Zukunftsstimme: Carola Niemann macht ein Magazin für kurvige Frauen.
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Carola Niemann ist Chefredakteurin des einzigen Magazins für kurvige Frauen, das es in Deutschland auch am Kiosk gibt.

Kurvendiskussionen

„The Curvy Magazine“: Ein Modemagazin für alle

  • Manuel Almeida Vergara
    vonManuel Almeida Vergara
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Die Modezeitschrift „The Curvy Magazine“ richtet sich an Frauen, die sich in anderen Magazinen kaum wiederfinden – weil sie nicht schlank sind.

Frankfurt – Carola Niemann ist nie allein. Zumindest am Konferenztisch nicht, Hunderttausende Frauen stehen hinter ihr. So zumindest fühlt es sich an, sagt sie. „In jede Verhandlung gehe ich mit dem Gedanken, dass ich unzählige Frauen im Rücken habe, die genau dasselbe wollen wie ich“, erklärt die Stylistin. Und Verhandlungen hat Carola Niemann viele geführt. Niemann ist Chefredakteurin einer Modezeitschrift. Nicht irgendeiner allerdings. „The Curvy Magazine“, steht auf dem Titel. „Das einzige Magazin für kurvige Frauen, das es in Deutschland auch am Kiosk gibt“, sagt Niemann feierlich. Seit 2018 sind ihre gedruckten Ausgaben erhältlich. Bis dahin war es ein weiter Weg – mit jeder Menge Verhandlungen.

„Ich habe mit meinem Konzept vor Jahren große Verlage angesteuert, aber überall herrschte die Meinung, dass ein spezielles Heft für dicke Frauen keinen Sinn ergibt, weil sie bisher ja auch zu ‚normalen‘ Magazinen gegriffen hätten. Aber das hat sich hoffentlich geändert“, sagt Niemann, die selbst viele Jahre die Modeabteilungen „normaler“ Zeitschriften geleitet hat, „Maxim“ und „Cover“ etwa, bei „Allegra“ und „Playboy“.

„The Curvy Magazine" zeigt eine große Bandbreite an Themen und Körperformen

Hefte allesamt, die beinahe ausschließlich das gängige Ideal der hochgewachsenen Frau mit feinen Gliedern abbilden, mit weißer Haut und blondem Haar vorzugsweise, schlank natürlich sowieso. Niemann will dem nicht zwingend etwas entgegensetzen – die Palette allerdings erweitern. Wenn nicht mit einem großen Verlag im Rücken, dann eben im Alleingang.

2017 gründet sie erstmal ein Onlinemagazin, ein Jahr später kann sie so viele regelmäßige Leserinnen zählen, dass sich mit Ocean Global doch noch ein Verlag findet, der Niemanns Ideen drucken will. Seitdem erscheint „The Curvy Magazine“ vier mal im Jahr. Das kommt an, sehr gut sogar. Eben weil das Heft zwar eine größere Bandbreite an Körperformen zeigt – sich inhaltlich aber trotzdem an dem orientiert, was gemeinhin unter dem Begriff „Frauenmagazin“ firmiert.

Es sind dieselben Themen, die „The Curvy Magazine“ zusammenführt, Mode und Kosmetik, etwas Interieur, ein bisschen Psychologie hier und dort, Themen der Partnerschaft und Sexualität zum Beispiel. Komplexe feministische Essays über geänderte Schönheitsideale oder politische Abhandlungen zum Leben in einer marginalisierten Gruppe jedenfalls finden sich eher nicht darin – finden sich ganz bewusst eher nicht darin.

Zwischen Betroffenheit und Kampfansage: „The Curvy Magazine“ will eine Lücke füllen

„Nur weil man ein bissl‘ blad ist, ist man ja nicht gleich politische Body-Aktivistin.“ Das hat nicht Carola Niemann, sondern die Wiener Autorin Stefanie Sargnagel gesagt. Niemann aber drückt es ähnlich aus. „Nur weil meine Leserin mehr Gewicht hat, will sie ja nicht plötzlich nur noch eine politische Aufbereitung der Dinge vorgesetzt bekommen“, sagt sie. „Sie will sich an einem so reichen Medienangebot bedienen können, wie jede andere Frau.“

Tatsächlich findet die dicke Frau im Gros der Zeitungen und Zeitschriften vor allem als Problemfall ihren Platz. Die „Süddeutsche“ etwa hat online eine „Körperbild“-Themenseite eingerichtet, in Beiträgen berichten Autorinnen von ihrem schweren Weg zur Selbstliebe und vom ewigen Kampf um Akzeptanz.

