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Wahre Geschichten

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Von: Kathrin Passig

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Das Internet erzählt viel, und viel davon ist ausgedacht. Oder nicht?
Das Internet erzählt viel, und viel davon ist ausgedacht. Oder nicht? © Getty Images/iStockphoto

Das Interesse an einer guten Geschichte ist oft stärker als der Verdacht, sie könnte ausgedacht sein. Zu blöd ...

Vergangene Woche erschien im Wochenendmagazin einer Zeitung eine lange Reportage unter dem Titel „Das stumme Mädchen“. Ich nenne weder die Zeitung noch die Autorin beim Namen, weil sich die Geschichte genauso in anderen Redaktionen zugetragen haben könnte. „Eine Zwölfjährige schreibt einer Redakteurin, sie sei in großer Not“, wurde die Reportage auf der Titelseite der Zeitung angekündigt.

„Die Journalistin reagiert – und wird Teil einer sehr unheimlichen Geschichte.“

An dieser Stelle teilen sich die Menschen, die die Ankündigung lesen, in zwei Gruppen. Die einen denken: „Interessant, was steckt wohl dahinter?“ Die anderen: „Nicht das schon wieder.“ Sie kennen die Geschichte, weil sie sie schon viele Male gesehen haben. Irgendwo gibt es immer eine geheimnisvolle Person, charismatisch, begabt, interessant und leidend – Traumata, Misshandlungen, schwere Krankheiten, oft alles auf einmal. Aus irgendwelchen Gründen ist der direkte Kontakt unmöglich. Die Geschichte löst Mitleid und Zuwendung aus. Sie kann sich über Jahre hinziehen und endet oft mit dem angeblichen Tod der erfundenen Person. Das alles ist so alt wie das Internet, und nichts davon stimmt.

Natürlich gibt es Menschen, die wirklich leiden und im Internet Hilfe und Zuspruch bekommen. Sie sind nur nicht uneingeschränkt sympathisch und auch nicht so geheimnisvoll, ihre Geschichten weniger wie eine TV-Serie voller Ereignisse und Cliffhanger. Wenn man von ihrem Kummer liest, kann man einfach denken: „Tja, hättest du dich halt besser versichert oder besser aufgepasst, so wie ich.“ Ihre Geschichten handeln nicht von märchenhaft unverschuldeter Not, sondern von ganz normalen, unromantischen Problemen.

Wer ein bisschen Sozialleben im Internet hinter sich hat – und dafür kann schon eine größere Whatsapp-Gruppe genügen – wird große Teile der Geschichte vom stummen Mädchen erraten. Vor allem den wesentlichen Aspekt, dass nichts daran stimmt. Das ist kein Zynismus oder jedenfalls nicht zynischer als der Glaube, dass Mails von den Witwen nigerianischer Prinzen noch nie zur Auszahlung eines realen Millionenerbes geführt haben.

Im Prinzip funktioniert das alles auch ohne Internet. Vielleicht erinnert sich noch jemand an „Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna“, den Bestseller aus den 1970er Jahren. Der Erzähler namens Fynn begegnet darin einem vierjährigen Mädchen, schmutzig, ungeliebt und offenbar an Schläge gewöhnt. Er schenkt Anna Zuneigung und wird damit belohnt, dass sie in den nächsten Jahren ein ganzes Buch mit ihren klugen, originellen und herzensguten Taten füllt. „Drei Jahre lang hängen die beiden aneinander wie die Kletten, und Anna erklärt Fynn, was das wirklich ist: Gott und die Welt, Menschen und Liebe, Lachen, Angst, Freude und Trauer. In diesen drei Jahren ‚erforschen‘ und erfahren die beiden mehr als viele Menschen im ganzen Leben“, schreibt der S. Fischer Verlag.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © Norman Posselt

Kurz vor ihrem achten Geburtstag stirbt Anna bei einem Unfall. Weder über sie noch über „Fynn“ ist mehr bekannt, aber die Geschichte muss natürlich wahr sein: „Anna hat wirklich gelebt, und Fynn (unter anderem Namen ein irischer Mathematiker) hat Annas Geschichte so wirklich erzählt, wie Anna wusste, was Wirklichkeit ist.“ So steht es in der Vorbemerkung des Verlags zum bis heute aufgelegten Buch. Die Geschichte von Anna spielt in den 1930er Jahren und hat bereits die gleiche Form wie das Ausdenk-Internet der Gegenwart: Begabtes, notleidendes Kind braucht nur etwas Zuwendung, um aufzublühen und dann am laufenden Band zitierfähige Sätze, geniale Gedanken und allerlei Wundersames zu produzieren, viel mehr als die normalbegabten und oft nervenden realen Kinder, die man so kennt. Der familiäre Hintergrund bleibt mysteriös, und am Ende stirbt das kleine Engelchen bei einem tragischen Unfall.

Die Geschichte würde heute genau so verlaufen, nur eben irgendwo im Internet, vielleicht ergänzt um eine Spendenaktion für Annas Schulsachen oder ihre Beerdigung.

Theoretisch könnte man Bescheid wissen, es gibt Bücher über das Phänomen, Dokumentarfilme und Selbsthilfegruppen im Internet. Aber ach, theoretisch. Das Interesse an einer guten Geschichte ist oft stärker als die Vernunft, manchmal sogar im Journalismus, wie in der „Spiegel“-Affäre um die erfundenen Reportagen von Claas Relotius. Beide Seiten profitieren von der Unwahrheit, weil die ausgedachten Geschichten so viel besser sind als die echten. Falls Sie selbst im Internet eine intensive Beziehung zu einer Person pflegen, die Sie noch nie getroffen haben und die von mehr Schicksalsschlägen heimgesucht wird als Ihr ganzer übriger Bekanntenkreis zusammengenommen: Bitte denken Sie noch mal nach, ob Sie Ihre Bereitschaft zum Mitfühlen nicht anderswo sinnvoller einsetzen können. Schicken Sie kein Geld. Und falls Sie im Journalismus arbeiten: Machen Sie keine Reportage daraus. Es sei denn, Sie würden auch darüber berichten, dass Ihr versprochenes Millionenerbe aus Nigeria überraschenderweise doch nicht eingetroffen ist.

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