Migration: Alles wandert.
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Viel gewinnt: „Die Superdiversität ist ein Element der Globalisierung“, sagt der Migrationsforscher Jochen Oltmer.

Migration

Alles wandert in der globalen Gesellschaft

  • Sophie Vorgrimler
    vonSophie Vorgrimler
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Auch in der global vernetzten Welt von morgen werden sich Menschen aufmachen, um ihr Glück zu finden. Im besten Fall, weil sie es wollen – und nicht, weil sie müssen.

Eigentlich ist Frankreich das Traumland der Kameruner. „Gekrönt von Paris“, sagt Charles Tchoula. Doch anders als viele seiner Landsleute hat es den 34-Jährigen aus der kamerunischen Metropole Duala nicht etwa ins vermeintliche Pariser Paradies verschlagen, sondern nach Hessen. Seit fünf Jahren lebt Charles Tchoula in Marburg. Gekommen ist zum Studieren.

Als Charles Tchoula nach Marburg kam, war er keineswegs der erste aus seiner Familie, den es in die Ferne zog. Vor ihm sind schon seine Schwester und zwei Halbbrüder nach Deutschland gekommen – sie wiederum waren einem Cousin gefolgt. Für ihn sei bereits während der Schulzeit klar gewesen, dass er nach dem Abitur nach Deutschland fliegen werde. In seiner Familie, aber auch bei vielen Klassenkameraden, habe es dazugehört, nach der Schule nach Europa zu gehen. „Man hat in Kamerun nach der Schule einfach sehr wenige Möglichkeiten, etwas Konkretes zu machen“, sagt er. „Zurück nach Kamerun gehen, das würde ich nur aus einem Grund tun: Wenn ich dort einen richtig guten Job finde.“

Charles Tchoula ist einer von gut elf Millionen Nicht-Deutschen, die heute in der Bundesrepublik leben. Mehr als jeder vierte Bürger hat inzwischen einen Migrationshintergrund. All diese Menschen werden die deutsche Gesellschaft von morgen prägen und mitgestalten – wenn sie die Möglichkeit dazu bekommen. In der Vergangenheit war das oft genug nicht der Fall. Deutschland hat sich schwer getan, Neuankommende in die Gesellschaft aufzunehmen, obwohl das Phänomen nicht wirklich neu ist, wie der Migrationsforscher Jochen Oltmer betont: „Schon vor vierzig Jahren haben wir in einem postmigrantischen Deutschland gelebt.“ Oltmer forscht am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück und untersucht hauptsächlich Migrationsbewegungen der vergangenen drei Jahrhunderte.

„Superdiversität ist ein Element der Globalisierung“

Früher kamen die Migranten hauptsächlich aus der Türkei, aus Griechenland und Italien nach Deutschland. Heute stammen die meisten Zuwanderer aus EU-Staaten und der Türkei, aber es kommen auch viele Menschen aus Syrien und Afghanistan sowie aus verschiedenen afrikanischen Ländern. „Diese Superdiversität ist ein Element der Globalisierung“, sagt Oltmer. „Ausgeprägte Vielfalt wird sich ausbreiten.“ Eine Entwicklung, die sich seit Zehntausenden von Jahren vollzieht, denn migriert wurde schon immer, wie Oltmer sagt.

Magdalena Schüle.

270 Millionen Migrantinnen und Migranten weltweit haben die Vereinten Nationen im Jahr 2019 gezählt. Aber von diesen Menschen sind nur etwa ein Drittel auf der Flucht vor Hunger oder Krieg, der Rest migriert wie Charles Tchoula zum Studieren, auf der Suche nach Arbeit, beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten, aus familiären Gründen oder zur Selbstverwirklichung. Die größte Gruppe der Auswanderer stellt Indien mit 18 Millionen Menschen, gefolgt von Mexiko, China, Russland und Syrien.

Diese 270 Millionen Menschen, die nicht mehr in ihrem Geburtsland leben – wenn sie überhaupt einen Platz zum Niederlassen gefunden haben – sind einerseits nur 3,5 Prozent der Weltbevölkerung. Andererseits sind es mehr als jemals zuvor. Und das ist Stoff für heftige Debatten und eskalierende Konflikte in vielen Ländern der Erde.

