislaufwirtschaft auch im Baubereich zu etablieren. Und zu beweisen, dass das auch ästhetisch kein Nachteil sein muss. Im Gegenteil.

Shards ist das englische Wort für Scherben. Die Fliesen werden aus zwei Rohstoffen hergestellt – Ziegelsteine aus dem Abbruch von Häusern und altem Fensterglas, das auf den Bauschutthöfen in Form von, eben, Scherben anfällt. Sonst gibt es keine Zusätze.

Die Fliesen von Shards können wieder zu Fliesen recycelt werden

Das Kasseler Start-up leistet damit tatsächlich Pionierarbeit in der Baubranche. Es gibt zwar einige wenige Fliesenhersteller, die in Produktlinien bis zu 50 Prozent Recyclingmaterial einsetzen, aber dann nur Produktionsabfälle. „Fliesen, die ganz aus Bauschutt bestehen, hat vorher niemand entwickelt“, sagt Schücking. Anders als sonst müssen bei den Shards-Fliesen für die Herstellung keine Rohstoffe abgebaut werden. Und werden sie irgendwann einmal ersetzt, ist das auch kein Problem, zumindest kein ökologisches. „Sie können nach ihrem Rückbau erneut zu Fliesen verarbeitet werden“, sagt sie.

Glaubt einen Nerv getroffen zu haben: Lea Schuecking, Gründerin von Shards

Hintergrund der Shards-Idee: Der Baubereich ist Ressourcenkiller Nummer eins. In Deutschland stammen rund 60 Prozent der Abfälle aus dem Gebäudesektor, jährlich rund 55 Millionen Tonnen. Zwar werden knapp vier Fünftel davon recycelt, doch die Deponien quellen wegen der zunehmenden Masse über.

Technisch ist es möglich, viel mehr Bauschutt im „Kreislauf“ zu führen, etwa Recyclingbeton statt frischem Beton einzusetzen. Doch das wird erst ansatzweise genutzt. Und für den Fliesensektor – Absatz in Deutschland über 120 Millionen Quadratmeter pro Jahr – mussten Schücking und ihre Co-Designerin Leya Bilgic ein Verfahren erst entwickeln. Es dauerte zwei Jahre, bis die Ergebnisse gut genug waren. Bilgic ist seit 2019 dabei.

Die Fliesen von Shards gibt es in vielen Farben - von Creme über Grün bis Schwarz

Das Material, Ziegel und Glas, wird zerkleinert, vermischt und in einem Elektroofen zu neuwertigen Fliesen gebrannt. Die beiden Bestandteile verbinden sich dadurch fest. Ohne Zusatz von Farbpigmenten entstehen Schattierungen von Creme über Grün und Blau bis zu Schwarz, in Abhängigkeit von der Ziegelart, dem Mischungsverhältnis und der Brenntemperatur. Auch die gewünschte Oberflächenstruktur, glatt oder rau, lässt sich auf diese Weise variieren.

Schücking & Co. holen sich ihre „Sekundärrohstoffe“ von Recyclinghöfen und Bauschuttdeponien aus dem Kasseler Umland. Radius: maximal 30 Kilometer. Gearbeitet wird bisher in einer kleinen Werkstatt an der Kunsthochschule Kassel. In größeren Mengen verbaut sind die Fliesen in zwei Pilotprojekten, in einem privaten Wohnhaus im nordrhein-westfälischen Sassenberg und im Neubau des Umweltinstituts Ifeu in Heidelberg. „Die Handwerker waren zufrieden“, berichtet Schücking.

Das Start-up hat Preise gewonnen, darunter den Bundespreis Ecodesign, der vom Bundesumweltministerium und Umweltbundesamt vergeben wird. Dank eines Gründungsstipendiums der Uni Kassel will Shards Herstellung von größeren Formaten als bisher und die Serienproduktion vorbereiten. Mit einer neuen Werkstatt, einem größeren Brennofen.

Shards hat schon viele Anfragen für Fliesen - von Privatleuten bis zu Spa-Betreibern

Nun ist die kleine Firma für den hessischen Gründerpreis nominiert. Längerfristig schwebt Schücking vor, die Herstellung auch „klimaneutral“ aufzustellen, das heißt, die Brennöfen statt, wie in der Branche üblich, mit Erdgas, komplett mit Ökostrom zu betreiben. Doch das ist noch Zukunftsmusik.

Schücking glaubt, mit Shards einen Nerv getroffen zu haben. Es gibt bereits viele Anfragen, nicht nur von Privatleuten, sondern auch von Architekt:innen, die, zum Beispiel, Spa- und Wellness-Projekte damit ausstatten wollen. Die junge Designerin ist zuversichtlich: „Über kurz oder lang wird sich ein neues Wirtschaften durchsetzen, bei dem es nicht nur um Profit geht, sondern auch darum, keine Ressourcen mehr zu verschwenden.“

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Die Designerin, die dank des Einflusses ihrer Mutter bereits als Kind und Jugendliche ökobewegt war, ist sicher: Es gebe gar keine andere Wahl, als der Kreislaufwirtschaft, dem „zirkulären Ansatz“ statt „Ex und hopp“, zum Durchbruch zu verhelfen. „Sonst zerstören wir die Lebensgrundlagen“, sagt sie.

Bei einer Forschungsreise im Studium nach Indonesien 2013 hat sie das selbst erlebt, bei einem umstrittenen, später gestoppten Natursteinabbau in der Region Molo auf der Insel Westtimor. Die Berge, wichtig als Wasserspeicher der Region, seien abrasiert worden, so wie Brotschnitten von einem Laib. „Und wir gehen in den Baumarkt. Kaufen die Sachen. Und wissen von nichts.“