Haben Social-Bee initiiert: Zarah Bruhn und Maximilian Felsner
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Haben Social-Bee initiiert: Zarah Bruhn und Maximilian Felsner

Social Bee

Flüchtlinge in Arbeit bringen - mit einem Twist

  • Daniel Baumann
    vonDaniel Baumann
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Was tun, wenn sich Flüchtlinge und Arbeitgeber im Bürokratie-Gestrüpp verheddern? Zarah Bruhn, Gründerin von Social-Bee, hat eine unkonventionelle Lösung gefunden. Doch für ihren antiideologischen Pragmatismus gab es Kritik von Rechts und Links.

Was sie da im Sommer 2015 geritten hat, weiß Zarah Bruhn auch nicht: Sie setzte ihr Studium aus, warf den Studentenjob bei einer Finanzfirma hin und stoppte ihre Eltern am Flughafen, um 20 000 Euro aus deren Altersvorsorge zu bekommen. Ihr Plan? Eine Zeitarbeitsfirma für Flüchtlinge. Dabei hatte die heute 29-Jährige weder Ahnung von Asylrecht noch von Zeitarbeit. Und dann sollte das alles auch noch gemeinnützig sein. Non-Profit. Warum um alles in der Welt tut jemand so was?

„Manchmal denke ich auch: Was war da eigentlich mit mir los?“, sagt Bruhn, um dann doch noch zu einer Antwort zu kommen: „Man hat 2015/16 ja einfach gesehen, wie viele Menschen nach Europa kommen und was das für uns langfristig für eine Herausforderung wird als Gesellschaft“, sagt die Gründerin. „Und ich hatte nicht das Gefühl, dass da genug getan wird, auch wenn die Willkommenskultur natürlich superstark war.“

Also tat die Münchnerin selbst etwas. Quasi über Nacht. Sie ging zum Notar, gründete ihre Firma Social-Bee und deckte sich mit dicken Wälzern ein. Sie wühlte sich mit ihrem Mitgründer Maximilian Felsner durchs Asylrecht, durch Fragen der Gemeinnützigkeit und beschäftigte sich mit Zeitarbeitsregeln. Das ultimative Bürokratie-Triple. Die ganz harte Tour. Die Tour, die selbst viele Personalabteilungen großer Firmen scheuen. Denn darum ging es, einen Weg durch das Paragrafen-Gestrüpp zu schlagen, in dem sich Geflüchtete oder Arbeitgeber schnell verheddern, wenn sie sich daran versuchen, ein Arbeitsverhältnis einzugehen.

„Wir hatten eine extreme Arbeitskultur, auf die ich auch nicht stolz bin“, schildert die Gründerin die Anfangszeiten. Körperlich und psychisch sei das an die Substanz gegangen. Aber nachdem sie beim Notar war, das Geld ihrer Eltern hinterlegt und das Projekt losgetreten hatte, musste sie es auch durchziehen. „Eigentlich war’s genau so: Mist, jetzt habe ich eine Firma, jetzt muss ich auch machen.“

Social Bee setzt auf Zeitarbeit - macht aber vieles anders

Den Twist, den sich Zarah Bruhn ausdachte: Sie nutzt das Modell der Zeitarbeit, damit die Flüchtlinge von Social-Bee angestellt und betreut werden können. Das inzwischen mehr als 20-köpfige Team kümmert sich um alle rechtlichen, aber auch alltäglichen Fragen, die mit der Beschäftigung eines Geflüchteten einhergehen: Einsprüche gegen Ausweisungsbescheide der Behörden einlegen, kulturelle Missverständnisse aufklären, Traumata erkennen. Dinge, die eine Personalabteilung in einem normalen Betrieb kaum auf sich nehmen würde.

Gleichzeitig setzt Bruhn aber den Kern der Leiharbeit außer Kraft: Nur kurz ausleihen, ist nicht, die Kunden müssen für mindestens zwölf Monate unterschreiben. Die Flüchtlinge sollen echte Chancen erhalten.

"Gemeinnützigkeit ist wahnsinnig wichtig für unsere Glaubwürdigkeit", sagt die Social-Bee-Gründerin

Nun ist das aber so eine Sache mit der Zeitarbeit. Ihr eilt das Ausbeuter-Image voraus, dessen war sich Bruhn sehr bewusst. Deshalb hat sie ihre Firma als gemeinnützige GmbH gegründet. „Die Gemeinnützigkeit ist wahnsinnig wichtig für unsere Glaubwürdigkeit“, sagt die Gründerin. „Wir arbeiten in einer wahnsinnig verrufenen Industrie. Wir wollen die Zeitarbeit sozial revolutionieren, dafür braucht man hohe Glaubwürdigkeit. Das hat uns am Anfang keiner geglaubt.“

In der Tat. Bruhn hatte es geschafft, sich mit ihrem antiideologischen Pragmatismus in kürzester Zeit eine Menge Gegner zu machen. Die Rechten tobten, weil sich da eine mit großem Aufwand und Einsatz um Flüchtlinge kümmert. Die Linken tobten, weil die leidgeplagten Geflüchteten mit billiger Zeitarbeit ausgebeutet werden sollten, dass nur der dem Kapitalismus zugeführte Flüchtling ein willkommener Flüchtling sei. Tue Gutes – und ernte den perfekten Shitstorm dafür.