Es ist paradox: Die Menschheit träumt davon, auf anderen Planeten zu leben – und das nicht erst, seit Visionäre wie Elon Musk ihr Vermögen in die Raumfahrt investieren. Aber wer sich auf dem Planeten Erde eigenmächtig für eine Migration entscheidet, begeht eine Straftat. Die Meinungen darüber, wer wann, warum und wohin migrieren darf – oder nicht – könnten stärker nicht auseinandergehen: Auf der einen Seite die weltweit aktive „No Border“-Bewegung, die die Sinnhaftigkeit und Daseinsberechtigung von Grenzen und Nationalstaaten generell infragestellt und findet: Jeder hat das Recht, überall zu leben. Auf der anderen Seite Politiker wie Donald Trump, der die Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten auch mit dem Versprechen gewonnen hat, eine Grenzmauer zwischen den USA und Mexiko zu bauen. Oder die hiesige AfD mit ihrem Narrativ des angeblich von Geflüchteten überschwemmten Abendlandes. Zugleich setzen viele Menschen in den Krisenherden der Welt große Hoffnungen auf eine bessere Zukunft im Ausland – und riskieren dafür sogar ihr Leben.

Politik verschiebt Konflikte oft nur

Hoffnung und Angst, Überfluss und Not – in diesem Spannungsfeld ist weltweit ein Streit entbrannt, der sich weder schnell noch einfach beilegen lässt. Gleichzeitig müssen zügig politische Entscheidungen getroffen werden – zu Asylrecht und Arbeitserlaubnissen, Deutschkursen und Seenotrettung. Doch statt die Konflikte zu lösen, verschiebt die Politik diese oft nur. Langfristige Visionen, die von einer Mehrheitsgesellschaft getragen werden, zeichnen sich bisher nicht ab – wie etwa das endlose Ringen um eine gemeinsame europäische Migrationspolitik zeigt. Klar ist nur eines: Die Orte auf der Erde sind vernetzt – und die Menschen sind es auch. „Netzwerke sind eine wichtige Bedingung“, sagt Migrationsforscher Oltmer. „Wenn verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen da sind, ist die Wahrscheinlichkeit für eine Migration groß.“ Dann fällt der erste Schritt leichter, den Traum vom Leben an einem anderen Ort zu verwirklichen.

Magdalena Schüle hat schon als Teenager davon geträumt, am Meer zu leben. „Da habe ich eher an Spanien oder Portugal gedacht.“ Ende 2014 gab die heute 29-Jährige ihren gutbezahlten Job als Kostümbild-Assistentin in Köln auf und brach zu ihrer ersten großen Reise auf. Einmal quer durch Mittelamerika. Das Ziel: Costa Rica, wo eine Freundin für die Dauer eines Auslandssemesters wohnte. „Viel mehr als die geografische Lage und dass dort Spanisch gesprochen wird, wusste ich vorher nicht.“ Und Magdalena Schüle hätte vermutlich auch nicht gedacht, dass sie nie mehr ganz zurückkommen würde. Denn dort angekommen, verliebte sie sich in einen Costa Ricaner, der heute ihr Mann ist.

Jochen Oltmer.

Im ersten Jahr pendelte sie zwischen den Ländern, bis die Beziehung ernster wurde – und aus einer langen Reise eine Migration wurde, die sie rückblickend als „wahrscheinlich etwas naiv“ bezeichnet. Sie sei dem Bauchgefühl, der Liebe und der Vorstellung von Meer und Surfen gefolgt. Zurück nach Deutschland zu ziehen, kann sie sich kaum noch vorstellen, sagt sie. Zu tief sei die Verbundenheit zur neuen Heimat: „Ich bin immer noch Deutsche und froh, in einem Land mit so vielen Möglichkeiten aufgewachsen zu sein.“ Aber Costa Rica, findet sie, zähle zu Recht noch vor Deutschland zu den Ländern mit den glücklichsten Menschen der Erde. Sie würde das Lebensgefühl dort nicht mehr gegen den deutschen Lebensstandard tauschen wollen.

