Schöne neue Arbeitswelt? Manche sagen nicht weniger als einen „epochalen Umbruch“ voraus.
+
Schöne neue Arbeitswelt? Manche sagen nicht weniger als einen „epochalen Umbruch“ voraus.

Arbeitswelt

So arbeiten wir in Zukunft: Flexibel, digital - und prekär?

  • Alicia Lindhoff
    vonAlicia Lindhoff
    schließen

Die Digitalisierung bietet Chancen für eine selbstbestimmte Arbeitswelt, in der wir viel Zeit für andere Dinge haben - zumindest theoretisch. Doch bei der Arbeit der Zukunft geht es nicht nur um Technik. Sondern vor allem darum, wer sie kontrolliert.

Im Kölner Firmensitz des Versicherungskonzerns AXA hat seit vergangenem Jahr niemand mehr einen eigenen Schreibtisch. Wer morgens die offenen, mit Waldtapeten und Basketballkörben ausgestatteten Büroräume betritt, muss sich einen Arbeitsplatz suchen, der noch nicht belegt ist. Das gilt für alle gleichermaßen, ob Deutschlandchef, Abteilungsleiterin oder studentische Hilfskraft.

In der Bielefelder Digitalagentur Rheingans arbeiten alle Angestellten schon seit 2017 statt acht nur noch fünf Stunden am Tag. In dieser Zeit müssen sie das gleiche Arbeitspensum schaffen, bekommen aber auch das gleiche Gehalt – und haben jeden Tag ab 13 Uhr Zeit für Hobbys, Freunde, Familie oder freiwilliges Engagement.

Und der Medizintechnik-Hersteller B. Braun mit Sitz in Melsungen testet derzeit ein Organisationsmodell, bei dem sich anstelle der klassischen Abteilungshierarchien alle Beschäftigten freiwillig für die Mitarbeit in sogenannten „Kreisen“ melden können, in denen größere neue Aufgaben und Projekte selbstorganisiert bearbeitet werden.

Drei Veränderungen, die eines verbindet: Sie durchbrechen tradierte Muster der Arbeitswelt. Seit einigen Jahren zirkuliert ein Begriff dafür wie ein Zauberwort in Vorstandsetagen, auf Konferenzen, in Fachpublikationen und Team-Coachings – ursprünglich vor allem im Silicon Valley, längst in Wirtschaftszentren weltweit: „New Work“. Dieser „New Work“-Ansatz gilt als Antwort auf die Frage, wie Arbeit in einer digitalisierten, zunehmend individualistischen Welt aussehen kann. Fans des Konzepts sind überzeugt: Die Ära der Manager, die sich im obersten Stockwerk von Firmengebäuden hinter schweren Türen und Vorzimmerdamen verschanzen, ist ebenso vorbei wie der klassische „Nine to five“-Arbeitstag oder eine Firmenstruktur, in der die eine Box im Organigramm nicht weiß, was eine Box weiter diskutiert und entschieden wird. Vorbei sein soll auch die Zeit, in der neue Ideen erst dann getestet werden, wenn sie bis ins letzte Detail geprüft worden sind: Trial-and-Error-Toleranz ist gefragt.

Laut einer Studie haben 74 Prozent aller deutschen Unternehmen das Thema auf ihrer Agenda. Das „Zukunftsinstitut“ des Trendforschers Matthias Horx spricht von einem „epochalen Umbruch […], der die Arbeitswelt von Grund auf umformt“. Auch Josephine Hofmann sagt: „New Work ist ein ernstzunehmender Trend.“ Hofmann leitet das Team Zusammenarbeit und Führung beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. 2019 hat sie mit ihrem Team eine Studie zur Umsetzung von New-Work-Modellen in deutschen Unternehmen durchgeführt.

Die Corona-Pandemie hat den Wandel in der Arbeitswelt vorangetrieben

Aus Hofmanns Sicht kommen viele Firmen kaum um Veränderungen herum: „Klassische Organisationsformen funktionieren heute oft einfach nicht mehr.“ Mitunter reagierten Firmen mit den Änderungen auch auf Forderungen ihrer Mitarbeiter:innen: Viele Menschen wollten heute ihre Ideen einbringen, wünschten sich flexiblere Arbeitszeiten und eine bessere „Work-Life-Balance“. In diese Richtung entwickelt sich der Arbeitsmarkt zumindest in Deutschland ohnehin seit Jahren.

