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Hinter den Fotovoltaik-Panelen auf einem Scheunendach dreht sich am 06.05.2013 bei Niederkrüchten (Nordrhein-Westfalen) eine Windkraftanlage.
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Hinter den Fotovoltaik-Panelen auf einem Scheunendach dreht sich am 06.05.2013 bei Niederkrüchten (Nordrhein-Westfalen) eine Windkraftanlage.

Megatrend

Mein Haus, mein Windrad, meine Solaranlage: Gibt es bald grüne Energie für alle?

  • vonVerena Kern
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Überall im Land arbeiten Genossenschaften und engagierte Bürgerinnen und Bürger an der Energiewende. Für sie steht fest: Deutschland kann seinen gesamten Strombedarf mit erneuerbaren Energien decken.

Heidelberg – Manchmal nervt es. Wenn wieder mal unsachliche Kommentare kommen. Dass die Energiewende bloß alles zerstören wolle. Dass es nur um Greenwashing gehe. Dass alles nur PR sei, um sich umweltfreundlicher darzustellen, als man tatsächlich ist. „Das ist dann anstrengend“, sagt Laura Zöckler. „Und es ist auch schade.“ Zu viel Energie gehe dabei drauf, sagt die 30-Jährige. Auf allen Seiten.

Dabei geht es Laura Zöckler darum, Energie zu gewinnen. Sie gehört zu den Menschen, die in Deutschland die Energiewende voranbringen wollen. Ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Alles spricht dafür, dass der Trend sich auch im nächsten Jahrzehnt fortsetzt, vermutlich sogar verstärken wird. Weil man mit erneuerbaren Energien etwas gegen die Klimakrise tun kann. Weil sich damit Geld sparen lässt. Und weil eine neue Form der Unabhängigkeit möglich wird.

Grüne Energie bedeutet auch: Die Energiewende selbst in die Hand nehmen

Den entscheidenden Impuls für Laura Zöcklers künftiges Engagement gab eine Schautafel der Heidelberger Energiegenossenschaft HEG, aufgestellt bei einer Veranstaltung zu nachhaltigen Projekten, die sie während ihres Politikstudiums besuchte. „Ich fand das cool“, sagt sie. Studierende im baden-württembergischen Heidelberg hatten die Energiewende selbst in die Hand genommen, den Bau einer Photovoltaikanlage (PV) auf dem Dach der neuen Pädagogischen Hochschule organisiert und schließlich 2010 die HEG gegründet. Laura Zöckler nahm Kontakt auf – und seit ihrem Masterabschluss gehört sie zum dreiköpfigen Vorstand der Genossenschaft. In der Zeit stieg die Zahl der Mitglieder von 400 auf 700. Bei der Gründung vor zehn Jahren waren es erst 17.

Laura Zöckler (Mitte).

Schwerpunkt der Energiegenossenschaft sind Solaranlagen und Mieterstromprojekte. Bis 2030 soll Heidelberg alle geeigneten Dachflächen für Solarenergie nutzen, fordert die HEG. Bislang gewinnt die Stadt erst zwei Prozent ihrer Energie aus dem Licht der Sonne. Würde man konsequent PV-Anlagen installieren, könnten es 50 Prozent sein – deutlich mehr als der Klima-Masterplan Heidelbergs es bislang vorsieht. Von 2021 an gilt in Baden-Württemberg eine Solardachpflicht, allerdings nur für Nichtwohngebäude.

„Jeder soll mitmachen können“, sagt Laura Zöckler. „Die Energiewende ist auch ein soziales Projekt.“ Deshalb können sich Bürgerinnen und Bürger schon ab einem Betrag von 100 Euro an den HEG-Projekten beteiligen. „Menschen, denen Investitionen in erneuerbare Energien normalerweise nicht möglich wären, bekommen so eine einfache Möglichkeit, an der Energieversorgung der Zukunft teilzuhaben.“