Die Geschichten von Magdalena Schüle und Charles Tchoula erzählen von Aufbruch und Ankunft, vor allem aber zeigen sie eine Realität, die vielfach falsch interpretiert wird: Denn heute wird oft von Migration gesprochen, wenn eigentlich Flucht gemeint ist, sagt Migrationsforscher Oltmer. Während sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen vielerorts mit Skepsis oder Ablehnung begegnet wird, gebe es für die Bewegung von Studierenden oder Hochqualifizierten eine hohe Akzeptanz. Sie werde oft nicht mehr als Migration verstanden. „Aber Migration ist ja erst einmal nur eine Bewegung“, betont Oltmer. Und jede Migrations-Bewegung, ob kurz oder lang, trage wie moderne Kommunikations- und Fortbewegungsmittel zur globalen Vernetzung bei. „Die Massenverkehrsmittel sind eine gute Möglichkeit, in kurzer Zeit umzusiedeln. Die Kosten sind gering, das hat es vor 150 Jahren so nicht gegeben.“

Die migrantische Klassengesellschaft

Überall sind Menschen in Bewegung, man kennt und begegnet sich über Grenzen und Kontinente hinweg: Eine Reise durch Marokko. Ein Auslandssemester in Finnland. Ein Arbeitskollege aus der Ukraine. Ein Bekannter, der für ein Jahr in China lebt. Ein Praktikum in New York! Die liebsten Nachbarn kommen aus Bangladesch. Die Tante ist Peruanerin, ein Freund im Senegal aufgewachsen. Neu im Bekanntenkreis: eine Taiwanesin. Von einem Ferienhaus in Südfrankreich träumen. „Eine Postkarte aus Sri Lanka!“ Kennen nicht längst alle Menschen jemanden auf jedem Kontinent?

Jochen Oltmer relativiert: „Das sind nordamerikanische und europäische Verhältnisse.“ Über dieses Netzwerk verfüge ein Großteil der Weltbevölkerung nicht. Die Möglichkeit, sich an einem beliebigen Ort anzusiedeln, sei lediglich einem kleinen Teil – maximal einem Fünftel – der Weltbevölkerung vorenthalten. „Global gesehen gibt es eine migratorische Klassengesellschaft.“ Und in dieser sind die Chancen ungleich verteilt. Doch anders als häufig angenommen, zeige die Forschung, dass Armut die Migration nicht fördere. Im Gegenteil. „Man kann sogar sagen: Armut verhindert Migration. Damit überhaupt Bewegung möglich ist – für die Reise, für ein Visum, zum Ankommen – braucht es finanzielle Ressourcen.“

Oltmer verweist auf die „große Debatte über den Klimawandel und das Verhältnis Klima und Migration“. Wenn gut bewohnbare Fläche wegfällt, kämen viele Menschen zu dem Schluss, müsse es mehr Migration geben. Die Ergebnisse der Migrationsforschung aber zeigten etwas anderes: Wenn Dürren oder Überschwemmungen zu Armut führten, könnten es sich künftig möglicherweise weniger Menschen leisten, zu migrieren.

Kontrolle und Überwachung von Grenzen haben zugenommen

Abgesehen davon sei Migration insgesamt schwieriger geworden, weil Kontrolle und Überwachung von Grenzen zugenommen hätten. „Für uns als deutsche Staatsbürger gibt es aber vergleichsweise sehr geringe Hürden“, beobachtet er, auch wenn zuletzt sogar die Reisemöglichkeiten im Schengenraum verschärft worden sind. Für die allermeisten Menschen auf der Welt sei aber die Wahrscheinlichkeit, ein Visum zu bekommen, sehr gering. Selbst ein Urlaubsvisum sei häufig an eine Bürgschaft und einen Nachweis gebunden, wann wieder ausgereist wird.

Hand drauf? Wird eines Tages vielleicht jeder Mensch das Glück beim Schopfe packen können, egal, wo er oder sie geboren wird?