Denn: Immer mehr Menschen arbeiten in Teilzeit. Betraf das 1990 nur gut 14 Prozent, gilt es heute für fast ein Drittel. Zwar treiben vor allem Frauen diesen Wandel voran – fast die Hälfte von ihnen arbeitet in Teilzeit –, aber die Männer, vor allem die jüngeren, holen langsam auf: Immerhin 11,5 Prozent waren 2019 in Teilzeit beschäftigt – gegenüber zwei Prozent Anfang der Neunzigerjahre. Die Abkehr von der 40-Stunden-Woche passt zu zwei weiteren Kennzahlen: Seit 1990 ist die Produktivität jeder Arbeitsstunde um fast die Hälfte gewachsen. Und wir arbeiten im Alter immer länger. Man könnte sagen: Menschen packen immer mehr Leistung in immer weniger Zeit – und sie verteilen ihre Lebensarbeitszeit so um, dass sie das auch jahrzehntelang durchhalten. Dazu gehört auch der Wunsch, weniger Lebenszeit auf Autobahnen und in Pendlerzügen zu verbringen.

Doch meist ist die Arbeit nach wie vor nicht nur an feste (Vollzeit-)Arbeitszeiten gebunden, sondern auch an einen bestimmten Ort. Mit den Möglichkeiten der digitalisierten Arbeitswelt wäre das in vielen Fällen nicht mehr nötig: Dass etwa wechselnde Menschen von ganz verschiedenen Orten aus in der Cloud an einem Projekt arbeiten, ist kein Problem mehr. Schon rufen manche das Ende des klassischen Büros aus.

Josephine Hofmann leitet das Team Zusammenarbeit und Führung beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart.

Die Corona-Zeit hat diesem Wandel einen deutlichen Schub verliehen. „Plötzlich sind notgedrungen auch Führungskräfte offen dafür, etwa Präsenzarbeitszeit und Dienstreisen infrage zu stellen, die früher Stein und Bein geschworen hätten: Das geht bei uns nicht“, sagt Josephine Hofmann. Anders als sie und ihr Team anfangs gedacht hätten, betrifft das Thema New Work keineswegs nur Berliner Start-ups oder Digitalagenturen: Es gilt auch für Unternehmen wie einen badischen Mittelständler mit 500 Angestellten, der Fenster- und Türbeschlagsysteme produziert sowie eine Traditionsbäckerei.

Deindustrialisierung in den USA: Das Ende der klassischen Lohnarbeit?

Als Begründer von „New Work“ gilt der österreichisch-US-amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann. Vor rund 40 Jahren entwickelte er seine Theorie zur Zukunft der Arbeit, so „new“ ist sie also gar nicht. Damals begann das fordistische Wirtschaftsmodell in den USA mit seiner Verschränkung von industrieller Produktion, guten Löhnen und Massenkonsum an seine Grenzen zu stoßen. Bergmann sah nicht weniger als das Ende der klassischen Lohnarbeit gekommen. Doch statt als Bedrohung sah er die Umwälzungen als Chance – zu einem Umbau der Arbeitswelt, in der Arbeit nichts Erzwungenes mehr sei, sondern die Menschen Dinge täten, die sie „wirklich, wirklich wollen“. Das ist bis heute die meistzitierte Formulierung aus Bergmanns umfangreichem Ideengebäude – und vermutlich der Hauptgrund, warum es heute so gut bei Gründerinnen und Personalern ankommt: Weil es perfekt zum Wunsch nach Selbstbestimmung und sinnstiftender Arbeit passt, mit dem gerade junge, hoch qualifizierte Menschen heute in die Arbeitswelt eintreten.

Der Ort, an dem Bergmann seine Theorien in den frühen 80er-Jahren in der Praxis testen konnte, war die Stadt Flint in Michigan. Einst hatte die Aussicht auf gute Jobs in der Autoindustrie Hunderttausende in die „Vehicle City“ gezogen. Doch in den Siebzigerjahren stagnierten die Verkäufe, internationale Konkurrenz setzte die Industrie unter Druck und die Entwicklung neuer, besserer Maschinen drohte zahllose Jobs überflüssig zu machen. Zur Gestaltung des Übergangs für die Arbeiter engagierte General Motors den Philosophen Bergmann – und der hatte gleich einen Vorschlag parat: Statt die Hälfte der Arbeiter zu entlassen und damit „die halbe Stadt arbeitslos und die halbe Stadt überarbeitet“ zu hinterlassen, solle General Motors alle Stellen behalten, aber die Arbeitszeit um die Hälfte reduzieren.