Grüne Energie war mal ein Nischenprodukt

Zöckler arbeitet bei der HEG ehrenamtlich. Sie organisiert Veranstaltungen, wirbt für die Energiewende, spricht mit dem Gemeinderat, erlebt sehr viel positive Resonanz. Ihren Hauptberuf hat sie bei den Bürgerwerken, zu denen sich die HEG Ende 2013 mit anderen Bürgerenergiegesellschaften zusammengeschlossen hat. Der Verbund ist mit mittlerweile knapp 100 Mitgliedern der größte Zusammenschluss von Energiegenossenschaften in Deutschland. Laura Zöckler ist dort für Öffentlichkeitsarbeit, Kommunikation und Social Media zuständig. Zu dieser Arbeit gehört auch, dass sie sich immer wieder mit Trollen herumschlagen muss. Und mit Leuten, die per se dagegen sind. Oder Leuten, die für einen Kohlekonzern arbeiten und nur Argumente pro Kohle gelten lassen wollen.

Auch für die HEG kümmert Zöckler sich um den Bereich Social Media. Sie beantwortet alle Kommentare. Sie postet Informationen zu den Anlagen der Genossenschaft, damit alle sehen: Ja, es gibt diese Anlagen wirklich, es ist nicht nur Greenwashing. „Wenn ich ein Projekt hätte, das schlecht wäre, könnte ich mich nicht mehr in der Stadt blicken lassen, ich lebe ja hier“, sagt sie. Nicht alle wollen sich überzeugen lassen. Trotzdem geht Laura Zöckler auf jeden Kommentar ein. Es ist wichtig, Stellung zu beziehen und für seine Überzeugungen einzutreten, findet sie. „Es geht auch um die Leute, die die Kommentare mitlesen.“

Wenn man eine Prognose erstellen will, wie sich die regenerative Energieversorgung in Zukunft entwickeln könnte, kann man zunächst einen Blick zurück werfen. Man kann schauen, was sich in den letzten Jahren verändert hat, und so eine Idee entwickeln, was möglich ist – und möglich wäre. Vor 20 Jahren beschloss der Bundestag das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Ökostrom war damals eine Randerscheinung, ein Nischenprodukt. Zehn Jahre zuvor hatte Deutschland zwar bereits das weltweit erste Ökostrom-Einspeisegesetz beschlossen und damit Strom aus Wind und Sonne den Zugang ins Netz garantiert.

Windkraft-Boom an der Küste

Doch die Einspeisevergütung war zu gering, um wirtschaftlich zu sein. Nur in einigen Küstenregionen kam es zu einem ersten kleinen Windkraft-Boom. Dennoch lag der Ökostrom-Anteil im Jahr 2000 erst bei sechs Prozent. Der überwiegende Teil davon war Wasserkraft. Vor allem Solarstrom war extrem teuer. Mehr als 50 Cent kostete eine Kilowattstunde in der Produktion, während der Strom aus der Steckdose nur 14 Cent kostete. Angesichts dieser Konditionen investierten lediglich einige wenige Enthusiasten in Photovoltaik.

Mit dem EEG und seinen kostendeckenden Vergütungssätzen änderte sich das grundlegend. Alternative Energien wurden plötzlich lukrativ. Bürgerinnen und Bürger wurden zu den wichtigsten Investoren für Erneuerbare-Energien-Anlagen in Deutschland. 2010 kamen schon 17 Prozent des deutschen Stroms aus regenerativen Quellen, dreimal so viel wie zehn Jahre zuvor. Den größten Teil steuerten nun Wind, Biomasse und Photovoltaik bei.

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BÜRGER:INNEN Wenn Sie auf Ihrem Dach keine Solaranlage montieren können oder wollen, informieren Sie sich über Genossenschaften in Ihrer Stadt oder im Umland, die sich dem Ausbau regenerativer Quellen verschrieben haben. Auch Wasser- und Windkraft-Anlagen gibt es im kleinen Format. Vor allem ist die Energiewende ein demokratisches Projekt, es geht um Beteiligung und Selbstermächtigung.

