Das Zelthaus - Eine innovative Notunterkunft für Flüchtlinge
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Das Zelthaus - in nur einer Stunde aufgebaut.

Zelthaus

Die Neuerfindung der Notunterkunft

  • Tobias Schwab
    vonTobias Schwab
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Schnell aufgebaut, gut isoliert und komplett recycelbar: Marius Mersinger, Fabian Hegner und Jonas Eiden haben ein Zelthaus konstruiert, um Geflüchtete menschenwürdig unterzubringen.

Sandkastenfreundschaften können eine Ewigkeit halten. Wer in Kindertagen gemeinsam buddelt und Burgen baut, teilt diese Erinnerungen meist ein Leben lang. Davon können Marius Mersinger, Fabian Hegner und Jonas Eiden erzählen. Die drei verbindet mittlerweile aber noch viel mehr: ihre Leidenschaft für karitative Rallyes – und neuerdings auch eine gemeinsame Geschäftsidee. Und beides hängt miteinander zusammen.

Vor gut vier Jahren waren die Freunde als „Team Desert Taxi“ wieder einmal mit einem Benz samt Anhänger unterwegs, beteiligten sich an der Allgäu-Orient-Rallye – mit dem Ziel, auf der Route Krankenstationen, Schulen oder Werkstätten mit Sachspenden zu beliefern. Und wie immer wurde das Auto am Endpunkt der Tour versteigert, um den so erzielten Erlös vor Ort einer sozialen Einrichtung zu übergeben.

Als „Team Desert Taxi“ leisteten sie Hilfe - die Reise führte auch ins Flüchtlingscamp Idomeni

Damit aber war der Roadtrip für die Studenten noch lange nicht abgehakt. Die Reise hatte sie nämlich auch ins griechische Geflüchtetenlager Idomeni geführt, wo im März 2016 mehr als 14 000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen campierten. „Die meisten von ihnen in herkömmlichen Iglu-Zelten“, erinnert sich der 28 Jahre alte Marius Mersinger. „Alles war durchnässt, die Zelte und die Klamotten der Geflüchteten – und das über Wochen.“

Konstrukteure mit sozialem Anspruch: Die Zelthaus-Gründer Fabian Hegner, Marius Mersinger und Jonas Eiden (von links).

Eine Erfahrung, die Mersinger und seine Freunde Fabian Hegner (27) und Jonas Eiden (28) nicht mehr losließ. Es müsste doch möglich sein, Geflohene menschenwürdiger unterzubringen – schon auf der Weiterfahrt begannen sie, darüber zu diskutieren und Gedanken zu spinnen. Wie wäre es, die besten Eigenschaften eines Hauses und eines Zeltes zu einem Zelthaus zu kombinieren? Und das auch noch aus nachhaltigem Material.

Das Zelthaus besteht aus nur einem Material - PET

Für Mersinger, damals noch Student der Architektur an der Hochschule Frankfurt, sowie Eiden und Hegner, 2016 beide angehende Intermedia Designer der Hochschule Trier, war das fortan der selbstgewählte Forschungsauftrag, für den sie im Labor für textilen Leichtbau an der Frankfurt University of Applied Sciences (UAS) experimentierten und sich mit Fachleuten des Deutschen Instituts für Textil- und Faserforschung in Denkendorf (DITF) austauschten.

Dabei entstand die Idee, für die Konstruktion von flexibel einsetzbaren Notunterkünften dreidimensionale Textilstrukturen zu verwenden, sie auszuschäumen und so stabile Leichtbauelemente zu schaffen.

„Alles entsteht aus nur einem Material“, erklärt Mersinger. Im Grunde ist es „Abfall“, den das Gründer-Trio verbaut. Sie nutzen ausgediente PET-Flaschen. Der Kunststoff wird zunächst gehäckselt, dann eingeschmolzen und mit Luft zu Schaum aufgeblasen, um den Raum zwischen den textilen Deckschichten zu befüllen, die ebenfalls aus recyceltem PET gefertigt sind. So entstehen leichte und dennoch stabile Bauelemente, die dazu noch gegen Hitze und Kälte isolieren.

HESSISCHER GRÜNDERPREIS

Die Zelthaus-Gründer sind Finalisten des Hessischen Gründerpreises 2020 in der Kategorie „Gründung aus der Hochschule“. Der Preis zeichnet jährlich die besten Firmen in den Bereichen innovative Geschäftsidee, Gründung aus der Hochschule, zukunftsfähige Nachfolge und gesellschaftliche Wirkung aus. Die Frankfurter Rundschau ist langjährige Partnerin des Gründerpreises.

Was tun: Wie das Zelthaus aufgebaut wird, kann man sich auf der Website von Zelthaus anschauen.

„Weil wir für die gesamte Konstruktion nur ein einziges Material verwenden, ist alles recycelbar und kann zu 100 Prozent in den Rohstoffkreislauf zurückgeführt werden“, erklärt Mersinger, dem es mit seinen Kollegen darauf ankam, den ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich zu halten.