So alt wie die Automatisierung selbst: Die Utopie vom freien Leben ohne Existenzsorgen

Eine Welt, in der Maschinen den Menschen die anstrengenden, gefährlichen oder auch monotonen Arbeiten abnehmen und ihnen so die Möglichkeit zur freien Entfaltung schenken: Diese Utopie ist so alt wie die Automatisierung selbst. Einer ihrer prominentesten Vertreter war der Ökonom John Maynard Keynes. Schon 1930 sagte er voraus, hundert Jahre später würden die Menschen nur noch drei Stunden am Tag arbeiten müssen. Von den „drückenden wirtschaftlichen Sorgen“ sei die Menschheit bis dahin erlöst und ihr größtes Problem werde dann die Frage sein, wie all die freie Zeit gefüllt werden könnte.

Später findet sich dieser Optimismus in den Arbeiten des Philosophen Jeremy Rifkin, der davon ausgeht, dass die Produktionszuwächse durch die Digitalisierung große Teile der herkömmlichen Arbeit überflüssig machen würden – und dass sich die Menschen vermehrt dem Gemeinwohl und sozialen Tätigkeiten wie der Pflege widmen würden. Auch die weltweit entstandenen Initiativen zur Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens basieren auf solchen Annahmen,

Doch die Realität im Jahr 2020 ist eine deutlich angespanntere als die von Keynes gezeichnete: Überall auf der Welt stehen derzeit Millionen von Menschen vor dem Nichts, weil sie infolge der Corona-Pandemie ihre Jobs verloren haben. Was sich in der Krise einmal mehr gezeigt hat: Gerade jene Berufe, die sinnstiftend sein könnten, weil sie einen unverzichtbaren Beitrag zum gesellschaftlichen Leben leisten, sind oft diejenigen, die in der Realität am Weitesten vom „New Work“-Ideal entfernt sind: Pflege, Lebensmittelproduktion, Sozialsektor. In vielen dieser Berufsfelder wären die Beschäftigten froh, wenn ebenjene Standards, von denen sich „New Work“ lösen will, für sie gelten würden, sei es die 40-Stunden-Woche oder eine Festanstellung.

Die Realität: Millionen Arbeitslose in den USA, riesiger Niedriglohnsektor in Deutschland

Und schon lange vor der Krise war klar, dass selbst ein Land mit der Wirtschaftskraft und Produktivität Deutschlands weit entfernt davon ist, seinen Bewohner:innen ein Leben ohne Existenzsorgen oder auszehrende Arbeit zu ermöglichen: Die Bundesrepublik hat den größten Niedriglohnsektor in ganz Europa. Fast acht Millionen Menschen im Land – und damit mehr als jede fünfte arbeitende Person – verdienten im Jahr 2018 weniger als 11,40 Euro brutto pro Stunde, die meisten von ihnen Frauen. Viele nehmen mehrere Jobs an oder werden zu „Aufstockern“, um von ihrem Gehalt leben zu können.

Auch in Flint war das Ende der Industrie-Ära alles andere als der Anfang einer schönen neuen Arbeitswelt. Statt Frithjof Bergmanns „New-Work“-Ansatz zu verfolgen, tat General Motors genau das, was der Professor hatte verhindern wollen: Von 80 000 Arbeitsplätzen, die der Konzern noch 1978 in der Stadt stellte, ist heute weniger als ein Zehntel übrig. Einen Teil hat der Konzern ganz gestrichen, andere in Billiglohnländer oder Standorte mit schwacher Gewerkschaftsorganisation verlagert. Heute ist Flint eine der ärmsten Städte der USA. Seit 1980 haben mehr als 60 000 Einwohner die Stadt verlassen.

Arbeit heißt auch in Zukunft: Es gibt bestimmte Abläufe und einen Ort, an dem man sich trifft. Auch wenn dieser wohl nicht immer so schick ist wie die Apple-Zentrale. afp

Spätestens die aktuellen Entwicklungen werfen die Frage auf, ob die Hoffnung auf freundliche Arbeitsinseln und Freiräume zur Selbstentfaltung inmitten eines härter werdenden globalen Wettbewerbs nicht doch eine Illusion ist. Josephine Hofmann vom Fraunhofer-Institut stellt jedenfalls klar, dass auch in Unternehmen, die auf „New Work“-Prinzipien umstellen, am Ende die Firmenleitung am längeren Hebel sitze: ��Es gibt ein festes Machtgefüge, und das lässt sich auch nicht wegdiskutieren.“ Darüber dürften neue Organisationsmodelle, flachere Hierarchien und Vertrauensarbeitszeit nicht hinwegtäuschen.