POLITIKER:INNEN Die Lösungen für die Energiegewinnung der Zukunft sind längst vorhanden, schaffen Sie die Rahmenbedingungen für den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien – auch vor Ort – und geben Sie den Bürgerinnen und Bürgern ein Zeichen, das deutlich macht: „Wir wollen das.“ Machen Sie Bürgerinnen und Bürger zu relevanten Akteuren. Drehen Sie die Argumentation um: Wer ein Haus baut, sollte künftig begründen müssen, warum keine Solaranlage montiert wird.

UNTERNEHMER:INNEN Wenn Sie noch keine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach haben, erkundigen Sie sich: Geht das überhaupt? Was kostet es? Und vor allem: Ab wann rechnet es sich? Oder bieten Sie Ihrer Belegschaft an, private Solaranlagen zu fördern.

Laura Zöckler war zu Anfang des Booms vor 20 Jahren noch ein Schulkind. Sie ist damit aufgewachsen, dass erneuerbare Energien immer wichtiger werden. Dass Windräder und Solaranlagen keine Ausnahme sind, sondern eine Selbstverständlichkeit, die neue Normalität. Sie hat mitbekommen, wie ihre älteren Geschwister gegen Wackersdorf demonstrierten und zu Vegetariern wurden. Als 1998 der Energiemarkt liberalisiert wurde und Verbraucherinnen und Verbraucher sich ihren Stromanbieter selbst aussuchen konnten, sagte ihr Bruder, jetzt sollte man zum Ökoversorger wechseln, erneuerbare Energien seien die Lösung.

Heute hat sich diese Sichtweise durchgesetzt. Im ersten Halbjahr 2020 lieferten Sonne, Wind, Wasser und Biomasse mit rund 55 Prozent erstmals mehr als die Hälfte der in Deutschland ins Netz eingespeisten Elektrizität. Das ist mehr als eine Verdreifachung gegenüber 2010.

Überschuss an Grüner Energei für Elektroautos oder Wärmepumpen

Angesichts dieser Entwicklung ist die Frage: Wird es bis 2030 wieder zu einer Verdreifachung kommen? Werden die Erneuerbaren dann mehr Strom liefern, als heute verbraucht wird? Mit einem Überschuss an Grünstrom könnten Elektroautos oder Wärmepumpen zum Heizen angetrieben werden. Man könnte grünen Wasserstoff erzeugen und damit Industrieprozesse klimafreundlich machen. Die Unabhängigkeit von fossilen Energieimporten wäre in Sicht.

Seriös vorhersagen lässt sich das nicht. Die Zukunft ist keine lineare Fortschreibung der Vergangenheit. Immer wieder geschieht Unvorhersehbares. Die Erfolgsgeschichte der Erneuerbaren war bis vor Kurzem noch unvorstellbar. Genauso wie es heute kaum noch vorstellbar erscheint, dass Kritiker der Energiewende einst warnten, aus technischen Gründen könne das Netz nur wenige Prozent Ökostrom verkraften, sonst drohe der Blackout.

Dominique Saad.

Mit Gewissheit lässt sich nur sagen: Es wäre möglich. Zahllose Studien haben das gezeigt. Gerade ist eine weitere dazugekommen. Das Berliner Beratungsunternehmen Aurora Energy Research hat errechnet, dass Deutschland nicht nur seinen kompletten Strombedarf mit erneuerbaren Energien decken kann. Das geografisch-technische Potenzial reicht sogar für das Dreifache des heutigen Bedarfs. Energie würde es genug geben. Man muss sie nur nutzen.

Meist ist Grüne Energie sogar extrem günstig

Die Aussichten dafür sind besser denn je. Erneuerbare Energien sind heute extrem kostengünstig. Die Verstromung von Kohle lohnt sich hingegen nicht mehr. Sogar das Kohleland Polen schwenkt mittlerweile um und setzt massiv auf Ökostrom. In vielen Ländern wirkt die Coronakrise zudem als Beschleuniger. Während des Lockdowns haben sich die Erneuerbaren als robusteste Energiequelle erwiesen, sagt Fatih Birol, der Chef der Internationalen Energieagentur IEA. Die Agentur, die das Potenzial der Erneuerbaren in der Vergangenheit oft unterschätzt hat, empfiehlt nun den Ökostromausbau als besonders wirksamen Hebel zum Wiederankurbeln der Konjunktur. Grüne Investitionen, so Birol, schaffen neue Jobs und Wertschöpfung vor Ort. Und sie sorgen für eine krisenfestere Energieversorgung in Zeiten des Klimawandels.