Das feministische Magazin „Missy“ rückt oft die diskriminierende Gegenseite in den Blick, erzählt von „Bodyshaming“ und „Lookismus“. Kluge und wichtige Artikel – zwischen Betroffenheit und Kampfansage aber klafft eine Lücke, die Niemann füllen will.

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WAS TUN: Muss es immer „kurvig“ sein? Oder „drall“ und „kräftig“? „Üppig“, „füllig“, „mollig“ „wohlgeformt“ und „vollschlank“? Wir haben in diesem Artikel bewusst das Wort „dick“ gewählt, weil es sich um eine Beschreibung handelt, die keiner Verniedlichung, keiner Verschleierung oder Verschönerung bedarf. Viele Menschen fordern mittlerweile, den Begriff endlich von seiner negativen Konnotation zu lösen und somit auch das Dicksein nicht mehr als etwas per se schlechtes darzustellen.

WEITERLESEN: Die Autorin Stella Sieger fordert auf der Webseite thecurvymagazine.com einen neuen Umgang mit den verschiedenen Begrifflichkeiten. Ihr Artikel, den Sie über die Suchmaske der Seite finden, heißt: „Ich bin Dick – sag’s doch einfach!“

Ihre Leserinnen wollen inspiriert und unterhalten werden, meint sie. Und sie wollen sich und ihren Körper nicht ständig als Gegenstand einer Debatte sehen. „Genug zu kämpfen haben dicke Frauen im normalen Leben schon“, sagt die Chefredakteurin, „mein Heft soll sie entspannen.“ Eine politische Botschaft kommt so schon von ganz allein.

Diversität wird allmählich ein Thema der Modemagazine

Es gehe ihr um eine „Selbstverständlichkeit“, sagt Niemann, mit ihrem Magazin wolle sie auch Sehgewohnheiten ändern. „Wer sich nur Magazine mit sehr dünnen Models anschaut, dem wird irgendwann extrem auffallen, wenn eine Frau ein bisschen mehr Gewicht hat.“ Mit verschiedenen Körperformen konfrontiert aber entstehe ein differenzierteres, inklusives Bild. Deswegen sind in Niemanns Magazin nie nur kurvige Frauen zu sehen. In den Fotostrecken sind dicke zusammen mit schlanken Frauen abgebildet, jüngere neben älteren, weiße und Schwarze Models. „Dass ich mich neben dem Curvy-Thema auch allgemein der Diversität widme, ist vielleicht mein eigener kleiner feministischer Kampf“, sagt Niemann.

Speziell in Deutschland wird Diversität nur allmählich ein Thema der Modemagazine. Der Glaube, die Hefte würden für eine weiße, schlanke Durchschnittsfrau produziert, die am liebsten sich selbst auf dem Cover sieht, ist noch immer tief verankert. Carola Niemann kennt das aus den vielen Jahren in besagten Redaktionen.

„Auch ich als Schwarze Frau musste früher öfter sagen: ‚Nein, wir nehmen jetzt die Blondine auf den Titel, weil sich das besser verkauft“, sagt sie. „Das ist allerdings schon zehn, 15 Jahre her“ und tatsächliche Belege für einen vielbeschworenen Zusammenhang zwischen bestimmten Frauentypen und letztendlichen Verkaufszahlen gibt es nur wenige.

Modemagazine setzen neue Impulse und fordern Leserschaft heraus

2010 etwa hatte die „Brigitte“ viel Aufhebens in eigener Sache gemacht. Man wolle fortan nur noch „echte Frauen“ zeigen, hieß es damals aus der Hamburger Redaktion, und auf die Abbildung der offenbar per se unechten Models verzichten. Nach zwei Jahren stellte das Magazin die Aktion wieder ein, die Leserinnen hätten sich das klassische Schönheitsideal zurückgewünscht, hieß es.

„Gib den Menschen nicht, was sie wollen, gib ihnen, wovon sie nie zu träumen gewagt haben.“ Auch das hat nicht Carola Niemann, sondern Diana Vreeland gesagt. Vor vielen Jahren schon. Und trotzdem ist die Formel der einstigen Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“ hochaktuell. Weil sie Mode- und Medienschaffende zu Rückgrat und Integrität aufruft, dazu, eigene Impulse zu setzen und die Leserschaft herauszufordern. Am besten auch die männliche.

„In einem Heft hatten wir ein Männer-Special, und in jeder Ausgabe schreibt Schauspieler Daniel Zillman als unser ganz toller Kolumnist“, sagt Niemann. „Aber ich würde gern ein eigenes Modeheft für dicke Männer herausbringen, weil auch sie in der Öffentlichkeit sehr einseitig dargestellt werden.“ Bis das soweit ist, weiß Carola Niemann immerhin schon mal die Frauen auf ihrer Seite. Hunderttausende davon. (Von Manuel Almeida Vergara)

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