Noch vor hundert Jahren hat es nahezu keine Grenzüberwachung gegeben. „Einer Kontrolle geht ja ein Kontrollinteresse voraus“, sagt Migrationsforscher Oltmer. Und das habe es kaum gegeben. „Mobilität war immer etwas Gutes. Es galt als modern. Der Austausch von Waren, Geld und Menschen war gewünscht.“ Profitiert hat davon aber nur ein Teil der Welt.

Wenn Charles Tchoula heute erzählt, dass viele Männer seines Alters in Kamerun Hermann oder Ulrich heißen, findet er das witzig – weil er mittlerweile weiß, dass in Deutschland vor allem Ältere diese Namen tragen. Tatsächlich aber war ein Teil des heutigen Staats bis 1919 eine deutsche Kolonie. Die deutschen Kolonialherren beuteten Bodenschätze aus, drängten viele Kameruner mit brutalen Methoden zur Zwangsarbeit. Gleichzeitig stammen Teile der heutigen Infrastruktur aus dieser Zeit. Und Deutschland sei im kamerunischen Alltag noch immer präsent, sagt Tchoula. Kinder lernen die Sprache in der Schule. „Schon in Schulbüchern gibt es Texte über Leute, die hier studiert haben und irgendetwas entwickeln.“ Insgesamt habe Deutschland den Ruf als Land der Wissenschaft. „Aber auch alle Stereotypen von Bier und Wurst habe ich aus dem Deutsch-Unterricht.“

Unterschiedliche Bedingungen für Migration

Unlängst hat Charles Tchoula seine Masterarbeit im Studiengang „Internationale Beziehungen“ abgegeben, die die deutsch-französische Zusammenarbeit in Afrika behandelt und die Entwicklungshilfe thematisiert. Sein Fazit: kritisch. „Die Handelsabkommen mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft sind von allen ehemaligen Kolonien unterschrieben worden. Sie bestehen seit 60 Jahren und sind total überholt.“ Kamerun sei zwar keine Kolonie mehr, „aber wir sind immer noch nicht unabhängig von Europa oder Amerika“, sagt Tchoula über sein Herkunftsland und den gesamten afrikanischen Kontinent. Afrika habe alle Rohstoffe und sei dennoch am ärmsten. „Afrika ist abhängig und Europa nutzt diese Abhängigkeit auch aus.“ Der europäische Markt gebe die Preise vor. „Aber wir sind so schwach, wir sind nicht in der Lage zu verhandeln. Der Handel ist unfair“, sagt Tchoula über seine Heimat Kamerun. Vielen afrikanischen Ländern sei es kaum möglich, eine Industrie mit stabiler Infrastruktur aufzubauen. Und auch in Folge dessen sei Kamerun immer noch ein Schwellenland.

Charles Tchoula ist sich dessen bewusst, dass er in einer privilegierten Situation ist, wenn er sagt: „Ich würde jedem empfehlen, nach der Schule ins Ausland zu gehen.“ Und zwar nicht, „um hier den Kontinent zu besiedeln oder Geld heimzuschicken, sondern um Wissen und Erfahrung zu sammeln und in unsere Heimat zu bringen“. Man könne nicht darauf warten, dass andere dort etwas entwickeln. „Wir müssen uns selbst helfen. Viele Technologien haben wir nicht, deshalb müssen wir sie lernen und selbst entwickeln.“

So unterschiedlich die Bedingungen für einen Kameruner oder eine Deutsche auch sein mögen, den Aufbruch in ein fremdes Land zu wagen: Auch Magdalena Schüle hat hart gearbeitet, um in Costa Rica etwas auf die Beine zu stellen. Anfangs hielt sie sich als Kellnerin und mit Gespartem über Wasser. Mehrere Jahre musste sie alle drei Monate aus- und wieder einreisen, um sich ein neues Drei-Monats-Visum ausstellen zu lassen, trotz Ehe und anerkannter Selbstständigkeit. Nach einem Jahr in Mittelamerika gründete die gelernte Schneiderin ein kleines Modelabel, über das sie maßgefertigte Bikinis mit selbstdesignten Mustern vertreibt, die „beim Surfen den Wellen standhalten und trotzdem nach etwas aussehen“. Damit hat sie im Badeort Jacó ihre Nische gefunden. Zumal die bürokratischen und finanziellen Hürden im Vergleich zu Deutschland „sehr niedrig“ sind, wie Magdalena Schüle sagt. „Wegen der Arbeitsplätze ist es sogar sehr willkommen, wenn Ausländer sich selbständig machen.“

