Erleichtert: Ilona Imerlishvili (M.) mit ihrer Nachbarin Isabel Schröbler (r.) und Flüchtlingshelferin Christina Riebesecker.
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Erleichtert: Ilona Imerlishvili (M.) mit ihrer Nachbarin Isabel Schröbler (r.) und Flüchtlingshelferin Christina Riebesecker.

Abschiebung

Zivilcourage auf sächsisch: Wie aus Wut Engagement wird

Als eine Familie aus Pirna abgeschoben wird, beginnt die Nachbarschaft zu protestieren. So lange, bis Eltern und Kinder tatsächlich zurückkommen dürfen.

Christina Riebesecker geht vor ihrem Büro in der Pirnaer Altstadt auf und ab. Eine Hand drückt das Smartphone ans Ohr, die andere ruht in der Hosentasche. Sie telefoniert auf Englisch. „Oh good. Okay, perfect“, sagt sie und zieht dabei die Silben lang. Der Großteil ihres Tages besteht aus solchen Anrufen. Wer versucht, sie zu erreichen, hört daher selten auf Anhieb ihre Stimme. Meist antwortet ein Besetztzeichen.

Nicht nur am Telefon suchen Menschen ihre Hilfe. Manchmal kommen sie auch direkt in die Lange Straße der knapp 40 000-Seelen-Stadt vor den Toren Dresdens. Dann brauchen sie Rat bei Asylverfahren, haben Probleme mit Behörden oder erlebtem Rassismus, besuchen den Deutschunterricht oder den Frauentreff. Für all diese Dinge ist das Internationale Begegnungszentrum der AG Asylsuchende Sächsische Schweiz-Osterzgebirge da. Der Verein setzt sich bereits seit 2008 für geflüchtete Menschen im Landkreis ein. Doch vor gut fünf Monaten gewinnt er über die Regionalgrenzen hinaus unerwartet an Aufmerksamkeit.

Abgeschoben mitten in der Nacht: Die Eltern und sieben Kinder

Es ist Donnerstag, der 10. Juni. Gegen ein Uhr in der Nacht wird Familie Imerlishvili überraschend aus dem Bett geklingelt. Neben den Eltern sind das sieben Kinder zwischen drei und elf. Die Polizei steht vor der Wohnungstür des Mehrfamilienhauses im Bahnhofsviertel. Mutter Ilona und Vater Ilia Imerlishvili werden angewiesen, Sachen für sich und die Kinder zu packen. Sie würden abgeschoben, nach Georgien.

Im Bruchteil einer Sekunde zerschneidet diese Nachricht Lebenswege. Die Familie ist seit acht Jahren in der sächsischen Kleinstadt zu Hause. Die Asylanträge sind seit Ende 2020 abgelehnt, aber beide Eltern gehen arbeiten, engagieren sich ehrenamtlich. Fünf der sieben Kinder sind hier geboren, drei besuchen Grundschule und Gymnasium. Jetzt hallen die Schreie der Mutter durchs Treppenhaus und holen die Nachbarschaft aus dem Schlaf. Menschen, die sonst gemeinsam Feste im Hinterhof feiern, erleben einen Albtraum in ihrem Hausflur.

Die Schreie der Mutter hallen durchs Treppenhaus

Wenig später wird die Familie zum Leipziger Flughafen gefahren. Gegen zwölf Uhr hebt die Maschine ab ins 3000 Kilometer entfernte Tiflis. Und wieder ist es Christina Riebeseckers Telefon, das jetzt nicht mehr aufhört zu klingeln.

Christina Riebesecker ist Beraterin der AG Asylsuchende in Pirna.

