Hochhäuser in Singapur.
+
Auch in Europa gilt Singapur einigen als Beweis, dass „sanfter Autoritarismus“ das Leben in Städten sicherer und bequemer mache als das demokratische Hin und Her.

Zusammenleben

Die Welt im Kleinen: Wie die Städte der Zukunft aussehen

  • Alicia Lindhoff
    vonAlicia Lindhoff
    schließen

Im Jahr 2050 leben vermutlich zwei Drittel aller Menschen in Städten. Mit diesen Mega-Metropolen wachsen aber nicht nur die Herausforderungen – im besten Fall finden sich hier auch die Lösungen für globale Probleme.

Eunice Orembo lebt fast 20 Jahre in Nairobi. Ihr Heimatdorf im Nordosten von Kenia, wo die Menschen vom Kartoffel- und Kassava-Anbau lebten, hat sie Anfang des neuen Jahrtausends verlassen. Weil dort Dürre und Hunger das Leben prägten, sahen Eunice und ihr Mann keinen anderen Ausweg, als ihr Glück in der 400 Kilometer entfernten Hauptstadt zu versuchen. Ihre Erfahrungen hat sie dem Journalisten Doug Saunders erzählt, der sie in seinem Buch „Arrival City“ (Ankunftsstadt) wiedergegeben hat, neben 27 anderen Geschichten vom Ankommen in den Metropolen dieser Welt. Geschichten darüber, wie Städte die Neuankömmlinge mit der Hoffnung auf ein besseres Leben anlocken und ihre Arbeitskraft ausbeuten. Aber auch davon, wie die neuen Städterinnen und Städter ganz eigene (Über-)Lebensstrategien entwickeln und ihrerseits den Städten ihren Stempel aufdrücken.

Eunice Orembo fand nach ihrer Ankunft über ein ausgeklügeltes Netzwerk ehemaliger Dorfbewohner eine Bleibe in Kibera, einer informellen Siedlung im Südwesten der Stadt, lange Zeit berüchtigt als größter Slum Afrikas. Dort lebt sie – inzwischen Witwe – mit ihren fünf Kindern bis heute in einer selbst gebauten Wellblechhütte. Für die Miete geht die Hälfte ihres Monatslohns drauf, den sie als Haushälterin in einer Mittelklasse-Nachbarschaft verdient. Will sie ins Zentrum, wo internationale Unternehmen und NGOs in Bürotürmen residieren und die Mittel- und Oberschicht sich in klimatisierten Shopping Centern abkühlt, bedeutet das eine Odyssee auf rutschigen Pfaden und in überfüllten Bussen. Trotzdem sagt Eunice Orembo mit Stolz: „Ich bin jetzt eine Bürgerin Nairobis. Ich spreche die Sprache der Stadt und weiß, wie man sich hier als Frau durchschlägt.“ Ihren beiden ältesten Söhnen hat sie den Besuch eines Colleges ermöglicht.

Mehrheit der Weltbevölkerung wohnt in Städten

Schon heute lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Die UN geht davon aus, dass es bis 2050 rund drei Viertel der dann vielleicht fast zehn Milliarden Menschen sein werden. Was für Städte werden das sein? Düstere Moloche, in denen die Reichen in Flugtaxis über die Armen hinwegsausen wie in „Blade Runner“? Oder futuristische Tech-Metropolen, die im Einklang mit der Natur prosperieren, wie im Marvel-Blockbuster „Black Panther“? Wissenschaftliche Zukunftsvisionen sind oft nicht weniger fiktional als die der Unterhaltungsindustrie. Wenn er seine Seminare auflockern wolle, schrieb der Soziologe Zygmunt Bauman, gebe er den Studierenden 20 oder 30 Jahre alte futurologische Studien zu lesen: Die brächten sie zuverlässig zum Lachen. Trotzdem führt kein Weg daran vorbei, sich mit der Zukunft der Städte zu beschäftigen. Denn in einem Punkt sind sich die meisten Expert:innen einig: Was in den kommenden 30 Jahren in den urbanen Agglomerationen dieser Welt passiert, wird darüber entscheiden, ob die Menschheit es schafft, Antworten auf die drängendsten globalen Fragen zu finden. Ob Klimawandel oder Migration, Digitalisierung, Demokratie oder soziale Ungleichheit: Unsere Zukunft wird sich in Städten entscheiden.

