Die Gründer Tomislav Tomov (l.) und Leon Szeli in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“.
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Die Gründer Tomislav Tomov (l.) und Leon Szeli in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“.

Onlineshopping

Damit es kein Zurück mehr gibt

  • Alicia Lindhoff
    VonAlicia Lindhoff
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Die massenhaften Retouren im Onlinehandel verbrauchen unnötig Ressourcen und schaden dem Klima. Mit virtuellen Anproben wollen drei Münchner einen Teil des Problems lösen

Mal ehrlich, wann haben Sie zum letzten Mal beim Online-Einkauf Turnschuhe bestellt, von denen Sie eigentlich nicht wirklich überzeugt waren – weil die Retoure ja ohnehin umsonst ist? Oder ein Kleidungsstück in sechs verschiedenen Größen- und Farbvarianten geordert – wohlwissend, dass Sie am Ende nur eins behalten würden?

Wenn das nicht lange her ist, sind Sie in guter Gesellschaft. Oder, naja … zumindest in Gesellschaft. Im deutschsprachigen Raum schicken Kund:innen fast 50 Prozent aller online gekauften Modeartikel wieder zurück. Das ist für den Versandhandel ein Riesenproblem – denn die Retouren verstopfen die Logistikzentren und lassen sich in vielen Fällen nicht mal mehr weiterverkaufen. Für Händler kostet laut der Statistik „Retouren Deutschland“ der Universität Bayreuth eine Rücksendung im Schnitt 15,18 Euro. Die vielen kostenlosen Rücksendungen drücken zudem nicht nur die Löhne derer, die die Pakete ausliefern, sondern sorgen auch für mehr Autoverkehr – ergo: für mehr CO2-Ausstoß.

Fachleute fordern ein Ende der kostenlosen Retouren

Fachleute fordern deswegen seit langem, dass Retouren nicht mehr kostenlos sein dürfen, um den Anreiz für Riesenbestellungen zu verhindern, von denen dann der Großteil wieder zurückgeschickt wird. Und der Verein Retourenregister e.V. will in Zukunft Händler, die verantwortungsvoll mit Retouren umgehen oder sie gleich ganz vermeiden, mit einem speziellen Siegel auszeichnen.

Klar ist aber auch: Gerade im Modebereich ist nicht unbedingt die überbordende Konsumlust der Kund:innen schuld am Retouren-Chaos, sondern die einfache Tatsache, dass es im Internet keine Umkleidekabinen gibt. Und dass sich auch anhand von Größentabellen meist nur grob einschätzen lässt, ob eine Jeans oder eine Bluse wirklich so sitzt wie sie soll.

Die Software von Presize.ai erstellt ein 3D-Modell des Körpers

Kein Wunder also, dass innerhalb und außerhalb der Branche fieberhaft nach technischen Lösungen gesucht wird. Firmen wie Tailor Guide, Fision oder 3D Look arbeiten mit Fotos der Konsument:innen, andere nutzen Fragebögen.

Als besonders vielversprechend gilt derzeit die Software des Startups Presize.ai aus München. Die Idee, an der die Gründer Awais Shafique, Tomislav Tomov und Leon Szeli seit 2019 tüfteln, geht so: Kaufwillige sollen im Onlineshop einen Button mit der Aufschrift „Größe finden“ anklicken, dann machen sie mit ihrem Smartphone ein siebensekündiges Video von sich selbst. Dabei drehen sie sich um die eigene Achse. Das Programm erstellt daraufhin ein 3D-Modell ihres Körpers.

Lässt sich die Zahl größenbedingter Retouren so halbieren?

Dann fragt das Programm noch die Körpergröße, das Geschlecht und die gewünschte Passform ab - und sucht mithilfe eines Algorithmus das passende Kleidungsstück heraus. Das Video wird kurz nach dem Einkauf gelöscht - so verspricht es das Unternehmen. Leon Szeli, kaufmännischer Kopf von Presize.ai, ist überzeugt, dass man mit ihrer Software die Anzahl der Retouren, die mit der Größe zusammenhängen, um mehr als 50 Prozent verringern könnte. Und das sei nur der Anfang - denn der Algorithmus lernt mit jedem Einsatz dazu.

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Die Entwicklung von Szeli, Shafique und Tomov – allesamt unter 30 – hat für Aufsehen gesorgt. Etwa 20 Unternehmen nutzen ihre Software schon, darunter auch S.Oliver. Investiert haben unter anderem der Ex-C&A-Direktor Chris Brenninkmeyer, die ehemalige Hermès-Geschäftsführerin Christina Rosenberg und Saeed Amidi, der zu den frühen Investoren bei Dropbox und PayPal gehörte.

Kennengelernt haben sich die Gründer am Center for Digital Technology and Management, einem Forschungs- und Lehrinstitut der LMU und TU München. Ihr Team ist auf 19 Mitarbeiter:innen angewachsen – aus zwölf verschiedenen Ländern, wie sie betonen. Und die Ideen gehen nicht aus. Wenn es nach den Gründern geht, ist der nächste Schritt vollständig individualisierte Kleidung.