„Gegen halb sieben habe ich den ersten Anruf registriert. Aber es war gar nicht der erste“, erinnert sie sich. Seit dem frühen Morgen suchen Menschen aus dem Haus Kontakt zu ihr. Riebesecker überrascht die Dynamik, doch sie versucht zunächst, Erwartungen zu dämpfen. Durchtelefonierte Nächte und Tage in der Hoffnung, Abschiebungen noch verhindern zu können, kenne sie von vielen haupt- und ehrenamtlich Engagierten in ihrem Netzwerk. „Aber geklappt hat das nie“, sagt sie. Als die Anrufe nicht aufhören, wird ihr klar, dass dieser Fall anders ist. „Der Fahrlehrer, die Kita-Leitung, die Caritas – unheimlich viele waren mobilisiert.“

„Bring Back Our Neighbours“ nennt die spontane Initiative sich

Eine der Nachbarinnen ist Isabel Schröbler. Gemeinsam mit anderen Menschen aus dem Haus organisiert sie in den kommenden Tagen Dinge, die ihr völlig fremd sind. Sie planen eine Kundgebung, starten eine Petition, sprechen mit der Presse. Ihre Motivation für all das umschreibt sie so: „Ich war bestürzt über dieses gewaltsame Vorgehen. Es war klar, wir müssen alles versuchen, um unsere Nachbarn zurückzuholen. Ich hätte mich einfach nicht mit gutem Gewissen zurücklehnen können.“

Sie betont, an dieser Stelle für viele Menschen zu sprechen und das alles nicht im Alleingang bewegt zu haben. Kurzerhand gründet sich „Bring Back Our Neighbours“. Den Namen schlägt ein Nachbar vor. In den sozialen Netzwerken nutzen ihn die Engagierten, um weiter auf den Fall aufmerksam zu machen. Das Ziel der Initiative: die Rechtswidrigkeit der Aktion thematisieren und die Familie zurückbringen.

Pirnas Zivilgesellschaft entfaltet ungeahnte Energie

„Bittererweise fand parallel zur Abschiebung eine Konferenz zur Flüchtlingssozialarbeit im sächsischen Sozialministerium statt. Wir konnten Informationen zum brutalen Vorgehen in Pirna dort direkt in mehrere Kanäle streuen und die Harmonie stören“, erzählt Christina Riebesecker. Das Netzwerk aus der Pirnaer Zivilgesellschaft entfaltet daraufhin eine ungeahnte Energie. Die Lokalpresse berichtet, überregionale Medien steigen ein, der Druck auf den Politikbetrieb wächst.

Kämpfte gegen die Abschiebung ihrer Nachbarn: Isabel Schröbler.

Viele Prozesse hätten sich danach verselbstständigt, meint Nachbarin Isabel Schröbler. Alle hätten Kontakte eingebracht und immer mehr Leute mobilisiert. Vor allem die Gewerbetreibenden nennt sie eine Stütze. „Viele haben ein Statement gesetzt, indem sie unsere Plakate in die Schaufenster gehängt haben.“ Knapp 20 000 Menschen unterzeichneten die Rückhol-Petition.

AfD hat viele Sympathien in der Bevölkerung

Wäre diese Geschichte auch in jedem anderen Ort möglich gewesen? Immerhin bildet die AfD seit der Kommunalwahl 2019 die stärkste Kraft im Pirnaer Stadtrat; auch zur Bundestagswahl lag sie vorn und holte 32 Prozent der Zweitstimmen – fast doppelt so viele wie die zweitplatzierte CDU. Wie schaffen es Engagierte, in diesem Meinungsklima Partei für eine zugewanderte Familie zu ergreifen und so viele anzustecken?

Isabel Schröbler überlegt einen Moment. „Naja, es gab schon Geschäfte, die sich aus Angst vor Anfeindungen nicht beteiligen wollten.“ Doch sei die Zahl der „Trolle“ an einer Hand abzuzählen gewesen. „Ich denke, es liegt daran, dass Ilona und Ilia hier gut vernetzt sind. In der Schule, der Kita, bei Organisationen wie der Caritas, als helfende Hände bei der Tafel. Sie waren sichtbar in unserer Stadt. Deswegen haben sich so viele Menschen für sie eingesetzt.“

In Tiflis umhergeirrt und von Spenden gelebt

Während ihre Nachbarin spricht, gräbt sich Ilona Imerlishvilis Blick tief in die Tischplatte vor sich. Sie macht sich klein, so als wolle sie übersehen werden. Manchmal nickt sie, um Dinge zu bekräftigen. Und manchmal wirkt es so, als würde vor ihrem inneren Auge parallel noch ein anderer Film ablaufen.