Die größte Herausforderung bestand allerdings darin, die Konstruktion und damit auch den Aufbau der Behausung für humanitäre Krisen so einfach wie möglich zu gestalten. Ohne Gestänge, Verstrebungen oder Scharniere wollten die Erfinder deshalb auskommen. Deshalb entwickelten sie einen Falt- und Klappmechanismus, der die in sich stabilen Module zum Stehen bringt. Die Längsfalten verbinden robuste Klettverschlüsse.

Selbst Laien können das Zelthaus in nur einer Stunde aufbauen

„Jeder kann das Zelthaus ohne Vorwissen und ohne Werkzeug aufbauen“, sagt Mersinger. „Uns war wichtig, dass Geflüchtete und Menschen in Krisen mit anpacken können, sich damit im Grunde ein Stück selbst helfen.“ Welche Bedeutung das hat, konnte Mersinger, der vor seinem Architekturstudium eine Dachdecker-Lehre absolvierte, bei einem mehrmonatigen Freiwilligeneinsatz im westafrikanischen Togo erfahren. Dort engagierte er sich beim Bau von Schulen. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Dörfer, die selbst Hand anlegen konnten, „haben an Selbstwertgefühl gewonnen“ und seien am Ende stolz auf „ihr“ Projekt gewesen.

Das Zelthaus made in Frankfurt können deshalb auch Laien innerhalb von einer Stunde errichten. Es schafft in der Standardvariante knapp 19 Quadratmeter Wohnraum, ist 3,50 Meter hoch und bietet damit ausreichend Luft und Raum. Sogar an ein Vordach und einen Windfang haben die Konstrukteure gedacht. Die Tür ist verschließbar, was den Bewohnern auch in humanitären Krisen ein Gefühl der Sicherheit gibt.

Alle für eine Wohneinheit benötigten Teile passen auf eine Europalette. Ein 40-Fuß-Container könnte also mit Elementen für 30 Zelte in den humanitären Einsatz starten. Doch soweit ist es noch nicht. Als Preisträger des Ideenwettbewerbs „Applied-Idea“, den die Frankfurter UAS veranstaltet, und als Stipendiaten der „Initiative Hessen Ideen“ werden sie nun gefördert und beraten, um ihre Geschäftsidee voranzutreiben.

2019 waren fast 80 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht

In der Kategorie „Gründung aus der Hochschule“ ist das in Offenbach beheimatete Start-up jetzt auch für den Hessischen Gründerpreis nominiert. Claudia Lüling, Professorin für Gestalten und Entwerfen und Leiterin des Labors Textiler Leichtbau an der UAS, hat das Projekt Zelthaus auf dem langen Weg von der Idee über die Forschung bis zum Produkt begleitet. Sie spricht von einem „exzellenten Beispiel dafür, was eine Hochschule als Innovationsmotor leisten kann“. Es begeistere sie umso mehr, „da Forschung und Entwicklung in diesem Falle mit einem sozialen Anliegen verbunden werden“.

Als nächster Schritt steht im Businessplan von Mersinger und Co. nun die Akquise an. Der Bedarf an Unterkünften in humanitären Notlagen ist jedenfalls groß. Weltweit waren laut den Vereinten Nationen (UN) 2019 fast 80 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Konflikten und Vertreibung. Viele leben dann oft jahrelang in Lagern, für die Hilfsorganisationen die Infrastruktur liefern.

Ein UN-Botschafter will für Zelthaus Kontakte anbahnen

Die Flüchtlingshilfsorganisation UNHCR, das Internationale Rote Kreuz, die Malteser und das Technische Hilfswerk wären deshalb mögliche Kunden für Mersinger und Co. Oder auch das Programm der Weltgemeinschaft für menschliche Siedlungen UN Habitat. Dessen Jugendbotschafter Wolfgang Riegelsberger ist bereits auf das Start-up aufmerksam geworden. „Ich bin begeistert davon, wenn engagierte junge Leute innovative Lösungen für drängende Probleme suchen“, sagt Riegelsberger. Er werde jedenfalls dabei helfen, entsprechende Kontakte in die UN-Organisation anzubahnen.

Doch der Wettbewerb ist hart. Auf dem Markt für Unterkünfte in humanitären Notlagen konkurriert etwa das Hamburger Unternehmen More than Shelters. Und auch die mit Unterstützung der Ikea Foundation entwickelte Nothilfe-Behausung Better Shelter. Aber deren Elemente seien so kleinteilig wie viele Produkte des schwedischen Möbelhauses, sagt Mersinger. Der Aufbau dauere deshalb bis zu acht Stunden. Nicht nur da sehen er und seine Geschäftspartner sich im Vorteil. Auch preislich halten sie ihre Entwicklung für wettbewerbsfähig. Die Zeiten, da sie spielerisch gemeinsam Dinge in den Sand gesetzt haben, sind lange vorbei.