Noch weiter geht einer, der in Deutschland lange zu den größten Verfechtern der „New Work“-Bewegung gehörte: In einem Gastbeitrag für das Magazin „Capital“ schreibt Lars Vollmer über das, was er für ihren zentralen „Denkfehler“ hält. Er selbst habe lange nicht verstanden, warum die Revolution der neuen Arbeit in Deutschland so langsam voranging, warum so viele Manager skeptisch blieben. Mittlerweile sei ihm klar: „Schauen wir ganz nüchtern drauf: Die Hauptaufgabe von Unternehmen ist es nicht, Arbeit zu schaffen, Arbeit zu gestalten, Arbeit menschenwürdig zu machen. Auch wenn das manche nicht gerne hören.“ Der zentrale Zweck eines Unternehmens sei eben doch, die Bedürfnisse seiner Kunden zu befriedigen. Und die hätten kein Interesse an Sinnstiftung oder Mitbestimmung, sondern lediglich daran, dass ihr Auftrag so schnell, gut und günstig wie möglich ausgeführt werde. „Arbeit folgt dem Markt, den Forderungen im Wettbewerb.“

Lesen Sie weiter: Die Neuvermessung der Welt - Wie Daten unser Leben bestimmen werden

Damit beschreibt Vollmer letztlich eine Erkenntnis, zu der die Arbeiterbewegung schon im 19. Jahrhundert gelangt war. Doch anders als Vollmer, der aus ihr folgert, dass Unternehmen die interne Zusammenarbeit gedanklich von der Arbeit am Kunden trennen sollten, war die Antwort der Industriearbeiter:innen deutlich radikaler: Wenn die Fabrikbesitzer nicht von sich aus gute Arbeitsbedingungen schaffen wollten, musste man ihrer Übermacht und ihren finanziellen Interessen etwas entgegensetzen. Die Arbeiter gründeten Gewerkschaften, ihr mächtigstes Druckmittel war der Streik. Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die großen Gewerkschaften in Deutschland eine starke Stellung. Für einige Jahrzehnte schien es, als habe sich ein ökonomisches Gleichgewicht eingependelt zwischen jenen, die „Arbeitnehmer“ und jenen, die „Arbeitgeber“ genannt werden.

Arbeit und Machtverhältnisse: Zahl der Jobs ohne Tarifbindung steigt

Doch waren in den Achtzigerjahren noch mehr als ein Drittel aller deutschen Arbeitnehmer:innen in einer Gewerkschaft organisiert, sind es heute deutlich weniger als 20 Prozent. Die Zahl der Jobs ohne Tarifbindung ist laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zwischen 1998 und 2018 von 24 auf 43 Prozent gestiegen. Am schwächsten vertreten sind gewerkschaftlich Organisierte gerade dort, wo die schlechtesten Löhne gezahlt werden. Aber auch bei den jungen, gut ausgebildeten Wissensarbeitern und Kreativen der Digitalökonomie haben Arbeitnehmervertretungen keinen guten Stand. Der „New Work“-Trend könne diese Entwicklung sogar noch verstärken, glaubt Josephine Hofmann, weil er es den Beschäftigten unnötig und altmodisch erscheinen lasse, auf die kollektive Aushandlung durch Gewerkschaften zu setzen.

Dabei tun sich selbst für diese Berufsgruppen derzeit neue Risiken auf. „Aus dem Homeoffice kann durchaus auch ein Homesourcing werden“, sagt die Fraunhofer-Forscherin. Wenn Konzernleitungen die Erfahrung machen, dass es im Grunde egal ist, wo ihre Angestellten sitzen, liegt der Gedanke nahe, sie durch Freelancer oder junge, gut ausgebildete Menschen in Ländern wie Rumänien zu ersetzen, wo das Lohnniveau viel niedriger ist. „In schwieriger werdenden Märkten ist das durchaus eine reale Gefahr“, ist Hofmann überzeugt.