Sicher scheint, dass viele Städte sehr, sehr groß sein werden. Auch wenn am Reißbrett entstandene Planstädte wie King Abdullah Economic City in Saudi-Arabien oder New Songdon City in Südkorea international Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Den überwiegenden Teil der Landflüchtigen werden bestehende Städte aufnehmen, die – vor allem in Afrika und Asien – zu gigantischen Metropolen anwachsen. Schon heute leben im Großraum Tokio über 37 Millionen Menschen. Damit hat er etwa dieselbe Einwohnerzahl wie das G7-Mitglied Kanada – auf einem Siebenhundertstel der Fläche. London, Paris oder New York, einst Schaltzentralen globaler Handels-, Informations- und Kapitalströme, werden ihre Vorrangstellung mit vielen neuen Megacitys teilen müssen.

T.V. Ramachandra.

Entscheidend wird die Frage sein, wie Städte ihr Wachstum gestalten. Denn die Herausforderungen sind immens, wenn Stadtverwaltungen vor der Aufgabe stehen, die bestehende Infrastruktur innerhalb weniger Jahre für Zehntausende, manchmal Hunderttausende zusätzliche Menschen auszubauen. Wo sollen sie alle wohnen, wie bekommen sie Zugang zu sauberem Wasser, Nahrung, Strom und Internet? Zu Schulen und Krankenhäusern? Finden sie Arbeit – und wenn ja: Wie kommen sie dorthin? All das sind zunächst technische Fragen – es geht um Straßen, Schienen und Verkehrsleitsysteme, um Leitungen und Glasfaserkabel, um Maschinen und Computerprogramme. Um Beton. Und um Geld. Doch spätestens da schließen sich politische Fragen an: Wer finanziert das Wachstum? Wer organisiert es – und mit welchem Ziel?

Wirtschaftswachstum mit dramatischen Folgen für Städte

Wenn es nach Somik Lall geht, dem Leiter des Bereichs Territorial- und Raumentwicklung bei der Weltbank, muss oberste Priorität jeder städtischen Wachstumsstrategie die Anwerbung von Unternehmen und ausländischem Kapital sein. Um alles andere könne man sich später kümmern. „Wir vermischen den Wunsch, dass eine Stadt produktiv sein soll, mit dem Wunsch, dass sie schön sein soll; ich möchte sicherstellen, dass die Menschen einen guten Job bekommen“, sagte er dem britischen Guardian. Das sehen mittlerweile viele anders. Denn von London bis Peking zeigt sich, dass der Versuch, Städte um ein kaum reguliertes Wirtschaftswachstum herumzubauen – und dann später zu fragen, wie sie sauber, grün und lebenswert werden können, unverhältnismäßige Anstrengungen mit sich bringt.

Ein Beispiel dafür ist das südindische Bengaluru, auch bekannt als Bangalore. Einst galt es wegen seiner vielen Parks und Seen als Gartenstadt. Ende des 20. Jahrhunderts hat es eine vermeintliche Musterkarriere als Zentrum der IT-, Raumfahrt- und Biotechnologiebranche hingelegt. Mit einer Kombination aus staatlichem Investment in den Tech-Sektor, Steueranreizen und wirtschaftlicher Deregulierung wurde Bengaluru nicht nur zum Anziehungspunkt für einheimische Firmen, sondern auch für ausländisches Kapital. Heute entwickelt dort der indische Pharmariese Biocon Krebsmedikamente und der US-Konzern IBM Mikrochips. Das „Silicon Valley Indiens“ zieht jedes Jahr Hunderttausende Neubewohner an, die auf ein Stück vom Kuchen hoffen – seit der Unabhängigkeit 1948 ist die Stadt um das 15-Fache gewachsen. Doch das hat seinen Preis. Ein Viertel der Menschen haust in Slums und informellen Siedlungen – oft ohne Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen, Wasser oder Strom. Nirgendwo auf der Welt standen die Menschen im Jahr 2019 so häufig im Stau – im Durchschnitt zehn Tage und drei Stunden – und in keiner indischen Stadt begehen so viele Suizid.

