Radoslav Ganev, Gründer von Romanity
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Will ein Gesprächsangebot schaffen: Radoslav Ganev.

Sinti und Roma

„Zigeuner ist nicht nur ein Wort. Es ist ein Messer“

  • vonSabrina Butz
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Flucht nach Vorne: Radoslav Ganev will zeigen, wie vielfältig das Leben von Sinti und Roma ist. Er selbst hat seine Identität jahrzehntelang versteckt - und war geschockt, als er zum ersten Mal als Rom vorgestellt wurde.

„Ich würde mir wünschen, dass sich keiner wegen seiner Gruppenzugehörigkeit verstecken muss“, sagt Radoslav Ganev. Er selbst nennt sich heute „gebürtiger Bulgare, eingebürgerter Deutscher, ethnischer Rom – und Mensch“. Dass er sich selbst als Rom bezeichnet, dafür hat der 34-Jährige fast 32 Jahre gebraucht. Heute will er ein Vorbild für andere sein. „Nur wer sich zeigt, kann andere Bilder schaffen.“ So hat er in diesem Jahr das Projekt „Romanity“ ins Leben gerufen. „Die Community soll an sich selbst glauben und die Mehrheitsgesellschaft mehr über die Minderheit der Sinti und Roma erfahren.“

Bisher gibt es drei Themenbereiche: „Geschichte und Erinnerung“, „Kunst und Kultur“ und „Gesellschaft“ – es gehe darum, andere Bilder zu zeigen als Elend, Armut und Kriminalität, die immer nur antiziganistische Vorurteile schürten.

Gemeinsam mit zwei ehemaligen Kolleginnen hat Ganev eine Homepage gestartet – als Nebenberuf, Plattform, Mission. Dort kann man persönliche Erzählungen lesen von Menschen, deren Familienangehörige die Nazi-Konzentrationslager überlebten. Oder lesen, dass Künstlerinnen und Künstler wie Django Reinhardt, Saban Bajramovic oder Marianne Rosenberg zur Minderheit gehörten.

Von seiner Mutter wurde Ganev angehalten, auf keinen Fall seine Herkunft zu verraten

Perspektivisch will „Romanity“ gemeinsam mit dem NS-Dokumentationszentrum München die Geschichte der Sinti und Roma in und um München digital aufarbeiten. Zudem ist eine Doku-Reihe über die Lebenswelten von Sinti und Roma in Kooperation mit der Filmhochschule München geplant. Derzeit besteht die Arbeit vor allem aus der Suche nach Gesprächsinteressierten und Netzwerken. Seit Oktober ist Ganev Geschäftsführer des Münchner Vereins „Hilfe von Mensch zu Mensch“, der Hilfe und Beratung für Migrant:innen und Geflüchtete anbietet. Langfristig soll „Romanity“ dort als Austauschplattform angegliedert werden.

Ganev will die Menschen dort abholen, wo sie stehen und ein Gesprächs- und Informationsangebot schaffen. Unter anderem erklärt das Team, warum „das Z-Wort“, an dem sich viele Debatten entladen, nicht benutzt werden sollte.

Auf seiner Seite schreibt Ganev: „Zigeuner ist nicht nur ein Wort. Es ist ein Messer. Es sticht ins gesellschaftliche Bewusstsein und erinnert daran, dass man anders ist, anders sein muss. Es ist ein Stempel. Es deklariert als Angehöriger einer unerwünschten Gruppe. Es ist eine Beleidigung, weil der gesellschaftliche Sprachgebrauch es zu einer gemacht hat. Es ist Fremdbestimmung, weil sich die Gruppe diesen Namen nicht selbst gegeben hat.“

„Romanity“ ist schon begrifflich die simple Aussage, die das Projekt treffen will: Eine Mischung aus „Rom“ und „Humanity“, Mensch, Menschheit, Menschlichkeit. Auf Romanes, der Sprache der Roma, heißt Rom schlicht „Mensch“, die weibliche Form ist Romnija. Ganev will zeigen, dass Sinti und Roma Menschen wie alle anderen sind. Und eben auch keine homogene Gruppe. Wie sehr diese Annahmen in Deutschland immer noch nicht selbstverständlich sind und wie wenig die Mehrheitsgesellschaft über die Minderheit wissen will, zeigt auch Ganevs eigene Geschichte.