Thomas Piketty, Nancy Fraser und 3000 andere veröffentlichen „Manifest zur Zukunft der Arbeit nach Corona“

Der alte Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit steht auch im Zentrum eines Manifests zur „Zukunft der Arbeit nach Corona“, das weltweit mehr als 3000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterzeichnet haben – darunter Thomas Piketty, Rahel Jaeggi und Nancy Fraser. Mitte Mai dieses Jahres ist es zeitgleich in Dutzenden Medien weltweit veröffentlicht worden – mitten hinein in die Krise. Denn die habe einmal mehr gezeigt, dass Mitarbeiter:innen oft als austauschbare Ressource gesehen würden, heißt es in dem Text. In Wahrheit seien sie „der Schlüssel zum Erfolg ihrer Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, […] diejenigen, die ihre Arbeit, ihre Gesundheit, ja, ihr Leben in eine Firma investieren“.

aktiv werden

BÜRGER:INNEN Aufmerksam bleiben und Reformen unterstützen, wo sie allen nutzen – und Widerstand leisten, wo nur Arbeitgeber profitieren. Immer eine gute Idee: Betriebsrat gründen.

POLITIKER:INNEN Alle Parteien müssen klare, verständliche Visionen formulieren, wie für sie eine Arbeitswelt der Zukunft aussehen soll. Flexibilität ermöglichen, aber nicht hinter Errungenschaften des Arbeitsrechts zurückgehen.

UNTERNEHMER:INNEN Am Wichtigsten bei jedem Transformationsprozess: Ehrlichkeit: Wenn Sie mehr Mitbestimmung versprechen, geben Sie auch wirklich Entscheidungskompetenz ab. Wenn Sie Einschnitte planen: Verstecken Sie das nicht hinter smarter Rethorik.

WEITERLESEN: Das Team um Josephine Hofmann hat 2019 den Bericht „New Work. Best Practices und Zukunftsmodelle“ veröffentlicht. Das Manifest „Die Zukunft der Arbeit nach Corona“ finden Sie online, wenn Sie den Titel in die Suchmaschine eingeben.

Dass sie trotzdem meist von der Führung der Unternehmen ausgeschlossen seien – weil die Kapitalseite dieses Recht allein für sich beanspruche –, sei einer der wichtigsten Gründe für Ungleichgewichte und Widersprüche des aktuellen Wirtschaftssystems, sagt die Wirtschaftsphilosophin Lisa Herzog. Sie gehört zu den ersten Unterzeichnerinnen des Manifests und hat sich um dessen Verbreitung in Deutschland gekümmert. Herzog, seit Kurzem Professorin im niederländischen Groningen, forscht schon länger zu der Frage, warum die meisten Menschen Hierarchien in der Wirtschaftswelt so bereitwillig akzeptieren, während sie in der Politik Wert auf demokratische Prinzipien legen und Rechenschaft fordern.

Zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen fordert sie, diejenigen, die ihre Arbeitskraft investieren, bei wichtigen Entscheidungen im Unternehmen mit gleicher Stimme zu beteiligen wie jene, die ihr Kapital investieren. Wie das in der Praxis aussehen könnte? „Ein Modell, das insbesondere für große börsennotierte Unternehmen funktioniert, ist das bikamerale System“, erklärt Lisa Herzog. Dabei gebe es parallel zur Vollversammlung zwei Kammern, in einer säßen die Aktionärsvertreter, in der anderen die Vertreter der Angestellten: Beide zusammen entscheiden.

In den USA gründen sich genossenschaftliche Online-Plattformen als Gegenmodell zu Uber, Taskrabbit und Co.

Doch es geht auch eine Nummer kleiner. Lisa Herzog berichtet begeistert von einer ganzen Bewegung in den USA, die mit ähnlichen Beteiligungsmodellen für Online-Plattformen experimentiere – sogenannten „Platform Cooperatives“. Ein Beispiel ist das New Yorker Start-up „Up & Go“. Auf den ersten Blick eine „normale“ App, über die Reinigungskräfte ihre Dienste anbieten – nach demselben Prinzip, wie es auf Plattformen wie „Handy“ und „Taskrabbit“ in den USA oder „helpling.de“ in Deutschland geschieht. Doch während die Dienstleistenden dort – wie in der Plattformwirtschaft üblich – keine Sicherheiten haben und oft kaum den Mindestlohn verdienen, können sie bei „Up & Go“ über all das mitentscheiden.