Über zwei Monate zieht sie in Tiflis mit ihrer Familie von Ferienwohnung zu Ferienwohnung, hält sich mit Spenden aus Deutschland über Wasser, sucht Halt bei der verbliebenen Verwandtschaft in der georgischen Hauptstadt. In Sachsen wächst im selben Moment weiter der öffentliche Druck. 69 Sommertage vergehen, bis Ilona Imerlishvili wieder in ein Flugzeug steigt. Zurück nach Deutschland.

Bautzen: Gericht erklärt die Abschiebung für rechtswidrig

Dass sie heute ihr Leben in Pirna fortschreiben kann, fühle sich so gut und doch nicht real an, sagt sie. Noch nie habe sie von einer Abschiebung gehört, die rückgängig gemacht wurde. In ihrem Fall erklärt das Oberverwaltungsgericht Bautzen Mitte August per Eilverfahren die Rückführung für rechtswidrig. Der Grund: Ein Antrag auf Aufenthaltserlaubnis wegen nachhaltiger Integration sei noch nicht beschieden gewesen. Die Familie wartet immer noch auf eine dauerhafte Lösung.

Ilona Imerlishvili wurde unrechtmäßig nach Georgien abgeschoben.

Was hingegen verlässlich ist, seien die Traumata jener Nacht. Noch immer sitze die Angst in der Dunkelheit regelrecht neben ihrem Bett, erzählt Ilona Imerlishvili. Sie habe die Klingel abgestellt, um wenigstens ein bisschen Abstand zu gewinnen. Sich zu öffnen, fällt ihr gegenwärtig schwer. Etliche Interviews liegen hinter ihr, verbunden mit immensem Druck, die Brutalität der Situation immer wieder zu durchleben. Bereits nach wenigen Sätzen füllen sich ihre Augen mit Tränen. Die Zeit der Aufarbeitung habe erst begonnen.

Das Trauma der Abschiebung quält noch

Eins ist ihr wichtig: „Wir sind dankbar für jede Sekunde, die Menschen für uns gegeben haben. Mein Mann und ich möchten das jetzt schaffen. Manchmal habe ich Angst, das Selbstvertrauen zu verlieren, weil die Sicherheit fehlt. Aber Kinder orientieren sich immer an ihren Eltern. Deshalb müssen wir für sie stark bleiben und Frieden finden.“ Frieden – das sei für sie schon ein Spaziergang an der Elbe. „Mehr nicht.“

Besonders an dieser Geschichte bleibt für Christina Riebesecker der Impuls, der von Pirna ausging. „Als Netzwerk können wir mit Kontakten und Wissen das trockene Holz liefern, um ein Lauffeuer auszulösen. Aber wir brauchen einen Funken. Den haben Nachbarschaft und Zivilgesellschaft geliefert. Es geht nur gemeinsam, das haben uns die letzten Monate gelehrt.“ Auch der enge Draht zur Anwältin der Familie sei sehr wichtig gewesen.

Amadeu-Antonio-Stiftung zeichnet Initiative „Bring Back Our Neighbours“ aus

Ähnlich sieht Isabel Schröbler die Aktion „Bring Back Our Neighbours“. Sie selbst sei durch die Erfahrung, etwas bewegen zu können, zu einem politischeren Menschen geworden. Für ihr Engagement wurde die Initiative nun mit dem Sächsischen Förderpreis für Demokratie der Amadeu-Antonio-Stiftung prämiert.

Riebesecker wünscht sich, dass nach den Imerlishvilis auch andere von Abschiebungen verschont bleiben. „Wir möchten die Energie nutzen, um aus dem Einzelfall einen Präzedenzfall zu machen.“ Im nicht weit entfernten Meißen etwa beschäftige sie seit Monaten ein ähnlicher Fall. Runde Tische sollen künftig regelmäßig stattfinden werden, um ein sachsenweites Lobbybündnis zu schmieden. „Viele scheinen das Gefühl zu haben, dass in der sächsischen Abschiebepolitik etwas nicht richtig läuft. Wir wollen diese Wahrnehmung stärken und klar machen: Da läuft was richtig falsch.“ (Melanie Skurt)

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit dem Magazin „Veto“ , das sich der engagierten Zivilgesellschaft widmet: www.veto-mag.de