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Messer im Schaum

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Von: Kathrin Passig

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Was vor einem Jahr passiert ist? Auch nachzulesen im Archiv (nur begrenzt auf Papier) der FR.
Was vor einem Jahr passiert ist? Auch nachzulesen im Archiv (nur begrenzt auf Papier) der FR. © Judith Kohl

„Schau dir an, was du vor einem Jahr getan hast!“ Die Bilder solcher Zeitreise-Apps sind mit Vorsicht zu genießen.

Seit 2015 gibt es bei Facebook die Funktion, die damals „On this day“ hieß, eine Art Erinnerungsdienst: Heute vor einem Jahr warst du mit Otto und seinem Mops in Bonn. Oder vor drei Jahren, oder fünf, oder zehn. Ein Jahr später kam das iPhone mit „Memories“, automatisch erstellten kleinen Erinnerungsfilmen, woraufhin auch der Facebook-Service in „Memories“ umbenannt wurde.

Google Photos führte 2019 ebenfalls so eine Foto-Zeitmaschine ein.

Der gemeinsame Vorfahr dieser Gedächtniswerkzeuge ist eine weitgehend vergessene App namens Timehop aus dem Jahr 2011. Sie zeigte ursprünglich nur an, an welchen Orten man sich in der Vergangenheit bei Foursquare eingecheckt hatte. Falls Ihre Erinnerung an Foursquare ein bisschen verblasst ist: In einer Zeit, als mobiles Internet noch rar und teuer war und wir nicht live aus der Warteschlange an der Supermarktkasse streamen konnten, trug man den aktuellen Aufenthaltsort stattdessen bei Foursquare ein. Dieser Aufenthaltsort war dann sichtbar für befreundete Foursquare-Nutzerinnen und, naja, Unternehmen halt.

Klingt jetzt ein bisschen seltsam, ist aber eigentlich nicht seltsamer als die Gegenwart, in der es nur noch die Unternehmen sind, die unseren Aufenthaltsort erfahren. Dafür aber ganz von allein und ohne manuelles Eintragen, weil die Handys jetzt GPS haben und ihren eigenen Standort kennen. Ende der Foursquare-Abschweifung, zurück zu Timehop: Später erweiterte die App ihre Quellen für Erinnerungen auf Bilder und Beiträge aus verschiedenen sozialen Netzwerken und Fotoplattformen.

Heute scrolle ich über alle Versuche von Plattformen oder Apps, mich ungefragt an Vergangenes zu erinnern, schnell weg. Entweder war die Vergangenheit schön, dann ist es traurig, dass sie vorbei ist. Oder sie war schlimm, dann möchte ich auch nicht gern dran erinnert werden. Irgendwie war Vergangenheit früher besser. Etwas hat sich geändert, und ich kann nicht genau sagen, was es ist. Zum Teil sicher einfach mein Lebensalter: Zur Entstehungszeit von Timehop war ich abgesehen von meinen Großeltern mit sehr wenigen Toten befreundet. Das hat sich geändert. Es ist immer riskant, auf der Basis der eigenen Gefühle etwas über die ganze Welt zu behaupten, aber ich glaube, es gibt noch zwei Gründe für allgemein größere Skepsis gegenüber „Schau mal, so war das vor x Jahren!“-Bildersammlungen.

Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de
Hier schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de. Lesen Sie ihre Kolumnen auch online unter www.fr.de/update. © Norman Posselt

Das ist zum einen die Pandemie, die viele Erinnerungen infiziert hat. Bilder aus den Jahren vor Corona sehe ich mit Wehmut wegen der Sorglosigkeit, mit der ich mich in Räumen voller Menschen und Aerosole aufhielt. Und an die Jahre währenddessen möchte ich auch nicht so dringend erinnert werden, obwohl ich noch nicht mal Schulkinder zu betreuen hatte, sehr gern zu Hause arbeite und nicht im Gesundheitssystem tätig bin.

Zum anderen ist, glaube ich, nicht nur mir seit der Entwicklung von Timehop klarer geworden, dass die Erinnerung ein Spülbecken voller Schaum ist, in das man nicht unvorsichtig hineingreifen sollte. Es sind scharfe Messer drin. In den Pressemitteilungen zur Einführung der jeweiligen „Memories“-Funktionen ist viel von Nostalgie die Rede und von den schönsten Erinnerungen, an die wir alle gemeinsam gern zurückdenken.

Mittlerweile haben alle Anbieter Einstellungsmöglichkeiten eingeführt, mit denen man genauer regeln kann, welche Erinnerungen nicht einfach so serviert werden sollen. Wahrscheinlich sind diese Funktionen ursprünglich von Leuten wie mir eingebaut worden, die jung und ein bisschen ahnungslos waren und sich nicht vorstellen konnten, dass so eine Zeitmaschine irgendwem keine Freude bereiten könnte.

Aber wenn die sozialen Netzwerke zu etwas gut waren, dann zur Aufklärung darüber, dass andere Menschen ein anderes Leben führen. Manche sind trans und sehen gar nicht so gern Bilder von der fremden Person, die sie einmal waren. Manche verlieren nicht erst Freunde und Angehörige, wenn sie über vierzig sind, sondern schon viel früher. Die Idee „Hey! Sicher siehst du alle Bilder aus deiner Vergangenheit jederzeit gerne wieder!“ ist nur eine andere Formulierung für „Hey! Sicher ist dein Leben eine einzige Party“ (und nicht von der Sorte, bei der man verlegen rumsteht und mit niemandem redet).

Das alles wäre sofort und nicht erst nach zehn Jahren Nachdenken klar gewesen, wenn Timehop und seine Nachfolger ihren Zeitmaschinenblick statt in die Vergangenheit in die Zukunft gerichtet hätten. Wir hätten 2011 unsere Fotos und Social-Media-Beiträge aus den 2020er Jahren angezeigt bekommen und wären direkt etwas klüger geworden (also diejenigen unter uns, die es nicht sowieso schon waren). Plus keine Toten auf den Fotos! Aber hinterher weiß man es ja immer besser.

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