Wenn Städte dem Wirtschaftswachstum geopfert werden

Der Biologe T. V. Ramachandra nennt seine Heimatstadt „eine tote Stadt, die ihre Umwelt für ein Wirtschaftswachstum geopfert hat, das die Welt in dieser Geschwindigkeit nur selten gesehen hat“. Der Leiter der Forschungsgruppe Energie und Feuchtgebiete am Indischen Institut für Wissenschaft (IISC) in Bengaluru erforscht seit Jahrzehnten die Situation. Ihm zufolge ist zwischen 1973 und 2016 die gepflasterte Fläche um 1005 Prozent gewachsen und hat den größten Teil der Vegetation und der Wasserflächen verdrängt. Bengalurus berühmte Seen sind heute nicht mehr für ihre Schönheit bekannt, sondern dafür, dass die dicke Schicht aus Müll und flüssigen Chemieresten, die viele bedeckt, immer wieder Feuer fängt. Als 2017 Bellandur Lake, der größte See der Stadt, in Flammen aufging, dauerte es 12 Stunden, bis die Feuerwehr den Brand im Griff hatte, und die halbe Stadt war in eine toxische Rauchwolke gehüllt. Andere Veränderungen sind nicht so spektakulär, aber mindestens genauso gefährlich. So konstatiert Ramachandra seit Jahren ein Ansteigen der Temperatur in der Stadt, während der Grundwasserspiegel kontinuierlich sinkt. Seit 2012 herrscht durchgehend Dürre, Trinkwasserquellen versiegen. In großen Teilen der Stadt sind die Menschen auf die Wassertank-Trucks einer Wassermafia angewiesen. Ramachandra geht wie andere Experten davon aus, dass Bengaluru in wenigen Jahren wasserlos und unbewohnbar sein könnte.

Verhindern ließe sich das, wenn die Stadt alle Gebäude mit Regenwasser-Auffangsystemen ausstattet, die Seen nachhaltig reinigt, große Flächen entsiegelt und wieder bepflanzt. Wie das gehen könnte, demonstriert Ramachandra mit seinen Studentinnen und Studenten auf dem Campus des IISC: In den 90er-Jahren hat er begonnen, dort Sprösslinge einheimischer Baum- und Pflanzenarten zu setzen. In 25 Jahren ist so ein Mini-Regenwald gewachsen, der sogar auf Google Earth aus der grauen Betonfläche der Stadt heraussticht. Das Grundwasser im Umfeld des Campus ist in wenigen Jahren um rund vier Meter gestiegen. Doch was im Kleinen möglich ist, scheint im Großen in weiter Ferne zu liegen. Statt selbst in Maßnahmen zu investieren, hat die Stadtverwaltung Teile der Wasserversorgung an gewinnorientierte Privatunternehmen abgegeben und Seen an Luxushotels verpachtet, die sie zwar reinigten, aber den Zugang nur ihren Gästen erlauben.

Ada Colau.

