Benjamin Mandos gründete Got Bag 2016. Heute beschäftigt er 55 Angestellte.
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Benjamin Mandos gründete Got Bag 2016. Heute beschäftigt er 55 Angestellte.

Recycling

Got Bag: Ein Rucksack aus dem Meer

  • Regine Seipel
    VonRegine Seipel
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Ein Mainzer Unternehmen lässt in Indonesien Plastikmüll fischen – und verarbeitet diesen zu schicken Taschen. Doch bei aller Freude über den Erfolg weiß der Gründer, dass das größte Problem woanders liegt.

Große Textil- und Kosmetikunternehmen haben das Thema längst entdeckt: Schuhe, Textilien oder Shampooflaschen aus recyceltem Meeresplastik. Bilder von Müllteppichen – wie etwa das einer Fläche im Nordpazifik , die vier Mal so groß wie Deutschland ist – haben das Ausmaß bewusst gemacht. Jährlich vermüllen fünf bis 13 Tonnen Kunststoffabfälle die Ozeane. Inzwischen gibt es viele, die das Problem anpacken wollen.

Bei großen Konzernen mag es sich teils um Greenwashing handeln. Wissenschaft und Umweltverbände sind sich uneinig, wie groß der Umweltnutzen ist, weil er von den Recycling-Methoden und dem Charakter der daraus entstehenden Produkte abhängt. Wenn zum Beispiel ein großer Getränkehersteller werbewirksam Plastikflaschen an Stränden einsammeln lässt, um daraus wieder Einwegbehälter herzustellen, dürfte die Aktion eher dem Firmenimage als der Umwelt dienen.

Die Gründer des Mainzer Startup-Unternehmens Got Bag wollen das Problem grundsätzlicher angehen. Heißt: Vor Ort, in ihrem Fall in Indonesien, wo das Plastik von einheimischen Fischer:innen aus dem Meer abgefangen wird, bei der Herstellung, bei der sie sich nach eigenen Angaben auch um soziale Nachhaltigkeit bemühen und beim Produkt: Langlebige hochwertige Rucksäcke und Taschen, die inzwischen nicht nur online, sondern auch bei zahlreichen nachhaltig ausgerichteten Shops angeboten werden.

Nicht recyclebarer Plastikmüll aus westlichen Industrieländern wird nach Asien verschifft

Mehr als 100 Tonnen Kunststoffmüll haben Fischerinnen und Fischer, mit denen Got Bag zusammenarbeitet, schon aus dem Meer geholt.

Der Zeitpunkt war günstig, an dem sich Benjamin Mandos 2016 entschloss, neben seiner Arbeit als Filmemacher die Rettung des Ozeans zu seinem Geschäft zu machen. Als passionierter Wassersportler, so steht es in der Gründerstory, fühlte sich der 34-Jährige dem Meer schon immer verbunden. Mit einem Freund entwickelte er den angeblich weltweit ersten Sportrucksack aus Meeresplastik – und gründete ein Netzwerk, das nicht nur auf nachhaltige Produktions- und Lieferketten, sondern auch auf einen Bewusstseinswandel hinwirken soll. In Indonesien, sagt er, werde Aufklärungsarbeit bei den Einheimischen geleistet und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort versuchten, lokale Behörden von der Notwendigkeit eines Abfallsystems zu überzeugen, das dort bisher nicht existiere. „Das Land ertrinkt im Müll, das ist ein dramatisches Bild“, sagt Mandos. Natürlich weiß er, wo die Gründe auch liegen: Nicht recyclebarer Plastikmüll aus westlichen Industrieländern wird nach Asien verschifft, wo er erst auf Deponien landet und dann über Flüsse ins Meer gespült wird.

Doch irgendwo muss man ja anfangen. Got Bag startete mit fünf Mitarbeitenden und brachte 2019 die ersten Rucksäcke auf den Markt, trotz pandemiebedingter Einschränkungen hatte sich der Umsatz ein Jahr später verdreifacht. Neue Produkte wie Laptophüllen, Reisetaschen und Accessoires folgten. Inzwischen hat das Mainzer Unternehmen, das, so Mandos, von Anfang an profitabel arbeitete, 55 Beschäftigte, Tendenz steigend, und wurde kürzlich beim Innovationspreis Rheinland-Pfalz ausgezeichnet.

Got Bag: In einem Rucksack stecken 3,5 Kilogramm Meeresplastik

Das PET wird zu Pellets zerschreddert, aus denen in China und Taiwan erst Garne und daraus das Material für Rucksäcke und Taschen entstehen.

In einem Rucksack, rechnet Mandos vor, stecken 3,5 Kilogramm Meeresplastik. Mehr als 100 Tonnen Kunststoffmüll hätten Fischerinnen und Fischer, mit denen die Firma zusammenarbeitet, inzwischen sind es 2300, schon aus dem Meer geholt. Doch nur 30 Prozent davon können überhaupt recycelt werden, der PET-Anteil, den Got Bag für die Herstellung seiner Garne braucht, sei noch geringer. Das PET wird zu Pellets zerschreddert, aus denen in Textilverarbeitungsbetrieben in China und Taiwan erst Garne und daraus das Material für Rucksäcke und Taschen entstehen. In den Betrieben, versichert Mandos, arbeiten Einheimische unter „fairen Arbeits- und Produktionsbedingungen“, die Bezahlung liege „über dem Industriestandard“. Per Zug werden die Rucksäcke dann nach Europa transportiert, in die USA, wo es einen weiteren Standort gibt, gelangt die Fracht per Schiff.

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Und was passiert mit dem großen Rest des abgefischten Plastikmülls? Der werde in Indonesien in einem Zementwerk verbrannt, mit einem hochentwickelten Verfahren, bei dem keine Emissionen entstünden. „Dafür zahlen wir“, sagt Mandos. Global gesehen, da macht sich der junge Unternehmer keine Illusionen, seien PET-Kunststoffe, die seine Firma recycelt, das kleinste Problem, weil sie sich zum gefragten Rohstoff entwickelt haben. Lösungen braucht es für die große Masse der Plastikabfälle, die sich nicht wiederverwerten lassen, weil sie aus mehrschichtigen Kunststoffen wie etwa für Lebensmittelverpackungen bestehen. Um das zu ändern, wären politische Vorgaben nötig. Aber das ist wieder ein anderes Problem.