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Seit er in Deutschland lebe, seit 1995, habe es ein „Übereinkommen“ zwischen seiner Mutter und dem kleinen Jungen gegeben. Ein Übereinkommen des Verschweigens aufgrund ihrer eigenen Ausgrenzungserfahrungen: „Sag auf keinen Fall irgendjemandem, dass du Rom bist.“ Und diese Strategie ging auf: „Wahrscheinlich hätte ich es sonst nicht so weit geschafft“, sagt Ganev heute.

„Gestorben bin ich trotzdem, und zwar den Identitätstod“

Er hat Abitur gemacht und in Bamberg Politikwissenschaften studiert, heute lebt er mit seiner Frau und Tochter in München. Als unerkannter Rom sei er zwar immer noch „Migrantenkind in Deutschland, wo schmerzhafte Erfahrungen nicht ausbleiben“, aber zumindest sei er der Markierung „Rom“ entgangen. „Gestorben bin ich trotzdem, und zwar den Identitätstod. In meiner neuen Heimat Deutschland war ich der Ausländer, der offenkundig fremd sein muss.“

2014 stellte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes in einer Studie fest, dass ein Drittel der Deutschen Sinti und Roma in der Nachbarschaft als sehr oder eher unangenehm empfänden. Auch die Universität Leipzig veröffentlichte 2018 eine Studie zu autoritären und rechtsextremen Einstellungen in Deutschland. Fast zwei Drittel der Befragten stimmten darin der Aussage zu, dass Sinti und Roma zu Kriminalität neigten.

„Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, dass ich mutiger sein muss“

Bei der Präsentation der Studie stellte Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, fest: „Viele Leistungsträger der Gesellschaft, die der Minderheit angehören, wählen die Anonymität“, um den alltäglichen Diskriminierungen zu entgehen – wie Ganev.

„Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, dass ich mutiger sein muss. Ich will sein, was ich bin: ein Mensch, ein Rom, ein Deutscher und ein Bulgare. Kein entweder oder“, sagt Ganev heute. Als er vor fünf Jahren bei einer Podiumsdiskussion als Rom anmoderiert wurde, sei das ein „Schock“ gewesen, er habe es als „Bloßstellung“ empfunden. Doch das sei ein Fehler gewesen, wie er nachträglich verstand: Schon im Anschluss habe er viel positive Rückmeldung bekommen und Lob dafür, dass er so offen mit seiner Rom-Identität umgehe.

Ganev fordert intensivere Bildungsarbeit für eine multikulturelle Gesellschaft

Mit „Romanity“ will er zeigen, wie vielfältig das Leben von Sinti und Roma ist. Er ist überzeugt, dass schon Sichtbarkeit allein eine gesellschaftliche Auseinandersetzung bewirke. Und gerade, weil rassistische Zuschreibungen meist über Bilder funktionierten, die sich im Kopf mit Vorurteilen verbinden, wolle er neue Bilder schaffen.

Damit sich niemand mehr aufgrund seiner Abstammung verstecken müsse, brauche es eine viel intensivere Bildungsarbeit, Bildung für eine plurale und multikulturelle Gesellschaft. Deren Ausgestaltung und Organisation müsse von der Politik viel ernster genommen werden. Und Ganev sieht die Notwendigkeit, sich ausgiebiger mit den Opfern des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen – auch damit, wie die menschenverachtenden Zuschreibungen nach 1945 weiterwirkten.

Weil er sich nun öffentlich zu seiner Identität bekennt, hat Ganev teilweise auch Angst. „Aber ich werde das Fähnchen immer hochhalten, ich habe die Hoffnung, Menschen zu erreichen.“ Man müsse ihn nicht mögen, nur nett und friedlich miteinander sein. Und wenn er von Beleidigungen in der Schule seiner Tochter hören würde, würde er „die Flucht nach vorne antreten: Am nächsten Tag wäre ich da und gäbe einen Workshop!“