Solche urbanen Exzesse im globalen Süden – die Smogschwaden in Delhi, die überwachten Städte Chinas, das Elend in den Wellblechhütten am Rand von Lagos, der zugleich teuersten Stadt Afrikas – sie scheinen für viele im globalen Norden weit weg. Doch sie sind nur ins Extreme gesteigerte Auswirkungen einer Stadtentwicklung, der grundsätzlich auch die meisten Metropolen in Europa und Nordamerika folgen. Städte wie Paris, London, New York oder Los Angeles sind extrem segregiert, mit kleinen Inseln der Superreichen und Immobilienmärkten, die vor Schwankungen volatiler Finanzmärkte kaum geschützt sind. Auf den verstopften Highways in Los Angeles zeigen sich die absurden Folgen einer Stadtplanung, die Autofreundlichkeit über alles stellt und das Familienleben in weit entfernte Schlafstädte auslagert. In London sind große Teile der Innenstadt in der Hand privater Firmen, Tag und Nacht überwacht von Millionen Sicherheitskameras. Und Ereignisse wie das Massensterben im Grenfell Tower, die Unruhen in der Pariser Banlieue oder die eklatanten Unterschiede in der Gefährdung urbaner Bevölkerungen durch das Coronavirus werfen Schlaglichter auf die extreme Ungleichheit in Weltstädten, die den Niedriglohnarbeitern, die sie am Laufen halten, nur einen Platz ganz am Rande zugestehen.

Ist Singapur anderen Städten ein Vorbild?

Bei der Frage wie es besser geht, richten sich seit Jahren viele Augen auf eine Stadt: Singapur. Wohl keine Metropole der Welt kommt den futuristischen Computersimulationen, die unser Bild von einer Stadt der Zukunft prägen, so nah wie Singapur: kühne Architektur, hängende Gärten, die sich von Wolkenkratzern ergießen, leuchtende organische Gebilde, zwischen denen Menschen auf luftigen Brückenkonstruktionen entlangwandeln. Würde Singapur morgen Flugtaxis einführen – kaum jemand wäre überrascht.

Städte der Zukunft

These 1 In den Städten entscheidet sich, ob die Menschheit Antworten auf die drängendsten Fragen findet – vom Klimawandel über soziale Gerechtigkeit bis hin zur Digitalisierung.

These 2 Viele Megacitys wachsen unreguliert, was Mensch und Umwelt gefährdet – oder sie folgen autoritärer Planung, die Versorgung mit Überwachung kombiniert.

These 3 Städte spielen künftig eine größere politische Rolle – als Zukunftslabore, die neue Impulse für Nationalstaaten und ermattete supranationale Institutionen liefern.

Statt smogverpesteter, verstopfter Straßen finden sich in Singapur blitzsaubere, günstige Stadtbahnen und ein durch künstliche Intelligenz optimiertes Verkehrsleitsystem. Beim Wohnen setzt Singapur auf ein Modell, das im Europa der Nachkriegszeit zunächst en vogue, dann viele Jahre verpönt war: Statt die Flächen mit dem Bau unzähliger Einfamilienhäuser zu versiegeln, setzt man dort auf Hochhäuser – um dazwischen große Grünflächen und Parks freizulassen. In Singapur wird auch bei öffentlichem Wohnraum Wert auf Design gelegt, auf schlaue architektonische Lösungen, die eine natürliche Klimatisierung ermöglichen – und darauf, dass die Wohntürme für die Menschen wie vertikale Nachbarschaften funktionieren: mit Spielplätzen und Schwimmbädern in luftiger Höhe. Es scheint, als habe die Finanzmetropole ein Geheimrezept gefunden, das schnelles ökonomisches Wachstum mit effizienter, nachhaltiger und sozialer Planung kombiniert – und nebenbei noch innovative Ansätze für die großen Herausforderungen der Menschheit entwickelt: vom Klimawandel über die soziale Ungleichheit bis hin zur Digitalisierung.

Singapur: Überall Technik

Dabei hilft der Stadtregierung das weltweit größte Netz an Sensoren, Kameras und GPS-Systemen, die an Zügen und Taxis, auf Dächern, in Parks und Wassertanks, in Büros und zum Teil in Privatwohnungen installiert sind. Langfristig will Singapur die erste Stadt sein, die über eine zentrale Plattform alle Aspekte des urbanen Lebens misst, analysiert und optimiert: vom CO2-Ausstoß bis zu den Bewegungen und Schlafgewohnheiten der alternden Bevölkerung – alles im Namen des Gemeinwohls. Eines der wichtigsten Projekte heißt „Moments of Life“. Mark Lim, ehemaliger Direktor für Produktdesign in Singapurs Digitalagentur GovTech, erklärte in einem Interview, man wolle künftig mithilfe von künstlicher Intelligenz die Dienste antizipieren, die Bürger in Schlüsselmomenten des Lebens benötigen – ohne dass sie aktiv danach suchen müssten.