„Die Politik wacht langsam auf“, sagt auch Dominique Saad vom Bündnis Bürgerenergie in Berlin. Der Verein vertritt Bürgerenergie-Genossenschaften wie die HEG von Laura Zöckler, Ökostromer und Einzelpersonen, die sich für eine dezentrale und bürgernahe Energiewende einsetzen. Eine halbe Million Menschen sind es insgesamt. „Die Energiewende ist ja ein wesentlicher Faktor, wie man der Klimakrise begegnen kann“, sagt der 35-Jährige. „Und es ist auch eine Selbstermächtigung.“ Jeder Einzelne kann schließlich selber zum Stromerzeuger werden.

Zuletzt hat die Bundesregierung den Ausbau der Erneuerbaren eher gebremst. Aber nun wurde der Solardeckel abgeschafft, bei den Abstandsregeln für Windkraft gibt es einen Kompromiss, der Kohleausstieg ist beschlossen. Bremen hat im neuen rot-grün-roten Koalitionsvertrag festgeschrieben, dass auf jedem Neubau eine PV-Anlage installiert werden muss. „In den nächsten drei bis fünf Jahren wird es das noch häufiger geben“, sagt Saad. „Die Leute sehen ja, dass der Klimawandel hier und jetzt stattfindet, und wollen etwas tun.“

Vollversorgung funktioniert mit Grüner Energien

Noch viel zu oft aber würden jenen, die etwas tun wollen, Steine in den Weg gelegt, moniert Saad. „Es müsste mehr Unterstützung durch die Politik geben.“ Wer ein Einfamilienhaus hat, kann sich problemlos eine Solaranlage aufs Dach bauen. Bei Mehrfamilienhäusern ist es schwieriger. Auch, weil das Privileg, von der EEG-Umlage befreit zu sein, wegfällt. Netzentgelte werden fällig, und die vor wenigen Jahren eingeführte Mieterstromförderung steht fast bei Null. So bleiben viele Dächer ungenutzt, die für Solarenergie geeignet wären und damit zu einer möglichen Vollversorgung mit erneuerbaren Energien beitragen könnten. Die Politik müsste es für die Bürgerinnen und Bürger einfacher machen, sich an der Energiewende zu beteiligen, fordert Saad. Mit Beratung auf kommunaler Ebene. Mit Anreizen. Mit aktiver Begleitung. Mit dem klaren Signal: Ja, wir unterstützen den Umstieg auf nachhaltige Energien.

Wie das funktionieren könnte, sieht Dominique Saad bei den Solarpartys, die das Bündnis Bürgerenergie organisiert. Besitzer von PV-Anlagen laden ihre Nachbarn ein. Man sitzt – unter Einhaltung der Abstandsregeln – zusammen im Garten, tauscht sich aus und kommt so mit einem Thema in Kontakt, das sonst weit weg wäre. Saad sieht es auch bei seinen Eltern. Sie haben sich von der Begeisterung des Sohnes anstecken lassen und eine Solaranlage auf ihrem Haus in Köln installiert. Saads Vater ist so zum Solarexperten geworden. Freunden und Nachbarn erzählt er davon. Fünf haben sich ebenfalls eine Anlage aufs Haus gesetzt, weitere denken darüber nach. „Sehr viel ist denkbar und machbar“, sagt Saad. „Schon heute.“

„Die Debatte ist ein Stück weiter“, davon ist auch Laura Zöckler überzeugt. „Spätestens mit Fridays for Future hat sich viel geändert.“ Die Lösungen, sagt sie, sind da, man muss sie nur umsetzen. „Es wäre schön, wenn wir in zehn Jahren nicht mehr so viel kämpfen müssten.“ (Von Verena Kern)

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