Migration: Sprache als Zugang zur Kultur

Und weil die Sprache der wichtigste Zugang zu einer Kultur ist, sei ihr sehr wichtig gewesen, schnell Spanisch zu lernen und sich ein soziales Umfeld aus einem Mix beider Kulturkreise aufzubauen. Doch diese Bereitschaft sehe sie bei vielen Einwanderern nicht. Es gebe ganze Orte, an denen nur westliche Migranten lebten, mit eigenen Schulen und Geschäften. „Schade finde ich, dass viele Einwanderer die Lateinamerikaner als billige Arbeitskräfte für ihre Luxus-Hotels abtun.“ Deshalb hätte sie bewusst Einheimische als Näherinnen und Verkäuferinnen eingestellt, denen sie einen überdurchschnittlichen Lohn zahle. Sie sei überall warmherzig aufgenommen und integriert worden, sagt sie. Geholfen habe dabei das Netzwerk ihres einheimischen Mannes – und viel Eigeninitiative. Dass sie oft die einzige Weiße ist – ob im Töpferkurs oder beim Salsa tanzen – stört sie nicht.

Charles Tchoula.

Für Magdalena Schüle und Charles Tchoula ist eine Haltung, eine Sicht auf die Welt ganz zentral: Keine Kultur ist bedeutender als die andere; kein Mensch wichtiger als der andere. Charles Tchoula bringt das auch mit politischem Engagement zur Sprache. Er ist Vorsitzender des „Afrikanischen Studierenden Vereins“ seiner Universität und hat zuletzt die Marburger „Black Lives Matter“-Demonstrationen mitorganisiert, bei der mehrere Tausend Menschen schweigend dafür protestierten, dass alle Menschen gleich behandelt werden. Nach seinem Abschluss möchte er sich in der Friedens- und Konfliktforschung etablieren.

Eine Migrationsgesellschaft kenne keine Mehrheiten mehr, sondern viele verschiedene Minderheiten, sagt Forscher Jochen Oltmer. „Das verhält sich auf dem Land vielleicht noch etwas anders, aber in Städten wie Frankfurt lässt sich jetzt schon sagen, dass die Deutschen ohne Migrationshintergrund vielleicht noch die größte Minderheit sind.“ Vielen macht diese Vorstellung Angst, andere sehen sie als Bereicherung.

Prognosen über künftige Migration sind schwierig

Ist das also der Trend für die Zukunft? Wird die Migration weltweit zunehmen? „Der permanente Wandel und unzuverlässige Migrationsstatistiken machen Prognosen schwierig“, sagt Oltmer. Generell sei Migration ein eher seltenes Phänomen. Die meisten Menschen blieben im Großen und Ganzen da, wo sie herkommen – auch heute noch, überall. Wenn migriert werde, dann in den allermeisten Fällen in die umliegenden Städte. Allerdings nehme die Migration proportional zum Wachstum der Weltbevölkerung zu – und die wird laut den Vereinten Nationen mindestens bis 2100 noch zunehmen. Dennoch, sagt Jochen Oltmer, gäbe es Faktoren, die unvorhersehbar sind: Kriege, Wirtschaftslage oder andere Krisen, Pandemien zum Beispiel, wie sich jüngst gezeigt hat.

Gleiches gilt für die gesellschaftliche Aushandlung von Migration sowie deren Auslöser und Folgen. Auch diese Aushandlung wird entscheiden, ob der Ort, an dem künftig ein Mensch auf über 500 Millionen Quadratkilometern Erdoberfläche seine Augen aufschlägt, dessen persönliches Schicksal bestimmt: mit all seinen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, mit seinen historisch gewachsenen Machtstrukturen, mit seinen ökonomischen, gesellschaftlichen und geografischen Bedingungen. Und diese Aushandlung wird auch ihren Anteil daran haben, ob die Suche nach dem ganz persönlichen Paradies auf Erden ein Traum bleibt – oder eines Tages wahr wird.

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