Andere allerdings beeindruckte die 29-Jährige. Die Schöpflin-Stiftung und die Aqtivator-Stiftung des Milliardärs Stefan Quandt wurden zu Geldgebern von Social-Bee. Der Straßenwerbungsriese Ströer und die Werbeagentur Jung von Matt helfen pro bono, kostenlos, bei Kampagnen. Klassische Investoren mit Renditeinteressen gibt es nicht.

„Wir vermitteln nicht den IT-Spezialisten, den jeder gerne hätte“, sagt Bruhn, „sondern die Mutter, die noch nie gearbeitet hat; den Familienvater, der gerade seine Familie verloren und keine Arbeitserfahrung hat; die gering qualifizierten Menschen. Kommerzielle Investoren wären da fehl am Platz.“

Fahrradkuriere waren gefragt, aber die Flüchtlinge konnten nicht Fahrrad fahren

Doch wie kommt man überhaupt an geflüchtete Menschen, die man in Arbeit bringen will? Es war ja nicht so, dass jemand darauf gewartet hätte, dass Social-Bee endlich gegründet würde. Der Ansatz: erst Ausleihbetriebe finden, dann die Flüchtlinge.

Als eines der ersten Unternehmen zeigte der Essenslieferdienst Foodora Interesse. Also fing Bruhn an, in Flüchtlingsunterkünften nach Menschen zu suchen, die als Fahrradkurier arbeiten wollten. „Es war sehr abenteuerlich“, erzählt sie. „Wir haben Fahrradkurse gegeben, weil viele nicht Fahrrad fahren konnten. Wir haben Google-Maps-Kurse gegeben, weil viele den Kartendienst nicht kannten.“

Der erste, der bei dem Abenteuer mitmachte, war ein geflohener Architekt, der kein Wort Deutsch konnte. Aber Foodora konnte man auch auf Englisch machen. Vom Fahrradkurier hat er sich zurück in seinen erlernten Beruf gekämpft. Mittlerweile arbeitet er bei einem großen Münchner Architekturbüro und ist am Bau des neuen Giesinger Bräus beteiligt. „Jetzt verdient er mehr als wir alle hier und spendet an uns“, sagt Bruhn.

"Wir sind damit deutlich besser als viele andere Arbeitsmarktintegrationsprogramme"

Es folgten viele weitere. Aktuell sind 100 Flüchtlinge bei Social-Bee angestellt, weitere 100 sind nach Angaben des Unternehmens schon von den Ausleihbetrieben in ein festes Anstellungsverhältnis übernommen worden. Die Übernahmequote liege bei über 90 Prozent, so Bruhn. „Da sind wir sehr, sehr stolz drauf. Wir sind damit deutlich besser als viele andere Arbeitsmarktintegrationsprogramme.“

Als Einstellungskriterien nennt Bruhn wenigstens rudimentäre Deutschkenntnisse, den Willen zu arbeiten und an den Weiterbildungen von Social-Bee teilzunehmen, wozu notabene Deutschkurse gehören. Und dann müssen natürlich die Qualifikationen zu den offenen Stellen passen. Neben Fahrradkurieren hat Social-Bee inzwischen an mehr als 70 Firmen Beschäftigte vermittelt, darunter der Einzelhändler Aldi, der Baumaterialkonzern Würth oder der Reinigungsspezialist Kärcher.

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Natürlich seien sie am Anfang manchmal gefragt worden, ob man die Flüchtlinge kostenlos oder wenigstens billiger als einheimische Arbeitskräfte bekomme, sagt Bruhn. Das habe sie aber entschieden abgelehnt. „Die Leute müssen sich daran gewöhnen, dass die Arbeit dieser Menschen genauso etwas wert ist und man Integration nun mal nicht geschenkt bekommt“, sagt sie resolut. „Die Unternehmen kriegen von uns topmotivierte Talente. Sie müssen halt ein bisschen eingewöhnt werden.“

Social-Bee will Berührungspunkte zwischen Einheimischen und Flüchtlingen schaffen

Wichtig ist Bruhn, dass um die Geflüchteten kein großes Aufsehen gemacht wird. Weder sollen sie von den Ausleihbetrieben anders als die anderen Beschäftigten behandelt werden, noch sollen die Unternehmen die Geflüchteten einstellen, um sich hinterher als soziale Arbeitgeber zu inszenieren. „Die müssen einfach mal im Betrieb mitlaufen“, sagt die Gründerin über die Flüchtlinge. Wenn es in den ersten zwei, drei Wochen klappe, dann klappe es in der Regel auch dauerhaft.

Es seien die Erfolgsgeschichten, die sie motivieren, erzählt Bruhn. Es gehe ihr nicht darum, Social-Bee möglichst groß zu machen, sondern Impulse zu geben. Zu zeigen, dass es geht – und dass es besser geht.

„Ich glaube, indem man Berührungspunkte schafft, hat man einen Riesenimpact“, sagt Bruhn. Damit Flüchtlinge nicht Gegner sind, sondern Kollegen, die man schätzt. „Wir hatten neulich jemanden, der hat seinem geflüchteten Kollegen sogar die Kaution für die Wohnung bezahlt. Das sind coole Geschichten.“

Das Studium der Betriebswirtschaftslehre hat Bruhn inzwischen übrigens abgeschlossen. Ihre Masterarbeit hat sie nebenher geschrieben. Einfach mal machen eben.

Von Daniel Baumann

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