Doch das leuchtende Vorbild hat auch eine dunkle Seite. Die Sensoren und Kameras ermöglichen nicht nur die Rettung alter Menschen bei gesundheitlichen Notfällen, sie erlauben es der Regierung auch, jeden Schritt ihrer Bürgerinnen und Bürger zu kontrollieren und zu sanktionieren. Singapur ist formal eine Demokratie, de facto aber ein autoritärer Staat, in dem seit Jahrzehnten dieselbe Partei an der Macht ist. Opposition wird systematisch unterdrückt, Proteste sind ebenso verboten wie gleichgeschlechtlicher Sex. Sicherheit, Sauberkeit und Attraktivität für Investoren werden unter anderem mit Repression erkauft. In Singapur gibt es nach wie vor die Todesstrafe, Singapurs Datenschutzgesetze sind explizit dafür geschrieben, die staatliche Nutzung von Big Data voranzutreiben. Zwar haben die Bürger:innen großes Vertrauen in die staatlichen Institutionen als Manager und Versorger. Doch sollte sich das ändern, hätten sie kaum eine Möglichkeit, ihre Privatsphäre zu verteidigen: Der Gesetzgebungsprozess im De-Facto-Einparteienstaat bietet kaum Raum für Widerspruch.

Singapurs „sanfter Autoritarismus“ hat Fans in Europa

Auch im freiheitsliebenden Europa gilt Singapur einigen als Beweis, dass ein „sanfter Autoritarismus“ besser für den Weg in eine nachhaltige, smarte und sichere Zukunft geeignet sei als das parteipolitische Hin und Her in Demokratien. „Was Deutschland von Singapur lernen kann“ überschrieb ein Wirtschaftsmagazin im Januar 2020 einen Artikel – und machte als Erfolgsgeheimnis des Stadtstaats aus: „Die wirtschaftsweisen Technokraten interessieren sich nicht für demokratische Prozeduren, sondern für praktische Lösungen.“

Dabei waren gerade Städte von jeher wichtige Laboratorien für demokratische Praxis. Nicht immer freiwillig, oft aus purer Notwendigkeit. Gerade weil dort Gegensätze aufeinanderprallen, Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen auf engem Raum zusammenkommen. Ob sie dort einfach nur nebeneinander her leben, ob sie um den knappen Raum Konflikte austragen – oder ob sie es tatsächlich schaffen, zusammen zu leben, das ist Teil immer neuer Aushandlungsprozesse. In Städten haben oft politische Emanzipationsprozesse ihren Anfang genommen – denn es ist keineswegs immer Hunger oder Krieg, die Menschen in die Städte treiben. Auch die Verheißung größerer Freiheit zur Gestaltung des eigenen Lebens zieht sie an. In den letzten Jahren sind Städte Schauplätze vieler progressiver Bewegungen geworden, in denen es nicht selten um das Leben in der Stadt selbst geht: um Mieten, Mobilität, Ausgrenzung und Bildung.

Francesca Bria.

Die Stadt sei einer der wenigen Orte, schreibt die Stadtsoziologin Saskia Sassen, wo „jene, die keine Macht haben, die Chance bekommen, Geschichte zu schreiben“. Diesen Satz zitierte Francesca Bria im vergangenen Jahr auf einer Konferenz des Onlinemagazins Wired. Die italienische Sozialwissenschaftlerin und Informatikerin ist derzeit eine der ungewöhnlichsten europäischen Stimmen zu der Frage, wie die digitale Revolution unsere Gesellschaften formt. Bria hat sich damit nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis befasst – und zwar in Barcelona. Dort gibt es ein außergewöhnliches Experiment zu bestaunen: den Umbau zu einer Art genossenschaftlichen Smart City.