Die 51 Reinigungskräfte – allesamt Immigrantinnen aus südamerikanischen Staaten –, die für „Up & Go“ im Einsatz sind, sind zugleich Eigentümerinnen des Unternehmens. 95 Prozent der Einnahmen zahlen sie sich selbst aus, der Rest fließt in die digitale Infrastruktur. „Wenn Kunden mich buchen, dann kommt die Chefin selbst zu ihnen“, zitiert die „New York Times“ eine der Frauen, Maria Carmen Tapia. „Up & Go“ sei der Versuch, das Beste aus zwei Welten zu vereinen, schreibt die Zeitung über die Kooperative: „Für Kunden die einfache Möglichkeit, mit einer App schnell Hilfe zu buchen. Für Arbeitnehmerinnen die Sicherheit eines regulären Arbeitsplatzes und den Stolz, Unternehmerin zu sein.“

Wirtschaftsphilosophin Lisa Herzog hat das „Manifest zur Zukunft de Arbeit nach Corona“ unterzeichnet.

Noch machen solche Modelle nur einen winzigen Marktanteil aus – und nicht alle überleben im Konkurrenzkampf mit Uber, Lieferando und Co., die von Mitbestimmung wenig halten und ihre Dienstleistungen auch dadurch viel billiger anbieten können. Wer dort anfängt, hat kaum eine andere Wahl, als sich auf die prekären Bedingungen der Branche einzulassen.

Doch genau an dem Punkt setzt der zweite Vorschlag im Manifest „Die Zukunft der Arbeit nach Corona“ an. Damit niemand mehr gezwungen wäre, schlechte Arbeitsbedingungen zu akzeptieren, schlagen Lisa Herzog und ihre 3000 Kolleginnen und Kollegen eine staatliche Arbeitsplatzgarantie vor. Eine was? Herzog lacht: „Kein anderer Vorschlag im Manifest ist hier in Deutschland auf so viel Skepsis gestoßen wie dieser.“ Die Idee: Wer auf dem klassischen Arbeitsmarkt keinen Job findet – oder eben keinen, der mit dem eigenen Anspruch an Existenzsicherung und Würde vereinbar ist –, kann freiwillig einen Job annehmen, den die jeweilige Kommune ihm oder ihr anbietet, zum Beispiel in der Pflegearbeit oder bei der Beseitigung von Umweltschäden – und das zum Mindestlohn, also einem höheren Einkommen als die Grundsicherung. „Es gibt ganz viele Bereiche, in denen immer Leute gebraucht werden“, sagt Lisa Herzog. „Wir wissen aus der Soziologie und Psychologie, dass Arbeitslosigkeit sich extrem schädlich auf Familien und Individuen auswirkt.“

Manifest fordert mehr Mitbestimmung und eine Arbeitsplatzgarantie

Doch auch aus makroökonomischer Perspektive spricht vieles für eine Arbeitsplatzgarantie. So geht die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Pavlina Tcherneva, die das Manifest mitinitiiert hat, davon aus, dass sich Volkswirtschaften durch eine Arbeitsplatzgarantie stabilisieren ließen – weil man nach einem Konjunktureinbruch wie etwa jetzt in der Corona-Krise nicht auch noch mit den Folgen von Jobverlusten und verminderter Nachfrage kämpfen müsse. Diese Vorteile wögen die öffentlichen Investitionen auf.

Das glauben auch viele, die ein bedingungsloses Grundeinkommen fordern. Sie wollen Arbeit und ein gesichertes Einkommen entkoppeln, sind aber davon überzeugt, dass die große Mehrheit der Menschen diese neu gewonnene Freiheit für sinnvolle selbstbestimmte Tätigkeiten nutzen würden. Lisa Herzog ist jedoch überzeugt, dass formale Arbeitsmärkte auch in Zukunft eine zentrale Rolle in unseren Gesellschaften spielen sollten. Es brauche „normale Arbeitsprozesse“ und feste Orte, an denen Menschen regelmäßig mit anderen zusammenkämen – auch mit solchen, die sie sonst nie kennengelernt hätten. „Arbeit hält Gesellschaften zusammen.“ Jedoch führe kein Weg daran vorbei, sie in Zukunft sozialer und demokratischer zu gestalten.

Auf dem Weg dorthin sieht auch sie im „New Work“-Ansatz Chancen. Zwar dienen viele der existierenden Modelle aus ihrer Sicht vor allem dazu, Arbeit effizienter zu machen, ohne bestehende Machtverhältnisse anzutasten. Aber „die Leute werden sich irgendwann fragen: Warum haben wir eigentlich noch die alten, undemokratischen Strukturen, wenn wir Mitarbeiter es doch auch können?“ Und dann fügt sie lachend hinzu: „Das wäre eine echte List der Geschichte.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare