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Einsamkeit: Viele Menschen sind alleine.
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Ursachen für Einsamkeit sind komplex und schwer greifbar. Menschen jeden Alters leiden unter ihr, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land.

Gesellschaft

Gemeinsam alleine: Wie Einsamkeit die Gesellschaft erfasst

  • vonMarten Hahn
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Millionen von Menschen sind alleine – oder fühlen sich zumindest so. Vereinsamung gilt als eines der größten sozialen Probleme westlicher Gesellschaften.

Von Marten Hahn und Natalie Klinger

Viele Jahre nannten sie ihn hier eher spöttisch den „Pfarrer“. Weil Michael Dixon sich weit mehr um seine Patienten sorgte und kümmerte als die anderen Ärzte in der Gemeinschaftspraxis. „Es ist nicht deine Aufgabe, dich um das Wohlbefinden und das Glück der Patienten da draußen zu kümmern“, sagten ihm die Kollegen. „Wir sollten ihre Arthritis, Herzkrankheit oder Depression behandeln. Die Gesundheit der Gemeinde im Allgemeinen, dafür sind wir nicht verantwortlich.“

Aber Dixon sah das anders. Für ihn hing alles zusammen. Er spürte, wie sich die Gemeinde veränderte. Er spürte, wie die Einsamkeit einzog und Spuren hinterließ. Der Allgemeinmediziner arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis in Cullompton, im südwestlichen Zipfel Großbritanniens. Vom Schreibtisch aus zeigt er aufs Fenster, nach draußen. „Es ist traurig, aber wir leben in einer sehr entfremdeten Gesellschaft. In dieser Stadt zum Beispiel, wurden unheimlich viele neue Häuser gebaut. Aber die Zahl der Leute, die in jedem Haus wohnen, wird kleiner und kleiner.“

Megatrend: Wachsende Einsamkeit

These 1 Vereinsamung ist ein globales Phänomen, allein in der EU fühlen sich 30 Millionen Menschen häufig allein.

These 2 Gesellschaften, die sich dem Problem nicht stellen, müssen mit verheerenden Folgen für das Gesundheits- und das Wirtschaftssystem rechnen.

These 3 Um diese Folgen abzumildern, muss auf nationaler Ebene und vor Ort gehandelt werden.

In Großbritannien ist die Zahl der Einpersonenhaushalte zwischen 1997 und 2017 um 17 Prozent gewachsen. In Deutschland gibt es eine ähnliche Entwicklung. Laut Statistischem Bundesamt stieg die Zahl der Einpersonenhaushalte seit 1991 um 46 Prozent.

Einsam und allein: Trend zu Einpersonenhaushalten

Nun sind bei weitem nicht alle Menschen, die alleine wohnen, einsam. Und umgedreht ist nicht jeder, der von Menschen umgeben ist, vor Einsamkeit gefeit. Das weiß, wer schon einmal über längere Zeit in einer zerrütteten Beziehung feststeckte. Experten beschreiben Einsamkeit vielmehr als die gefühlte Diskrepanz zwischen existierenden und gewünschten sozialen Beziehungen. Aber der weltweite Trend hin zu Einpersonenhaushalten ist für manche Fachleute einer der Gründe, warum Einsamkeit in vielen westlichen, individualistisch geprägten Ländern zunehmend zum Problem wird.

Denn wer einsam ist, geht nicht nur häufiger zum Arzt, weil dieser vielleicht der einzige soziale Kontakt ist. Er wird irgendwann auch wirklich krank, so Michael Dixon. Einsamkeit befördert Herzkrankheiten, Infarkte und Alzheimer. Manche Studien halten Einsamkeit für so gefährlich wie Übergewicht und Rauchen. Wer einsam ist, für den ist das Risiko, früher zu sterben, um ein Viertel höher. Um dem vorzubeugen, begann Dixon seine Patienten schon vor zehn Jahren auf eine Art und Weise zu behandeln, die lange keinen offiziellen Namen hatte: Er verschrieb soziale Medizin.

Einsamkeit: Betreuung und Beratung statt Medikamente

Dixon ist überzeugt: Manche Menschen brauchen keine Medikamente, sondern Betreuung, Beratung und vor allem andere Menschen. Er stellte eine Mitarbeiterin ein, die Patienten mit ausgewählten Aktivitäten versorgte. Patienten mit Gewichtsproblemen, Depressionen oder chronischen Schmerzen wurden nicht mit Pillen behandelt, sondern bekamen den Besuch von Wandergruppen, Kunst- oder Schreibkursen empfohlen. Mit überwältigendem Erfolg. „Behandelt man diejenigen, die das Gesundheitssystem am häufigsten nutzen, mit sozialen Maßnahmen, reduziert das Krankenhausbesuche und Termine beim Hausarzt um 20 Prozent“, sagt Dixon.

Vivek Murthy.

Das Prinzip war so erfolgreich, dass der überlastete, britische Gesundheitsdienst NHS die Behandlung Mitte 2019 offiziell anerkannte. „Social Prescribing“ – Soziale Medikation – ist nun eine Behandlungsmöglichkeit im staatlichen Gesundheitssystem Großbritanniens. Und der „Pfarrer“ Michael Dixon gilt heute als „Social Prescribing“-Pionier.

Einsamkeit ist ein globales Problem

Auch über Großbritannien hinaus wird Einsamkeit seit einiger Zeit als soziales Problem wahrgenommen. Der EU-weite European Social Survey zum Beispiel zeigte 2019, dass sich sieben Prozent der Europäerinnen und Europäer häufig einsam fühlen. Das sind 30 Millionen Menschen. Im Rahmen einer Befragung in den USA im gleichen Jahr gaben sogar mehr als die Hälfte aller Teilnehmer an, regelmäßig einsam zu sein. Entsprechend groß war das globale Interesse, als Großbritannien der Einsamkeit auch auf politischer Ebene den Kampf ansagte.

2018 ernannte die britische Regierung Tracey Crouch zur weltweit ersten Einsamkeitsministerin. Die damalige Premierministerin Theresa May reagierte damit auf alarmierende Zahlen: Neun Millionen Briten fühlten sich häufig einsam. 3,9 Millionen ältere Bürger gaben an, dass ihnen vor allem der Fernseher Gesellschaft leistet. Und dann war da die Zahl, die auch die britische Wirtschaft aufmerken ließ: Einsamkeit soll britische Unternehmen geschätzte 2,5 Milliarden Pfund pro Jahr kosten. Denn einsame Angestellte sind öfter krank und weniger produktiv.

Seit Tracey Crouch den Posten der Einsamkeitskministerin übernahm, der ihr Portfolio als Staatssekretärin für Sport und Zivilgesellschaft erweiterte, hat sich das Personalkarussell dreimal gedreht. Heute ist Baronin Diana Barran in Großbritannien für das Thema Einsamkeit zuständig. Davor hatte die Tory-Politikerin Mims Davies die Rolle inne.

Aktiv werden

BÜRGER:INNEN Darüber reden hilft. Viele Menschen, die sich einsam fühlen, trauen sich nicht, über ihre Einsamkeit zu sprechen. Sie haben oft Angst, anderen zur Last zu fallen und fühlen sich unerwünscht. Auf Dauer wird das negative Gefühl so verstärkt. Betroffene sollten sich deswegen bewusst machen: Einsamkeit ist nicht das Ergebnis eines persönliches Versagens. Wer kann, sollte aktiv werden, um Hilfe bitten und sich ehrenamtlich betätigen oder bei Organisationen melden, die soziale isolierte Menschen zusammenbringen.

POLITIKER:INNEN Die sollten Einsamkeit bei künftigen Entscheidungen und Gesetzen mitdenken. Dient eine geplante Infrastruktur auch Armen, Älteren und Menschen mit Behinderung? Gibt es genug öffentlichen Raum, in dem sich Menschen begegnen können? Wird genug in vorbeugende Maßnahmen und professionelle Anlaufstellen für Betroffene investiert? Schon jetzt werden Mehrgenerationenhäuser gefördert. Auch Freiwilligen- und Nachbarschaftsprojekte können helfen – und sollten unterstützt werden.

UNTERNEHMER:INNEN Schaffen Sie eine Unternehmenskultur, die es Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ermöglicht, offen und ehrlich über negative Gefühle zu sprechen. Öffnen sich Beschäftigte, gilt vor allem eins: aktiv Zuhören. Darüber hinaus können kleine Gesten helfen: Einsame Kollegen einladen, wenn alle zum Mittagessen gehen. Morgens Hallo sagen. Und vor der Kaffeerunde fragen, ob der- oder diejenige auch etwas möchte.

Fragt man Davies, wie die Politik das Problem lösen wolle, sagt sie: „Wir müssen unsere Gemeinden stärken.“ Zudem müsse die Regierung ressortübergreifend zusammenarbeiten. Davies macht klar: Die Einsamkeitsministerin koordiniert vor allem. Sie bringt Verantwortliche aus unterschiedlichen Bereichen wie Gemeindewesen, Wohnungsbau und Verkehr zusammen. „So sitzen alle mit am Tisch und stellen sicher, dass zukünftige politische Entscheidungen die Einsamkeit nicht noch verstärken oder die Bewältigung des Problems erschweren.“ Schließt eine Gemeinde zum Beispiel Jugendclubs oder hebt die Preise für den öffentlichen Nahverkehr an, würde sich das negativ auswirken. Entscheidungen mit solchen Konsequenzen sollen im Voraus erkannt und verhindert werden.

Großbritanniens Offensive gegen die Einsamkeit

Auch in Deutschland hat es die Einsamkeit auf die politische Agenda geschafft. Im Koalitionsvertrag von CDU und SPD erkennen die Parteien die gesellschaftliche Herausforderung an: „Angesichts einer zunehmend individualisierten, mobilen und digitalen Gesellschaft werden wir Strategien und Konzepte entwickeln, die Einsamkeit in allen Altersgruppen vorbeugen und Vereinsamung bekämpfen.“ SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat sich zudem wiederholt für einen Regierungsbeauftragten eingesetzt, der sich um das Thema kümmert.

Wer sich mit Großbritanniens Offensive gegen die Einsamkeit beschäftigt, merkt aber schnell: Die Ursachen dieses sozialen Leidens sind komplex und politisch schwer greifbar. Zumal Menschen in allen Altersgruppen von Einsamkeit betroffen sind, auf dem Land genauso wie in den Städten.

Schuld sind zum einen größere, gesellschaftliche Entwicklungen, die sich so oder so ähnlich in vielen Ländern des reichen Westens finden lassen: Menschen bekommen weniger Kinder und werden immer älter. Ältere Bürgerinnen und Bürger bleiben in sterbenden Dörfern ohne Cafés und Läden zurück, während die Jungen wegziehen. Familien leben immer weiter verstreut. Öffentlicher Nahverkehr und Zugverbindungen in ländlichen Gebieten werden zusammengestrichen, was die Pflege sozialer Kontakte erschwert. Städtische Wohn-Architektur bietet kaum Gemeinschaftsräume und isoliert Menschen, statt sie zusammenzubringen. Die Gentrifizierung ganzer Stadtteile verdrängt alte Anwohner, reißt sie so aus ihrem sozialen Umfeld und zerstört innerstädtische Gemeinschaften. Und weil man so gut wie alles auch aufs Internet schieben kann: Soziale Medien machen einsame Menschen oft noch einsamer.

Einsamkeit hat viele Ursachen

In vielen der genannten Fälle könnte die Politik helfend eingreifen. Doch nicht selten wird Einsamkeit auch durch persönliche Schicksalsschläge ausgelöst. Durch den Tod eines Partners, eine Trennung oder den Verlust des Arbeitsplatzes. In solchen Fällen hilft nur, über die Einsamkeit zu reden. Die britische Regierung hat deswegen zusammen mit zahlreichen Hilfsorganisationen eine Kampagne gestartet. Einmal pro Jahr soll die „Loneliness Awareness Week“ eine öffentliche Diskussion anstoßen. Denn viele einsame Menschen trauen sich nicht, über ihren Schmerz zu sprechen.

In ihrem Buch „The Lonely City“ beschreibt die Autorin Olivia Laing ihre Einsamkeit während eines Aufenthalts in New York mit den Worten: „Mein Leben fühlte sich leer und unecht an und ich schämte mich für seine Dünnheit. So wie man sich für ein fleckiges, abgetragenes Kleidungsstück schämen würde.“ Gegen diese Scham, ungenügend zu sein und selbst schuld zu sein an der eigenen Einsamkeit, richtet sich die britische Kampagne. Unter dem Slogan „Lass uns über Einsamkeit reden“ will sie der Einsamkeit das Stigma nehmen. Einsamkeit ist kein Makel, Einsamkeit ist menschlich – so die wichtige Botschaft.

Reden alleinhilft bei Einsamkeit oft nicht

Doch weil Reden allein oft nicht reicht, nimmt die Regierung in London regelmäßig auch Geld in die Hand. Der Erfolg ist kurzfristig zwar schwer messbar. Aber mehr als 20 Millionen Pfund sind seit 2018 an Projekte im ganzen Land geflossen, deren Ziel es ist, die Einsamkeit der Menschen zu lindern. Unterstützt wird zum Beispiel ein Wohnwagen-Café, das an der britischen Ostküste durch entlegene Dörfer tourt und Anwohner bei Schwarztee und Karottenkuchen zusammenbringt. Der „Rural Coffee Caravan“ wird von Freiwilligen betrieben. Sie versorgen die Rentnerinnen und Rentner nicht nur mit kostenlosem Kaffeeklatsch, sondern auch mit nützlichen Informationen – egal, ob es darum geht, einen Rentenzuschuss zu beantragen, den Energieanbieter zu wechseln oder einen Zahnarzttermin zu machen.

Schlechte Verkehrsanbindungen sind ein Grund, warum ältere Menschen auf dem Land immer häufiger vereinsamen. Aber nicht der einzige. „Früher konnten sie in der Post ihre Rente bar abholen. Das geht jetzt nur noch online“, erklärt Ann Osborn, die das Wohnwagen-Café-Projekt leitet. „Sie konnten ihre Milch und ihre Zeitung im Laden kaufen, ein Schwätzchen an der Bushaltestelle halten oder in die Kneipe gehen. Aber ohne Bus, ohne Post, ohne Kneipe – was dann?“

Experten sprechen von Einsamkeitsepidemie

25 Prozent der britischen Landbevölkerung ist inzwischen älter als 65 Jahre – in Städten macht diese Altersgruppe nur 16 Prozent aus. Dieser Trend wird sich noch weiter verstärken. In Studien wird deswegen davon ausgegangen, dass es in Zukunft immer mehr ältere Menschen geben wird, die einsam sind. Gleichzeitig sind viele junge Menschen betroffen. Ein Drittel aller britischen 18- bis 24-Jährigen fühlen sich einsam, so eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Yougov.

Manche Experten sprechen deswegen von einer Einsamkeitsepidemie, die sich durch die westliche Welt frisst. Der US-amerikanische Arzt Vivek Murthy zum Beispiel. Er leitete unter Präsident Obama die US-Gesundheitsbehörde. Murthy besuchte Tracey Crouch kurz nach ihrer Ernennung zur Einsamkeitsministerin, um zu lernen, wie man die zunehmende Einsamkeit in den USA bekämpfen könnte. Oder Manfred Spitzer. Der deutsche Hirnforscher und Psychiater verweist auf Studien die zeigen, dass Einsamkeit ansteckend ist. Wer etwa Freunde habe, die sich einsam fühlten, laufe Gefahr, selbst zu vereinsamen, so Spitzer.

Doch nicht alle Experten stimmen der These zu, dass wir immer einsamer werden. Der deutsche Soziologe Janosch Schobin meint, es gebe keine Daten, die eine Einsamkeitsepidemie „stichhaltig belegen“. Die langanhaltende, intensive Einsamkeit habe in Europa in den vergangenen Jahren eher abgenommen. Zudem hält der Forscher wenig vom Epidemie-Begriff: „Die Krankheitsmetaphorik finde ich ziemlich kritisch, weil ich nicht verstehe, wie die den Leuten helfen soll.“ Wer Einsamkeit zur Krankheit stilisiere, trage eher zur Stigmatisierung bei. Aber auch Schobin teilt die Auffassung, dass Einsamkeit krank machen oder bestehende Krankheiten verschlimmern kann.

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In einem sind sich alle Seiten einig: Einsamkeit ist eine der größten, sozialen Herausforderungen der kommenden Jahre. Es gibt Millionen einsamer Menschen, die Hilfe benötigen. „Es braucht gar nicht schlimmer zu werden, um schlimm zu sein“, sagt der Soziologe Schobin.

Gesellschaften, die sich dem Problem nicht stellen, müssen mit einer zunehmenden Belastung meist bereits überstrapazierter Gesundheitssysteme rechnen, mit verheerenden gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen. Um das zu vermeiden, sollten wir vorbeugen und nicht abwarten, bis sich Einsamkeit wirklich zu einer Epidemie auswächst. Denn Prävention ist immer einfacher als Behandlung, betonen Experten. Einfacher und billiger.

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