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Update: Unscharfes Lesen

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Von: Kathrin Passig

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Viele Sprachen, ja, aber was ist mit der Qualität?
Viele Sprachen, ja, aber was ist mit der Qualität? © Panthermedia

Übersetzungssoftware produziert Texte, die von manchen wie eine eigene Sprache gelesen werden. Was ist daran reizvoll?

Die Kolumne begann in einem seltsamen Stil. Dies ist der Stil, Bücher im Übersetzerstil zu lesen. Seelen sind verwirrt, aber Füllungen sind oft offensichtlich. Zu diesem Zweck lesen viele Menschen maschinelle Übersetzungsbücher.

Ok, ich fange noch mal an. Es gibt Menschen, die schon seit zehn Jahren ganze Romane in ihrer automatischen Übersetzung lesen. Das setzt Hingabe voraus, denn vor 2017 war automatische Übersetzung sehr, sehr schlecht. Erst seit fünf Jahren funktioniert sie so gut, dass man Sachtexte problemlos versteht. Mein Techniktagebuch-Kollege Felix Neumann hat 2020 ein polnisches Buch über kirchliches Datenschutzrecht auf diese Weise gelesen und danach rezensiert, ohne Polnisch zu können.

Das funktioniert nicht aus allen Sprachen in alle Sprachen gleich gut. Je ähnlicher die Sprachen sind und je mehr Trainingsmaterial es für die Übersetzungssoftware gibt, desto besser ist das Ergebnis. Aus der Sicht von Übersetzungssoftware sind Deutsch und Polnisch ziemlich ähnliche Sprachen. Theoretisch könnte es also ein verbreitetes Hobby sein, unübersetzte polnische Romane in der automatischen deutschen Übersetzung zu lesen. Praktisch ist es für dieses Sprachpaar aus verschiedenen Gründen keines. Das Extrahieren einer weiterverwendbaren digitalen Version aus dem offiziell erhältlichen E-Book erfordert Spezialfähigkeiten, der Ausgangsmarkt ist klein, der Zielmarkt ebenfalls, und vielleicht hat es auch etwas mit einem Mangel an Drachen, Kampfkunst und Dämonen in der polnischen Literatur zu tun.

Denn anderswo gibt es eigene Subkulturen für das Herstellen und Lesen von automatischen englischen Übersetzungen: bei chinesischen, japanischen und koreanischen Romanen. Die Ausgangstexte erscheinen schon im Original nicht (oder nur in Ausnahmefällen) auf Papier, es sind Online-Fortsetzungsromane. Gerade in diesen Sprachen funktioniert die automatische Übersetzung nicht unauffällig, sondern liefert Ergebnisse wie im ersten Absatz dieser Kolumne. Deshalb tragen die übersetzten Romane skurrile Titel wie „Transmigrated Canon Fodder, Please Calm Down!“ oder „The Military Female Soldier With Unwavering Stubbornness“.

So weit nichts Besonderes, das Internet ist voll mit seltsamen Hobbys. Interessant sind die Auskünfte der Fans, die diese automatischen Übersetzungen produzieren oder konsumieren. Denn das Lesen von „MTL“, machine translation, muss man erst lernen. Ob die Pronomen zu den Personen passen, ist Glückssache, man weiß also oft nicht, von wem eigentlich gerade die Rede ist. Fälle, Zeiten und Bezüge sind durcheinander. Redewendungen und Metaphern werden wörtlich übersetzt und sind dann so unverständlich wie „Denken Sie an Wein“ als Übersetzung für „Schnapsidee“. Aber die Fehler der Übersetzungssoftware sind nicht zufällig. Man kann das Prinzip dahinter erkennen und die mentale Übersetzung in verständliches Englisch üben: „MTL ist wie ein Magic-Eye-3D-Poster.“, schreibt jemand namens Bugawd_McGrubber in einer Reddit-Diskussion. „Man muss das Denken auf eine bestimmte Art unscharf stellen, dann merkt man gar nichts mehr von der miesen Übersetzung.“ Jemand anders, ebenfalls bei Reddit: „Ich hab mich durchgebissen und 800+ Kapitel raw gelesen.“ („raw“ heißt: in nicht von Menschen überarbeiteter Maschinenübersetzung) „Jetzt kann ich auch unterirdischste MTL-Texte lesen. Bin ziemlich stolz.“ MTL ist eine eigene Sprache.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de © Norman Posselt

Das Lesen dieser Sprache ist sogar etwas leichter, wenn man Englisch als Fremdsprache gelernt hat, weil man dann schon daran gewöhnt ist, Verständnislücken mit eigenen Interpretationen aufzufüllen. Schwierig wird es dann, wenn man vom MTL-Roman wieder zurück zu normalen englischen Texten wechselt. „Das Hirn braucht dann ein bisschen Zeit für die Umstellung, und alles fühlt sich komisch an, weil der Kopf immer noch die Extraarbeit macht, die für das Verstehen von MTL nötig war. Es kann eine Stunde oder länger dauern, bis alles wieder normal ist.“ „Ich lese jetzt viel leichter über Fehler in meinen eigenen Texten weg, weil mein Gehirn die Sätze automatisch beim Lesen repariert.“

MTL-Sprache ist ein Übergangsphänomen. Die Fortsetzungsromane selbst scheinen eine große Zukunft zu haben, und die automatische Übersetzung sowieso. Aber MTL wird in ein paar Jahren nicht mehr erkennbar sein, und man wird nicht mehr lernen müssen, es zu lesen, auch nicht bei Übersetzungen aus dem Chinesischen, Koreanischen oder Japanischen. Es verschwindet wieder, unbeweint von den Organisationen, die aussterbende Sprachen betreuen. Alles hat ein Ende außer zwei Würstchen.

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