Smart-City-Strategie und direkte Beteiligung

Vor drei Jahren holte Bürgermeisterin Ada Colau die Expertin Bria in die Stadt. Als Colau 2015 überraschend zum Stadtoberhaupt gewählt wurde, spielte ihre politische Sozialisation in den linken Graswurzel-Bewegungen Kataloniens von Anfang an eine Rolle. Gerechtigkeit, Selbstorganisation, Freiheit: Mit diesen Prinzipien wolle sie die Stadt führen, erklärte sie – und auch die Smart-City-Strategie weiterentwickeln, die die vorherige Stadtregierung auf den Weg gebracht hatte. Technologie sollte dabei kein Selbstzweck sein, sondern sich der Frage unterordnen: Was brauchen die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt wirklich – und wie können wir Technologie in diesem Sinne nutzen? Eine ihrer ersten Amtshandlungen war die Einsetzung einer digitalen Beteiligungsplattform: Auf Decidim können stadtpolitische Initiativen debattiert, virtuelle Abstimmungen und physische Treffen organisiert werden. 70 Prozent des aktuellen Regierungsprogramms sollen auf Vorschläge von Bewohner:innen zurückgehen: zu Themen wie günstigem Wohnraum, Luftverschmutzung, fehlenden öffentlichen Plätzen, Gesundheitsversorgung. Auch die Umsetzung können User auf Decidim beobachten – heruntergebrochen bis auf Stadtteilebene. Vier Jahre nach dem Start gehen noch immer jede Woche Dutzende Beiträge auf der Plattform ein.

Aktiv werden

BÜRGER:INNEN Von wegen provinziell! In Städten lässt sich direkter Einfluss nehmen als irgendwo sonst. Über parlamentarische Gremien, Stadtteilarbeit – oder auch durch Protest auf der Straße. Und: Die Geschichte ist voll von progressiven Bewegungen, die auf lokaler Ebene starteten und zu etwas viel Größerem wurden.

POLITIKER:INNEN Städte brauchen mehr Handlungsspielräume – auch finanziell. Übertriebene Sparpolitik ist kontraproduktiv. Denn die städtische Ebene ist jene, auf der Bürger die Auswirkungen von Politik am direktesten spüren und sich auch schnell von ihr abwenden. In handlungsfähigen Städten entstehen im besten Fall innovative Ideen, die Schule machen.

UNTERNEHMER:INNEN Städte sind spannende Testfelder für neue Geschäftsmodelle. Die Beispiele von Uber oder Airbnb zeigen aber, dass es langfristig kontraproduktiv ist, auf allzu disruptive Strategien zu setzen, die sich negativ auf die lokale Wirtschaft auswirken. Warum nicht mit städtischen Akteuren zusammenarbeiten – und etwa auf Sharing-Modelle setzen, die an die Bedürfnisse vor Ort angepasst sind?

WEITERLESEN: Doug Saunders: „Die neue Völkerwanderung – Arrival City“, Randomhouse, 576 Seiten, 17 Euro.

Auch die Verpflichtung von Francesca Bria war ein Teil von Colaus neuer Smart-City-Strategie. Zusammen haben die beiden Frauen den Grundstein für etwas gelegt, das die Art, wie wir heute über Daten und Digitalisierung denken, grundlegend verändern könnte. Ähnlich wie Singapur ist Barcelona heute übersät von Sensoren, die das Verkehrsaufkommen, die Luftqualität oder den Füllstand der Mülleimer messen. Auf diese Weise konnte nach städtischen Angaben der Energieverbrauch um 30 Prozent gesenkt und die Wassernutzung um 5 Prozent verringert werden. Doch statt die Nutzung der gewonnenen Datenmassen staatlichen Stellen oder Tech-Konzernen zu überlassen, können die Daten in Barcelona auf einer öffentlichen Plattform von allen eingesehen, analysiert und verarbeitet werden. So nutzt etwa ein lokales Start-up die Daten, um eine App zu entwickeln, die Autofahrern freie Parkplätze anzeigt. Und soziale Initiativen können die Daten als Grundlage ihrer Arbeit verwenden – etwa, um ökologische Gutachten zu erstellen.

Für Francesca Bria ist die Frage, wer die gigantische Masse an Daten, die wir täglich hinterlassen, kontrolliert, von zentraler Bedeutung für die Zukunft der Demokratie. In Barcelona will man sie wie die Energieversorgung oder den ÖPNV behandeln: als Infrastruktur, die allen gehört und die alle nutzen können. Stück für Stück hat die Stadt fast ihr gesamtes IT-System auf Open Source umgestellt und vergibt öffentliche IT-Projekte nur noch an Firmen, die es ebenso machen. Alle Daten, die sie sammeln, müssen sie wiederum der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. So fallen große US-Anbieter von Uber bis Amazon von vornherein aus dem Vergabeprozess heraus. Bria hofft, dass so immer mehr lokale Mittelständler und Start-ups zum Zuge kommen. Auf diese Weise könnten Städte „Treiber einer Digitalisierung von unten“ sein.

Wenn Bürgermeister:innen die Welt regieren würden

Ganz sicher sind Städte eines: Seismografen für gesellschaftliche Entwicklungen – und auch für die Fehler und Widersprüche nationaler Politik. Eine Regierung kann beschließen, die Rechte von Immigrant:innen einzuschränken – und dafür Applaus einheimsen. Aber am Ende sind es Städte und lokale Verwaltungen, die damit umgehen müssen. „Die Politik der Stadt hat einen ganz anderen Charakter als die ideologische Politik der Nation“, schreibt der 2017 verstorbene US-Politologe Benjamin Barber in seinem Buch „If Mayors ruled the World“. „Man muss den Müll aufsammeln, man muss die Krankenhäuser offen halten, es spielt keine Rolle, ob die Einwanderer legal oder illegal sind – sie haben Kinder, die krank werden und zur Schule gehen müssen, sie fahren Bus, sie fahren Auto.“ In den USA hat sich deshalb in den vergangenen Jahren eine lebhafte Debatte um sogenannte Urban-Citizenship-Konzepte entwickelt. Die Idee: Unabhängig vom nationalen Aufenthaltsstatus geben Städte all jenen, die sie bewohnen, gewisse städtische Bürgerrechte. In einigen Modellen geht es um wichtige Dienstleistungen und Bildungseinrichtungen, in anderen um politische Teilhabe; so sollen auch „illegale“ Stadtbewohner:innen an kommunalen Wahlen teilnehmen.

Es gibt unzählige Initiativen, die Stadtpolitik „von unten“ machen. Auch in Kibera, der informellen Siedlung in Nairobi, die seit fast 20 Jahren das Zuhause von Eunice Orembo ist. Dort nutzen junge Freiwillige offen zugängliche Geoinformationssysteme, um den Slum, von dem lange kein Stadtplan existierte, zu kartieren. Seit Beginn der Corona-Pandemie sind dort etwa alle Händewasch- und Desinfektions-Stationen verzeichnet.

Ob Urban Citizenship, Smart City für alle oder „Citizen Mapping“: Modelle wurzeln in den Bedürfnissen und Potenzialen der unterschiedlichen Menschen, die die Städte bewohnen. In einer Zeit riesiger globaler Herausforderungen, in der sich viele Nationalstaaten in isolationistische Kleinstaaterei zurückziehen und die supranationalen Institutionen oftmals erschöpft scheinen, könnten Städte Pionierinnen werden für neue demokratische Prozesse. Und für die Frage, wie sich Wachstum gestalten lässt – ohne all die zerstörerischen Effekte für Mensch und Natur, die es bislang fast überall auf der Welt mit sich gebracht hat.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare